»Ja, mein Jarl!« Gunnhild sprang auf und eilte auf die Palisade zu. Die anderen Mädchen taten es ihr nach, begierig, mit den Vorbereitungen für das große Fest zu beginnen.
Dann wandte sich Forkbeard wieder dem Schlangenschiff zu und überwachte das Entladen der kostbaren Beute, die unter Freudenrufen in die Palisade getragen wurde.
Ivar Forkbeard warf den Kopf in den Nacken und lachte brüllend. Auf seinem Schoß saß das Mädchen, das einmal Aelgifu gewesen war; sie hatte die Arme um seinen Hals gelegt, und ihre Lippen liebkosten ihn; der neue Name der Tochter Gurts, des Administrators von Kassau, war ›Schätzchen‹. Sie trug einen schwarzen Metallkragen und das Brandzeichen ihres Herrn. Auf der anderen Seite schmiegte sich Gunnhild an den großen Mann.
Ich hielt das riesige Trinkhorn des Nordens in der Hand. »Das Ding kann man ja gar nicht hinstellen«, sagte ich verwirrt.
Wieder lachte er.
»Wenn du es nicht leertrinken kannst«, sagte er, »gib es weiter!«
Ich legte den Kopf zurück und leerte das Horn.
»Großartig!« rief Forkbeard.
Dann reichte ich das Trinkgefäß an Thyri weiter, die vor mir kniete.
»Jawohl, mein Jarl«, sagte sie und lief davon, um das Horn in dem großen Bottich zu füllen.
»Deine Halle«, sagte ich zu Forkbeard, »entspricht nicht ganz den Vorstellungen, die ich mir gemacht hatte.«
Ja, ich hatte erfahren müssen, daß meine Erwartungen hinsichtlich der ›Hallen‹ des Nordens ganz und gar nicht der Wirklichkeit entsprachen. Die echten Hallen, weiträumig und mit hohen Stützpfeilern, aus edlen Hölzern erbaut, voller Bänke und hoher Pfeiler, voller Täfelungen, Schnitzereien und kostbaren Wandteppichen und Gehängen, mit riesigen Feuern und hängenden Kesseln – diese Hallen waren wirklich sehr selten. Nur die reichsten aller Jarls konnten sich so etwas leisten. Die Halle des Ivar Forkbeard entsprach eher der üblichen schlichteren Bauweise. Aber wenn ich darüber nachdachte, kam mir das auch gar nicht so ungewöhnlich vor, immerhin befand ich mich in einem Land, in dem es wenig Bäume gibt. In Torvaldsland ist gutes Holz sehr teuer, und der größte Teil der Vorräte geht an die Schiffsbauer, die im Grunde noch wichtiger sind. Wenn ein Torvaldsländer zwischen seiner Halle und seinem Schiff wählen muß, fällt seine Entscheidung unweigerlich zugunsten des Schiffes aus. Ganz abgesehen davon wäre er ohne die Reichtümer, die ihm sein Schiff einbringt, gar nicht in der Lage, eine Halle zu errichten, in der seine Männer wohnen.
»Hier, Jarl«, sagte Thyri und reichte mir das Horn. Es war mit dem torvaldsländischen Met gefüllt, aus fermentiertem Honig gebraut, dick, süß und sanft berauschend.
Die Halle Ivar Forkbeards war ein langes flaches Gebäude, etwa hundertundzwanzig goreanische Fuß lang. Die etwa acht Fuß dicken Wände sind aus Gras und Steinen erbaut. Die Längsachse des Gebäudes weist nach Norden, was die Angriffsfläche für den eisigen Nordwind vermindert, der sich im torvaldsländischen Winter besonders unangenehm bemerkbar macht. In der Mitte lodert in einer runden Grube ein großes Feuer. Das Haus besteht im wesentlichen aus einem einzigen langen Raum, der zum Wohnen, Schlafen und Essen dient. An einem Ende befindet sich die Küche, durch eine Holzwand vom übrigen Raum abgetrennt. Das Dach ist nur etwa sechs Fuß hoch, was zur Folge hat, daß die meisten Männer den Kopf einziehen müssen. Der lange Raum ist nicht nur niedrig, sondern auch kaum erleuchtet und gewöhnlich von Rauch erfüllt, denn der Abzug erfolgt, wie in Torvaldsland üblich, nur durch kleine Löcher im Dach. In der Mitte der Halle liegt der Boden etwa einen Fuß niedriger als ringsum; in dieser Vertiefung, die sich durch das ganze Gebäude zieht, befinden sich die Tische und Bänke. In der Mitte tragen das Dach zwei Reihen Stützpfosten, jeweils sieben Fuß voneinander entfernt. An den Seiten der Halle sind entlang der Wände auf dem festgestampften Lehmboden Felle ausgebreitet. Steine markieren die Schlafecken, in denen man auch seine Sachen unterbringen kann. Der Mittelteil der Halle, etwa zwölf Fuß breit, dient als allgemeiner Aufenthaltsraum.
Zwei Sklavenmädchen trugen nun einen am Spieß gebratenen Tarsk herein, eine Last, die sie auf den Schultern balancierten. Sie waren durch dicke Lederpolster vor der Hitze des großen Bratspießes geschützt. Das dampfende Fleisch wurde auf den Tisch abgesetzt. Ivar Forkbeard zog sein Messer, schob die beiden Sklavinnen zur Seite und machte sich daran, das Fleisch zu verteilen. Er warf die Stücke über den Tisch.
Ich hörte Gelächter. Aus der Dunkelheit hinter mir drang ein wollüstiges Stöhnen, und gleich darauf hörte man die Wonneschreie einer Sklavin. Es handelte sich um eins der neuen Mädchen, das vor ein paar Minuten an den Haaren hinauf geschleppt worden war. Einer der heimgekehrten Krieger konnte es offenbar nicht mehr erwarten und verschaffte sich ausgiebig Erleichterung.
»Du mußt wissen«, sagte Ivar Forkbeard zu mir, »daß ich ein Geächteter bin.«
»Das wußte ich nicht.«
»Das ist einer der Gründe, warum meine Halle nicht aus Holz besteht.«
»Ich verstehe«, meinte ich. »Aber du hast wenigstens eine Palisade.«
Er warf mir ein Stück Heisch zu. »Die Palisade«, erwiderte er, »ist niedrig, und die Spalten sind mit Lehm verschmiert.«
Ich löste ein Stück von dem Fleisch, das mir Ivar zugeworfen hatte, und hielt es Thyri hin. Sie lächelte mich an. Sie versuchte zu lernen, einem Mann zu gefallen.
»Danke, mein Jarl«, sagte sie und nahm das Fleisch zwischen die Zähne.
»Du bist reich«, sagte ich zu Ivar, »und hast viele Männer. Du könntest dir bestimmt eine Halle aus Holz leisten, wenn du wolltest.«
»Warum bist du nach Torvaldsland gekommen?« fragte Ivar plötzlich.
»Um Rache zu nehmen«, sagte ich. »Ich muß einen bestimmten Kur erwischen.«
»Das sind gefährliche Wesen«, sagte er. Ich zuckte die Achseln.
»Einer hat uns hier angegriffen«, sagte Ottar plötzlich.
Ivar sah ihn an.
»Im letzten Monat wurde ein Verr gerissen«, berichtete Ottar.
Da wußte ich, daß es sich nicht um den Kur handeln konnte, den ich suchte.
»Wir haben ihn gejagt, konnten ihn aber nicht finden«, fuhr Ottar fort.
»Sicher hat er die Gegend inzwischen wieder verlassen«, sagte Ivar.
»Habt ihr sehr unter diesen Ungeheuern zu leiden?« fragte ich.
»Nein«, sagte Ivar. »Sie jagen selten so weit im Süden.«
»Die Kurii sind intelligent«, sagte ich. »Sie können sprechen.«
»Das ist mir bekannt«, sagte Ivar.
Ich erzählte Ivar nicht, daß die Wesen, die er Kurii oder Ungeheuer nannte, in Wirklichkeit Angehörige einer außerplanetarischen Rasse waren und daß sie – oder ihre Artgenossen in Raumschiffen – im Krieg mit den Priesterkönigen lagen, denen sie die Herrschaft über zwei Welten, Gor und die Erde, abnehmen wollten. Als Folge dieser Kämpfe, von denen die Erdenmenschen wie auch die Goreaner nichts wußten, waren von Zeit zu Zeit Schiffe der Kurii vernichtet worden und abgestürzt. Die Priesterkönige hatten es sich zur Angewohnheit gemacht, die Wracks dieser Schiffe zu vernichten, doch normalerweise verzichteten sie auf den Versuch, Überlebende aufzuspüren und zu töten. Wenn sich die verstreuten Kurii an die Waffen- und Technologiegesetze der Priesterkönige hielten, durften sie wie die Menschen überleben. Die Kurii, die ich kannte, waren von schrecklichen Instinkten getrieben, Ungeheuer, die in Menschen und Tieren nur Nahrung erblickten. Wie beim Hai reizte Blut die Kurii zu blinder Raserei. Sie waren ungewöhnlich kräftig und – wenn sie bei Sinnen waren – hochintelligent, obwohl sie intellektuell ebensowenig an die Priesterkönige herankamen wie die Menschen. In ihrer Mordlust und mit ihrer hochstehenden Technologie waren sie allerdings auf ihre Art ein ebenbürtiger Gegner der Priesterkönige. Die meisten Kurii lebten in Schiffen, den Stahlwölfen des Alls, und ihre Instinkte wurden bis zu einem gewissen Grad durch das unerbittliche Schiffsgesetz im Zaum gehalten. Man nahm an, daß die Heimatwelt der Kurii vernichtet worden war. Dies erschien logisch, wenn man ihr Ungestüm und ihre Gier bedachte – ihre eigene Heimat war vernichtet, jetzt suchten sie ein neues Zuhause.