Ein erneuter Blick über die Schulter ergab, dass ihre hünenhaften Verfolger soeben mit erhobenen Waffen an dem Ziegelgebäude vorüberdonnerten. Die meisten hatten das Ende des Gebäudes bereits passiert, doch dann erhob sich unvermittelt ein heulendes Gebrüll, als die dahinjagenden Schlachtrösser Hals über Kopf in die Eisendorne hineinrasten. Die nachfolgenden Pferde konnten nicht mehr abbremsen und prallten in vollem Lauf gegen die bereits gepfählten Tiere. Reiter schrien auf, als sie zerquetscht wurden, andere wurden über die Köpfe ihrer Pferde geschleudert.
Als die jetzt pferdelosen Krieger die Nachzügler der nach wie vor heranpreschenden Kavallerie aufzuhalten versuchten, ging aus den Fenstern ein Pfeilhagel auf sie nieder, sodass sie bei dem verzweifelten Versuch getroffen wurden, ihre Tiere noch abzubremsen. Schließlich wurden Pferde wie Reiter von dem aus allen Richtungen auf sie niedergehenden, alles niedermähenden Schwärm von Pfeilen zu Boden gerissen. Viele versuchten noch, einen Arm hochzureißen, nur um entsetzt zu erkennen, dass sie es in der Panik versäumt hatten, ihre Schilde mitzunehmen.
Während die letzten Reiter noch immer in die plötzlich aufgetauchte Straßensperre hineinrasten, wandte Nicci sich an einer Gabelung der breiten Straße nach rechts. Die Kavallerie war ihr jetzt unmittelbar auf den Fersen und jagte hinter ihr die Straße entlang.
»Wartet, bis die erste Hälfte vorüber ist!«, brüllte sie den hinter der Ecke einer hohen Steinmauer verborgenen Männern im Vorüberreiten zu.
Wieder hörte man einen wuchtigen Aufprall, gefolgt vom entsetzlichen Geräusch der vor Schmerz und Angst schreienden Tiere, als diese völlig überraschend gepfählt oder aufgeschlitzt wurden. Soldaten schrien auf, als sie gewaltsam aus dem Sattel geworfen wurden. Sofort kamen hinter dem Gebäude Männer mit Speeren in den Händen hervor und stachen sie ab, ehe sie auch nur eine Chance hatten, sich wieder aufzurappeln und zu fliehen. Äxte, Schwerter und neunschwänzige Katzen, eben noch im Besitz der Gefallenen, wurden flugs eingesammelt, um Augenblicke später bereits gegen die Imperiale Ordnung eingesetzt zu werden. Eine Untergruppe der bereits zweimal genarrten Kavallerie wollte sich nicht noch ein drittes Mal zum Narren halten lassen und scherte in vollem Galopp von der Hauptkolonne aus. Ein Teil nahm eine Nebenstraße linker Hand, während der andere in eine enge Gasse zu ihrer Rechten einbog. Die sie verfolgenden Reiter hatten noch keine nennenswerte Strecke zurückgelegt, geschweige denn Gelegenheit gehabt, sich darüber klar zu werden, ob sie die Verfolgung nicht besser abbrechen sollten, da passierte Nicci bereits die dritte Sperre aus Eisendornen, deren Bemannung diese mit einem Ruck nach oben riss und die Stützen in Stellung brachte. Die Pferde unmittelbar hinter ihr rasten in die Dorne hinein, und gleich darauf vernahm sie unmittelbar hinter ihrem Rücken ein Geräusch, das an Entsetzlichkeit nicht zu überbieten war, denn die ungeheure Masse der Pferdeleiber prallte mit einem dumpfen Krachen auf die bereits gepfählten Führungstiere und wurde dadurch jäh gestoppt. Sofort erhob sich unter den in dieser plötzlich entstandenen Massenpanik gefangenen Kavalleristen ein schauriges Gebrüll. Fast im selben Augenblick sahen sich die in die Straßen rechts und links ausgescherten Reiter in ganz ähnlichen eisernen Fallen gefangen, und plötzlich saßen die Angreifer fest – in einer ausweglosen, nicht etwa aus Felsen, sondern aus Ziegeln und Eisen bestehenden Schlucht.
Der Aufprall, mit dem die in vollem Tempo heranrasenden Tiere in das die Hauptstraße vollständig blockierende chaotische Gewirr aus schwer verwundeten Männern und Pferden hineinjagten, war grässlich, Fleisch prallte auf Fleisch, Knochen splitterten, Pferde schrien vor Schmerz. Die Wucht des Zusammenpralls war so ungeheuer, dass die Sperre aus Eisendornen in die Brüche ging und eine Bresche in den Engpass aus Kadavern gesprengt wurde. Mächtige Schlachtrösser, manche noch mit ihrem Gesichtspanzer, drängten vereinzelt durch die Lücke, nur um sogleich ins Schlittern zu geraten und in den Blutlachen getöteter Soldaten und anderer Tiere auszugleiten, ehe sie von den nachfolgenden Tieren, die in vollem Galopp durch die Bresche schössen und ihnen nicht mehr ausweichen konnten, niedergetrampelt wurden. Sofort preschte eine Gruppe von bis an die Zähne bewaffneten Männern aus den Seitengassen hervor und versperrte der heranpreschenden Kavallerie den Weg, um die Bresche in der Barrikade wieder zu schließen, was zur Folge hatte, dass sich die durch das Gemetzel und die brutale Vernichtung einer so großen Zahl ihrer Artgenossen bereits völlig verstörten Pferde Formation auf Formation von auf sie zustürmenden Kämpfern gegenübersahen, die ihnen mit einem Schlachtruf auf den Lippen ihre Speere in die Flanken rammten. Die völlig verzweifelten Tiere schrien entsetzlich, als sie erbarmungslos abgestochen wurden, bereits gestürzte Tiere brachten jene zu Fall, die noch auf den Beinen waren und zu entkommen versuchten. Dann erhob sich ein die abendliche Luft zerreißendes Gebrüll, als die Bogenschützen zu guter Letzt einen Pfeilhagel auf jene Kavalleristen niedergehen ließen, die dem blutigen Gemetzel zu entkommen versuchten. Nicci bezweifelte, dass diese Truppen der Imperialen Ordnung ihren Angriff bewusst bis in die Stadt hineingetragen und die Kavallerie auf diese Weise eingesetzt hätten, wären sie nicht dazu verleitet worden. Pferde dieses Typs waren für diese Art der Schlacht vollkommen ungeeignet, denn auf engem Raum waren die Tiere weitgehend manövrierunfähig, sodass die Kavalleristen ihre Gegner kaum wirkungsvoll niedermachen konnten. Erschwerend kam hinzu, dass die Verteidiger über viel zu viele Verstecke verfügten, als dass eine Kavallerieattacke wirklich hätte effektiv sein können, denn normalerweise bestand die Aufgabe dieses Truppenteils darin, rasch jeden organisierten Widerstand zu brechen, der die Truppen der Imperialen Ordnung noch vor Erreichen der Stadt im offenen Gelände aufzuhalten versuchte, und anschließend, nach dem Einmarsch der Fußtruppen, jeden Fluchtversuch aus der Stadt zu unterbinden. Nicci bezweifelte, ob die Befehlshaber, wären sie Herr der Lage und ihrer Truppen gewesen, einen derart unbesonnenen Kavallerieangriff innerhalb der Stadtgrenzen überhaupt zugelassen hätten. Aber aus ebendiesem Grund war sie schließlich losgezogen und hatte dem Hornissennest besagten deftigen Schlag versetzt.
Der Irrsinn einer bis in das Zentrum einer Stadt getragenen Kavallerieattacke wurde immer augenfälliger. Das Abschlachten der Angreifer erfolgte mit ebenso großer Schnelligkeit wie Gnadenlosigkeit, bis der grauenhafte Anblick so ungeheuer vieler aufgerissener Pferde- und Soldatenleiber der Szene etwas Unwirkliches verlieh und der Blutgeruch einem fast den Atem raubte.
Als sie eine Kolonne feindlicher Reiter in eine Seitengasse einbiegen sah, offenbar um sich aus dem Staub zu machen, schleuderte Nicci ihr Han, um dem Leitpferd mit einem Dorn aus konzentrierter Luft die Beine zu brechen. Als die Beine des Tieres wegknickten, rauschten die nachfolgenden Tiere sofort in vollem Tempo in es hinein und brachen sich die Vorderläufe, da das erste Pferd unter sie geriet, ehe die nachfolgenden ihm ausweichen konnten. Es dauerte eine Weile, bis die ersten nachrückenden Tiere die Situation erfassten, sodass sie etwas mehr Zeit zu reagieren hatten und sich mit einem Satz in Sicherheit bringen konnten. Am Ende der schmalen Gasse konnte Nicci die Männer ihnen bereits den Fluchtweg abschneiden sehen. Sie bog um die Häuserecke und gelangte in die Nähe des größten Schlupflochs, wo sie verhindern half, dass Teile der Kavallerie der Imperialen Ordnung der Falle wieder entkamen. Als sie um die letzte Gebäudeecke bog, stieß sie auf eine Traube von Kavalleristen, die sich soeben anschickten, die Front der mit Speeren bewaffneten Verteidiger zu durchbrechen. Sofort schleuderte Nicci den Invasoren einen heulenden Ball aus geschmolzenem Feuer entgegen, der knapp über die Köpfe der Verteidiger hinwegstrich, auf der Straße zerplatzte und sein flüssiges Feuer auf die Flanken der Pferde spritzte. Das Fell lichterloh in Flammen, bäumten sich die Tiere auf, sodass die Flammen auf die auf ihrem Rücken sitzenden Reiter übersprangen. Nicci preschte um eine Gruppe dicht beieinander stehender Gebäude herum und gelangte so hinter den Rückraum der Hauptfalle, in der sich eine große Zahl von Angreifern verfangen hatte. Längst waren die männlichen Stadtbewohner über sie hergefallen. Dieses eine Mal waren die Kavalleristen in der Unterzahl und hatten, völlig außerstande, sich dem Angriff zu entziehen, jede Ordnung aufgegeben. Wer für seine Freiheit kämpfte, war von einer glühenden Entschlossenheit beseelt, mit der diese Soldaten nicht gerechnet hatten; ihre Taktik aus Einschüchterung und primitiver Abschlachterei war in sich zusammengefallen.