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Verna atmete tief durch, so tief, dass einige der in der Nähe stehenden Kerzen sachte flackerten. »Es wäre gelogen, wenn ich etwas anderes behaupten wollte, Berdine. Der fehlende Text befasst sich zwar nicht ausschließlich mit Richard, bezieht sich aber insgesamt auf eine Zeit nach seiner Geburt. Ich habe nicht den leisesten Schimmer, was die Art des Problems betrifft, aber ich gebe zu, es stimmt mich überaus besorgt.«

Berdines Verhalten durchlief eine Veränderung. Normalerweise war sie die gutmütigste Mord-Sith, die Verna kannte, sie begegnete der Welt rings um sie her mit einer schlichten, fast kindlichen Heiterkeit und war mitunter von herzerfrischender Wissbegier. All den Nöten und Betrübnissen zum Trotz, die anderen längst ein Jammern entlockt hätten, trug sie für gewöhnlich ein ungekünsteltes Lächeln zur Schau. Aber sobald sie den Eindruck hatte, dass Richard von irgendwoher eine Gefahr drohte, wechselte sie schlagartig zu geschäftsmäßiger Nüchternheit. Und jetzt war sie auf einmal so misstrauisch und kalt bedrohlich wie jede andere Mord-Sith auch.

»Was könnte der Grund dafür sein?«, wollte sie wissen. »Sagt mir: Was hat das zu bedeuten?«

Verna klappte das aus lauter leeren Seiten bestehende Buch wieder zu. »Ich weiß es nicht, Berdine, wirklich nicht. Ann und Nathan sind ebenso bestürzt wie wir – und Nathan ist Prophet.«

»Was mag wohl mit der Passage über Menschen, die ihr Vertrauen in ihren Anführer verlieren, gemeint sein?«

Für eine nicht mit der Gabe Gesegnete hatte sie recht zielsicher den entscheidenden Satz der überaus mysteriösen Prophezeiung herausgepickt.

»Nun«, sagte Verna, bei der Formulierung ihrer Antwort um eine gewisse Vorsicht bemüht, »das könnte eine Reihe von Dingen bedeuten. Schwer zu sagen.«

»Schwer vielleicht für mich, aber doch sicherlich nicht für Euch.«

Verna räusperte sich. »Wisst Ihr, ich bin keine Expertin in Prophezeiungen, aber ich denke, es geht um Richard.«

»Das weiß ich auch. Aber wieso ist in der Prophezeiung die Rede davon, die Menschen würden das Vertrauen in ihn verlieren?«

»Prophezeiungen sind selten so direkt, wie sie vielleicht scheinen.« Sie wünschte, die Frau würde endlich aufhören, sie anzustarren. »Was sie zu sagen scheinen, hat gewöhnlich nichts mit dem tatsächlichen Geschehnis zu tun, mit dem die Prophezeiung sich im Kern befasst.«

»Prälatin, meiner Ansicht nach scheint diese Prophezeiung darauf hinzudeuten, dass es eine Frage des gesunden Menschenverstandes sein könnte, die zu dem ›Vertrauensverlust‹ in den Anführer führt. Da dieser Anführer als Gegenspieler jenes Schwarms bezeichnet wird, der sich damit brüstet, den Zielen des Schöpfers zu dienen damit dürfte die Imperiale Ordnung gemeint sein –, folgt daraus, dass von Lord Rahl die Rede sein muss, was wiederum bedeutet, dass Lord Rahl jener Anführer ist, in den die Menschen das Vertrauen verlieren. Das Ganze folgt gleich nach der Passage über die Teilung des Schwarms, welche die Imperiale Ordnung soeben vollzogen hat. Demnach steht die Gefahr unmittelbar bevor.«

»Ja, für mich klingt das auch eindeutig wie eine Drohung.«

»Und Ihr glaubt, es handelt sich um ein Problem, das Lord Rahl betrifft.«

Verna warf ihr einen verstohlenen Blick zu. »Die simple Tatsache, dass ein so großer Teil der Prophezeiungen sich auf ihn bezieht, macht es unmöglich, diese Schlussfolgerung auszuschließen. Richard wurde in diese Schwierigkeiten hineingeboren, er befindet sich in ihrem Zentrum.«

Das schien Berdine überhaupt nicht zu gefallen. »Deswegen braucht er ja uns.«

»Das habe ich nie bestritten.«

Berdine entspannte sich etwas, wenn auch nur einen Hauch, ehe sie ihren Zopf abermals über die Schulter warf. »Nein, habt Ihr nicht.«

»Ann ist bereits auf der Suche nach ihm. Hoffen wir, dass es ihr gelingt, ihn zu finden, und zwar bald, denn es ist unbedingt erforderlich, dass er uns in der bevorstehenden Schlacht anführt.«

Während Verna sprach, zog Berdine gelangweilt ein Buch aus einer der Vitrinen und begann darin zu blättern. »Lord Rahl sollte die Magie gegen die Magie, nicht aber der Stahl gegen den Stahl sein.«

»So lautet ein d’Haranisches Sprichwort. In den Prophezeiungen aber heißt es, dass er uns in der entscheidenden Schlacht anführen muss.«

»Mag sein«, murmelte Berdine, ohne aufzusehen, während sie langsam in den Seiten blätterte. »Jetzt, da Jagangs Truppen die Berge Richtung Süden umgehen, können wir nur darauf hoffen, dass Ann ihn rechtzeitig aufspürt und ihn zu uns schafft.«

Doch Berdine starrte nur verwirrt in das Buch. »Was ist das eigentlich, das bei den Gebeinen vergraben liegen soll?«

»Was?«

Die Stirn noch immer in Falten gelegt, versuchte Berdine, sich über eine rätselhafte Textpassage klar zu werden. »Dieses Buch ist mir früher schon aufgefallen, denn auf dem Einband steht fuer gris-sa ost drauka. Das ist Hoch-D’Haran und bedeutet...«

»Der Bringer des Todes.«

Berdine sah kurz auf. »Richtig. Woher wisst Ihr das?«

»Es existierte eine weit verbreitete Prophezeiung, die unter den Schwestern im Palast der Propheten lange Zeit sehr umstritten war, tatsächlich wurde sie jahrhundertelang heiß disputiert. Als ich Richard in den Palast der Propheten brachte, erklärte er gleich am ersten Tag, er sei der Bringer des Todes, womit er sich als die in der Prophezeiung genannte Person zu erkennen gab. Ich kann Euch versichern, das hat unter den Schwestern für ziemliche Aufregung gesorgt. Eines Tages dann zeigte ihm Warren diese Prophezeiung unten in den Gewölbekellern, worauf Richard das Rätsel löste, das für ihn allerdings gar keins war. Er verstand es, weil er Teile der Prophezeiung bereits selbst erlebt hatte.«

»In diesem Buch gibt es eine ganze Reihe leerer Seiten.«

»Zweifellos. Es klingt so, als handelte es von Richard. Vermutlich gibt es hier jede Menge Schriften, die sich mit seiner Person befassen.«

Berdine war bereits wieder in den Text vertieft. »Diese hier ist auf Hoch-D’Haran, eine Sprache, die ich beherrsche, aber das sagte ich ja schon. Ich müsste mich etwas eingehender damit befassen, um es genauer zu übersetzen, außerdem wäre es sicher hilfreich, wenn der Text nicht so lückenhaft wäre, trotzdem, an dieser Stelle ist ganz offenkundig von Lord Rahl die Rede. Der Text lautet etwa: ›... was er sucht, liegt bei den Gebeinen begraben‹, oder vielleicht auch begrabene Gebeine sind es, was er sucht‹ – etwas in der Art.«

Sie sah erneut zu Verna auf. »Habt Ihr eine Vermutung, wovon die Rede sein könnte? Was mag wohl damit gemeint sein?«

»Begrabene Gebeine sind es, was er sucht?« Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich gibt es hier unten zahllose Bücher, die interessante, verwirrende oder beängstigende Dinge über Richard zu berichten wissen, aber wie ich bereits sagte, wegen der fehlenden Passagen in den Abschriften ist der vorhandene Text so gut wie unbrauchbar.«

»Ja, mag sein«, erwiderte Berdine enttäuscht. »Und was hat es mit diesen centralen Stätten‹ auf sich?«

»Zentrale Stätten?«

»Ja. Im Text ist von Orten die Rede, die als ›zentrale Stätten‹ bezeichnet werden.« Den Blick ins Nichts gerichtet, versuchte sie sich über etwas klar zu werden. »Zentrale Stätten ... dieser Begriff tauchte auch bei Kolo auf.«

»Kolo?«

Berdine nickte. »Das ist ein vor langer Zeit – während des Großen Krieges – geschriebenes Tagebuch. Lord Rahl hat es in der Burg der Zauberer entdeckt, im selben Raum, in dem sich auch die Sliph befand. Der Mann, der es führte, wird darin Koloblicin genannt, ein Name, der auf Hoch-D’Haran ›kluger Beraten bedeutet. Lord Rahl und ich haben ihn dann der Einfachheit halber zu ›Kolo‹ abgekürzt.«

»Und was wusste dieser Kolo über diesen Ort, diese zentralen Stätten, zu berichten? Was hat es damit auf sich?«

Berdine blätterte in den Seiten des Buches, das sie in der Hand hielt. »Daran erinnere ich mich nicht. Jedenfalls habe ich es damals nicht richtig verstanden und deshalb auch nicht viel Mühe darauf verwendet. Ich müsste mich noch einmal eingehend damit beschäftigen, um meine Erinnerung aufzufrischen.« Sie kniff die Augen zusammen und schien sich wieder zu entsinnen. »Ich meine mich zu erinnern, dass an diesen zentrale Stätten genannten Orten irgendetwas vergraben lag, aber was genau, weiß ich nicht mehr.«