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Verna stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ein wahres Wort aus Eurem Mund, Berdine.«

»Dies ist das Zuhause von Lord Rahl, auch wenn er hier, außer als Gefangener, nie wirklich gelebt hat. Trotzdem ist er hierher zurückgekommen, um sich um uns, sein Volk und seine Freunde, zu kümmern. Ich war lange mit ihm zusammen, ich weiß, wie sehr wir ihm am Herzen liegen, und ich weiß auch, dass er sich darüber klar ist, wie sehr wir ihm alle zugetan sind. Vielleicht verspürt er ja das Bedürfnis, nach Hause zurückzukehren. Und wenn dem so ist, dann, finde ich, sollte ich für ihn da sein. Er ist bei den Büchern und den Übersetzungen auf meine Hilfe angewiesen – glaube ich zumindest. Jedenfalls hat er mir immer das Gefühl gegeben, ich sei für ihn wichtig. Ich weiß nicht, ich denke einfach, ich sollte hier im Palast bleiben, für den Fall, dass er hierher zurückkehrt. Zumal er in diesem Fall darüber unterrichtet werden muss, dass Ihr verzweifelt nach ihm sucht und dass die entscheidende Schlacht unmittelbar bevorsteht.«

»Sagen Euch die Bande nicht, wo er sich befindet?«

Berdine wies nach Westen. »Er ist irgendwo in dieser Richtung, allerdings sehr weit weg.«

»Die gleichen Worte hat auch General Trimack benutzt, was nur bedeuten kann, dass Richard sich wieder irgendwo in der Neuen Welt befindet.« Verna sah einen Grund, mal wieder zu lächeln. »Endlich! Es tut gut, das zu wissen.«

»Je näher ihm die mit der Bande sind, desto tatkräftiger werden sie Euch bei der Suche nach ihm unterstützen können.«

Verna dachte einen Moment über ihren Vorschlag nach. »Ich werde Eure Gesellschaft vermissen, Berdine, aber ich denke, Ihr müsst tun, was Ihr für richtig haltet. Außerdem muss ich zugeben, was Ihr da sagt, klingt nicht ganz abwegig. Wenn wir ihn gleichzeitig an mehreren Orten suchen, erhöht das unsere Chancen, ihn rechtzeitig zu finden.«

»Ich halte es wirklich für richtig, hier zu bleiben. Außerdem möchte ich mir ein paar der alten Texte vornehmen und versuchen, einige Äußerungen Kolos abzugleichen. Es gibt da ein paar Dinge, die mich verwirren. Wenn ich das klären kann, könnte ich Lord Rahl vielleicht sogar helfen, die entscheidende Schlacht zu gewinnen.«

Verna nickte, ein betrübtes Lächeln auf den Lippen. »Bringt Ihr mich noch hinaus?«

»Selbstverständlich.«

Das Geräusch von Schritten ließ die beiden herumfahren. Es war eine weitere Mord-Sith, in ihrem roten Lederanzug. Sie war blond und ein Stück größer als Berdine. Ihre stechenden blauen Augen maßen Verna mit jener Art wohl abgewogener Berechnung, aus der ein unerschütterliches, furchtloses Selbstvertrauen sprach. »Nyda!«, begrüßte Berdine sie.

Diese blieb stehen, einen Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln verzogen, und legte Berdine eine Hand auf die Schulter, eine Geste, die nach Vernas bisheriger Erfahrung den Gipfel ausgelassener Freude unter den Mord-Sith darstellte, außer vielleicht bei Berdine.

Nyda blickte auf Berdine herab, als wollte sie sie mit ihren Augen verschlingen. »Es ist schon eine Weile her, Schwester Berdine. Ohne dich war es einsam in D’Hara. Willkommen daheim.«

»Es tut gut, wieder daheim zu sein und dem Gesicht zu sehen.«

Als Nydas Blick zu Verna schwenkte, schien Berdine sich auf ihr Benehmen zu besinnen. »Schwester Nyda, dies ist Verna, die Prälatin der Schwestern des Lichts. Sie ist eine gute Freundin und Beraterin des Lord Rahl.«

»Er ist auf dem Weg hierher?«

»Leider nein«, antwortete Berdine.

»Seid Ihr zwei tatsächlich Schwestern?«, fragte Verna.

»Nein.« Mit einer Handbewegung wies Berdine den Gedanken entschieden von sich. »Es ist eher so wie bei Euch, wenn Ihr die anderen Frauen Eures Ordens als ›Schwester‹ bezeichnet. Nyda ist eine alte Freundin.«

Nyda blickte sich um. »Wo ist Raina?«

Die unerwartete Begegnung mit dem Namen ließ Berdine auf der Stelle erblassen. »Raina lebt nicht mehr.«

Nyda zeigte keinerlei Regung. »Das wusste ich nicht, Berdine. Ist sie einen angemessenen Tod gestorben, mit ihrem Strafer in der Hand?«

Berdine schluckte, den Blick starr zu Boden gerichtet. »Sie ist an der Pest gestorben, bis zum letzten Atemzug hat sie dagegen angekämpft ... doch am Ende hat sie sie übermannt. Sie starb in Lord Rahls Armen.«

Verna meinte, eine leichte Zunahme der Tränenflüssigkeit in Nydas blauen Augen erkennen zu können, als diese ihre Mord-Sith-Schwester betrachtete. »Das tut mir sehr Leid, Berdine.«

Berdine sah auf. »Lord Rahl hat bei ihrem Tod geweint.«

Dem stummen, gleichwohl erstaunten Ausdruck in Nydas Gesicht konnte Verna entnehmen, dass es als völlig unerhört galt, wenn Lord Rahl dem Tod einer Mord-Sith anders als mit Gleichgültigkeit begegnete. Nach dem Ausdruck ungläubigen Staunens, der über ihr Gesicht ging, war eine solche Ehrerbietung für eine der ihren die denkbar höchste Auszeichnung.

»Mir sind diese Geschichten über Lord Rahl schon zu Ohren gekommen. Dann sind sie also tatsächlich wahr?«

Ein strahlendes Lächeln ging über Berdines Gesicht. »Und ob.«

32

»Was lest Ihr denn da Spannendes?«, fragte Rikka, während sie die massive Tür mit der Schulter zudrückte. Zedd stieß ein verdrießliches Grunzen aus, ehe er von dem aufgeschlagen vor ihm liegenden Buch aufsah. »Leere Seiten.«

Durch das runde Fenster zu seiner Linken konnte er auf die Dächer der Stadt Aydindril hinabblicken, die sich tief unter ihm erstreckten. Im goldenen Licht der untergehenden Sonne bot die Stadt einen grandiosen Anblick, aber der Schein trog. Jetzt, da sämtliche Bewohner auf der Flucht vor den einfallenden Horden die Stadt verlassen hatten, glich Aydindril eher einer leeren Hülse ohne jedes Leben, nicht unähnlich den abgestreiften Häuten der erst kürzlich aus der Erde hervorgeschlüpften Zikaden. Rikka beugte sich über den prachtvollen, glänzenden Schreibtisch zu ihm hin, den Kopf leicht zur Seite geneigt, um besser sehen zu können, während sie neugierig auf das Buch starrte. »Die Seiten sind doch gar nicht völlig leer«, rief sie aus. »Außerdem, wo nichts steht, kann man auch nichts lesen, also lest Ihr doch wohl eher die Schrift und nicht die leeren Seiten. Ihr solltet Euch um eine etwas präzisere, um nicht zu sagen ehrlichere Ausdrucksweise bemühen, Zedd.«

Zedds verdrießliche Miene verfinsterte sich noch mehr, als er den Kopf hob, um ihr in die Augen zu sehen. »Manchmal ist das, was verschwiegen wird, aufschlussreicher als das, was man sagt. Habt Ihr je darüber nachgedacht?«

»Bittet Ihr mich etwa, den Mund zu halten?« Sie stellte eine große hölzerne Schale mit seinem Abendessen neben ihn, dessen Dampf den Duft von Zwiebeln, Knoblauch, Gemüse und saftigem Fleisch herantrug. Es roch köstlich.

»Keineswegs. Ich verlange es.«

Durch das runde Fenster rechter Hand konnte Zedd die düsteren Mauern der Burg der Zauberer bis in den Himmel ragen sehen. Hineingebaut in die Flanke jenes Berges, der die Stadt Aydindril überblickte, wirkte die Burg der Zauberer selbst fast wie ein Berg. Wie die Stadt, so war auch sie zurzeit unbewohnt – mit Ausnahme von Rikka, Chase, Rachel und seiner Wenigkeit. Aber nicht mehr lange, dann würde es in der Burg der Zauberer wieder lebhafter zugehen, denn schon bald würde sie immerhin wieder von einer ganzen Familie bevölkert werden, und dann würden die verlassenen Flure endlich wieder von freudigem Gelächter widerhallen, so wie einst, als unzählige Menschen die Burg ihr Zuhause nannten.

Rikka begnügte sich damit, ihren Blick über die Regale in dem kreisrunden Turmzimmer schweifen zu lassen, die mit Gläsern und Krügen in den unterschiedlichsten Formen sowie zart getönten Glasbehältern voll gestellt waren, teils gefüllt mit den für Banne erforderlichen Ingredienzien, in einem Fall aber mit der für den Schreibtisch, den kunstvoll verzierten Eichenstuhl mit gerader Lehne, die niedrige, neben seinem Stuhl stehende Truhe sowie die Bücherregale bestimmten Politur. Den meisten Platz in den Regalen nahmen jedoch die in einer Vielzahl von Sprachen abgefassten Schriften ein, und selbst die Eckschränke mit den Glastüren standen noch voller Folianten.