Natürlich mochten die Kurii, mit denen die Torvaldsländer zu tun hatten, seit Generationen keine Verbindung mehr mit den Kurii der Schiffe haben. Es galt als eine der großen Gefahren bei der Auseinandersetzung, daß sich die Kurii aus den Schiffen eines Tages mit ihren Artgenossen auf Gor in Verbindung setzen könnten, um ihre Pläne voranzutreiben.
Menschen und Kurii hielten sich für Todfeinde. Die Kurii ernährten sich häufig von Menschenfleisch, so war es ganz natürlich, daß die Menschen diese Ungeheuer jagten, sobald sich eine Chance bot. Wegen der berserkerhaften Kampfkraft der Ungeheuer wurden die Kurii meistens aber nur bis an die jeweiligen Distriktsgrenzen gejagt, besonders dann, wenn nur der Verlust von Bosks oder Thralls zu beklagen war. Auch in Torvaldsland hielt man es gewöhnlich für ausreichend, die Ungeheuer aus dem eigenen Bezirk zu vertreiben.
»Wie erkennst du den Kurii, den du suchst?« fragte Ivar.
»Ich glaube, er wird mich erkennen«, antwortete ich.
»Du bist sehr mutig – oder sehr töricht.«
Ich trank schweigend Met und aß von dem Tarskfleisch, während der unermüdliche Krieger hinter uns auf den Schlafstellen seine Sklavin einem neuen Höhepunkt der Lust entgegenritt, wie ihre Schreie unüberhörbar bezeugten.
»Du bist aus dem Süden«, sagte Ivar. »Ich möchte dir einen Vorschlag machen. Ich bin geächtet. In einem Duell habe ich Finn Broadbelt getötet.«
»Aber das war ein Duell!«
»Finn Broadbelt war der Cousin von Jarl Svein Blue Tooth.«
»Ah«, sagte ich. Svein Blue Tooth war der Erste Jarl von Torvaldsland – jedenfalls galt er allgemein als der mächtigste des Landes. Es ging das Gerücht, daß in seiner Halle tausend Männer lebten und er den Kriegspfeil jederzeit auf zehntausend Höfe tragen konnte. In seinem Hafen lagen zehn Schiffe, und man behauptete, daß er mühelos hundert weitere unter sein Kommando rufen konnte. »Er ist dein Jarl?« fragte ich.
»Er war mein Jarl«, sagte Ivar Forkbeard.
»Das Wergeld ist sicher hoch«, sagte ich zögernd.
Forkbeard musterte mich grinsend. »Gegen alle Sitten und Gesetze und gegen die Proteste der Runenpriester und Höflinge wurde das Wergeld so hoch angesetzt, daß es Sveins Auffassung nach unbezahlbar ist.«
»Dein Bann soll also aufrechterhalten bleiben, bis du gefangen oder getötet wirst.«
»Er wollte mich aus Torvaldsland vertreiben.«
»Aber das ist ihm nicht gelungen.«
Ivar grinste noch breiter. »Er weiß nicht, wo ich stecke. Wenn er es wüßte, würden sofort hundert Schiffe vor dem Fjord auffahren.«
»Wie hoch ist denn das Wergeld?«
»Hundert Stein in Gold«, sagte Ivar.
»Soviel hast du doch allein im Tempel von Kassau erobert«, sagte ich.
»Und das Gewicht eines erwachsenen Mannes in Saphiren aus Shendi«, fuhr Forkbeard fort.
Ich schwieg.
»Bist du nicht überrascht?«
»Eine unmögliche Forderung«, sagte ich lächelnd.
»Du weißt aber, was ich im Süden getan habe.«
»Das ist allgemein bekannt. Du hast Chenbar den See-Sleen, Ubar von Tyros, aus einem Verlies in Port Kar befreit – und das für sein Gewicht in Saphiren aus Shendi.«
Ich überging die Tatsache, daß ich als Bosk von Port Kar für die Einkerkerung Chenbars verantwortlich gewesen war.
Ich bewunderte die Kühnheit des Torvaldsländers, dessen Befreiungsaktion mich allerdings in den Wäldern des Nordens fast das Leben gekostet hatte. Chenbar hatte Sarus aus Tyros geschickt, um Marlenus aus Ar und mich zu fangen. Nur mit Mühe hatte ich Marlenus und seine Männer befreien können.
»Inzwischen«, sagte Ivar lachend, »dürfte Svein Blue Tooth ziemlich unruhig sein.«
»Du hast hundert Stein in Gold und das Gewicht Chenbars aus Tyros in Saphiren.«
»Aber Blue Tooth verlangt noch ein drittes von mir.«
»Die Monde Gors?« fragte ich.
»Nein«, erwiderte er. »Die Monde Scagnars.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Die Tochter Thorgards von Scagnar, Hilda die Hochmütige.«
Ich lachte. »Thorgard von Scagnar«, sagte ich, »ist etwa so mächtig wie Blue Tooth.«
»Du kommst aus Port Kar – ist Thorgard von Scagnar nicht der Feind der Port Karer?«
»Wir aus Port Kar«, sagte ich, »haben im Grunde mit den Scagnarern wenig zu schaffen, doch es trifft zu, daß sich die Schiffe Thorgards oft an unseren Flotten vergriffen haben. Viele Port Karer sind durch ihn auf den Boden des Thassa geschickt worden.«
»Würdest du sagen, daß er dein Feind ist?«
»Ja.«
»Deine Jagd auf einen Kur mag schwierig sein.«
»Möglich.«
»Es könnte Spaß machen, eine solche Jagd anzugehen.«
»Du bist willkommen, mich zu begleiten.«
»Bist du daran interessiert, daß die Tochter Thorgards von Scagnar einen Sklavenkragen trägt?«
»Mir ist das im Grunde gleichgültig – aber der Versuch könnte schwierig und gefährlich sein.«
»Möglich.«
»Darf ich dich begleiten?« fragte ich.
Er grinste. »Gunnhild!« rief er. »Bring uns Met!«
Ich sagte mir, daß Forkbeards Hilfe in der Öde Torvaldsland von unschätzbarem Wert sein konnte. Er kannte womöglich die Schleichpfade der Kurii, ihm waren bestimmt die Dialekte des Nordens bekannt, die sich zum Teil sehr vom üblichen Goreanisch unterscheiden; die Sitten und Gebräuche dieser entlegenen Landstriche mochten ihm vertraut sein. Ich hatte keine Lust, gefesselt vor die Hacken von Thralls geworfen zu werden, nur weil ich unabsichtlich einen freien Kämpfer beleidigt oder eine Regel übertreten hatte – die vielleicht ein so einfaches Vergehen war wie der Griff zur Butter vor einem anderen Gast, der den Ehrenplätzen näher saß als ich. Und vor allen Dingen war Forkbeard ein großartiger Kämpfer und ein Schlaukopf; bei meinem Vorhaben im Norden konnte ich mir eigentlich keinen besseren Verbündeten wünschen.
Der Tochter Thorgards von Scagnar einen Sklavenkragen anzulegen, schien mir ein angemessener Preis zu sein für einen so mächtigen Kampfgefährten.
Thorgard von Scagnar, der bösartige, grausame Herrscher, einer der mächtigsten Jarls des Nordens, war mein Feind. Er war es, der uns mit seinem Schiff, dem Schwarzen Sleen, verfolgt hatte.
Ich lächelte. Seine Tochter Hilda die Hochmütige sollte sich in acht nehmen!
7
Die nächsten fünf Tage waren sehr angenehm für mich.
Vormittags übte ich mit Ottar den Axtkampf.
Die Klinge bohrte sich tief in den Pfosten.
»Mehr Schwung!« rief Ottar lachend. »Mehr Schwung!«
Die Männer stießen einen Freudenschrei aus, als die Axt beim nächsten Schlag das Holz glatt durchschlug.
Wieder hieb ich mit der großen Axt zu. Der Pfosten erbebte im Boden, und ein weiteres Stück wirbelte davon.
»Gut gemacht!« rief Ottar.
Im nächsten Augenblick hieb er mit seiner Axt zu. Ich fing den Schlag mit meiner Waffe an seinem Axtgriff ab, hob die linke Faust und schleuderte ihn mit einer Bewegung zu Boden. Gleich darauf lag er im Gras, und ich beugte mich mit erhobener Waffe über ihn.
»Ausgezeichnet!« rief er lachend und sprang wieder auf.
Es gibt viele Tricks im Kampf mit der Axt; oft setzt man Finten ein und führt kurze Hiebe mit dem Axtgriff, mit dem man ebenfalls zustoßen und auch schlagen kann. Ein voller Hieb führt natürlich dazu, daß der Krieger einen Moment lang ungeschützt ist, sollte die Klinge ihr Ziel verfehlen; grundsätzlich zieht man einen kräftigen Streich nicht bis zu Ende durch, um den Gegner aus der Reserve zu locken und dann mit einem Rückhandschlag zu erwischen. Manchmal kann man auch das Schild des Gegners unterlaufen und vielleicht seinen Schildarm abtrennen. Ein niedriger Schlag kann auch auf das Bein gerichtet werden. Und in der Defensive kann man versuchen, einen vollen Hieb herauszufordern, der einem einen kurzen Vorteil bringt; vielleicht läßt sich der Gegner in dem Glauben wiegen, daß er es mit einem unerfahrenen Krieger zu tun hat, und dazu verleiten, das Gewicht seines Körpers zur Unzeit in einen vollen Schlag zu legen. Die Axt der Torvaldsländer ist eine der schrecklichsten Waffen auf Gor, und es ist nicht leicht, einen Mann zu überlisten, der sich auf diese Waffe versteht. Zum Sieg braucht er nur einen Streich, den er erst ansetzen wird, wenn er sich seines Ziels ganz sicher ist.