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Wissen bedeutete Macht, und diese Macht stand von alters her dem jeweiligen Lord Rahl zur unmittelbaren Verfügung – aber ob er dieses Wissen klug zu nutzen wusste, stand auf einem ganz anderen Blatt. Denn oft bestand die Schwierigkeit angesichts dieser unermesslichen Informationsmengen gerade darin, einen bestimmten Eintrag zu finden oder auch nur zu wissen, ob er in der gewaltigen Schriftensammlung überhaupt verzeichnet war.

Natürlich hatte es in früheren, längst vergangenen Zeiten Schreiber gegeben, die neben ihrer eigentlichen Arbeit, dem Anfertigen von Abschriften wichtiger Werke, die Bibliotheken beaufsichtigten und für bestimmte Abteilungen verantwortlich waren, sodass der jeweilige Meister Rahl nur ein paar passende Fragen zu stellen brauchte, welche die Suche auf die für das gefragte Interessengebiet zuständige Person einengten, um einen in die richtige Richtung weisenden Hinweis zu erhalten. Derzeit aber war die in den zahllosen Bänden enthaltene Information erheblich unzugänglicher, denn es herrschte ein Mangel an solchen Spezialisten, die die Bibliotheken beaufsichtigten. In gewisser Hinsicht stand die schiere Menge an Information ihrer sinnvollen Nutzung im Wege, sodass sie nahezu unbrauchbar geworden war, ganz ähnlich einem Soldaten, der derart viele Waffen mit sich führt, dass er sich kaum noch bewegen kann.

Allein die in dieser einen Bibliothek aufbewahrten Schriften repräsentierten eine fast unvorstellbare Menge an Werken unzähliger Gelehrter und einer Vielzahl von Propheten. Schon ein kurzer Streifzug durch die Regalreihen hatte Werke über Geschichte, Geographie, Politik, Naturwissenschaften und Prophezeiungen ans Licht gebracht, die Verna noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Man hätte ein Leben lang durch diese Säle irren können, und doch hatte Berdine behauptet, der Palast des Volkes verfüge über eine Reihe solcher Bibliotheken, von solchen, die einer Vielzahl von Personen offen standen, bis hin zu einigen wenigen, die von niemandem außer dem jeweiligen Lord Rahl und, vermutete Verna, seinen engsten Vertrauten betreten werden durften. Diese gehörte zu letzterer Kategorie.

Berdine hatte ihr erzählt, Darken Rahl hätte sie, weil des Hoch-D’Haran mächtig, bisweilen in seine privatesten Bibliotheken mitgenommen, um ihre Meinung bezüglich Übersetzungen unverständlicher Passagen alter Texte einzuholen. Infolgedessen befand sich Berdine in der einzigartigen Situation, zumindest einen gewissen Einblick in den Reichtum an potenziell riskantem Wissen zu besitzen, das hier bewahrt wurde. Nun waren nicht alle Prophezeiungen gleichermaßen unerquicklich, vieles entpuppte sich als eher unbedeutend und recht harmlos. Die meisten Menschen machten sich gar nicht klar, dass ein Großteil der prophetischen Textpassagen sich auf etwas bezog, das letztendlich nicht viel mehr war als Tratsch. Es gab Schriften, die im Großen und Ganzen völlig harmlos waren, andere dagegen waren für jeden außer dem geübten Leser von der ersten bis zur letzten Zeile überaus gefährlich. Diese spezielle Bibliothek enthielt einige der gefährlichsten Verna bekannten Bücher der Prophezeiungen, Bücher, die im Palast der Propheten als so unzuverlässig galten, dass man sie nicht im Hauptgewölbe, sondern in kleineren, mit starken magischen Schilden abgeschirmten Kellern aufbewahrte, zu denen – außer einer Hand voll im Palast lebender Personen – niemand Zutritt hatte. Diese Bücher waren vermutlich auch der Grund, warum diese spezielle Bibliothek dem Meister Rahl allein als ganz privates Refugium diente. Verna bezweifelte stark, dass man ihr den Zutritt gewährt hätte, wäre sie nicht in Begleitung einer Mord-Sith gewesen. An einem so behaglichen Ort hätte sie glücklich und zufrieden lange Stunden mit dem Studium zahlloser, nie gesehener Bücher verbringen können, aber leider fehlte ihr genau das – ausreichend Zeit. Gedankenversunken fragte sie sich, ob Richard diese Schätze, die ihm jetzt, als Lord Rahl, gehörten, überhaupt je zu Gesicht bekommen hatte.

Berdine tippte mit dem Finger auf eine leere Seite in dem Buch Theorie der Abweichungen von Glendhill. »Lasst Euch gesagt sein, Prälatin, ich habe dieses Buch mit Lord Rahl zusammen in der Burg der Zauberer in Aydindril eingehend studiert.«

»Das sagtet Ihr bereits.«

Verna fand es, vorsichtig ausgedrückt, erstaunlich, dass Richard dieses Werk überhaupt kannte. Noch interessanter fand sie allerdings, dass er sich in Anbetracht seiner Abneigung gegen Prophezeiungen und des Umstandes, dass es in diesem Buch der Prophezeiungen größtenteils um seine Person ging, eingehend damit befasst haben sollte.

Die merkwürdigen kleinen Details, Richard betreffend, auf die sie von Zeit zu Zeit stieß, schienen kein Ende nehmen zu wollen. Zum Teil beruhte seine ablehnende Haltung gegen Prophezeiungen auf seiner Aversion gegen jede Art von Rätsel, die er zutiefst verabscheute. Sie wusste allerdings auch, dass seine Abneigung gegen Prophezeiungen zu großen Teilen auf seinen Glauben an die Freiheit des Willens zurückging, auf seinen Glauben, dass er selbst und nicht die Hand des Schicksals sein Leben zu dem machte, was es war. So vielschichtig die Prophezeiungen auch sein mochten und sosehr ihre zahlreichen Bedeutungsebenen das Verständnis der meisten überforderten, im Kern kreisten sie um Dinge, die ihrem Wesen nach vorherbestimmt waren. Trotzdem war es Richard mehr als einmal gelungen, eine Prophezeiung zu erfüllen und sie dabei im selben Atemzug zu widerlegen.

Mit einer gewissen Bitterkeit argwöhnte Verna, dass die Prophezeiungen nur deswegen Richards Geburt vorhergesagt hatten, damit er auf die Welt kommen und den Beweis für die Ungültigkeit der Idee der Prophezeiungen liefern könne.

Es war nie einfach gewesen, Richards Verhalten vorherzusagen, nicht einmal mithilfe der Prophezeiungen oder vielleicht gerade ihretwegen. Anfangs hatte seine merkwürdige Handlungsweise sie oft verwirrt, sodass sie nie vorhersagen konnte, wie er auf eine Situation reagieren oder was er als Nächstes tun würde. Mit der Zeit jedoch hatte sie begriffen, dass das, was sie für eine chaotische Sprunghaftigkeit zwischen scheinbar beziehungslosen Dingen gehalten hatte, im Grunde seine außerordentliche Beständigkeit ausmachte. Die meisten Menschen waren gar nicht fähig, mit derart unerschütterlicher Entschlossenheit an ihren Zielen festzuhalten, sie neigten vielmehr dazu, sich von einer Vielzahl anderer Dinge, die ihre Aufmerksamkeit beanspruchten, ablenken zu lassen. Richard dagegen wusste diese untergeordneten Ereignisse nach ihrer Wichtigkeit einzuordnen, sie bei Bedarf vorübergehend ungeklärt zu lassen oder kurzerhand zu erledigen, ohne sein Ziel auch nur für einen Moment aus den Augen zu verlieren – was mitunter den unzutreffenden Eindruck erweckte, er springe ohne erkennbaren Grund von einer Sache zur nächsten, während er nach eigenem Empfinden in Wahrheit mit tänzerischer Leichtigkeit über die Trittsteine im Strom des Geschehens rings um ihn her sprang, um unbeirrbar ans jenseitige Ufer zu gelangen.

Es gab Zeiten, da schien er ihr der wunderbarste Mann zu sein, dem sie je begegnet war, dann wieder empfand sie ihn als nur schwer erträgliches Ärgernis. Längst hatte sie aus dem Blick verloren, wie oft sie ihn schon am liebsten erwürgt hätte. Er war nicht nur der Mann, der geboren war, um sie in die entscheidende letzte Schlacht zu führen, er war auch aus eigenem Entschluss zu ihrem Anführer geworden, dem Lord Rahl, zum Dreh- und Angelpunkt all dessen, wofür sie als Schwester des Lichts stets gekämpft hatte. Vielleicht schätzte sie ihn – darüber hinaus, was er ihnen allen sonst bedeutete – vor allem als Freund. Ihr lag sehr viel daran, dass er ebenso glücklich war wie sie einst mit Warren. Während jener kurzen Zeit, die ihr nach ihrer Hochzeit mit Warren und vor dessen Ermordung vergönnt gewesen war, hatte sie sich lebendiger gefühlt als je zuvor. Seitdem jedoch fühlte sie sich wie eine lebende Tote – sie lebte, ohne wirklich am Leben teilzunehmen. Eines Tages, vielleicht nach der siegreichen Beendigung ihres Kampfes gegen die Imperiale Ordnung, würde Richard hoffentlich einen Menschen finden, für den er so etwas wie Liebe empfinden konnte. Bei seiner Liebe für das Leben brauchte er jemanden, mit dem er dieses Gefühl teilen konnte.