Sie blickte angestrengt in das schmale Bändchen, als wäre sie in dieser Körperhaltung erstarrt. »Ich hatte gehofft, hier drin einen Hinweis zu finden.«
Mit einem tiefen Seufzer ließ Verna ihren Blick durch die Bibliothek schweifen. »Berdine, ich würde liebend gern noch bleiben und mir die Zeit nehmen, all diese Bücher methodisch zu erforschen, denn ich wusste wirklich gern, was diese Bibliothek und all die anderen hier im Palast enthalten, aber im Moment gibt es dringendere Aufgaben. Wir müssen unbedingt zurück zur Armee und zu meinen Ordensschwestern.«
Verna sah sich ein letztes Mal um. »Aber bevor ich gehe, möchte ich hier im Palast des Volkes noch etwas überprüfen. Vielleicht könntet Ihr mir dabei behilflich sein.«
Widerstrebend klappte Berdine das Buch zu und schob es zurück in die Vitrine, ehe sie die Tür behutsam schloss.
»Also gut, Prälatin. Was wollt Ihr Euch ansehen?«
30
Als sie den einzelnen, lange nachklingenden Ton einer Glocke hörte, stutzte Verna. »Was war denn das?«
»Die Andacht«, antwortete Berdine und blieb stehen, während der tiefe Glockenschlag in den endlosen marmornen und granitenen Fluren des Palasts des Volkes widerhallte. Was immer ursprünglich ihr Ziel gewesen sein mochte – die Menschen schwenkten allenthalben ab und bewegten sich stattdessen auf jenen breiten Korridor zu, in dem der tiefe, volltönende Glockenton erklungen war. Niemand schien es sonderlich eilig zu haben, aber alle hielten sehr zielstrebig auf den allmählich verklingenden Glockenton zu.
Verna sah Berdine fragend an. »Die was?«
»Die Andacht. Ihr werdet doch wissen, was eine Andacht ist.«
»Ihr meint die Andacht, die für Lord Rahl gehalten wird?«
Berdine nickte. »Die Glocke verkündet, dass es Zeit für die Andacht ist.« Nachdenklich wanderte ihr Blick in die Richtung des Korridors, in den die Menschen hineinströmten.
Viele in der immer rascher anwachsenden Menge waren mit in einer Vielzahl gedämpfter Farben gehaltenen Gewändern bekleidet. Verna vermutete, die mit einer silbernen oder goldenen Borte abgesetzten Gewänder waren das Erkennungszeichen irgendwelcher im Palast lebender und arbeitender Beamter, zumindest deuteten ihr ganzes Auftreten und ihre Körperhaltung darauf hin. Alle, von diesen Verwaltungsbeamten bis hin zu einfachen Boten in ihren grün abgesetzten Gewändern und ihren Ledermappen mit dem verschnörkelten, für das Haus Rahl stehenden Buchstaben »R« darauf, setzten ungezwungen ihre Unterhaltungen fort, während sie sich zu der Stelle begaben, wo die breiten Flure zusammenliefen. Andere, die in einem der vielen Ladengeschäfte arbeiteten, waren eher ihrem Beruf entsprechend gekleidet – ob sie nun mit Leder, mit Silber oder Töpferwaren arbeiteten, ob sie Schuhe flickten oder Bekleidung herstellten, ob sie die zahllosen Speisen oder Dienste feilboten oder mit den vielfältigen im Palast anfallenden Arbeiten, von der Wartung bis zur Reinhaltung, beschäftigt waren.
Ein großer Teil der Passanten trug die einfachen Kleider der Farmer, Händler und Kaufleute, von denen viele ihre Frauen und manche sogar ihre Kinder mitgebracht hatten. Wie die Menschen, die Verna auf den unteren Ebenen im Innern des riesigen Felsplateaus, auf dem sich der Palast des Volkes erhob, oder an den draußen eingerichteten Märkten gesehen hatte, schienen sie Besucher zu sein, die wegen irgendwelcher Geschäfte oder Einkäufe hergekommen waren. Andere wiederum hatten anlässlich ihres Besuches ihre besten Kleider angelegt. Von Berdine hatte sie erfahren, dass es Zimmer gab, die Gäste mieten konnten, für den Fall, dass sie länger im Palast zu bleiben beabsichtigten. Natürlich gab es auch Wohnquartiere für die zahllosen Menschen, die im Palast lebten und arbeiteten.
Die meisten mit Gewändern Bekleideten schlenderten gemächlich dahin, so als sei dies einfach Bestandteil ihres gewohnten Tagesablaufs. Wer sich fein herausgeputzt hatte, war bemüht, nicht minder gelassen zu wirken und die geschmackvolle Architektur nicht allzu offenkundig zu bestaunen, trotzdem sah Verna ihre bewundernd geweiteten Augen umherwandern. Die eher einfach gekleideten Besucher dagegen ließen es sich, während sie sich dem Strom der auf die Kreuzung zuhaltenden Passanten anschlössen, der sie zum Korridor mit der Glocke führen würde, nicht nehmen, alles ganz unverhohlen anzustarren – die hohen, aus buntscheckigem Gestein gemeißelten Statuen von Männern und Frauen in stolzer Pose, die polierten, über zwei Stockwerke reichenden und sich vor den Galerien emporschwingenden gekehlten Säulen, die grandiosen Fußböden aus schwarzem Granit und honigfarbenem Onyx.
Verna wusste, dass Steinfußbodenmuster von dieser Feinheit und Präzision, abgesetzt mit solch schmalen Fugen, nur von den fähigsten Handwerksmeistern der gesamten Neuen Welt geschaffen worden sein konnten. Während ihrer kurzen Dienstzeit als Prälatin im Palast der Propheten hatte sie sich mit der Frage des Auswechselns eines Teils des wunderschön gemusterten Fußbodens befassen müssen, der irgendwann in grauer Vorzeit von jungen, noch in der Ausbildung befindlichen Zauberern beschädigt worden war. Welcher Art die Vorfälle waren, die tatsächlich zu dem Schaden geführt hatten, und wer dafür verantwortlich zu machen war, blieb für immer unter dem Mantel der Verschwiegenheit verborgen, fest stand nur, dass ein mutwilliger Magiestoß einen nicht unbeträchtlichen Teil des kunstvoll angelegten Marmorbodens in Sekundenschnelle aufgerissen hatte. Trümmerteile und lose Fliesen waren zwar längst beseitigt worden, dennoch war der Fußboden über Jahrzehnte in seinem beschädigten Zustand erhalten geblieben – wenn auch mit praktischem, allerdings wenig ansehnlichem Kalkstein ausgebessert –, während das Leben im Palast seinen Fortgang nahm. Lange Zeit war die Haltung der Palastautoritäten gegenüber diesen jungen Burschen von einer gewissen Nachsicht geprägt gewesen, die sich nicht zuletzt aus dem Bedauern darüber speiste, dass man gezwungen war, so junge Männer gegen ihren Willen festzuhalten. Der Schaden hatte Verna stets irritiert, bis Warren, einst ihre große Liebe und ein enger Freund Richards, sie gedrängt hatte, ihrer Überzeugung nachzugeben und den Fußboden ausbessern zu lassen – und daher rührten ihre Kenntnisse über diese Fußböden wie auch die Gewissheit, dass viele Handwerker zwar dreist behaupteten, Meister ihres Fachs zu sein, aber nur wenige es wirklich waren. Verna ließ ihren Blick durch den spektakulären Palast und über die kunstvollen Steinmetzarbeiten wandern, und doch vermochte all diese Schönheit sie nicht anzurühren. Seit Warrens Tod kam ihr alles reizlos, belanglos und unbedeutend vor. Seit seinem Tod erschien ihr das Leben als mühselige Schinderei. Überall im Palast patrouillierten wachsame Soldaten, wahrscheinlich ohne sich des Schwindel erregenden Ausmaßes an menschlicher Fantasie und Mühen bewusst zu sein, das in die Schaffung eines solchen Ortes, wie ihn der Palast des Volkes darstellte, eingeflossen war. Sie waren jetzt ein Teil von ihm, ein Teil, der ihn am Leben erhielt, wie tausende ganz ähnlicher Männer vor ihnen, die jahrhundertelang durch die Flure gewandelt waren und für Sicherheit gesorgt hatten.
Alsbald fiel Verna auf, dass einige Gardisten zu zweit durch die Flure schlenderten, während andere in Gruppen patrouillierten. Die muskulösen jungen Burschen trugen fesche Uniformen mit Schulter- und Brustpanzern aus gestanztem Leder und waren ohne Ausnahme mit Schwertern bewaffnet, viele überdies noch mit einer Lanze. Darüber hinaus bemerkte Verna Spezialgardisten mit schwarzen Handschuhen, über deren Schulter, an einem Riemen, eine Armbrüst hing. Die Köcher an ihren Gürteln enthielten mit roten Federn bestückte Pfeile. Sämtliche Soldaten waren ständig in Bewegung und hatten auf alles ein Auge.