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Keiner der Soldaten sagte ein Wort, schweigend standen sie da, ohne auch nur die geringste Reaktion auf die vermutlich schicksalsträchtigste Nachricht zu zeigen, mit der sie in ihrem jungen Leben je konfrontiert worden waren. Eine bewundernswerte Haltung.

Der General wischte sich mit der Hand durchs Gesicht, als hätte sich ihrer aller Besorgnis allein auf ihm niedergelassen. »Demnach befindet sich unsere südwärts marschierende Armee also in der Nähe des Palasts.«

»Nein. Die Truppen befinden sich noch immer ein gutes Stück nördlich von hier. Armeen bewegen sich nicht schnell, es sei denn, sie sind dazu gezwungen. Da wir eine nicht annähernd so große Entfernung zurückzulegen haben wie die Imperiale Ordnung und Jagang seine Truppen in gemächlichem Tempo marschieren lässt, hielten wir es für klüger, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unserer Soldaten zu erhalten, statt sie auf einem langen Gewaltmarsch zu erschöpfen. Berdine und ich sind vorausgeritten, weil ich hier unbedingt einige Schriften einsehen muss ... Bücher über Fragen, die mit Magie zu tun haben. Da ich schon einmal hier bin, hielt ich es für angebracht, im Garten des Lebens nach dem Rechten zu sehen und mir Gewissheit zu verschaffen, dass alles zum Besten steht.«

Trimack holte tief Luft und trommelte mit den Fingern auf seinen Waffengurt. »Ich würde Euch wirklich gerne behilflich sein, Prälatin, aber ich habe von drei Zauberern den ausdrücklichen Befehl, niemanden dort hineinzulassen. In diesem Punkt waren sie überaus präzise: Niemand, nicht einmal das Gartenpersonal, darf dort hineingelassen werden.«

Vernas Stirn legte sich fragend in Falten. »Welche drei Zauberer?«

»Der Oberste Zauberer Zorander, dann Lord Rahl selbst sowie zu guter Letzt Zauberer Nathan Rahl.«

Nathan. Sie hätte sich denken können, dass er versuchen würde, sich im Palast den Anschein von Wichtigkeit zu geben – zweifellos, indem er die Rolle des mit der Gabe gesegneten Rahl und Ahnen Richards bühnenreif dramatisierte. Sie fragte sich, in welchen anderen Schwierigkeiten sich der Mann während seines Aufenthaltes im Palast des Volkes wohl noch gesuhlt haben mochte.

»Kommandant General, ich bin eine Ordensschwester und Prälatin der Schwestern des Lichts. Wir kämpfen auf derselben Seite.«

Seine Antwort wurde von einem anklagenden, funkelnden Blick aus zusammengekniffenen Augen begleitet, wie ihn nur ein Armeeoffizier zustande brachte. »Ihr seid nicht die erste Ordensschwester, die uns mit ihrem Besuch beehrt, Prälatin. Es liegt schon ein paar Jahre zurück, erinnert Ihr Euch noch, Männer?« Er ließ seinen Blick über die grimmig entschlossenen Mienen schweifen, ehe er sich erneut Verna zuwandte. »Welliges, schulterlanges braunes Haar, ungefähr Eure Größe, Prälatin. An ihrer rechten Hand fehlte ihr der kleine Finger. Vielleicht erinnert Ihr Euch an sie? War eine von Euren Schwestern, glaube ich.«

»Odette«, bestätigte Verna mit einem Nicken. »Lord Rahl hat mir von den Scherereien erzählt, die Ihr mit ihr hattet. Sie war eine vom Glauben abgefallene Schwester, könnte man sagen.«

»Ist mir völlig egal, ob sie am Tag, als sie zu uns kam, in der Gnade des Schöpfers stand oder nicht. Ich weiß nur eins: Sie hat auf ihrem Weg in den Garten des Lebens fast dreihundert meiner Männer umgebracht. Dreihundert! Und fast einhundert weitere auf ihrem Weg hinaus. Wir waren völlig machtlos gegen sie.« Die Zornesröte in seinem Gesicht ließ seine Narben noch deutlicher hervortreten. »Wisst Ihr, wie das ist, die eigenen Männer krepieren zu sehen, wenn man unfähig ist, auch nur das Geringste dagegen zu tun? Wisst Ihr, wie es ist, nicht nur für deren Leben verantwortlich zu sein, sondern zu wissen, dass es die eigene verdammte Pflicht ist, diese Frau am Betreten dieses Ortes zu hindern ... und nichts tun zu können, um die Gefahr abzuwenden?«

Unter den durchdringenden blauen Augen des Generals senkte Verna den Blick zu Boden. »Tut mir Leid, General. Aber sie hat gegen Lord Rahl gekämpft, ich nicht, ich stehe auf derselben Seite wie Ihr. Ich kämpfe dafür, Menschen ihres Schlages das Handwerk zu legen.«

»Das mag ja alles stimmen, aber mein Befehl, sowohl von Zedd als auch von Lord Rahl persönlich, nachdem er dieses abstoßende Weibsstück getötet hatte, lautet, dass niemandem der Zutritt zu diesem Ort gewährt werden darf. Und zwar ohne Ausnahme. Selbst wenn Ihr meine Mutter wärt – es stünde nicht in meiner Macht, Euch dort hineinzulassen.«

Irgendetwas erschien ihr daran unlogisch. Misstrauisch geworden, neigte sie den Kopf zur Seite und fragte:

»Wenn Schwester Odette diesen Ort betreten konnte, ohne dass Eure Männer imstande waren, sie daran zu hindern« – sie zog eine Braue hoch –, »was macht Euch dann so sicher, dass Ihr mich aufhalten könnt?«

»Ich würde mir wünschen, dass es dazu nicht kommt, aber sollten die Umstände es erfordern, verfügen wir über die nötigen Mittel, um unseren Befehlen Geltung zu verschaffen. Hilflos sind wir nicht mehr.«

Verna runzelte die Stirn. »Was wollt Ihr damit andeuten?«

Kommandant General Trimack zupfte einen schwarzen Handschuh aus seinem Gürtel und streifte ihn über, bewegte seine Finger hin und her, um das eng anliegende Leder ganz über seine Hand zu ziehen, ehe er mit Daumen und Zeigefinger ebendieser Hand behutsam einen der rot befiederten Pfeile aus dem Sechserfutteral im Köcher eines neben ihm stehenden Soldaten zog. Einen dieser Bolzen hatte der Soldat bereits in seine Armbrust eingelegt, sodass noch deren vier in dem speziellen Köcherfutteral steckten. Er fasste den Bolzen am eingekerbten Ende und hielt ihr die überaus feine Stahlspitze vors Gesicht, sodass sie sie von nahem betrachten konnte. »Er ist nicht bloß mit Stahl armiert, sondern mit dem Vermögen ausgestattet, alle niederzustrecken, die über magische Kräfte verfügen.«

»Mir ist noch immer nicht ganz klar, wovon Ihr sprecht.«

»Er ist mit einer Magie bewehrt, die angeblich jeden von einem mit der Gabe Gesegneten errichteten Schild durchschlagen kann.«

Verna streckte die Hand aus und berührte das hintere Ende des Schafts vorsichtig mit dem Finger. Augenblicklich, noch ehe sie ihren Arm wieder zurückziehen konnte, schoss ein Schmerz durch Hand und Handgelenk. Trotz ihrer im Palast verminderten Gabe hatte sie keine Mühe, die machtvolle Aura zu spüren, die das magische Netz verströmte, mit dem die tödliche Spitze umgeben war. Es war in der Tat eine überzeugende Waffe. Selbst im Vollbesitz ihrer magischen Kräfte würden die mit der Gabe Gesegneten gewaltige Probleme bekommen, käme plötzlich einer dieser Bolzen auf sie zugeflogen. »Und wieso konntet Ihr Schwester Odette nicht aufhalten, wenn Ihr diese Pfeile habt?«

»Damals hatten wir sie ja noch nicht.«

Vernas Stirn furchte sich noch tiefer. »Und woher habt Ihr sie?«

Das Lächeln des Generals verriet die Zufriedenheit eines Mannes, der sich sicher war, nie wieder hilflos einem mit der Gabe gesegneten Gegner ausgeliefert zu sein. »Als Zauberer Rahl im Palast weilte, erkundigte er sich bei mir nach den Verteidigungsmaßnahmen. Ich berichtete ihm von dem Angriff der Hexenmeisterin und von unserer Machtlosigkeit gegenüber ihren Kräften. Daraufhin durchsuchte er den Palast und fand diese Waffen. Offenbar lagerten sie an irgendeinem gesicherten Ort, aus dem sie nur ein Zauberer entnehmen konnte. Er hat meine Männer persönlich mit diesen Bolzen und den für das Abschießen nötigen Armbrüsten ausgestattet.«

»Wie überaus aufmerksam von Zauberer Rahl.«

»Ja, das war es.«

Vorsichtig steckte der General den Bolzen in das spezielle Futteral zurück, in dem die Bolzen voneinander getrennt aufbewahrt wurden. Jetzt verstand sie endlich, warum das nötig war, denn auch wenn das genaue Alter dieser Waffen nicht festzustellen war, so vermutete sie, dass es sich um Überbleibsel des Großen Krieges handelte.

»Zauberer Rahl war es auch, der uns im Gebrauch dieser überaus gefährlichen Waffen unterwiesen hat.« Er bewegte die Finger seiner erhobenen Hand hin und her. »Dabei hat er uns erklärt, dass wir beim Hantieren mit den Pfeilen stets diese Spezialhandschuhe tragen müssten.«