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»Hier hindurch«, sagte Berdine, als sie im Zentrum des Palasts an eine Doppeltür aus Mahagoni gelangten. Die Türflügel überragten Verna um eine volle Körperlänge. In deren Oberfläche aus massivem Mahagoniholz war ein Schlangenpaar geschnitzt, auf jedem Flügel eine, die ihre Schwänze um darüber wachsende Zweige ringelten, sodass ihre Körper von oben herabhingen und ihre Köpfe sich in Augenhöhe befanden. Spitze Fangzähne ragten aus ihren weit aufgerissenen Mäulern, so als könnten sie jeden Augenblick zubeißen. Die beiden Bronzetürgriffe knapp unterhalb der Schlangenköpfe – lebensgroßen grinsenden Totenschädeln nachempfunden – waren mit einer in vielen Jahren gereiften, von ihrem Alter zeugenden Patina überzogen. »Reizend«, murmelte Verna.

»Sie dienen als Warnung«, erklärte Berdine, »die Unbefugte davon abhalten soll, diese Räume zu betreten.«

»Hätte man nicht einfach ›Betreten verboten‹ auf die Tür pinseln können?«

»Nicht jeder ist des Lesens mächtig.« Berdines Miene bekam einen schlauen Zug. »Und nicht jeder, der des Lesens mächtig ist, würde dies auch zugeben, wenn man ihn beim Öffnen der Tür erwischt. Aber auf diese Weise ist es einem unmöglich, die Schwelle aus angeblicher Unwissenheit zu übertreten, außerdem macht es jedem un-missverständlich klar, dass er keine Chance hat, sich herauszureden, wenn er von den Gardisten zur Rede gestellt wird.«

Nach dem Frösteln zu urteilen, das sie beim Anblick der Doppeltür überlief, konnte sich Verna gut vorstellen, dass so ziemlich jeder einen weiten Bogen um sie machen würde. Berdine musste ihr ganzes Körpergewicht einsetzen, um die schwere Tür zu ihrer Rechten aufzuziehen.

In dem gemütlichen, mit Teppichen ausgelegten Raum, getäfelt mit dem gleichen Mahagoniholz wie die große Tür, wenn auch ohne weitere Schlangenschnitzereien, standen vier kräftige Soldaten Wache, die erheblich furchterregender aussahen als die bronzenen Totenschädel. Der Soldat, der ihnen am nächsten stand, stellte sich ihnen lässig in den Weg. »Dieser Bereich ist für Unbefugte verboten.«

Berdine setzte eine düstere Miene auf und ging einfach um ihn herum. »Gut. Sorgt dafür, dass das so bleibt.«

Verna – sich der Tatsache nur allzu bewusst, dass ihre Kräfte im Innern des Palasts nahezu nutzlos waren – blieb ihr dicht auf den Fersen. Der Soldat, sichtlich nicht erpicht darauf, gegenüber einer Mord-Sith handgreiflich zu werden, blies stattdessen in eine Pfeife, die einen dünnen, schrillen Ton erzeugte, dessen man sich zweifellos bediente, weil er durch das Treppenhaus bis zu den anderen Gardisten auf Patrouille trug. Doch da rückten die beiden am weitesten entfernten Soldaten bereits zusammen und versperrten den Weg durch den Raum. Einer der beiden forderte sie höflich, aber bestimmt mit erhobener Hand zum Stehen bleiben auf. »Tut mir Leid, Herrin, aber wie mein Kamerad bereits sagte und Ihr eigentlich wissen solltet, ist dieser Bereich für Unbefugte verboten.«

Berdine stemmte eine Hand auf ihre vorgeschobene Hüfte. Sofort schnellte ihr Strafer in die andere Hand, mit dem sie beim Sprechen gestikulierte.

»Da wir beide der gleichen Sache dienen, werde ich davon absehen, Euch auf der Stelle zu töten. Ihr könnt von Glück reden, dass ich heute nicht meinen roten Lederanzug trage, denn sonst würde ich mir die Zeit nehmen, Euch Manieren beizubringen. Und wie Ihr sehr wohl wissen solltet, sind wir Mord-Sith die persönlichen Leibwächter des Lord Rahl und somit befugt, jeden Bereich nach Belieben zu betreten.«

Der Soldat nickte. »Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Aber da ich Euch eine Weile nicht im Palast gesehen habe ...«

»Ich war bei Lord Rahl.«

Er räusperte sich. »Wie dem auch sei, während Eurer Abwesenheit hat der befehlshabende Offizier die Sicherheitsvorkehrungen in diesem Bereich verschärft.«

»Ausgezeichnet. Tatsächlich bin ich hier, um Kommandant General Trimack in ebendieser Angelegenheit zu sprechen.«

Der Mann neigte kurz sein Haupt. »Sehr wohl, Herrin. Die Treppe hinauf. Dort wird sich gewiss jemand Eures Anliegens annehmen.«

Als die beiden Frauen auf einem breiten Treppenabsatz die Richtung wechselten, erblickten sie am oberen Ende der Stufen nicht nur ein paar Soldaten auf Patrouille, sondern eine ganze Armee von ihnen, die sie offenbar bereits erwartete – alles Männer, an denen sich Berdine nicht so ohne weiteres würde vorbeimogeln können. »Was tun all diese Soldaten Eurer Meinung nach wohl hier?«, fragte Verna. »Am Ende eines der Flure dort oben«, erwiderte Berdine mit gesenkter Stimme, »befindet sich der Garten des Lebens. Wir hatten früher einige Probleme dort.« Aus ebendiesem Grund hatte Verna nach dem Rechten sehen wollen. Sie hörte, wie Befehle erteilt wurden, gefolgt von einem leisen metallischen Klirren, als sich mehrere Soldaten im Laufschritt näherten.

»Wer hat hier das Kommando?«, wandte sich Berdine dann in gebieterischem Ton an die ihr entgegenstarrenden jungen Gesichter.

»Ich«, rief ein etwas erwachsener wirkender, etwas älterer Mann, während er sich energisch einen Weg durch den dichten Ring aus Soldaten bahnte. Trotz seiner stechenden blauen Augen waren es vor allem die verblassten Narben an Wange und Kinn, die sofort Vernas Aufmerksamkeit erregten. Berdines Miene hellte sich auf, als sie den Mann erblickte. »General Trimack!«

Seine Männer machten ihm den Weg frei, sodass er nach vorn treten konnte. »Willkommen zu Hause, Herrin Berdine. Ich habe Euch eine ganze Weile nicht gesehen.«

»Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit. Es tut gut, wieder zu Hause zu sein.« Mit einer vorstellenden Geste deutete sie auf Verna. »Das ist Verna Sauventreen, Prälatin der Schwestern des Lichts. Sie ist eine persönliche Freundin des Lord Rahl und befehligt die mit der Gabe Gesegneten bei den d’Haranischen Streitkräften.«

Er neigte kurz den Kopf, ohne jedoch seine wachsamen Augen von ihr zu lassen. »Prälatin.«

»Verna, das ist Kommandant General Trimack von der Ersten Rotte im Palast des Volkes in D’Hara.«

»Erste Rotte?«

»Wann immer Lord Rahl in seinem Palast weilt, bilden wir den Ring aus Stahl um ihn, Prälatin. Wir würden uns bis zum letzten Mann aufopfern, ehe auch nur die leiseste Gefahr bestünde, dass ihm ein Unheil zustößt.« Sein Blick ging zwischen den beiden hin und her. »Wegen der großen Entfernung sagt uns unser Gespür nur, dass sich Lord Rahl lange Zeit in der Alten Welt, seit kurzem aber weit drüben im Westen befindet. Kennt Ihr zufällig seinen genauen Aufenthaltsort? Habt Ihr eine Vermutung, wann er wieder bei uns sein wird?«

»Auf diese Frage wüsste eine ganze Reihe von Menschen gern eine Antwort, General Trimack. Ich fürchte, Ihr werdet Euch am Ende der Schlange anstellen müssen.«

Der Mann wirkte aufrichtig enttäuscht. »Aber was ist mit dem Krieg? Bringt Ihr vielleicht neue Nachrichten?«

Verna nickte. »Die Imperiale Ordnung hat ihre Streitmacht aufgeteilt.«

Die umstehenden Soldaten wechselten wissende Blicke. Trimacks Gesicht verhärtete sich vor Sorge, während er darauf wartete, dass sie ausführlicher wurde.

»Die Imperiale Ordnung hat einen Großteil ihrer Truppen oben, auf der anderen Seite des Gebirges, in der Nähe von Aydindril zurückgelassen, sodass wir gezwungen waren, ebenfalls Soldaten sowie einige mit der Gabe Gesegnete zur Bewachung der Pässe diesseits der Berge zurückzulassen, um zu verhindern, dass der Feind dort durchbricht und bis nach D’Hara vorrücken kann. Zurzeit befindet sich ein großes Truppenkontingent der Imperialen Ordnung auf dem Weg quer durch die Midlands. Soweit wir wissen, planen sie, ihre Hauptstreitmacht um die Rückseite der Berge herumzuführen und anschließend nach Norden abzuschwenken, um D’Hara von Süden her anzugreifen. Im Augenblick lassen wir unsere Hauptstreitmacht nach Süden marschieren, um uns dort dem Feind entgegenzuwerfen.«