Выбрать главу

»Das ist es also, was Ihr mir zeigen wolltet, einen geheimen Zugang zur Burg?«

»Oh, nein, das ist das bei weitem Unwichtigste und am wenigsten Bemerkenswerte an diesem Ort. Kommt mit, dann zeige ich es Euch.«

Sofort flackerte ihr Argwohn wieder auf. »Also, was hat es denn nun mit dieser Stelle auf sich?«

Zedd hielt die Glaskugel in die Höhe, beugte sich verschwörerisch zu ihr und sagte leise: »Jenseits dieser Stelle herrscht ewige Finsternis, es ist der Durchgang in das Totenreich.«

35

Das ferne Geheul eines einzelnen Wolfs riss Richard aus seinem todesähnlichen Schlaf. Der einsame Schrei hallte durch das Gebirge, blieb aber unbeantwortet. Richard lag auf der Seite, im unwirklichen Licht der falschen Dämmerung, lauschte träge und wartete auf einen Antwortruf, doch der blieb aus. Sosehr er sich auch bemühte, er konnte seine Augen offenbar nicht länger als für die Spanne eines einzelnen trägen Herzschlags offen lassen, geschweige denn die Energie aufbringen, um den Kopf zu heben. Schemenhafte Baumstämme schienen sich durch das trübe Dunkel zu bewegen.

Plötzlich wurde er mit einem Keuchen vollends aus dem Schlaf gerissen und war hellwach – und zugleich verärgert.

Er lag auf dem Rücken, das Schwert quer über der Brust. Eine Hand hielt die Scheide gefasst, die andere hatte das Heft so fest umklammert, dass die Buchstaben des Wortes WAHRHEIT auf der einen Seite schmerzhaft in seine Handfläche, auf der anderen in seine Finger schnitten. Die Waffe war halb gezogen, so als hätte sich auch ihr Zorn bereits ein kleines Stück seiner Fesseln entledigt.

Soeben machten sich die ersten, noch trügerischen Vorboten der Dämmerung auf dem bewaldeten Hang bemerkbar. Der dichte Wald lag still und ruhig.

Richard schob die Klinge in die Scheide zurück, richtete sich auf und legte das Schwert neben sich auf das Bettzeug. Dann zog er die Beine an, stützte seine Ellbogen auf die Knie und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Sein Puls raste noch immer vom Zorn des Schwertes, der sich heimlich seiner bemächtigt hatte, ohne erkennbare Absicht oder dass er etwas davon mitbekommen hätte, gleichwohl war er weder überrascht noch beunruhigt. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er, eingedenk jenes schicksalhaften Morgens und noch damit beschäftigt, die Fesseln des Schlafes abzustreifen, das Schwert zu ziehen begonnen hatte. Nicht selten wachte er auf und musste feststellen, dass er die Klinge bereits vollständig gezogen in der Hand hielt. Aber warum nur verfolgte ihn jedes Mal beim Aufwachen noch immer diese Erinnerung? Eigentlich kannte er den Grund nur zu gut. Es war die Erinnerung an jenen Morgen, als er aufgewacht war und Kahlans Abwesenheit bemerkt hatte, die grauenvolle Erinnerung an den Morgen, an dem sie verschwunden war. Es war der angstbesetzte Wachtraum über jenen Albtraum, in den sein Leben sich verwandelt hatte, und doch wusste er, irgendetwas daran bewirkte, dass er wieder und wieder vor seinem inneren Auge vorüberzog. Tausendfach hatte er ihn in Gedanken bereits analysiert, trotzdem kam Richard einfach nicht darauf, was an dieser speziellen Erinnerung so bemerkenswert war. Gewiss, der Wolf, der ihn damals geweckt hatte, war ihm ein wenig merkwürdig erschienen, wenn auch längst nicht so merkwürdig, dass er ihn bis heute verfolgen müsste.

Richard blickte im trüben Dämmerlicht um sich, konnte Cara aber nirgends entdecken. In der Ferne jenseits des nahezu undurchdringlichen Waldstücks konnte er gerade eben den noch schwachen roten Streifen ausmachen, der sich im Osten am unteren Rand des Himmels abzuzeichnen begann – ein farbiger Schlitz, beinahe so, als sickere Blut durch eine klaffende Wunde des schieferschwarzen Himmels jenseits der vollkommen reglosen Bäume. Er war noch immer hundemüde von dem erbarmungslosen Tempo, das sie auf ihrem scharfen Ritt aus dem Zentrum der Alten Welt bis hierher angeschlagen hatten. Mehrfach waren sie von patrouillierenden Soldaten angehalten worden, wie man sie überall in den Midlands antraf, aber auch von Besatzungstruppen – die Begegnungen waren unangenehm genug gewesen, auch wenn es sich nicht um die Hauptstreitmacht der Imperialen Ordnung gehandelt hatte. Ein einziges Mal hatte man ihn und Cara, die sich als Steinmetz und dessen Ehefrau ausgaben, auf ihrem Weg zu der Arbeitsstelle weiterziehen lassen, die er zum Ruhm der Imperialen Ordnung erfunden hatte, in allen anderen Situationen hatten sie sich ihren Weg gewaltsam freikämpfen müssen und das war nicht ohne Blutvergießen abgegangen.

Er brauchte dringend mehr Schlaf – unterwegs hatten sie kaum Gelegenheit dazu gehabt –, aber solange Kahlan verschwunden blieb, war an mehr als das unbedingt nötige Quantum nicht zu denken. Er wusste nicht, wie viel Zeit ihm noch blieb, sie wieder zu finden, jedenfalls hatte er nicht die Absicht, auch nur einen Bruchteil davon zu verschwenden. Er weigerte sich standhaft zu glauben, seine Zeit könnte längst abgelaufen sein. Vor nicht allzu langer Zeit war eines ihrer Pferde an Erschöpfung eingegangen, wann genau, war ihm entfallen. Ein anderes hatte zu lahmen begonnen, und sie hatten es zurücklassen müssen. Aber über die Beschaffung frischer Pferde würde er sich später Gedanken machen, im Augenblick hatten sie dringendere Sorgen. Sie befanden sich bereits ganz in der Nähe der Weite Agaden, der Heimat Shotas. Die letzten beiden Tage hatten sie sich bei stetig ansteigendem Gelände immer höher in das gewaltige Gebirge gekämpft, das die Ebene wie ein Ring umschloss.

Er reckte seine schmerzenden, müden Muskeln und versuchte ein weiteres Mal, sich zu überlegen, wie er Shota überzeugen könnte, ihm zu helfen. Einmal hatte sie es bereits getan, aber das war noch lange keine Garantie dafür, dass sie es auch diesmal tun würde. Shota konnte, um es vorsichtig auszudrücken, mitunter recht schwierig sein. Es gab Menschen, die so große Angst vor dieser Hexe hatten, dass sie nicht einmal ihren Namen laut auszusprechen wagten.

Zedd hatte ihm einmal erklärt, dass Shota einem niemals verriet, was man wissen wollte, ohne nicht wenigstens ein Detail hinzuzufügen, auf das man lieber verzichtet hätte. Er konnte sich eigentlich gar nicht vorstellen, was das sein sollte, vielmehr hatte er eine sehr klare Vorstellung, was er wissen wollte, und war deshalb fest entschlossen, alles aus Shota herauszubekommen, was sie über Kahlans Verschwinden oder ihren derzeitigen Aufenthaltsort wusste. Und wenn sie sich weigerte, würde es eben Ärger geben. Während er sich immer mehr in seinen Zorn hineinsteigerte, bemerkte er, wie sich ein kühler, belebender Hauch von Morgentau auf sein Gesicht legte – und im selben Moment gewahrte er eine Bewegung zwischen den Bäumen.

Um in der Dunkelheit besser sehen zu können, kniff er die Augen halb zusammen. Eine leichte Brise war es jedenfalls nicht, die die Blätter in Bewegung versetzt hatte, denn in der Stille des Waldes kurz vor Anbruch der Dämmerung regte sich kein Lüftchen.

Es war, als bewegten sich schattenhafte Baumstämme durch das trübe Dunkel. An jenem Morgen hatte sich ebenfalls kein Lufthauch geregt.

Richards innere Unruhe steigerte sich noch, bis sie sich seinem hämmernden Puls angepasst hatte. Er erhob sich, noch immer in sein Bettzeug gewickelt.

Irgendetwas schien zwischen den Bäumen hindurchzugleiten – allerdings ohne die Zweige zu bewegen oder zur Seite zu biegen, wie ein Mensch oder Tier dies getan hätte – nein, die Bewegung war höher, etwa in Augenhöhe. Es war einfach noch nicht hell genug, um genau zu erkennen, was es war. Andererseits konnte er in dieser stillen morgendlichen Dunkelheit nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob sich dort überhaupt etwas bewegte, vielleicht hatte er es sich ja nur eingebildet. Shotas Nähe war gewiss Grund genug für ein überreiztes Nervenkostüm. Sie mochte ihm in der Vergangenheit geholfen haben, aber sie hatte ihm auch jede Menge Ärger bereitet. Aber wenn dort zwischen den Bäumen nichts war, wieso überlief ihn dann vor Angst eine Gänsehaut? Und was war dieses kaum wahrnehmbare Geräusch, das er jetzt hörte, dieses leise Zischen?

Ohne den dunklen Wald aus den Augen zu lassen, streckte Richard die Hand aus, stützte sich mit den Fingerspitzen an einer nahen Föhre ab und ging behutsam in die Hocke, gerade so tief, dass er sein auf dem Bettzeug liegendes Schwert an sich nehmen konnte. Während er den Waffengurt leise über seinen Kopf streifte, versuchte er, das Dunkel unmittelbar vor ihm mit den Augen zu durchdringen, um zu erkennen, was sich dort wenn überhaupt – bewegte. Was immer es sein mochte, es konnte nicht sehr groß sein. Dennoch – mit jedem Moment wuchs seine Gewissheit, dass dort irgendetwas war!