»Ich meine mich zu erinnern, dass Richard etwas von dieser Andacht erwähnte«, sagte Verna, »aber ich dachte nicht, dass sie auch dann stattfindet, wenn sich der Lord Rahl gar nicht im Palast befindet – und erst recht nicht, seit Richard dieses Amt innehat.«
Sie hatte nicht herablassend klingen wollen, aber als die Worte heraus waren, merkte sie, dass es so geklungen haben musste. Es war nur so, das Richard ... nun ja, eben Richard war. Berdine warf ihr einen scheelen Seitenblick zu. »Er ist trotzdem der Lord Rahl, und wir fühlen uns ihm nicht weniger verbunden, nur weil er gerade nicht im Palast weilt. Die Andacht findet zu allen Zeiten im Palast statt, ob Lord Rahl sich hier aufhält oder nicht. Und ungeachtet des Eindrucks, den Ihr persönlich von ihm habt, ist er in jeder Hinsicht der Lord Rahl, den wir respektieren wie noch keinen Lord Rahl vor ihm. Das gibt der Andacht einen tieferen Sinn und macht sie wichtiger als je zuvor.«
Verna verzichtete auf eine Erwiderung und bedachte Berdine stattdessen mit einem Blick, der ihr, als Schwester des Lichts und nun sogar Prälatin, keine sonderliche Mühe abverlangte. Auch wenn sie ihre Beweggründe kannte, sie war derzeit immerhin die Prälatin der Schwestern des Lichts, deren Arbeit ganz dem Willen des Schöpfers gewidmet war. Als Schwester des Lichts, die im Palast der Propheten unter einem den Alterungsprozess verlangsamenden Bann gelebt hatte, hatte sie Herrscher kommen und gehen sehen, ohne dass sich ihre Ordensschwestern ihnen jemals gebeugt hätten.
Sie ermahnte sich, dass der Palast der Propheten nicht mehr existierte und viele ihrer Mitschwestern jetzt unter der Herrschaft der Imperialen Ordnung standen.
Berdine wies mit einer ausholenden Geste auf den Palast ringsum. »Dies alles hat erst Lord Rahl möglich gemacht, er hat uns eine Heimat gegeben. Er ist die Magie gegen die Magie, seine Herrschaft garantiert unsere Sicherheit. Wir hatten in der Vergangenheit nicht selten Herrscher, die die Andacht als eine Demonstration sklavischer Unterwürfigkeit betrachteten, dabei ist sie ihrem Ursprung nach nichts anderes als ein Ausdruck des Respekts.«
Vernas Ärger brodelte dicht unterhalb der Oberfläche, schließlich sprach Berdine nicht etwa von irgendeinem mythischen Anführer, einem weisen alten König, sondern von Richard. Sosehr sie ihn schätzte und respektierte, er war noch immer Richard, ein ehemaliger Waldführer.
Der kurze Anflug von Empörung wich augenblicklich einem Gefühl des Bedauerns über diese wenig freundlichen Gedanken. Richard setzte sich stets ein für das, was richtig war, und hatte schon mehrfach mutig für seine noblen Überzeugungen sein Leben aufs Spiel gesetzt.
Außerdem war er es, der in den Prophezeiungen genannt wurde.
Und er war der Sucher – sowie der Lord Rahl, der Bringer des Todes, der die Welt auf den Kopf gestellt hatte. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie jetzt Prälatin war – auch wenn sie nicht recht wusste, ob sie das als Segen oder Fluch begreifen sollte.
Aber vor allem war Richard ihre letzte Hoffnung.
»Nun ja, wenn er sich nicht sputet, um endlich zu uns zu stoßen, und sich in der letzten entscheidenden Schlacht an die Spitze der d’Haranischen Armee stellt, wird von uns wohl niemand mehr übrig sein, der ihm Respekt zollen könnte.«
»Wir sind der Stahl gegen den Stahl, Lord Rahl ist die Magie gegen die Magie. Wenn er sich nicht zeigt, um gemeinsam mit der Armee zu kämpfen, dann nur deswegen, weil er es als seine Pflicht ansieht, uns vor den dunklen Kräften der Magie zu beschützen«, psalmodierte Berdine. »Was für ein einfältiges Geschwätz«, murmelte Verna bei sich, während sie sich beeilte, die Mord-Sith einzuholen. »Wo wollt Ihr überhaupt hin?«, rief sie ihr hinterher. »Zur Andacht, wohin denn sonst? Jeder im Palast nimmt an der Andacht teil.«
»Berdine«, knurrte sie, als sie ihren Arm zu fassen bekam. »Dafür haben wir jetzt keine Zeit.«
»Jetzt ist Andacht. Sie ist Bestandteil unserer Bande zu Lord Rahl. Ihr tätet gut daran, hinzugehen, schon allein deswegen, damit Ihr das nicht so leicht vergesst.«
Wie angewurzelt blieb Verna mitten in dem weiten Flur stehen und sah der sich mit entschlossenen Schritten entfernenden Mord-Sith verdutzt hinterher. Die Zeit, als die Bande zu Richard unterbrochen waren, war ihr noch lebhaft in Erinnerung. Es hatte nicht einmal übermäßig lange gedauert, trotzdem hatte der Schutz, den die Bande gewährten, während seiner Abwesenheit aus der Welt des Lebens zu existieren aufgehört – und in dieser kurzen Zeitspanne, als Richard und die Bande für sie alle unerreichbar waren, hatte Jagang sich in Vernas Träume gestohlen und von ihrem Verstand Besitz ergriffen – und Warren gefangen genommen. War es schon ein unvorstellbares Grauen, zu wissen, dass der Traumwandler die Herrschaft über ihr Bewusstsein erlangt hatte, so hatte das Wissen, dass Warren ihm gleichermaßen hilflos ausgeliefert war, alles nur noch schlimmer gemacht. Jagangs ununterbrochene Anwesenheit hatte jeden Aspekt ihres Seins bestimmt, die Gedanken, die er ihnen zu denken erlaubte, ja ihr ganzes Tun. Sie waren nicht mehr Herr ihres Willens, was zählte, war einzig der Wille Jagangs. Die bloße Erinnerung an den sengenden Schmerz, der ihr – und Warren – über diese Verbindung zugefügt worden war, ließ ihr völlig unvermutet stechend die Tränen in die Augen treten. Sie wischte sie rasch fort und eilte Berdine hinterher. Es gab wichtige Dinge zu erledigen, aber der Versuch, sich ganz alleine einen Weg durch das schier endlose Innenleben des Palasts des Volkes zu bahnen, würde sie unendlich viel Zeit kosten. Sie brauchte die Mord-Sith, damit diese ihr den Weg zeigte. Hätte Verna die Kontrolle über ihre Gabe gehabt, hätte ihr das vielleicht dabei helfen können, das Gesuchte selbst zu finden, aber im Innern des Palasts war ihr Han beinahe nutzlos. Sie würde Berdine also begleiten und darauf vertrauen müssen, dass sie sich nachher, und zwar ohne allzu großen Zeitverlust, wieder ihren Angelegenheiten widmen konnte.
Der nach links abgehende Korridor führte unter einer Innenbrücke mit einer Balustrade aus grauem, weiß geädertem Marmor hindurch. Am Treffpunkt von vier Seitengängen weitete sich der Korridor zu einem nach oben offenen Platz, in dessen Mitte sich ein quadratisches Wasserbecken befand, ringsum eingefasst von einer niedrigen Sitzbank aus poliertem, gesprenkeltem grauem Granit, der das Wasser zurückhielt. Im Wasser lag, nicht ganz mittig, ein großer, mit Narben übersäter Stein, und auf dem Stein stand eine Glocke – offenbar dieselbe, die erklungen war, um die Menschen zur Andacht zu rufen. Durch das offene Dach fiel ein sanfter Regen, dessen Tröpfchen die Oberfläche des Bassins zum Tanzen brachten. Verna bemerkte, dass der Fußboden rings um das Becken zu einer Reihe von Abflüssen hin leicht geneigt war, die das Regenwasser aufnehmen sollten. Die tönernen Fliesen trugen noch dazu bei, den Eindruck eines im Freien liegenden Platzes zu unterstreichen.
Ringsumher ließen sich die Menschen auf die Knie sinken und verneigten sich bis hinunter auf den Tonfliesenboden, das Gesicht dem Bassin mit der mittlerweile verstummten Glocke darin zugewandt. Berdines düsterer Unmut verflog, als sie sah, dass Verna sie begleitete. Ein seliges Lächeln auf den Lippen, blickte sie sich um, und dann tat sie etwas sehr Merkwürdiges: Sie langte hinter sich und nahm Verna bei der Hand.
»Kommt, lasst mich Euch bis nach vorn zum Bassin führen. Es gibt Fische dort.«
Und tatsächlich, als sie sich einen Weg zwischen all den am Boden knienden Menschen hindurch bis in die vorderste Reihe, ganz in der Nähe des Bassins, gebahnt hatten, sah Verna, das wahre Schwärme orangefarbener Fische im Wasser ziellos ihre Bahnen zogen. Zwischen all den sich bis auf den Boden verneigenden Menschen ringsum war kaum genug Platz zum Stehen.
»Sind sie nicht hübsch?«, fragte Berdine, die plötzlich wieder das Gebaren eines kleinen Mädchens an den Tag legte.
Verna maß die jüngere Frau mit einem durchdringenden Blick. »Nun ja, es sind halt Fische.«
Davon scheinbar unbeeindruckt, kniete Berdine auf einem Fleckchen nieder, das frei wurde, als einige Leute für sie Platz machten. Den verstohlenen Seitenblicken entnahm Verna, dass sie alle einen gesunden Respekt, wenn nicht gar unverhohlene Angst vor der Mord-Sith hatten. Zwar schien keiner verängstigt genug, um sich zu entfernen, dennoch war nicht zu übersehen, dass sie ihren Platz nicht mit Berdine teilen mochten. Außerdem schienen alle einigermaßen besorgt über die Person, die die Mord-Sith da zur Andacht mitgebracht hatte, so als wäre diese eine reuige Sünderin und bei der religiösen Handlung könnte Blut vergossen werden. Nach einem kurzen Blick über die Schulter zu Verna beugte sich Berdine nach vorn und legte die Hände auf den Fliesenboden – der Blick war eine Ermahnung, es ihr nachzutun. Verna bemerkte, dass die Gardisten sie beobachteten. Es war verrückt, sie war die Prälatin der Schwestern des Lichts, eine Beraterin Richards und eine seiner engsten Vertrauten – aber das konnten die Gardisten ja nicht wissen. Umso klarer war sie sich darüber, dass ihre Kraft hier nahezu vollkommen erloschen war. Dies war das Stammhaus der Rahls. Der gesamte Palast war in Gestalt einer Bannform errichtet worden, deren Zweck es war, ihre Macht zu festigen und allen anderen die ihre zu verwehren. Schließlich ließ sie sich mit einem schweren Seufzer auf die Knie hinunter und beugte sich, wie alle anderen auf ihre Hände gestützt, nach vorn. Sie befanden sich ganz nah am Wasserbecken, aber da die Dachöffnung nur ungefähr die Größe des eigentlichen Bassins hatte, beschränkte sich der Regen weitgehend auf das Wasserbecken, und die wenigen verirrten Tropfen wurden von der sanften Brise davongetragen. In Anbetracht ihrer gereizten Stimmung fühlten sich die paar feinen Spritzer, die sie trafen, sogar fast erfrischend an. »Ich bin zu alt für so etwas«, beklagte sich Verna mit gedämpfter Stimme bei ihrer Andachtspartnerin. »Aber Prälatin, Ihr seid doch eine junge, gesunde Frau«, erwiderte Berdine mit mildem Tadel. Verna stieß einen Seufzer aus. Es hatte einfach keinen Sinn, dagegen zu protestieren, töricht auf dem Boden herumzuknien und ein an einen Mann gerichtetes Bittgebet zu sprechen, dem sie bereits in mehr als einer Hinsicht treu ergeben war. Es war sogar mehr als töricht, es war albern. Und überdies Zeitverschwendung. »Führe uns, Meister Rahl«, begann die Menge einmütig, wenn auch nicht ganz wie aus einem Munde, und alle beugten sich noch weiter vor, bis sie mit der Stirn den Boden berührten. »Lehre uns, Meister Rahl«, psalmodierten sie und fanden immer mehr zur Harmonie. Obwohl ihre Stirn die Fliesen berührte, gelang es Berdine, einen glühenden Blick in Vernas Richtung zu werfen. Verna verdrehte die Augen, beugte den Oberkörper vor und presste ihre Stirn auf die Fliesen. »Beschütze uns, Meister Rahl«, fiel sie schließlich murmelnd in das Bittgebet ein, das sie längst kannte und Richard bereits persönlich dargebracht hatte. »In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«