Der leise Sprechgesang wurde zu etwas, zu dem sie Zuflucht nehmen konnte, das sie mit tiefer innerer Ruhe erfüllte.
Verna spürte einen warmen Sonnenstrahl auf sich fallen, als die Wolkendecke aufriss, und auf einmal war sie in ein sanftes, güldenes Licht getaucht, das sie mit einer Wärme umfing, die sie bis auf den Grund ihrer Seele zu durchdringen schien.
Warren hätte gewiss gewollt, dass sie die kostbaren Schönheiten des Lebens mit offenen Armen willkommen hieß, solange sie die Möglichkeit dazu besaß. Hier, unter der liebenvollen Berührung des strahlenden Lichts, fand sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ihren Frieden. »Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gewährt uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«
Wie sie in den wärmenden Sonnenstrahlen auf den Knien lag, erfüllte der sanfte Fluss der Worte der Andacht sie mit einer tiefen Ruhe, mit einem Gefühl friedlicher, nie gekannter Zugehörigkeit. Leise sprach sie die Worte vor sich hin und ließ sie ihr den Schmerz Stück für Stück nehmen. In diesem Moment, als sie hier auf den Knien lag, die Stirn auf den Fliesen, und ihr ganzes Herz und ihre Seele in die Worte legte, fühlte sie sich plötzlich frei von allen Sorgen. Eine einfache Lebensfreude überkam sie, und die Ehrfurcht, die sie davor empfand. Während sie gemeinsam mit allen anderen den Sprechgesang anstimmte, genoss sie den zarten Schein des Sonnenlichts, das sie so wärmend und beschützend, so liebenvoll umfing.
Es war fast wie in Warrens liebenden Armen.
Wie sie so ohne Unterbrechung, außer um Luft zu holen, gemeinsam mit den andern ein ums andere Mal vor sich hin psalmodierte, verstrich wie von selbst, unbemerkt und bedeutungslos, im Innern jenes Pols der Ruhe, die sie verspürte, die Zeit.
Dann erklang zweimal die Glocke, eine leise, sanfte, Mut zusprechende Bestätigung, dass die Andacht zwar beendet sei, sie aber stets begleiten werde.
Verna sah auf, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Es war Berdine, die ihr von oben herab zulächelte. Verna blickte um sich und sah, dass die meisten Leute längst gegangen waren, nur sie lag noch vornübergebeugt auf Händen und Knien am Boden vor dem Wasserbecken. Berdine kniete neben ihr. »Alles in Ordnung, Verna?«
Immer noch auf den Knien, richtete sie sich auf. »Ja, sicher ... es ist nur ... es war ein so angenehmes Gefühl, in der Sonne.«
Einen Moment lang zog Berdine die Stirn kraus. Sie blickte zu den Regentropfen hinüber, die auf der Wasseroberfläche des Bassins tanzten.
»Verna, es hat die ganze Zeit geregnet.«
Verna erhob sich und sah sich um. »Aber ... ich habe es doch ganz deutlich gespürt. Ich habe doch das Leuchten des Sonnenstrahls rings um mich her gesehen.«
Endlich schien Berdine zu begreifen und legte ihr eine tröstliche Hand auf die Schulter. »Verstehe.«
»Wirklich?«
Berdine nickte, ein mitfühlendes Lächeln auf den Lippen. »In gewisser Weise bietet einem der Besuch der Andacht die Chance, über sein Leben nachzudenken, und das wiederum hat in vieler Hinsicht etwas Tröstliches. Vielleicht war ja jemand da, der Euch liebt und der Euch trösten wollte.«
Verwundert starrte Verna in das milde lächelnde Gesicht der Mord-Sith. »Habt Ihr das jemals erlebt?«
Berdine schluckte, ehe sie verschämt nickte. Ihre von Tränen überfließenden Augen waren Antwort genug.
31
Sie durchquerten den Palast des Volkes auf einem verschlungenen, scheinbar planlosen und sich vermeintlich immer wieder überschneidenden Kurs. Diese knifflige, verwirrende Strecke durch das Labyrinth war notwendig, weil das Gebäude nicht mit dem Ziel errichtet worden war, eine möglichst mühelose Fortbewegung innerhalb seiner Mauern zu ermöglichen, vielmehr war es eigens in Form eines auf die Erdoberfläche gezeichneten Energiebanns konstruiert. Bemerkenswert fand Verna, dass es sich nicht nur um eine Bannform handelte, wie sie selbst sie schon ganz ähnlich gezeichnet hatte, sondern dass sie sich tatsächlich im Innern jener Bestandteile befand, aus denen sich dieser Bann zusammensetzte – was der Zauberei völlig neue Perspektiven eröffnete, und das in beeindruckendem Maßstab. Der Energiebann des Hauses Rahl war spürbar noch aktiv, weshalb sie überzeugt war, dass die Umrisse des Fundaments wahrscheinlich zuerst mit Blut – rahischem Blut! vorgezeichnet worden sein mussten.
Während die beiden durch die endlosen Hallen schritten, kam Verna aus dem Staunen über die vollendete Schönheit dieses Bauwerks – ganz zu schweigen von seiner Größe – nicht heraus. Gewiss, sie hatte auch schon in der Vergangenheit grandiose Bauwerke gesehen, dennoch waren die schieren Ausmaße des Palasts des Volkes Schwindel erregend. Er war nicht so sehr ein Palast als vielmehr eine komplette Stadt inmitten der Trostlosigkeit der Azrith-Ebene.
Der Palast selbst, oben auf dem ausgedehnten Felsplateau, stellte nur einen Teil des gewaltigen Komplexes dar. Das Innere des Felsplateaus war im Stil von Honigwaben mit abertausenden Räumen und Fluren durchzogen, darüber hinaus gab es zahllose Treppenhäuser, die auf unterschiedlichsten Wegen durch diese Räumlichkeiten nach oben führten. In den unteren Bereichen des Palasts boten zahlreiche Geschäftsleute ihre Waren und Dienstleistungen feil. Bis man den nach allen Regeln der Kunst errichteten, ganz oben gelegenen Palast erreicht hatte, war ein langer und mühseliger Aufstieg über endlose Treppenfluchten zu bewältigen, sodass viele Besucher, die den Palast zum Handeln oder zum Tätigen von Einkäufen aufsuchten, ihre Geschäfte bereits in diesen unteren Geschossen erledigten, ohne sich je die Zeit zu nehmen, bis zum eigentlichen Palast hinaufzusteigen. Eine noch größere Zahl von Menschen erledigte ihre Geschäfte gleich auf den unter freiem Himmel gelegenen Märkten am Fuß des Felsplateaus. Statuen aus schwarzem Stein zu beiden Seiten des breiten Flurs aus weißem Marmor blickten auf Verna und Berdine herab, als sie sich ihren Weg durch den endlosen Korridor bahnten. Der Schein der Fackeln spiegelte sich schimmernd im polierten schwarzen Marmor der hoch aufragenden Wächter, sodass sie fast lebendig wirkten, während die Farbkontraste des Gesteins und die schwarzen Skulpturen in dem weißen Marmorflur ein Gefühl düsterer Vorahnung verbreiteten. Die meisten Treppenhäuser, durch die sie nach oben stiegen, waren eher großzügig angelegt, einige besaßen sogar Balustraden aus poliertem Marmor von mehr als einer Armeslänge Durchmesser. Aber was Verna vor allem erstaunte, war die Vielfalt des im Innern des Palasts verwendeten Gesteins. Es schien, als wäre jedes Gemach, jeder Flur, jedes Treppenhaus in einer eigenen, einzigartigen Kombination von Farben gestaltet. Einige der eher praktischen Zwecken oder den Dienstboten vorbehaltenen Bereiche, durch die Berdine sie führte, waren in nichts sagendem beigefarbenem Kalkstein gehalten, in den wichtigeren, der Öffentlichkeit zugänglichen Bereichen dagegen hatte man erstaunlich lebendige Farben in kontrastierenden Mustern verwendet, die den Räumen ein erfrischendes, anregendes Gefühl der Lebendigkeit verliehen. Manche Privatflure, die den Beamten als Abkürzungen dienten, waren mit hochglanzpolierten Hölzern ausgekleidet, angestrahlt von silbernen Reflektorlampen, die alles in ein warmes Licht tauchten. Während diese Privatflure oftmals von eher bescheidener Größe waren, erstreckten sich die Hauptkorridore oft über mehrere Stockwerke. Einige der eindrucksvollsten – Hauptzweige der Bannform –wurden von Oberlichtern erhellt, durch die das Tageslicht hereinflutete. Die reihenweise emporstrebenden Säulen zu beiden Seiten reichten bis unter die weit oben liegende Decke, und die zwischen diesen gekehlten Pfeilern ausgesparten Balkone boten einen Blick hinunter auf die tief unten vorüberschlendernden Passanten. Immer wieder spannten sich Überführungen hoch oben über Vernas Kopf, und an einer Stelle erblickte sie sogar einen Übergang, der zwei übereinander liegende Geschosse gleichzeitig verband.