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Chase’ buschige Brauen senkten sich tief über seine wachen braunen Augen. »Was ist eigentlich los mit Euch, Zedd? Was ist nicht in Ordnung?«

Zedd sah stirnrunzelnd zu ihm auf. »Nicht in Ordnung? Gar nichts. Alles bestens.«

»Er will nur nicht beim Lesen gestört werden«, versicherte Rachel ihrem Ziehvater, während sie sich mit beiden Armen an sein Bein klammerte und ihren Kopf an seine Hüfte legte. »Zedd!«, wiederholte Chase gedehnt in einem fordernden Tonfall, der verriet, dass er ihm kein Wort glaubte. »Wie kommst du darauf, dass etwas nicht in Ordnung ist?«

»Ihr habt keinen einzigen Bissen gegessen.« Chase legte eine Hand auf den hölzernen Griff eines der langen Messer in seinem Gürtel und strich mit der anderen über Rachels langen, goldblonden Haarschopf. Wahrscheinlich hatte er ein Dutzend Messer unterschiedlicher Größe um Hüfte und Beine geschnallt, die er vor seinem Aufbruch am nächsten Morgen noch durch Schwerter und Streitäxte ergänzen würde. »Und das kann nur bedeuten, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist.«

Zedd ließ einen Keks in seinem Mund verschwinden. »Bitte«, murmelte er mit vollem Mund. »Bist du jetzt zufrieden?«

Während er den noch warmen Keks kaute, beugte sich Chase hinab und bog das Kinn des Mädchens nach oben. »Rachel, geh jetzt auf dein Zimmer und sieh zu, dass du mit Packen fertig wirst. Außerdem erwarte ich, dass deine Messer gesäubert und geschärft sind.«

Sie nickte ernst. »Ganz bestimmt, Chase.«

Für ein Mädchen ihres zarten Alters hatte Rachel bereits einige harte Schicksalsschläge erlitten. Aus Gründen, die stets Zedds Misstrauen geweckt hatten, hatte sie bei einer Reihe folgenschwerer Situationen im Mittelpunkt gestanden. Als Chase das verwaiste Mädchen bei sich aufgenommen hatte, um sie wie eine Tochter großzuziehen, hatte Zedd persönlich ihm dringend geraten, er solle ihr beibringen, sich zu schützen und so zu sein wie er selbst, damit sie sich verteidigen und allen Gefahren trotzen könne. Rachel, die Chase vergötterte, hatte sich seine Lektionen zu Herzen genommen und konnte mittlerweile mit einem der kleineren Messer, die sie stets bei sich trug, auf zehn Schritte eine Fliege an einen Zaunpfahl heften. »Außerdem möchte ich, dass du früh zu Bett gehst, damit du ausgeruht bist«, sagte Chase zu ihr. »Ich denke nämlich nicht daran, dich zu tragen, wenn du müde bist.«

Rachel sah ihn verwirrt an. »Aber du trägst mich doch sogar, wenn ich sage, dass ich nicht müde bin.«

Chase warf Zedd einen gequälten Blick zu, ehe er sie mit einem eindeutig gespielten finsteren Blick musterte. »Morgen wirst du dich jedenfalls aus eigener Kraft auf den Beinen halten müssen.«

Rachel, von dem sich über sie beugenden Hünen alles andere als aus der Fassung gebracht, nickte ernst. »Werde ich.« Dann sah sie zu Zedd hinüber. »Kommst du noch und gibst mir einen Gutenachtkuss?«

»Natürlich«, erwiderte Zedd, der jetzt selbst schmunzeln musste. »Noch ein Weilchen, dann komme ich und decke dich zu.«

Er fragte sich, ob Rikka wohl noch kurz bei ihr reinschauen und ihr eine Geschichte erzählen würde. Der Gedanke, dass eine Mord-Sith einem Kind Geschichten über Sterne erzählte, die sich am Himmel zu Bildern zusammensetzten, hatte etwas Rührendes. Allerdings schien Rachel auf jeden diese Wirkung zu haben. Durch die offene Tür beobachtete Chase, wie seine Tochter den breiten Wehrgang entlang rannte. Zedd erschien es wie ein Wunder, dass man sich auf so dünnen Beinen derart flink fortbewegen konnte. Als Chase sicher sein durfte, dass Rachel ungefährdet auf dem Weg war, schloss er die schwere Eichentür und trat näher an den Schreibtisch heran. Sein massiger Körper ließ das Zimmer- ein Zimmer, das Zedd stets als einigermaßen gemütlich empfunden hatte –plötzlich sehr klein und beengt wirken. »Also, wo liegt das Problem?«

Er würde keine Ruhe geben, bis er mehr in Erfahrung gebracht hätte. Zedd stieß einen Seufzer aus und drehte das Buch mit einem Finger herum, damit der einstige Grenzposten darin lesen konnte. »Lies selbst und sag es mir.«

Chase warf einen Blick in das sehr alte Buch und schlug jeweils eine Seite vor und zurück, um auch dort nachzusehen, ehe er wieder zurückblätterte.

»Na ja, wie ich schon sagte, wo ist das Problem? Sieht nicht so aus, als stünde hier viel, über das man sich den Kopf zerbrechen müsste.«

Zedd zog eine Augenbraue hoch. »Und genau da liegt das Problem.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Dies ist ein Buch der Prophezeiungen, also sollte es auch Text enthalten – Prophezeiungen nämlich. Ein Buch, dessen Text vollständig fehlt, kann schließlich schlecht im eigentlichen Sinn als Buch bezeichnet werden, oder? Der Text ist verschwunden.«

»Verschwunden?« Nachdenklich kratzte sich Chase an seiner ergrauten Schläfe. »Das ergibt doch keinen Sinn, wie soll denn die Schrift verschwunden sein? Schließlich kann doch niemand die Worte einfach von der Seite klauben.«

Das war eine interessante Sicht der Dinge! Chase, der bis zum Fall der Grenze vor einigen Jahren den größten Teil seines Lebens Grenzposten gewesen war, gehörte zu der Sorte Menschen, die hinter allem stets als Erstes Diebstahl vermuteten, eine Möglichkeit, die Zedd, dessen Geist bereits die ebenso unerforschten wie dunklen Pfade wilder Spekulation entlanghastete, noch gar nicht in Betracht gezogen hatte. »Ich kann mir das Verschwinden der Worte ebenso wenig erklären«, räumte er schließlich ein, nachdem er einen weiteren Schluck Tee genommen hatte.

»Wovon handeln die Prophezeiungen überhaupt?«, wollte Chase wissen. »Zufälligerweise handelt es sich um ein Buch voller Prophezeiungen, die sich fast ausschließlich mit Richard befassen.«

Nach außen hin schien Chase die Ruhe in Person zu sein, was natürlich bedeutete, dass er innerlich alles andere als das war. »Seid Ihr wirklich sicher, dass dieses Buch früher Text enthielt?«, fragte er. »Vielleicht habt Ihr ja wegen seines Alters einfach nur vergessen, dass es ein paar leere Seiten enthielt. Wenn man ein Buch liest, erinnert man sich schließlich vor allem an den Text und nicht an irgendwelche leeren Stellen.«

»Da ist etwas dran.« Er stellte den Zinnbecher beiseite. »Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit beschwören, dass es Text enthielt, andererseits mag ich mich nicht damit abfinden, dass es größtenteils leer gewesen sein soll. Aber das ist es jetzt.«

Chase’ Gesichtsausdruck war nicht anzusehen, was er empfand, als er über das Rätsel nachdachte. »Zugegeben, das hört sich seltsam an ... aber ist es wirklich ein Problem? Richard hat nie viel von Prophezeiungen gehalten und hätte ihnen sowieso keine Beachtung geschenkt.«

Zedd erhob sich, stieß einen Finger in das Buch und tippte nachdrücklich darauf. »Chase, dieses Buch hat tausende von Jahren hier in der Burg der Zauberer gestanden und jahrtausendelang Text enthalten, nämlich Prophezeiungen. Und jetzt besteht es plötzlich aus lauter leeren Seiten. Klingt das für dich etwa so, als hätte es nichts zu bedeuten?«

»Ich weiß nicht, Zedd, ich bin kein Experte auf diesem Gebiet. Ich denke nur, wenn Ihr mit Euren Fragen über die Bücher der Prophezeiungen schon zu mir kommt, müsst Ihr in großen Schwierigkeiten stecken. Ihr seid der Zauberer, sagt Ihr es mir.«

Zedd stützte sich mit seinem ganzen Gewicht auf seine Hände und beugte sich zu ihm hin. »Ich kann mich an absolut nichts erinnern, was früher in diesem Buch gestanden hat, ebenso wie ich mich an nichts erinnern kann, was auf den leeren Seiten all der anderen Bücher der Prophezeiungen stand, in denen Teile des Textes fehlen.«

Chase’ Miene bekam einen harten Zug. »Es gibt noch andere Bücher mit leeren Seiten?«

Zedd nickte und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Als sein Blick dabei auf das Fenster fiel, vor dem es allmählich dunkler wurde, versuchte er, sich darin zu betrachten, doch das war nicht möglich, dafür war es draußen noch zu hell.

»Was meinst du, muss ich mir wirklich die Haare bürsten?« Er sah wieder zu Chase. »Stehen sie möglicherweise zu sehr ab?«