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Im schwindenden Licht der Abenddämmerung sah Nicci Victor mit einer schweren Keule auf jeden Schädel der Imperialen Ordnung eindreschen, den er finden konnte, und lenkte Sa’din mitten durch das Gemetzel in seine Richtung.

»Victor!«

Er sah auf, einen mörderischen Ausdruck im Gesicht. »Was gibt es?«, rief er über den Schlachtenlärm hinweg, die stählernen Klingen seiner Waffe voller Blut.

Nicci lenkte ihr Pferd näher heran. »Unmittelbar hinter der Kavallerie folgen Fußtruppen; dann wird sich zeigen, wir gut wir tatsächlich gewappnet sind. Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, dass sie ihre Meinung jetzt noch ändern und ihren Angriff abbrechen. Und sollten ihnen doch noch Bedenken kommen, werde ich ihnen etwas zeigen, dem sie so wenig widerstehen können, dass sie es bis in das Zentrum hinein verfolgen werden.«

Victor zeigte ihr ein entschlossenes Grinsen. »Gut. Wir werden auf sie vorbereitet sein.«

War die Armee erst einmal bis in die Stadt vorgedrungen, konnten sie ihre geschlossene Formation unmöglich länger aufrechterhalten, vielmehr wären die Soldaten gezwungen, sich aufzuspalten und auf verschiedenen Straßen vorzurücken. Sobald dies geschehen war, konnten die einzelnen Unterabteilungen von den Verteidigern weiter zersplittert werden. Gingen die einzelnen Untergruppen dann zum Angriff über oder ergriffen sie die Flucht, bekämen sie es sofort mit versteckten Bogenschützen sowie mit schwer bewaffneten Speerträgern zu tun, von den zahlreichen Straßenfallen ganz zu schweigen.

Zudem war Altur’Rang eine Stadt von beträchtlicher Größe. Sobald sich die Dunkelheit über die Stadt gesenkt hatte, würden viele der Invasoren die Orientierung verlieren und sich verlaufen. Wegen der engen Straßen in den dicht bevölkerten Vierteln konnten sie nicht zusammenbleiben, um sich zu einem geordneten Angriff zu formieren. Sie wären der Möglichkeit beraubt, sich nach Belieben in der Stadt zu bewegen, um über deren unschuldige Bewohner herzufallen, und würden stattdessen unerbittlich in die Enge getrieben und immer weiter dezimiert. Innerhalb kürzester Zeit würden die einzelnen Gruppen immer mehr zerfallen, teils wegen der durch die ständigen Hinterhalte bedingten Verluste, aber auch weil nicht wenige aus ihren Reihen versuchen würden, sich auf anderen Wegen in Sicherheit zu bringen. Nicci hatte dafür gesorgt, dass sie sich an keinem Punkt der Stadt sicher fühlen konnten. »Ihr seid vorne über und über mit Blut beschmiert«, rief Victor zu ihr hoch. »Seid Ihr etwa verletzt?«

»Ich war unachtsam und bin vom Pferd gefallen, aber sonst geht es mir gut. Dies muss noch heute Abend zu Ende gebracht werden«, ermahnte sie Victor.

»Ihr könnt es wohl kaum erwarten, Richard hinterher zureiten?«

Sie schmunzelte, ließ seine Frage aber unbeantwortet. »Ich sollte jetzt besser losziehen und dem Hornissennest den zweiten deftigen Schlag versetzen. Bei meiner Rückkehr werden sie mir dicht auf den Fersen sein.«

Er nickte knapp. »Wir sind bereit.«

Als sie ein Stück weiter vorn drei Soldaten erblickte, die sich ohne ihre Pferde aus dem Staub zu machen versuchten, hielt sie kurz inne, um einen schimmernden Bann durch eine enge, gewundene Gasse zu jagen. In schneller Folge hörte man drei dumpfe Schläge, als die Lanze aus purer Energie sich durch ihr Fleisch und ihre Knochen bohrte und sie zu Boden riss.

Sie wandte sich wieder zu ihm herum. »Noch ein Letztes, Victor.«

»Und das wäre?«

»Nicht einer von ihnen darf lebend entkommen. Nicht einer.«

Den Lärm der tobenden Schlacht im Rücken, musterte er einen Moment lang prüfend ihre Augen. »Verstehe. Ishaq erwartet Euch bereits. Versucht, die Hornissen so schnell wie irgend möglich zu ihm zu locken.«

Nicci nahm Sa’din scharf an die Zügel, um ihn ruhig zu halten, und nickte. »Ich werde sie mitten durch die ...«

Das unvermittelte Rauschen eines aufflammenden Feuers ließ sie herumfahren. Drüben im Osten loderten gewaltige Flammenwände in den Himmel, und das konnte nur eins bedeuten. Fluchend kletterte Victor auf den Kadaver eines Schlachtrosses und reckte den Hals, um über die Dächer hinweg einen Blick auf die dichten Rauchwolken zu erhaschen, die in den dunkler werdenden Abendhimmel stiegen.

Er warf Nicci einen skeptischen Blick zu. »Habt Ihr Kronos etwa nicht erledigt?«

»Doch, hab ich«, knurrte sie mit zusammengebissenen Zähnen, »und obendrein noch einen zweiten Zauberer. Aber allem Anschein nach haben sie noch einen dritten mit der Gabe Gesegneten in ihren Reihen. Schätze, sie sind gut vorbereitet hergekommen.« Sie legte die Zügel um und lenkte Sa’din in die Richtung, aus der das ferne Geräusch von Schreien herüberdrang. »Nun, mit der Herrin des Todes werden sie dennoch kaum gerechnet haben.«

29

»Was könnte es Eurer Meinung nach denn bedeuten?«, fragte Berdine. Verna sah kurz herüber und betrachtete die blauen Augen der Mord-Sith. »Dazu hat Ann nichts gesagt.«

Bis auf das leise Zischen der Öllaternen war es totenstill in der Bibliothek. Wegen der zahllosen Zwischengänge und des dunklen Holzes der Balken und Regale vermochten die Lampen und Kerzen das riesige Sanktuarium nur unzureichend zu beleuchten. Hätte Verna sämtliche Reflektorlampen an den Wänden und den Stirnseiten der Regale entzündet, wäre es im Lesesaal beträchtlich heller gewesen, aber das hielt sie für ihre Zwecke nicht für erforderlich.

Verna hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Geister all der Meister Rahl, die an diesem Ort umgingen, geweckt werden könnten, wenn sie zu viele Lampen entzündeten, zu viele alte Folianten aus den Regalen zögen und die Ruhe dieses heiligen Ortes mehr als unbedingt nötig störten. Mächtige Balken unterteilten die dunkle Holzvertäfelung der tief eingelassenen Deckennischen, und an den seitlich stehenden Säulen, welche die massiven Streben stützten, deren Oberfläche mit fremdartigen und doch wunderschönen Symbolen in kräftigen Farben geschmückt war, rankten sich vergoldete Schnitzereien von Reben und Blattwerk empor. Der Fußboden war mit edlen Teppichen ausgelegt, die mit kunstvollen, in gedämpften Farben gehaltenen Mustern durchwoben waren. Und überall, hinter den verglasten Türen der Schränke an den Außenwänden entlang sowie in frei stehenden Regalen, die sich in schier endlosen, wohl geordneten Reihen durch die gesamte Bibliothek erstreckten, sah man Bücher – abertausende von ihnen. Ihre ledernen, meist in dunklen Farben gehaltenen Einbände mit zumindest einem Hauch von Blattgold oder –silber auf dem Rücken, verliehen dem Raum eine Atmosphäre bunter Vielfalt. Selten hatte Verna eine Bibliothek von solcher Pracht gesehen. Gewiss, auch die Gewölbekeller unter dem Palast der Propheten, wo sie viel Zeit mit ihren Studien verbracht hatte, hatten Abertausende von Büchern enthalten, aber diese waren eher dem Nützlichkeitsprinzip untergeordnet gewesen und dienten mehr als Bücherlager und praktischer Lesesaal, dieser Palast dagegen ließ eine Ehrfurcht vor den alten Schriften und dem in ihnen enthaltenen Wissen erkennen.