»Vermutlich.« Gemeinsam schauten Chase und Rikka Zedd beim Auf-und-ab-Gehen zu, bis Chase, dessen Sache es nicht war, tatenlos herumzustehen, ihn schließlich am Ärmel seines Gewands zu fassen bekam. »Ich denke, während Ihr über Eure Lösung nachdenkt, sollte ich besser gehen und mich um Rachel kümmern. Ich möchte sicher sein, dass sie ihre Sachen zusammengepackt hat und ins Bett kommt.«
Zedd entließ ihn mit einer unwirschen Handbewegung. »Ja, du hast Recht. Geh schon vor und sag ihr, ich komme in einer Weile nach und gebe ihr einen Gutenachtkuss. Ich muss nur noch ein wenig über diese Angelegenheit nachdenken.«
Kaum war er gegangen, lehnte Rikka eine lederbedeckte Hüfte gegen den schweren Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wollt Ihr etwa behaupten, eine Art Wurm ist schuld daran, dass die Worte aus den Prophezeiungen verschwunden sind, so eine Art Bücherwurm, der sich von Klebstoff oder Papier ernährt?«
»Nein, er frisst ja die Worte, nicht das Papier.«
»Dann handelt es sich um ... was? Eine Art winzigen Wurm, der die Tinte frisst?«
Zedd, ungehalten über die Unterbrechung, hielt in seinem Hin-und-her-Gerenne inne und starrte sie an. »Frisst... ? Nein, so ist das nicht zu verstehen. Es geht dabei um Magie, um einen cleveren Dreh in einem an sich schon raffinierten Vorgang. Wenn ich mich recht erinnere, hat man ihm den Namen ›prophetischer‹ Wurm gegeben, weil er imstande ist, die Zweige der Prophezeiungen abzufressen, vergleichbar etwa den Holzböcken, die ganze Bäume vernichten. Er beginnt mit einer dem Thema oder der Chronologie nach verwandten Prophezeiung, ganz ähnlich dem Borkenkäfer, der einen einzelnen Zweig befällt. Hat er sich dort einmal eingenistet, beginnt der Wurm dann den Stamm der Prophezeiung abzufressen, in diesem Fall also den Ast, der sich mit der Zeit nach Richards Geburt befasst.«
Rikka, die gleichzeitig aufrichtig fasziniert und beunruhigt wirkte, straffte sich und neigte den Kopf in seine Richtung. »Ist das wahr? Magie ist tatsächlich zu so etwas imstande?«
Zedd, den Ellbogen in eine Hand gestützt, das Kinn auf die Fingerspitzen seiner anderen, stieß ein Knurren aus. »Ich denke ja. Es könnte sein, sicher bin ich mir nicht.« Dann entrang sich seiner Brust ein ungeduldiger, gereizter Seufzer. »Ich versuche ja, mich zu erinnern, aber ich habe diesen Hinweis nur ein einziges Mal gesehen, deshalb weiß ich eben nicht, ob es eine Theorie war, die ich damals gelesen habe, oder der Zauber selbst, oder ob es sich nur um eine in einem Verzeichnis aufgeführte Hypothese handelte, oder ... Augenblick mal!«
Er starrte hoch zur Balkendecke, die Augen vom anstrengenden Vorgang des Erinnerns halb zusammengekniffen. »Es war vor Richards Geburt, zumindest was diesen Punkt betrifft, da bin ich mir sicher. Ich erinnere mich, dass ich noch ein junger Mann war, was bedeuten würde, dass es während meines Aufenthaltes hier gewesen sein muss. Bis dahin scheint alles zusammenzupassen. Und wenn ich hier war ...«
Zedd ließ den Kopf sinken. »Gütige Seelen.«
Rikka beugte sich vor. »Was ist denn? Gütige Seelen ... was?«
»Jetzt fällt es mir wieder ein«, hauchte Zedd, während seine Augen sich immer mehr weiteten. »Jetzt weiß ich wieder, wo ich ihn gesehen habe.«
»Und wo?«
Zedd schob die Ärmel seine knochendürren Arme hinauf und war bereits unterwegs zur Tür. »Lasst nur, ich kümmere mich schon darum. Geht Ihr nur auf Patrouille oder was immer Ihr um diese Zeit tut. Ich bin bald wieder zurück.«
33
Zedd eilte den breiten Wehrgang entlang. Jetzt, da die Sonne im Begriff war, hinter dem Horizont zu versinken, kühlte die Luft allmählich ab, doch die riesigen Steinquader der mit Zinnen versehenen Mauer verströmten die den ganzen Tag über in der glühend heißen Sonne gespeicherte Hitze, und die tief unterhalb der Bergflanke gelegene Stadt verschwamm zu einer dunklen, scheinbar endlosen Fläche, während die rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne die Spitzen der höchsten Türme der Burg umschmeichelten. Mit dem schwindenden Licht der Abenddämmerung war eine stille Ruhe eingekehrt, gestört nur vom leisen, fernen Zirpen der Zikaden.
Der schmale Wehrgang, den er jetzt entlanglief, wurde von mehreren, zu verschiedenen Türmen führenden Brücken überspannt. Am Ende des Ganges, genau vor ihm, ragte eine eindrucksvolle Mauer in den Himmel, aus der mehrere senkrechte Reihen mit den Schlusssteinen der innen liegenden Geschosse herausragten. Am Fuß dieser sich eindrucksvoll emportürmenden Mauer gab es eine prachtvolle, zweiflügelige Eingangstür mit abstrakten Mustern über den reliefartig in die Mauer unter dem gewölbten steinernen Sturz gemeißelten Säulen, doch Zedd hielt stattdessen auf eine Öffnung im Seitengeländer zu, um dort die nach unten führende Treppe zu nehmen.
Sein Ziel waren die unteren Bereiche der Burg, Orte tief im Innern des Berges, in die sich so gut wie nie jemand verirrte.
Orte, von deren Existenz außer ihm kein Mensch etwas wusste.
Er hatte erst einen Bruchteil der Strecke zurückgelegt, als das Geräusch hastiger Schritte in sein Bewusstsein drang, Schritte, die ihn offenkundig einzuholen versuchten. Er blieb stehen und drehte sich um. Es war Rikka. »Was glaubt Ihr eigentlich, was Ihr da tut?«, rief er zu ihr hoch. Keuchend blieb Rikka wenige Stufen über ihm stehen. »Wonach sieht es denn aus?«
»Es sieht so aus, als würdet Ihr nicht das tun, was ich Euch aufgetragen habe.«
»Gehen wir«, sagte sie und drängte ihn mit einer brüsken Handbewegung weiterzugehen. »Ich begleite Euch.«
»Ich sagte, ich würde mich schon darum kümmern. Außerdem habe ich Euch gebeten, Euren Patrouillengang zu machen, oder was immer Ihr um diese Zeit tut.«
»Es geht um eine Gefahr, die Lord Rahl betrifft.«
»Es geht lediglich um einen Hinweis in irgendwelchen alten Büchern, dem ich nachgehen muss.«
»Chase und Rachel werden morgen sehr früh aufbrechen. Normalerweise wärt Ihr jetzt bei Rachel, würdet ihr eine Geschichte erzählen und sie zudecken, wenn nicht irgendetwas im Busch wäre, das Euch zutiefst besorgt. Bei dieser Geschichte geht es um Lord Rahl, und wenn es Euch besorgt macht, dann macht es auch mich besorgt. Ich werde Euch also begleiten.«
Zedd wollte nicht hier draußen unter freiem Himmel auf der Treppe stehen und mit ihr streiten, also ließ er es sein, machte stattdessen kehrt und hastete weiter die Stufen hinab, das Gewand mit beiden Händen haltend, um nicht ins Stolpern zu geraten und womöglich hinzufallen. Die Stufen zogen sich nicht nur scheinbar endlos hin, sie waren auch noch beängstigend steil. Ein Sturz so weit oben auf der Treppe hätte leicht verhängnisvolle Folgen haben können.
Endlich unten angekommen, blieb Zedd auf dem ersten Trittstein stehen und wandte sich um. »Bleibt auf den Steinen.«
Rikka sah sich um. Der Boden ringsum war mit schlingpflanzenähnlichem Bewuchs bedeckt, dahinter sah man auf zwei Seiten hohe Mauern, die sich ohne die geringste Unterbrechung über hunderte von Fuß in die Höhe reckten. Rechts von ihnen befand sich ein vorspringender Brocken Muttergestein, über dem sich der Turm erhob. »Und warum?«, fragte sie, während sie Zedd über die Trittsteine folgte. »Weil ich es sage.«
Ihm war nicht danach zumute, seine Zeit mit Erklärungen über magische Fallen zu vergeuden. Wenn sie neben die Steine trat, würden die Schilde sie nicht einfach nur warnen, sondern endgültig daran hindern, Orte zu betreten, an denen sie nichts verloren hatte. Außerdem war es stets das Beste, sich von den Schilden fern zu halten, wenn man nicht über die geeignete Magie verfügte.
Wenn die Schilde bei dem Versuch versagten, Eindringlinge am Durchqueren dieses abgelegenen Burghofs zu hindern, würden die Kletterpflanzen sie umschlingen, und sollte sich das Opfer dann zu befreien versuchen, würden sich diese speziellen Ranken um ihre Knöchel wickeln. Durch die Befreiungsversuche zusätzlich stimuliert, würden diese Ranken im Nu gefährliche Dornen hervorbringen, die sich bis in die Knochen bohrten und sich dort verhakten. Es war eine überaus blutige, schmerzhafte und in den meisten Fällen tödliche Angelegenheit, jemanden aus diesen Ranken zu befreien. Die Schutzmechanismen der Burg der Zauberer waren nicht eben zimperlich in der Wahl ihrer Mittel.