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Rikka verschränkte die Arme, beugte sich weiter vor und betrachtete einige der vergoldeten Bücherrücken. »Habt Ihr diese Bücher wirklich alle gelesen?«

»Selbstverständlich«, murmelte Zedd. »Mehrfach sogar.«

»Zauberer zu sein muss ziemlich langweilig sein«, meinte sie. »Immerzu muss man seine Nase in Bücher stecken und über irgendetwas nachdenken. Dabei lassen sich Antworten viel einfacher bekommen, wenn man die Menschen bis aufs Blut foltert.«

Entrüstet räusperte sich Zedd. »Wer starke Schmerzen leidet, mag vielleicht zu sprechen bereit sein, gewöhnlich aber neigt eine solche Person dazu, einem zu erzählen, was man ihrer Meinung nach hören will, ob dies nun der Wahrheit entspricht oder nicht.«

Sie zog einen Band hervor und blätterte flüchtig darin, ehe sie ihn wieder ins Regal zurückstellte. »Deswegen werden wir ja darin ausgebildet, Menschen unter Verwendung der geeigneten Methoden zu verhören. Wir machen ihnen klar, wie viel schmerzhafter es für sie ist, uns anzulügen. Wer einmal begriffen hat, welch außerordentlich grauenhafte Folgen das Lügen für ihn hat, sagt die Wahrheit.«

Doch Zedd hatte ihr gar nicht zugehört, sondern war ganz darauf konzentriert, die Bedeutung dieses Fragments einer Prophezeiung zu enträtseln, aber leider verdarben ihm die bislang in Betracht gezogenen Möglichkeiten nur noch gründlicher den Appetit. Unberührt stand die dampfende Schale neben ihm, bis er endlich merkte, dass Rikka wahrscheinlich nur deswegen untätig herumlungerte, weil sie irgendeine Bemerkung über sein Abendessen erwartete womöglich sogar ein Kompliment.

»Was gibt es denn zu essen?«

»Eintopf.«

Zedd reckte seinen Hals ein Stück vor, um einen Blick in die Holzschale zu werfen. »Und wo sind die Kekse?«

»Kekse gibt es nicht, nur Eintopf.«

»Das hab ich schon verstanden, Eintopf, ich bin ja nicht blind. Was ich meinte, war, wo sind die Kekse, die unbedingt dazugehören?«

Rikka zuckte mit den Achseln. »Wenn Ihr wollt, kann ich Euch ein wenig frisches Brot holen.«

»Das hier«, stieß er mit düsterer Miene hervor, »ist Eintopf, und Eintopf verlangt nach richtigen Keksen, nicht nach Brot.«

»Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr Kekse zum Abendessen wollt, hätte ich Euch statt des Eintopfs Kekse backen können. Allerdings hättet Ihr mir das früher sagen sollen.«

»Ich will die Kekse nicht anstelle des Eintopfs«, knurrte Zedd.

»Wenn Ihr unzufrieden seid, scheint Ihr wohl nicht so recht zu wissen, was Ihr wollt, könnte das sein?«

Zedd blinzelte sie aus einem zusammengekniffenen Auge an. »Als Quälgeist seid Ihr wahrhaft ein Naturtalent.«

Ein Lächeln auf den Lippen, machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte erhobenen Hauptes aus dem Zimmer. Vermutlich, überlegte Zedd, legten Mord-Sith dieses affektierte Gehabe selbst dann noch an den Tag, wenn sie allein waren.

Er wandte sich wieder seinem Buch zu und versuchte, das Problem von einem anderen Blickwinkel aus anzugehen, konnte den betreffenden Abschnitt aber nur einige Male überfliegen, ehe der Riegel an der Tür angehoben wurde und Rachel, einen Gegenstand in beiden Händen, ins Zimmer geschlurft kam. Sie nahm den Fuß zu Hilfe, um die Tür zu schließen.

»Du solltest jetzt wirklich dein Buch beiseite legen und etwas zu Abend essen.«

Zedd schenkte der Kleinen ein Lächeln, er musste stets lächeln, wenn er sie sah. In dieser Hinsicht hatte sie eine ansteckende Wirkung auf ihn.

»Na, Rachel, was hast du denn da Schönes?«

Sie streckte die Arme vor, stellte die Blechschale auf den Schreibtisch und schob sie mit langem Arm zu ihm herüber.

»Kekse.«

Verdutzt erhob sich Zedd ein Stück von seinem Stuhl, um sich vorzubeugen und einen Blick in die Blechschale zu werfen.

»Woher hast du denn die?«

Sie blinzelte ihn mit ihren großen Augen verständnislos an, so als sei dies die seltsamste Frage, die sie je gehört hatte. »Sie sind für dein Abendbrot. Rikka bat mich, sie ihr abzunehmen. Sie hatte mit den beiden Schalen Eintopf für dich und Chase schon beide Hände voll.«

»Du sollst dieser Frau doch nicht helfen«, erwiderte er, die Stirn drohend in Falten gelegt. »Sie ist böse.«

Rachel kicherte. »Du redest dummes Zeug, Zedd. Rikka erzählt mir Geschichten über die Sterne. Erst fügt sie sie zu Bildern zusammen, und dann erzählt sie mir zu jedem Bild eine Geschichte.«

»Tut sie das. Nun, klingt ja richtig nett von ihr.«

Wegen des nachlassenden Tageslichts wurde das Lesen zunehmend beschwerlich. Zedd streckte eine Hand vor und schickte einen Funken seiner Gabe zu den Dutzenden von Kerzen im reich verzierten Kandelaber hinüber. Sofort tauchte deren warmer Schein das gemütliche kleine Zimmer in ein helles Licht, das die säuberlich verfugten Steine der Mauern und die schweren, quer unter der Decke verlaufenden Eichenbalken erstrahlen ließ.

Rachel grinste. Sie mochte es, ihn die Kerzen anzünden zu sehen. »Du kannst von allen die beste Magie, Zedd.«

Er seufzte. »Ich wünschte, du würdest mich nicht allein lassen, Kleines. Rikka weiß meinen Kerzenanzündetrick nämlich nicht zu würdigen.«

»Wirst du mich denn vermissen?«

»Nun, das nicht gerade. Ich möchte nur nicht mit Rikka allein gelassen werden«, murmelte er, während er die letzten Zeilen ein weiteres Mal überflog.

Zuerst werden sie ihn anzweifeln, ehe sie die rechten Ränke zu seiner Gesundung finden. Was mochte das nur bedeuten?

»Vielleicht könntest du Rikka bitten, dir ein paar Geschichten über die Sterne zu erzählen.« Sofort ging ein trauriger Zug über Rachels Gesicht, und sie kam um seinen Schreibtisch herum. »Aber ich werde dich schrecklich vermissen, Zedd.«

Er erinnerte sich, wie er vor langer Zeit in ebendiesem Zimmer gesessen hatte. Damals war seine Tochter genauso alt gewesen wie Rachel jetzt. Nun war ihm nur noch Richard geblieben. Er vermisste ihn sehr. »Natürlich werde ich dich vermissen, Kleines, aber ehe du dich versiehst, wirst du mit all den anderen aus deiner Familie wieder hier sein, und dann wirst du deine Geschwister zum Spielen haben und nicht bloß einen alten Mann.« Zedd nahm sie auf seine Knie. »Es wird mir bestimmt gut tun, wenn ihr alle hier bei mir in der Burg der Zauberer seid. Und wenn erst mal wieder etwas Leben eingekehrt ist, wird es hier wieder richtig fröhlich zugehen.«

»Rikka hat gesagt, wenn meine Mutter hier ist, braucht sie nicht mehr zu kochen.«

Zedd nahm einen Schluck lauwarmen Tee aus dem Zinnbecher auf der Truhe neben ihm. »Hat sie das.«

Rachel nickte. »Außerdem hat sie gesagt, meine Mutter wird dich wahrscheinlich zwingen, dir endlich die Haare zu bürsten.« Als sie die Hände vorstreckte, weil sie einen Schluck aus seinem Becher abbekommen wollte, ließ er sie etwas Tee trinken, ehe er fragend seinen Kopf zur Seite neigte. »Mein Haar bürsten?«

Rachel, das Gesicht ernst, nickte. »Es steht ab wie Kraut und Rüben. Aber mir gefällt es so.«

»Gehst du Zedd schon wieder auf die Nerven, Rachel?«, war plötzlich die Stimme von Chase zu hören, der soeben mit eingezogenem Kopf durch die mit einem Rundbogen versehene Tür trat. Rachel schüttelte vehement den Kopf. »Ich hab ihm Kekse gebracht. Rikka hat gesagt, er mag zu seinem Eintopf Kekse, und ich soll ihm eine ganze Schale voll bringen.«

Chase stemmte die Fäuste in die Hüften. »Und wie, bitte schön, soll er seine Kekse essen, solange ein hässliches Kind auf seinem Schoß hockt?«

Kichernd ließ Rachel sich heruntergleiten, und Zedd beugte sich wieder über das Buch. »Hast du schon gepackt?«

»Ja«, antwortete der hünenhafte Grenzposten. »Ich möchte unbedingt früh aufbrechen, vorausgesetzt, Ihr habt nichts dagegen.«

Zedd tat seine Besorgnis mit einer wegwerfenden Handbewegung ab, ohne die Augen von der Prophezeiung zu lösen. »Ja, sicher. Je eher du deine Familie hierher schaffst, desto besser. Wir alle werden erleichtert sein, sie endlich hier zu haben, wo wir sie in Sicherheit wissen und ihr alle zusammen sein könnt.«