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Er zog den Handschuh wieder aus und stopfte ihn zu seinem Gegenstück hinter den Gürtel zurück. Verna holte tief Luft, um ihre Worte mit dem nötigen Bedacht zu formulieren. »General, ich kenne Nathan Rahl schon seit lange vor der Geburt Eurer Großmutter. Er ist nicht immer aufrichtig, was die Gefahren betrifft, die mit seinem Tun verbunden sind. An Eurer Stelle würde ich diese Waffen mit äußerster Vorsicht behandeln und absolut alles, was er Euch, und sei es noch so beiläufig, über sie erklärt hat, so behandeln, als ginge es um Leben und Tod.«

»Wollt Ihr damit andeuten, er ist leichtsinnig?«

»Nein, absichtlich nicht, aber oft neigt er dazu, Dinge herunterzuspielen, die er als ... lästig empfindet. Davon abgesehen ist er sehr alt und mit zahllosen Talenten gesegnet, weshalb er leicht vergisst, dass seine Kenntnisse von gewissen geheimnisvollen Dingen sehr viel umfassender sind als bei den meisten Menschen oder dass seine Gabe ihn zu Dingen befähigt, die für andere undenkbar, geschweige denn nachvollziehbar sind. Man könnte sagen, er gleicht ein wenig einem alten Mann, der seinen Besuchern zu erzählen vergisst, dass sein Hund bissig ist.«

Ringsum wechselten die Soldaten viel sagende Blicke. Nicht wenige von ihnen rückten mit Ellbogen oder Hand ein Stück von den Bolzen in ihren Köchern ab.

General Trimack hakte einen Daumen hinter das Heft seines in der Scheide an seiner linken Hüfte steckenden Kurzschwerts. »Ich nehme Eure Warnung durchaus ernst, Prälatin, dennoch hoffe ich auf Euer Verständnis, wenn ich das Leben von hunderten meiner Männer, die beim letzten Auftauchen einer Schwester umgekommen sind, gegen deren Magie wir machtlos waren, ebenfalls ernst nehme genauso ernst wie das Leben dieser Männer hier. Ich möchte nicht, dass sich so etwas jemals wiederholt.«

Verna benetzte ihre Lippen und ermahnte sich, dass dieser Mann nur seine Arbeit tat, zumal sie angesichts der Tatsache, dass der Palast ihr Han aufzehrte, sein Gefühl von Machtlosigkeit auf beklemmende Weise nachempfinden konnte.

»Verstehe, General Trimack.« Sie strich sich eine Locke ihres Haars aus dem Gesicht. »Auch mir ist die Bürde der Verantwortung für das Leben anderer nicht unbekannt. Das Leben Eurer Soldaten ist selbstverständlich kostbar und jede Maßnahme berechtigt, die den Feind daran hindert, es ihnen zu nehmen. In diesem Sinne möchte ich Euch dringend ans Herz legen, die mit Magie versehenen Waffen vorsichtig zu handhaben. Diese Dinge sind normalerweise nicht für den unkontrollierten Gebrauch durch nicht mit der Gabe Gesegnete gedacht.«

Er nickte einmal knapp. »Wir werden Eure Warnung beherzigen.«

»Gut. Weiterhin solltet Ihr wissen, dass das, was sich in diesem Raum befindet, extrem gefährlich ist – und diese Gefahr betrifft uns alle. Es wäre daher in unserem gemeinsamen Interesse, wenn ich mich, da ich schon einmal hier bin, kurz vergewissere, dass es sicher untergebracht ist.«

»Ich verstehe Eure Sorge durchaus, Prälatin, aber Ihr müsst verstehen, dass mir meine Befehle keinen Ermessensspielraum für Ausnahmen lassen. Allein auf Euer Wort, dass Ihr die seid, die Ihr zu sein vorgebt, und uns lediglich helfen wollt, kann ich Euch keinen Zutritt zu diesem Raum gewähren. Angenommen, Ihr wärt eine Spionin, eine Verräterin oder gar der Leibhaftige höchstselbst? So aufrichtig Ihr auch wirken mögt, ich bin nicht zum Rang eines befehlshabenden Generals aufgestiegen, weil ich mich von attraktiven Frauen zu irgendetwas überreden lasse.«

Vor allen diesen Leuten als »attraktive Frau« bezeichnet zu werden machte Verna für einen Moment stutzig. »Eins kann ich Euch jedoch persönlich garantieren, niemand – absolut niemand – hat diesen Raum seit Lord Rahls letztem Besuch betreten, nicht einmal Nathan Rahl. Was immer sich im Garten des Lebens befindet, ist nach wie vor unberührt.«

»Verstehe, General.« Bis sie es schaffte, den Palast erneut aufzusuchen, würde eine Ewigkeit vergehen, und niemand konnte sagen, wo Richard sich derzeit befand oder wann er zurückkehren würde. Nachdenklich rieb sie sich mit den Fingern über die Stirn und suchte nach einem Ausweg aus dieser vertrackten Situation. »Ich mache Euch einen Vorschlag. Angenommen, ich betrete den Raum gar nicht, sondern bleibe stattdessen einfach außerhalb des Gartens des Lebens in der Tür stehen und werfe einen Blick hinein, um mich zu vergewissern, dass die drei dort aufbewahrten Kästchen unbeschädigt sind? Von mir aus könnt Ihr sogar ein Dutzend Eurer Männer diese tödlichen Bolzen auf meinen Rücken richten lassen.«

Nachdenklich biss er sich auf die Lippe. »Jeweils eine Gruppe vor Euch, zu beiden Seiten und in Eurem Rücken wird Euch, den Finger am Abzug, mit vorgehaltener Waffe in Schach halten. Ihr dürft an meinen Leuten vorbei einen Blick durch die geöffnete Tür in den Garten des Lebens werfen, aber es ist Euch bei Todesstrafe untersagt, die Schwelle zu übertreten.«

Genau genommen musste Verna gar nicht so nahe heran, dass sie die Kästchen berühren konnte – und, um der Wahrheit gerecht zu werden, sie wollte es auch gar nicht. Im Grunde wollte sie sich nur vergewissern, dass sich niemand an ihnen zu schaffen gemacht hatte, auch wenn ihr die Vorstellung ein gewisses Unbehagen bereitete, dass einer der Soldaten nur mit dem Finger zu zucken brauchte, um einen dieser tödlichen Bolzen auf sie abzufeuern. Der Gedanke, nach den Kästchen der Ordnung zu sehen, war schließlich nur eine nachträgliche Überlegung gewesen, da sie sich ohnehin im Palast aufhielt. Der eigentliche Grund für ihren Besuch war ein ganz anderer. Nun, wie auch immer jetzt war sie so dicht davor.

»Einverstanden, General. Ich will mich lediglich vergewissern, dass sie unbeschädigt sind, damit wir alle ein wenig unbeschwerter schlafen können.«

»Für unbeschwerten Schlaf bin ich immer zu haben.«

Kommandant General Trimack führte Berdine und Verna inmitten eines Knäuels aus Soldaten durch einen breiten Korridor aus poliertem Granit, dessen in weiten Abständen vor die Wand gesetzte Stützpfeiler wuchtige Steinplatten einrahmten, als handelte es sich um Kunstwerke. In Vernas Augen waren sie der sichtbare Beweis für die Hand des Schöpfers, es waren Kunstwerke aus dem von ihm selbst bestellten Garten, der die Welt des Lebens repräsentierte. Das Geräusch der sie eskortierenden Soldaten hallte in beiden Richtungen durch den riesigen Flur, als sie eine Reihe von Einmündungen passierten, Seitenzweige der Bannform, die ausnahmslos dem durch den Garten des Lebens gebildeten Mittelpunkt zustrebten. Zu guter Letzt gelangten sie zu einer mit Schnitzereien einer sanft geschwungenen Wald- und Hügellandschaft bedeckten vergoldeten Doppeltür. »Hinter dieser Tür befindet sich der Garten des Lebens«, erklärte ihr der General feierlich. Während die Soldaten mit angelegter Armbrust einen Ring um sie bildeten, ging der General daran, einen der mächtigen vergoldeten Türflügel aufzuziehen. Einige der seitlich von ihr und in ihrem Rücken stehenden Soldaten richteten ihre Bolzen auf ihren Kopf, vier weitere nahmen vor ihr Aufstellung und zielten auf ihr Herz. Zu ihrer Erleichterung zielte wenigstens niemand direkt auf ihr Gesicht. Eigentlich fand sie das Ganze ziemlich albern, doch diesen Soldaten war es bitterernst, also verhielt sie sich entsprechend. Als der goldbeschlagene Türflügel aufgestoßen wurde, schob sich Verna, umringt von der dicht geschlossenen Formation ihrer persönlichen Meuchlertruppe, behutsam näher an die Türöffnung heran, um besser sehen zu können. Sie musste ihren Hals recken und schließlich sogar einen der Soldaten behutsam mit einer Handbewegung auffordern, ein kleines Stück zur Seite zu treten, damit sie ungehinderte Sicht in das Innere des riesigen Raums hatte.

Als Verna aus dem eher schlecht beleuchteten Korridor ins Innere des Raums blickte, sah sie, dass er dank der bleiverglasten hohen Deckenfenster selbst bei bedecktem Himmel in all seiner Pracht ausgeleuchtet wurde. Überrascht stellte sie fest, dass der Garten des Lebens, hier oben im Herzen des Palasts des Volkes, im Großen und Ganzen einem ... ganz normalen üppigen Garten glich.