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»Die Ranken bewegen sich ja.« Rikka schnappte nach seinem Ärmel. »Sie bewegen sich wie ein Nest voller Schlangen.«

Zedd warf ihr einen verdrießlichen Blick über die Schulter zu. »Was meint Ihr wohl, warum ich gesagt habe, Ihr sollt auf den Trittsteinen bleiben?«

Er wuchtete einen Hebel nach oben und öffnete damit die zweite Rundbogentür, an die er kam, und schlüpfte in gebückter Haltung hindurch. Blind streckte er seine Hand in die Dunkelheit, bis seine knochigen Finger in der Wandhalterung auf der rechten Seite gegen eine glatte Kugel stießen. Als er über ihre schimmernde Oberfläche strich, begann sie in grünlichem Licht zu erstrahlen. Der Eingangsraum war klein und aus einfachen, unverzierten Felsquaderwänden errichtet, die einfache Decke bestand aus Balken und Planken. An der rechten Wand befand sich eine einzelne niedrige, in die Wand eingelassene Steinplatte, die als Bank diente, für den Fall, dass jemand nach dem Abstieg über die Treppe das Bedürfnis verspürte, sich ein wenig auszuruhen. In den beiden übrigen Wänden waren zwei düstere Gänge zu erkennen, die sich in unterschiedlichen Richtungen verloren.

An der Wand über der Steinbank entlang befanden sich Dutzende von Halterungen, von denen über die Hälfte matt im selben grünlichen Licht schimmernde Glaskugeln enthielten, ganz ähnlich der einen, die er gleich zu Beginn mit der Hand berührt hatte. Zedd nahm eine der Kugeln aus ihrer Halterung. Sie hatte ein beträchtliches Gewicht, da sie aus massivem Glas bestand, allerdings waren noch andere Bestandteile unter das Glas gemischt, und diese Bestandteile waren es, die auf den Stimulus der Gabe ansprachen. Der grünliche Lichtschein in seiner Hand wechselte zu einem wärmeren, gelben Leuchten. Er ließ einen Funken seiner Gabe durch die Glaskugel schießen; sofort erstrahlte sie in hellerem Licht und warf harte Schatten in die beiden vor ihnen liegenden Flure. Mit seinem knochendürren Finger stieß er Rikka derb auf die Bank und hieß sie darauf Platz nehmen. »Bis hierhin und keinen Schritt weiter.«

Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck grimmiger Entschlossenheit, als sie ihn mit ihren blauen Augen musterte. »Irgendetwas Seltsames geschieht mit den Büchern der Prophezeiungen, seit Tagen macht Ihr Euch jetzt schon Sorgen ihretwegen. Ihr habt weder gegessen noch geschlafen, viel schlimmer aber ist, dass sich die verschwindenden Prophezeiungen alle mit Richard beschäftigen.«

Es war eine Feststellung, keine Frage. Und er hatte gedacht, seine Aufgewühltheit hätte sich ausschließlich in seinem Innern abgespielt. Insgeheim war sie also sehr viel aufmerksamer gewesen, als er ihr zugetraut hatte, vielleicht war er aber auch nur zu abgelenkt gewesen, um es zu bemerken. Wie auch immer, es war kein gutes Zeichen, wenn er so sehr in seine Gedanken vertieft war, dass er nicht einmal mehr mitbekam, dass sie seine übergroße Inanspruchnahme und Beunruhigung bemerkte.

»Soweit ich es beurteilen kann, habt Ihr insofern Recht, als ein Großteil der verschwundenen Prophezeiungen von Richard handelt, aber ich glaube, das trifft nicht auf alle zu. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, stehen sie ausnahmslos im Zusammenhang mit Prophezeiungen, die sich auf die Zeit nach Richards Geburt beziehen, was aber nicht bedeuten muss, dass sie ausnahmslos ihn selbst zum Thema haben. Nun nehmen die Leerstellen zwar einen großen Raum in den Büchern ein, aber da ich keine Erinnerung an den Inhalt dieser Leerstellen habe, lässt sich offensichtlich nicht feststellen, wovon sie gehandelt haben, was es wiederum unmöglich macht, das jeweilige Thema der fehlenden Prophezeiungen zu kennen.«

»Aber soweit Ihr es rekonstruieren konntet, hatten sie überwiegend mit Lord Rahl zu tun.«

Auch das war keine Frage, sondern eine auf Beobachtung fußende Feststellung oder doch zumindest eine begründete Vermutung. Immerhin war sie eine Mord-Sith, deren Fragen um das Thema der Sicherheit ihres Lord Rahl kreisten. Zedd sah ihr an, dass sie nicht in der Stimmung für weitschweifige Erklärungen war. »Eins muss ich allerdings zugeben: Wenn Richard nicht im Mittelpunkt der Probleme mit den Büchern der Prophezeiungen steht, so ist er zumindest tief darin verstrickt.«

Rikka erhob sich von dem Bänkchen. »Dann ist dies wohl kaum der geeignete Zeitpunkt, sich mir gegenüber so verschlossen zu geben. Es geht um eine wichtige Sache, schließlich ist Lord Rahl für uns alle von lebenswichtiger Bedeutung. Es geht nicht nur um die Sicherheit Eures Enkelsohns, sondern um unser aller Zukunft.«

»Und ich werde mich ...«

»Es geht nicht nur um Euch, er ist für uns alle wichtig. Wenn Ihr als Einziger eine bedeutende Entdeckung macht, und Euch stößt etwas zu, könnte das uns alle in eine ausweglose Lage bringen. Dies ist wichtiger als die Wahrung Eurer kleinen Geheimnisse.«

Zedd stemmte die Fäuste in die Hüften, wandte sich einen Moment lang ab und dachte nach. Schließlich drehte er sich wieder zu ihr herum.

»Rikka, dort unten gibt es Dinge, von denen niemand etwas weiß, und das hat seinen guten Grund.«

»Ich habe nicht die Absicht, irgendwelche Wertgegenstände zu stehlen, und falls Ihr befürchtet, ich könnte irgendwelche ›ewigen Geheimnisse‹ zu sehen bekommen, so bin ich bereit, bei meinem Leben zu schwören, kein Sterbenswort darüber zu verlieren, es sei denn, es entsteht die Notwendigkeit, Lord Rahl davon zu unterrichten.«

»Das allein ist es nicht. Viele Gegenstände in den unteren Bereichen der Burg sind für jeden unglaublich gefährlich, der ihnen auch nur nahe kommt.«

»Unglaublich gefährliche Dinge gibt es auch außerhalb der Burg der Zauberer. Wir können es uns nicht mehr leisten, Geheimnisse voreinander zu haben.«

Zedd sah ihr prüfend in die Augen. Sie hatte nicht ganz Unrecht: Wenn ihm etwas zustieße, wäre damit praktisch auch sein Wissen verloren. Er hatte immer vorgehabt, Richard eines Tages davon zu erzählen, doch dann war nie Zeit dafür gewesen, und bis das Problem mit den Büchern der Prophezeiungen aufgetaucht war, schien die Lage auch nicht brenzlig. Trotzdem, es war nicht Richard, der diese Gegenstände zu sehen bekommen würde. »Worüber denkt Ihr nach, Zauberer? Dass ich in die Stadt hinunterlaufen und überall herumerzählen werde, was ich hier gesehen habe? Wer ist denn überhaupt noch da, dem ich davon erzählen könnte? Die Imperiale Ordnung hat den größten Teil der Neuen Welt überrannt, die Menschen haben Aydindril verlassen und sich nach D’Hara abgesetzt. Das Schicksal D’Haras hängt an einem seidenen Faden – unser aller Zukunft hängt an einem seidenen Faden.«

»Es gibt gute Gründe dafür, dass ein bestimmtes Wissen geheim gehalten wird.«

»Es gibt auch gute Gründe, dass weise alte Männer mitunter ihr Wissen preisgeben müssen. Was zählt, ist allein das Leben, und wenn ein bestimmtes Wissen zu seinem Erhalt und seiner Verbesserung beitragen kann, dann sollte es nicht geheim gehalten werden – erst recht nicht, wenn es im Augenblick, da es am dringendsten benötigt wird, womöglich verloren gehen könnte.«

Die Lippen fest zusammengepresst, ließ sich Zedd ihre Worte durch den Kopf gehen. Er war schon als kleiner Junge auf dieses Geheimnis gestoßen und hatte zeit seines Lebens keiner Menschenseele davon erzählt. Nicht dass jemand ihm befohlen hätte, es geheim zu halten – das wäre auch gar nicht möglich gewesen, da niemand außer ihm Kenntnis davon hatte. Trotzdem musste es einen Grund dafür geben, dass dieses Wissen nicht für die Allgemeinheit bestimmt war. Es war aus einem ganz bestimmten Grund geheim gehalten worden – einem Grund, den er nicht kannte.

»Zedd, um Lord Rahl und unserer Sache willen, lasst mich mit Euch gehen.«

Einen Moment lang versuchte er auszuloten, wie entschlossen sie war, dann sagte er: »Aber Ihr dürft niemals jemandem davon erzählen.«