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Während sie durch das Feldlager raste, konnte Nicci ringsumher Soldaten ihre Pferde satteln und aufsitzen sehen. Speere und Lanzen wurden von den überall im Feldlager errichteten Stapeln gerissen. Nicci wünschte sich, diese Waffen zerstören zu können, stattdessen musste sie ihre ganze Konzentration aufbieten, um sich auf Sa’dins Rücken zu halten, während er über jedes Hindernis in seinem Weg hinwegsprang, mitunter sogar über einen Wagen. Das Tier schien geradezu besessen von dem Gedanken, sie so schnell wie möglich außer Gefahr zu bringen, trotzdem war eine wachsende Zahl von Soldaten, zu Fuß oder zu Pferd, im Begriff, ihre Verfolgung aufzunehmen.

Kaum hatte sie die letzten Zelte hinter sich gelassen, riskierte Nicci einen Blick über die Schulter. Das gesamte Lager war in heillosem Aufruhr, noch immer züngelten Flammen in den Himmel, und an mehreren Stellen türmten sich Wolken öligen schwarzen Rauches auf. Sie hatte keine Ahnung, wie viele Soldaten sie getötet hatte, aber mittlerweile hatten sie sich zu tausenden an ihre Fersen geheftet. Das harte Stampfen, das sie auf dem Rücken des galoppierenden Pferdes hinnehmen musste, war überaus schmerzhaft für ihren Rücken. Aber wenigstens hatte sie Kronos ausgeschaltet. Diese Leute hatten sie zu täuschen versucht, aber letzten Endes hatte sie das nur einen zweiten Zauberer gekostet, einen Zauberer, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass er die Truppen begleitete, was für die Verteidiger in Altur’Rang verheerende Auswirkungen hätte haben können. Das Ganze hatte sich als Glücksfall erwiesen.

Sofern es nicht drei – oder noch mehr! – von diesen Zauberern gab.

28

Als Nicci den Kamm eines Hügels erreichte, bot ihr der erste Blick auf die gewaltige Stadt in der Ferne ein prächtiges Panorama. Ein flüchtiger Blick über die Schulter ergab, dass die herandonnernde Kavallerie ihr dicht auf den Fersen war, sie konnte ihre erhobenen Schwerter, Streitäxte, Speere und Lanzen, den stählernen Borsten eines gewaltigen Stachelschweins gleich, im Licht der untergehenden Sonne blinken sehen. Hinter ihnen stieg eine Staubwolke auf, die bereits weite Teile des dunkler werdenden Himmels im Osten verdeckte, und das blutrünstige Schlachtgebrüll war Furcht erregend. Und das war nur die Kavallerie, weiter hinten, das wusste sie, folgte eine wahre Flut von Fußsoldaten. Auch wenn sie nicht in die Sonne geblickt hätte, sie hätte in der Stadt vermutlich kaum einen Menschen ausmachen können, und so sollte es auch sein, denn die Bewohner hielten sich auf ihren ausdrücklichen Wunsch, so gut es irgend ging, im Verborgenen. Nichtsdestoweniger war es nicht eben ein beruhigendes Gefühl, sich ganz allein zu wissen mit einem Schwärm zorniger Hornissen im Nacken. Sie hatte Victor und Ishaq die Route mitgeteilt, die sie bei ihrer Rückkehr in die Stadt zu nehmen versuchen würde, damit diese ihre Verteidigungsmaßnahmen möglichst vorteilhaft konzentrieren konnten. Sie konnte nur hoffen, dass alles bereit war, denn für die Vorbereitungen hatten sie nicht eben viel Zeit gehabt. Nun, mehr würden sie nicht bekommen, der Augenblick der Wahrheit war gekommen.

Jetzt, da die Stadt immer näher rückte, fand Nicci endlich Zeit, ihren rechten Arm in den Ärmel ihres Kleides zu schieben, ehe sie, mit einem Griff hinter sich, auch den linken in den anderen Ärmel fädelte. Die Zügel fest in einer Hand, beugte sie sich vorne über den Widerrist des galoppierenden Pferdes, bis es ihr schließlich gelang, das Kleid, ohne hinzusehen, wieder zuzuknöpfen. Der kleine Triumph entlockte ihr ein kurzes Lächeln. Schon flogen die ersten Gebäude vorüber. Obwohl es eine Abkürzung gegeben hätte, auf der sie rascher in das eigentliche Stadtgebiet gelangt wäre, war sie auf ihrem Weg von den Hügeln herab auf der Hauptstraße geblieben. An der Grenze zum eigentlichen Stadtgebiet mündete die Landstraße auf einen breiten Boulevard, die größte Querverbindung von Ost nach West. Je enger die Gebäude hier zusammenrückten, desto höher wurden sie auch. Da und dort war die Straße von Bäumen gesäumt, auf deren Rinde sie die aufgeplatzten, leeren Hüllen der bereits gehäuteten Zikaden haften sehen konnte, ein Anblick, der sie für einen flüchtigen Moment an die kleine Schutzhütte und die schützende Geborgenheit von Richards Armen denken ließ.

Sa’dins Körper war mittlerweile von einer schäumenden Schweißschicht bedeckt, doch obwohl seine Kräfte eigentlich längst hätten erlahmen müssen, ließ er durch nichts erkennen, dass er beabsichtigte, in seinem Tempo nachzulassen. Sie musste ihn sogar ein wenig bremsen, damit die Kavallerie aufschließen und sich der trügerischen Hoffnung hingeben konnte, sie seien kurz davor, sie einzuholen. Ein Jäger, der seiner Beute immer näher kam, neigte dazu, alles andere aus dem Blick zu verlieren, ein Jagdinstinkt, der bei Soldaten nicht minder ausgeprägt war als bei Wölfen. Damit sie bei ihrer Hatz auf sie endgültig alle Vorsicht in den Wind schlugen, ließ sie sich ein wenig zur Seite hinüberkippen, um den Eindruck zu erwecken, sie sei womöglich verletzt und könne jeden Moment vom Pferd stürzen. Wie sie in der Straßenmitte dahinjagte, hinter sich eine lange Staubfahne, begann sie die ersten Häusergruppen wieder zu erkennen, und die ersten vertrauten Fensterzeilen schoben sich in ihr Blickfeld. Linker Hand erblickte sie ein hellgelbes, mit Schindeln verkleidetes Gebäude, und auch die roten Fensterläden zu ihrer Rechten kamen ihr vertraut vor. Im Schatten einer engen Gasse, unmittelbar hinter einer Reihe eng beieinander stehender Häuser, die sie wegen der zwischen ihnen aufgespannten Wäscheleinen als Wohnhäuser identifizierte, erblickte sie einige mit Bogen bewaffnete Männer in ihren Verstecken und wusste: Jetzt konnte es nicht mehr weit sein.

Unversehens tauchte das dreistöckige Ziegelgebäude vor ihr auf, im Licht der tief stehenden Sonne hätte sie es fast nicht erkannt. Die quer über die Straße verteilten Eisendorne waren mit einer dünnen Staubschicht bedeckt, um sie vor den Blicken der Soldaten zu verbergen. Gleich hinter einer Straßenecke erspähte sie im Vorübergaloppieren einige Männer, bereit, die Dorne hinter ihr augenblicklich hochzuziehen. »Wartet, bis die meisten vorüber sind!«, rief sie den Wartenden zu, gerade laut genug, dass sie sie hören konnten, nicht aber ihre Verfolger. Aus den Augenwinkeln sah sie einen von ihnen in ihre Richtung nicken und hoffte, dass sie verstanden hatten. Wurden die Dorne unmittelbar hinter der Angriffsspitze der Kavallerie hochgezogen, würde die Streitmacht als Ganzes in einen Engpass gelockt, sodass nur die vordersten Reihen ausgeschaltet werden konnten, während die nachrückenden Reiter weitgehend verschont blieben und sich neu formieren konnten. In diesem Fall hätten sie ihre Chance vertan, die Kavallerie auseinander zu brechen. Sie war darauf angewiesen, dass die Verteidiger an den Eisendornen den Großteil der Angreifer zunächst passieren ließen.