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Leicht verwirrt neigte Chase den Kopf. »Was?«

Zedd machte eine wegwerfende Handbewegung und murmelte: »Schon gut. Die Sache ist, ich habe in einer ganzen Reihe von Büchern der Prophezeiungen Leerstellen entdeckt, und das hat mich verwirrt.«

Chase verlagerte sein Gewicht und verschränkte die Arme vor dem Körper, während sich seine Stirn noch tiefer furchte. Sein Gesicht bekam einen ernsthaft besorgten Zug, was sich bei ihm darin äußerte, dass er den Eindruck erweckte, als hätte er das dringende Bedürfnis, jeden Augenblick größere Menschenscharen niederzumetzeln. »Vielleicht sollte ich erst einmal hier bleiben, schließlich müssen wir nicht unbedingt morgen früh aufbrechen. Wir können warten, bis Ihr herausgefunden habt, ob eine Gefahr besteht.«

Zedd stieß einen Seufzer aus und begann sich zu wünschen, er hätte gar nichts erst davon angefangen. Das war kein Problem, mit dem man Chase behelligen durfte. Er hätte ihn wegen einer Sache, die er ohnehin nicht verstand und gegen die er nichts auszurichten vermochte, gar nicht erst beunruhigen sollen. Nur war die Geschichte halt so verdammt merkwürdig!

»Das wird nicht nötig sein. Dieses Problem gehört wohl kaum zu der Sorte, die sich mit einem Würgegriff deinerseits erledigen ließe.«

Doch Chase fuchtelte mit dem Finger über dem Buch. »Was hat eigentlich dieser letzte Satz hier zu bedeuten, wo es heißt: Zuerst werden sie ihn anzweifeln, ehe sie die rechten Ränke zu seiner Gesundung finden? Ihr habt gesagt, es ist eine Prophezeiung über Richard. Für mich klingt das irgendwie bedrohlich – so als würde jemand eine Intrige gegen ihn schmieden.«

»Nun, nicht unbedingt.« Zedd fuhr sich mit der Hand über den Mund, während er nach einer brauchbaren Erklärung suchte. »In den Prophezeiungen ist mit der Wendung ›die rechten Ränke finden‹ oft nichts Schlimmeres gemeint als ›eine Lösung finden‹. Etwa so, wie man davon spricht, man wolle eine Lösung finden, wie man vorgehen soll. In diesem Fall war in dem Abschnitt von seinen engsten Beratern die Rede, seinen Verbündeten. Wenn es dort also heißt, man wolle versuchen, die rechten Ränke zu finden, dann bedeutet das höchstwahrscheinlich, dass man ihn erst von der Notwendigkeit überzeugen muss, dass er die Hilfe seiner Verbündeten braucht, und dass diese Verbündeten – zu denen höchstwahrscheinlich auch einige von uns gehören –, sobald ihnen das gelungen ist, darangehen können, einen Plan zu seiner Genesung auszuarbeiten.«

»Seiner Genesung – von was?«

»Davon wird hier nichts erwähnt.«

»Demnach ist es also nichts Ernstes?«

Zedd warf dem Grenzposten einen bedeutungsschwangeren Blick zu. »Ich fürchte, das könnte genau der fehlende Teil sein.«

»Also ist es ernst, und Richard ist in Gefahr. Er braucht Hilfe, womöglich ist er verletzt.«

Zedd schüttelte betrübt den Kopf. »Nach meinen Erfahrungen sind Prophezeiungen selten so klar und eindeutig.«

Chase nickte und musste gleich darauf zur Seite treten, als die Tür aufging und Rikka ins Zimmer gerauscht kam. Sie hatte die Hand bereits ausgestreckt, um die Schalen einzusammeln, zögerte dann aber, als sie sah, dass sie kaum angerührt worden waren.

»Was ist nur los? Wieso habt Ihr nichts gegessen?« Als Zedd darauf eine Handbewegung machte, als fühlte er sich von dem Thema belästigt, sah sie über die Schulter zu Chase. »Ist er krank? Ich dachte, er hätte die Schale mit Eintopf längst verdrückt und obendrein noch ausgeleckt. Vielleicht sollten wir uns besser ein paar Gedanken machen, wie wir ihn ans Essen kriegen.«

»Versteht Ihr jetzt, was ich mit ›Lösung finden‹ meinte?«, fragte er, an Chase gewandt. »Es könnte genauso harmlos sein.«

Einen Moment lang musterte Rikka prüfend sein Gesicht, so als suchte sie nach offenkundigen Anzeichen geistiger Umnachtung, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Chase. »Was redet er da?«

»Es geht um irgendwelche Bücher«, erklärte Chase ihr.

Sie richtete einen zunehmend erbosten Blick auf Zedd. »Also, ich hab mir solche Mühe mit diesem Abendessen für Euch gegeben, deshalb werdet Ihr Euch jetzt sofort hinsetzen und essen. Wenn nicht, verfüttere ich es stattdessen an die Maden im Mist. Und wenn Ihr dann später ankommt, um Euch zu beschweren, Ihr hättet Hunger, habt Ihr Euch das selbst zuzuschreiben. Von mir könnt Ihr jedenfalls kein Mitgefühl erwarten.«

Verdutzt sah Zedd sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Was ? Was habt Ihr da gerade gesagt?«

»Dass ich es an die Maden verfüttern werde, wenn Ihr nicht sofort ...«

»Verdammt!« Zedd schnippte mit den Fingern. »Das ist es!« Er streckte die Arme nach ihr aus. »Ihr seid ein Genie, Rikka. Ich könnte Euch umarmen.«

Rikka versteifte sich widerborstig. »Ich würde es vorziehen, wenn Ihr mich von weitem anhimmeln würdet.«

Doch Zedd hörte ihr gar nicht zu. Sich die Hände reibend versuchte er sich zu erinnern, wo genau er den Querverweis gesehen hatte. Auf jeden Fall war es eine Ewigkeit her, aber wie lange genau? Und wo? »Was ist?«, erkundigte sich Chase. »Habt Ihr des Rätsel Lösung?«

Zedd dachte so angestrengt nach, dass er den Mund verzog. »Ich erinnere mich, einen Querverweis gelesen zu haben, der sich auf ein solches Ereignis bezog, eine Art Exegese.«

»Eine was?«

»Eine Erläuterung, eine Analyse dieses Punktes.«

»Dann geht es also um irgendwelche Bücher?«

Zedd nickte. »Ja, ganz recht. Ich muss mir nur in Erinnerung rufen, wo genau ich die besagte Textpassage gelesen habe. Jedenfalls war darin von Maden die Rede. Ja, ganz recht, Maden. Prophetische Maden. Es ging um eine Art Berechnung, glaube ich, in der untersucht wurde, ob ein derartiges Phänomen imstande wäre, die Prophezeiungen zu zersetzen.«

Chase und Rikka starrten ihn an, als hätte er den Verstand verloren, sagten aber nichts. Derweil lief Zedd zwischen seinem Schreibtisch und dem Eckbücherschrank auf und ab und stieß dabei gedankenverloren mit dem Fuß den schweren Eichenstuhl zur Seite, während er in Gedanken eine Liste mit Orten durchging, wo ein bestimmtes Buch stehen könnte, das möglicherweise einen solchen Querverweis enthielt. Bibliotheken gab es zuhauf in der Burg der Zauberer, Bibliotheken, die tausende, vielleicht zehntausende von Bänden enthielten. Immer vorausgesetzt, er hatte den Querverweis überhaupt in der Burg der Zauberer gesehen, schließlich hatte er auch andernorts jede Menge Bibliotheken aufgesucht. Der Palast der Konfessorinnen in Aydindril besaß eine Reihe von Archiven, auf der Kings Row, ebenfalls in Aydindril, gab es Paläste, die über umfangreiche Büchersammlungen verfügten, aber auch in einer ganzen Reihe von Städten, die Zedd besucht hatte, gab es Magazine und Archive. Die Masse der Bücher war schlicht unüberschaubar, wie sollte er sich da an ein Exemplar erinnern, dass er seit einer Ewigkeit – womöglich seit seiner Jugend – nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte?

»Wovon genau sprecht Ihr eigentlich?«, fragte Rikka schließlich, als sie es leid war, ihm bei seinem Auf-und-ab-Gerenne zuzuschauen. »Von was für einer Erklärung sprecht Ihr?«

»Ich bin mir noch nicht völlig sicher, es ist so lange her. Muss damals gewesen sein, als ich noch jung war. Aber es wird mir schon wieder einfallen, ganz bestimmt. Ich muss nur ein wenig nachdenken. Und wenn es die ganze Nacht dauert, ich werde mich erinnern, wo ich besagte Textpassage gesehen habe. Ich wünschte nur, ich hätte meinen Denk-Stuhl hier«, murmelte er bei sich, während er sich abwandte. Rikka sah Chase stirnrunzelnd an, ohne den noch immer auf und ab laufenden Zedd ganz aus den Augen zu lassen. »Seinen was?«

»Damals in Westland«, erklärte Chase mit gesenkter Stimme, »hatte er auf seiner Veranda einen Stuhl stehen, in dem er oft saß, um nachzudenken. Das war damals, als alles anfing und plötzlich Darken Rahl auftauchte, um ihn und Richard gefangen zu nehmen. Sie konnten gerade noch rechtzeitig fliehen. Anschließend kamen sie zu mir, und ich führte sie durch eine Bresche in das Grenzgebiet.«

»Also, ich finde, hier stehen genug Stühle herum, über den einen dort fällt er ja geradezu.« Vor lauter Aufgebrachtheit verzog sich Rikkas Mund. »Außerdem braucht niemand einen Stuhl, um seinen Verstand ans Arbeiten zu kriegen. Und wenn, dann höchstens nur, wenn er ernsthafte Probleme hat.«