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Soweit sie erkennen konnte, gab es entlang der Außenwand des Raums mehrere Fußwege, die sich durch die Blumenbeete wanden. Der Boden war überall mit Blütenblättern übersät, einige noch immer kräftige Rot- und Gelbtöne konnte man ausmachen, die meisten aber waren längst eingetrocknet und verwelkt. Jenseits der Blumen wuchsen ein paar kleine Bäume, hinter denen wiederum einige niedrige, rankenüberwucherte Steinmäuerchen zu sehen waren. Innerhalb dieser Mauern herrschte ein wildes Durcheinander aus Sträuchern und Zierpflanzen, die sich allerdings mangels Pflege in einem erbärmlichen Zustand befanden. Viele der mit langen, frischen Sprösslingen übersäten Pflanzen waren in die Höhe geschossen und mussten dringend beschnitten werden, andere waren von aggressiven Ranken durchzogen. Allem Anschein nach hatte General Trimack die Wahrheit gesagt. Niemandem, nicht einmal den Gärtnern, war der Zutritt zum Garten gestattet worden.

In der Mitte des beeindruckenden Raumes befand sich eine verwahrloste Rasenfläche, die einen fast geschlossenen Kreis bildete. Die einzige Unterbrechung im Grasring war ein weißer Steinklotz, und auf diesem Stein befanden sich zwei niedrige gekehlte Sockel, die eine glatte Granitplatte stützten. Auf diesem granitenen Altar standen drei Kästchen mit einer Oberfläche von undurchdringlicher Schwärze. Es überraschte Verna fast ein wenig, dass sie dem Raum nicht alles Licht entzogen und ihn mitsamt der ganzen Welt in die ewige Finsternis der Unterwelt hineinsogen. Schon der bloße Anblick dieser Gegenstände mit ihrer unheilvollen Ausstrahlung ließ ihr das Herz bis zum Hals schlagen.

Verna kannte die drei Kästchen unter dem Begriff »das Tor«, und tatsächlich waren sie exakt, was dieser Name besagte. In diesem Fall bildeten sie alle drei zusammen eine Art Durchgang zwischen der Welt des Lebens und dem Totenreich, das Tor selbst war aus der Magie beider Welten konstruiert. Falls dieser Durchgang zwischen den Welten jemals geöffnet wurde, würde der Schleier zerreißen, und der Namenlose, der Hüter der Toten, wäre von dem Siegel befreit.

Da diese Information in nur einem sehr beschränkten Personenkreis zugänglichen Büchern zu finden war, kannten nur wenige Personen im Palast der Propheten das Tor unter seinem alten Namen: Kästchen der Ordnung. Die drei Kästchen funktionierten nur gemeinsam, und zusammen bildeten sie das Tor. Soweit im Palast der Propheten bekannt, galt es seit über dreitausend Jahren als verschollen – jeder war überzeugt, es sei verloren, auf Nimmerwiedersehen verschwunden und für alle Zeiten dahin. Über die Jahrhunderte waren immer wieder Spekulationen darüber angestellt worden, ob es überhaupt jemals existiert hatte, und selbst die bloße Möglichkeit seiner Existenz hatte Anlass zu zahlreichen hitzigen theologischen Disputen gegeben. Aber das Tor – die Kästchen der Ordnung – existierte tatsächlich, und Verna hatte Mühe, ihre Augen davon loszureißen. Der Anblick dieser abscheulichen Gegenstände ließ ihr Herz schneller schlagen, kalter Schweiß ließ ihre Kleider klamm werden.

Es konnte kaum verwundern, dass drei Zauberer dem General den Befehl gegeben hatten, niemanden in diesen Raum zu lassen. Verna sah sich gezwungen, ihre Meinung über Nathan zu revidieren, der die Erste Rotte der Palastwache mit derart gefährlichen Waffen ausgerüstet hatte. Die juwelenbesetzte Abdeckung war entfernt worden, sodass nur die unheimliche Schwärze der Boxen selbst zu sehen war. Einst hatte Darken Rahl die Kästchen mit dem Ziel ins Spiel gebracht, mithil-fe der Macht der Ordnung die Herrschaft über die Welt des Lebens an sich zu reißen. Richard hatte dies zum Glück verhindern können.

Ein Diebstahl der Kästchen zu diesem Zeitpunkt würde allerdings keinem Dieb etwas nützen. Eine Unmenge von Informationen war nötig, um die Arbeitsweise der Magie der Ordnung zu verstehen und zu begreifen, wie das Tor selbst funktionierte, und ein Teil dieser Informationen stand in einem Buch, das außer in Richards Erinnerung nicht mehr existierte – was einer der Gründe dafür war, dass er Darken Rahl einst hatte besiegen können. Aber ein Dieb müsste nicht nur über ein umfassendes Wissen und weit reichende Kenntnisse verfügen, sondern musste unbedingt auch additive und subtraktive Magie besitzen, wenn er sich dieses Tors bedienen oder die Macht der Ordnung in Anspruch nehmen wollte.

Die eigentliche Gefahr drohte vermutlich dem, der töricht genug war, diese heimtückischen Gegenstände tatsächlich zu benutzen.

Verna entfuhr ein Seufzer der Erleichterung, als sie die drei Kästchen unberührt an exakt jener Stelle vorfand, wo Richard sie nach eigenen Angaben zurückgelassen hatte. Im Augenblick gab es vermutlich keinen sichereren Ort für die Aufbewahrung derart gefährlicher magischer Gegenstände. Vielleicht würde sie ja eines Tages einen Weg finden, das Tor zu vernichten – sofern dies überhaupt möglich war. Fürs Erste jedoch waren sie dort sicher aufgehoben.

»Vielen Dank, General Trimack. Ich nehme mit großer Erleichterung zur Kenntnis, dass alles so ist, wie es sein sollte.«

»Und so wird es auch bleiben«, erwiderte er und stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür, die sich geräuschlos schloss. »Außer Lord Rahl gelangt niemand hier hinein.«

»Gut.« Sie schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln, dann ließ sie den Blick durch den prächtigen Palast schweifen, der sie umgab, über diese Illusion von Beständigkeit, Frieden und Sicherheit, die er verströmte. Wenn es doch nur so gewesen wäre. »Nun, ich fürchte, wir müssen aufbrechen, ich muss zurück zu den Streitkräften. Ich werde General Meiffert ausrichten, dass die Dinge hier im Palast in guten Händen sind. Hoffen wir, dass Lord Rahl bald zu uns stößt und wir die Imperiale Ordnung aufhalten können, ehe sie überhaupt bis hierhin vorrücken kann. In den Prophezeiungen ist ausdrücklich davon die Rede, dass wir die Imperiale Ordnung vernichtend schlagen, wenn nicht gar in die Alte Welt zurücktreiben können, vorausgesetzt, er stößt in der entscheidenden Schlacht zu uns.«

Mit einem entschlossenen Nicken verabschiedete sich der General von ihr. »Mögen die Gütigen Seelen mit Euch sein, Prälatin.«

Mit Berdine an ihrer Seite verließ sie den verbotenen Bereich und ließ den Garten des Lebens hinter sich zurück. Und als sie die Stufen hinabstiegen, war sie erleichtert, dass sie wieder auf dem Weg zurück zur Armee war, auch wenn deren Mission ihr Kopfzerbrechen bereitete. Seit ihrem Besuch im Palast, das spürte sie jetzt, hatte ihr Engagement, ihre Verbundenheit mit dem, was unter Richards Herrschaft aus dem d’Haranischen Reich geworden war, merklich zugenommen, ja, selbst ihr Interesse am Leben selbst schien neu geweckt. Aber wenn es ihnen nicht gelang, Richard zu finden und ihn zu bewegen, sich in der Schlacht, die sie beim finalen Zusammenstoß mit der Imperialen Ordnung erwartete, an die Spitze der Streitkräfte zu stellen, dann kam das Vorhaben, Jagangs Armeen aufzuhalten, einem glatten Selbstmord gleich. »Prälatin?« Berdine drückte die Tür mit der Schlangenschnitzerei ins Schloss. Verna blieb stehen und wartete, während die Mord-Sith mit der Hand den Bronzeschädel des Türgriffs tätschelte. »Was ist denn, Berdine?«

»Ich denke, ich sollte hier bleiben.«

»Hier bleiben?« Verna sah ihr in die Augen. »Aber warum denn?«

»Wenn Ann Lord Rahl findet und ihn zur Armee bringt, wird er dort auf Euch und eine Reihe anderer Mord-Sith zählen können, die ihn beschützen – er wird, wie Ihr es nennt, am Ort seiner Bestimmung angelangt sein. Nur womöglich findet sie ihn ja gar nicht.«

»Ihr wird gar nichts anderes übrig bleiben. Im Übrigen ist sich auch Richard der Bedeutung dieser Prophezeiung bewusst, er weiß, dass seine Anwesenheit bei der entscheidenden Schlacht dringend erforderlich ist. Selbst wenn es Ann nicht gelingen sollte, ihn zu finden, bin ich zuversichtlich, dass er zu uns stoßen wird.«

Berdine, die sichtlich Mühe hatte, die richtigen Worte zu finden, zuckte mit den Schultern. »Mag sein, vielleicht aber auch nicht. Ich habe lange Zeit mit ihm verbracht, Verna. Das entspricht einfach nicht seiner Denkweise. Die Prophezeiungen haben für ihn nicht den gleichen Stellenwert wie für Euch.«