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Sie lächelte versonnen. Gleich vom ersten Tag an, als sie ihm begegnet war und den Halsring umgelegt hatte, um ihn zum Palast der Propheten zu bringen, wo er im Gebrauch seiner Gabe unterwiesen werden sollte, schien ihr Leben von dem Strudel erfasst worden zu sein, der Richard – wenngleich auch nicht immer, so doch die meiste Zeit – umgab. Noch deutlich erinnerte sie sich an jenen verschneiten Tag, damals im Dorf der Schlammmenschen, als sie ihn fortgebracht hatte. Es war ein tieftrauriger Moment gewesen, denn es geschah gegen seinen Willen, gleichzeitig aber war es nach zwanzig Jahren mühevollen Suchens auch eine ungeheure Erleichterung.

Sicher, er hatte sich alles andere als freiwillig in diese doch nur seinem Wohl dienende Gefangenschaft ergeben, tatsächlich hatten zwei Schwestern in Vernas Begleitung bei dem Versuch, ihm den verhassten Halsring umzulegen, ihr Leben lassen müssen.

Verna wurde nachdenklich ... den Halsring umlegen.

Eigenartig. Sie versuchte, sich genau in Erinnerung zu rufen, wie sie es geschafft hatte, ihn dazu zu bringen, den Halsring anzulegen, wie es den Erfordernissen entsprach. Halsringe waren ihm verhasst vor allem, nachdem er einst selbst Gefangener einer Mord-Sith gewesen war –, und doch hatte er ihn aus freien Stücken angelegt. Aus einem unerfindlichen Grund schien sie sich jedoch nicht mehr erinnern zu können, womit sie ihn dazu bewogen hatte ...

»Das ist wirklich seltsam, Verna ...« Berdines brauner Lederanzug knarzte, als sie sich ein wenig vorbeugte und wie gebannt auf das Ende des Textes in dem alten Folianten starrte, der aufgeschlagen vor ihr auf dem Tisch lag. Zaghaft schlug sie probeweise eine Seite um, ehe sie wieder zurückblätterte. Sie blickte auf. »Ich weiß, dass dieses Buch früher einen handgeschriebenen Text enthielt, aber jetzt ist dieser Text verschwunden.«

Verna betrachtete das tanzende Kerzenlicht in Berdines Augen, stellte die Erinnerungen an diese längst vergangene Zeit zurück und richtete ihr ganzes Augenmerk wieder auf die anstehenden wichtigen Dinge. »Aber es war doch nicht exakt dieses Exemplar, oder?« Als Berdine darauf fragend das Gesicht verzog, wurde Verna deutlicher. »Es ist möglicherweise derselbe Titel gewesen, aber nicht exakt dieses Buch. Ihr wart damals in der Burg der Zauberer, also war es doch vermutlich eine andere Abschrift, oder?«

»Na ja, sicher, wahrscheinlich habt Ihr Recht, es war wohl nicht genau dasselbe Buch ...« Berdine richtete sich auf und kratzte sich in ihrem braunen, welligen Haar. »Aber wenn es derselbe Titel war, wieso glaubt Ihr dann, dass die Abschrift in der Burg der Zauberer den vollständigen Text enthielt, während hier Teile fehlen?«

»Ich habe nicht gesagt, dass die Abschrift dort immer noch vollständig ist, ich habe lediglich klargestellt, dass es die Abschrift in der Burg der Zauberer war, und nicht dieses Buch hier, was Ihr mit Richard studiert habt. Dass Ihr Euch erinnert, darin gelesen zu haben, ohne irgendwelche leeren Seiten zu bemerken, beweist gar nichts. Viel wichtiger ist, dass dieses Buch insofern identisch sein könnte, als es genau denselben Text enthält, nur dass der Schreiber, der dieses Duplikat anfertigte, möglicherweise einfach einige Seiten im Text freigelassen hat. Dafür kann es eine Reihe von Gründen geben.«

Berdine schien nicht überzeugt. »Und was für Gründe sollten das sein?«

Verna zuckte mit den Achseln. »Manchmal lässt man in Büchern mit unvollständigen Prophezeiungen, so wie diesem hier, einige Seiten frei, um künftigen Propheten Platz für die Vollendung der Prophezeiungen zu lassen.«

Berdine stemmte ihre Fäuste in die Hüften. »Na schön, dann beantwortet mir eine Frage. Wenn ich dieses Buch durchsehe, erinnere ich mich an die Dinge, die ich lese. Mag sein, dass ich das meiste nicht verstehe, aber im Großen und Ganzen erinnere ich mich an den Text. Wie kommt es dann, dass ich mich nicht an ein einziges Detail aus den Stellen erinnere, die in dem Buch fehlen?«

»Die Erklärung ist einfach. Ihr erinnert Euch nicht an den Inhalt der freigelassenen Stellen, weil sie nichts anderes sind als eben das –freigelassene Stellen, hinterlassen von ebenjener Person, die, ich sagte es bereits, die Abschrift angefertigt hat.«

»Nein, das meinte ich nicht. Was ich meinte, war, ich erinnere mich ungefähr daran, wie Prophezeiungen ausgesehen haben, an ihre Länge. Ihr achtet als mit der Gabe Gesegnete beim Lesen vermutlich eher auf den Inhalt. Bei mir ist das anders. Da ich die Prophezeiungen nie wirklich verstanden habe, erinnere ich mich stattdessen eher an ihre äußere Form. Ich weiß noch genau, wie lang sie waren. Diese hier sind nicht mehr vollständig. Ich habe sie damals nicht verstanden und erinnere mich genau, wie lang sie mir vorkamen, auch daran, wie schwierig es mir fiel, aus so weitschweifigen Prophezeiungen klug zu werden.«

»Ein schwer verständlicher Text erscheint einem immer länger, als er tatsächlich ist.«

»Nein.« Ihr Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. »Das ist es nicht.« Sie schlug die letzte Prophezeiung auf und tippte mit dem Finger auf die Seite. »Diese hier umfasst nur eine einzige Seite, danach folgen eine Reihe von Leerseiten. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich an die anderen genauso gut erinnere, aber aus irgendeinem Grund habe ich die letzte aufmerksamer gelesen, und ich sage Euch, ich weiß genau, dass sie deutlich länger war. Ich kann weder beschwören, wie lang die anderen waren, noch wie lang genau diese hier sein müsste, aber eins weiß ich sicher, diese letzte hier umfasste mehr als nur eine Seite, und sie war ganz sicher nicht unvollständig, so wie unser Exemplar hier. Sosehr ich mich bemühe, ich kann mich einfach nicht erinnern, wie lang sie war oder was darin stand, aber eins weiß ich: Sie war länger als nur eine Seite.«

Das war die Bestätigung, auf die Verna gehofft hatte.

»Auch wenn ich aus dem meisten nicht recht klug werde«, fuhr Berdine fort, »an diesen Abschnitt hier, gleich zu Anfang, wo von einer gegabelten Quelle und dieser verwirrenden Geschichte mit der Rückkehr zu einer seherischen Wurzel die Rede ist, und gleich darauf von der ›Teilung des Schwarms durch den Vorkämpfer für die Ziele des Schöpfers‹ – zumindest dieser Teil klingt so, als ginge es um die Imperiale Ordnung –, kann ich mich erinnern. Aber was danach kommt, diese Leerstelle nach ›das verlorene Vertrauen in den Anführers ist mir entfallen.

Ich bilde mir das nicht ein, Verna, bestimmt nicht. Ich weiß nicht, was mich so sicher macht, dass der Rest fehlt, trotzdem ist es so. Und genau das beunruhigt mich ja so – wieso ist der Teil, der in dem Buch fehlt, in meiner Erinnerung gelöscht?«

Verna beugte sich vor und hob eine Braue. »Das, meine Liebe, ist genau die Frage, die ich so Besorgnis erregend finde.«

Berdine schien verblüfft. »Soll das heißen, Ihr wisst, wovon ich spreche? Ihr glaubt mir?«

Verna nickte. »Ich fürchte ja. Ich hatte nicht die Absicht, Euch zu irgendwelchen Vermutungen zu verleiten, Ihr solltet mir nur meinen Verdacht bestätigen.«

»Dann ist Ann also deswegen so besorgt? Ist es das, was wir für sie überprüfen sollen?«

»So ist es.« Verna schob das chaotische Durcheinander aus Büchern auf dem robusten Tisch hin und her, bis sie schließlich das Gesuchte fand. »Werft einen Blick in dieses Buch, es ist der Text, der mir vielleicht am meisten Sorgen macht. Gesammelte Ursprünge ist insofern eine überaus ungewöhnliche Prophezeiung, als sie ausschließlich in Geschichtenform verfasst worden ist. Es ist das Buch, mit dem ich mich eingehend befasst habe, ehe ich den Palast der Propheten verließ, um mich auf die Suche nach Richard zu machen. Ich kenne die Geschichte praktisch auswendig.« Verna blätterte durch die Seiten. »Jetzt ist es vollkommen leer, und ich kann mich an kein einziges Detail erinnern, außer, dass es irgendetwas mit Richard zu tun hatte – aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, was genau.«

Berdine musterte Vernas Augen, wie nur eine Mord-Sith die Augen eines andern mustern konnte. »Es geht also um irgendein Problem, ein Problem, das Lord Rahl gefährlich werden könnte.«