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»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen in die Halle gekommen ist«, sagte ich.

»Nein«, sagte Forkbeard. »Die Kurii können im Dunkeln ausgezeichnet sehen. Wenn es hinter dir her gewesen wäre, hätte es dich erwischt.«

»Warum ist es dann in die Halle gekommen?«

»Kurii«, sagte Ivar Forkbeard, »lieben Menschenfleisch.« »Warum hat es sich nicht gewehrt?«

»Es war beim Fressen«, erwiderte der Torvaldsländer und beugte sich über das Ungeheuer. »Hast du schon vorher hier bei uns gejagt?« fragte er. »Hast du einen Verr und einen Bosk gerissen?«

»Und eben in der Halle einen Menschen«, sagte es stolz, dann verdrehte es röchelnd den Kopf.

»Tötet es!« befahl Forkbeard.

Vier Speere wurden erhoben.

»Halt«, sagte Ivar Forkbeard. »Es ist tot!«

8

»Dies ist also das Parfüm, das die vornehmen Frauen Ars zu den Gesängen im En'Kara tragen?« fragte das blonde Mädchen amüsiert.

»Jawohl, meine Dame«, versicherte ich und machte eine tiefe Verbeugung.

»Ein krasser Duft – nur für die Unwürdigen.«

Mein Assistent, ein großer Bursche, der offensichtlich geistig nicht ganz auf der Höhe war und wie ich nach Art der Parfümhändler weißgelbe Seide trug, eilte mit einem Koffer voller Flakons herbei.

»Ich hätte nicht angenommen, hier im Norden einen so feinen Geschmack wie den deinen zu finden.«

Mein Akzent hätte einen Arer nicht getäuscht, aber ich stellte mich auch nicht gerade ungeschickt an.

Die Augen Hildas der Hochmütigen, der Tochter Thorgards von Scagnar, blitzten. »Dafür könnte ich dich in Tarskfett rösten lassen!« versicherte sie.

»Erbarme dich eines Unwürdigen, der keine Ahnung hatte von der Vornehmheit des Nordens!«

»Hast du noch andere Parfüms?«

Ich reichte ihr ein anderes Fläschchen, das sie an die Nase hob.

»Das Zeug stinkt ja widerlich«, sagte sie.

Hastig verschloß ich die Probe wieder und reichte sie meinem Assistenten, der sie wieder auf das Tablett stellte. Ich mimte Nervosität und reichte ihr mit zitternden Händen das nächste Fläschchen. Sie gab es mir sofort zurück.

»Ich wußte ja gar nicht«, sagte sie, »wie minderwertig die Waren aus Ar sind!«

Das reiche Ar, die größte Stadt im bekannten Gor, galt als Symbol für hohe Qualität. Der Stempel Ars, ein einziger Buchstabe, der auch auf dem Heimstein der Stadt zu finden ist, wurde von skrupellosen Kaufleuten oft gefälscht und auf minderwertigen Waren angebracht. Obwohl der Buchstabe nicht schwer nachzumachen ist, war er nicht verändert oder ausgeschmückt worden; das Zeichen Ars ist ein Teil seiner Tradition. Meiner Auffassung nach waren die Handelsgüter aus Ko-ro-ba mindestens ebenso gut, wenn nicht sogar besser, doch diese Stadt hatte eben nicht den Ruf der großen Stadt im Südosten, jenseits des Vosk. All jene, die sich für solche Dinge interessieren, sehen in Ar den Schrittmacher für Mode und Sitte.

»Du beleidigst mich«, sagte Hilda die Hochmütige, »wenn du mir so minderwertige Duftstoffe vorsetzt. Ist das alles, was das große Ar zu bieten hat?«

Als Arer hätte ich mich vielleicht entrüstet; aber so gab ich mich nur etwas gereizt. Die Parfüms, die ich ihr vorführte, hatte Forkbeard vor etwa sechs Monaten an Bord eines Schiffs aus Cos erbeutet. Es handelte sich um echte Parfüms von allerfeinster Qualität.

Ich verneigte mich vor der hochmütigen jungen Dame. »Oh, große Herrin!« jammerte ich. »Die feinsten Parfüms aus Ar sind vielleicht zu dünn und zu schwach für eine Person Eures vorzüglichen Geschmacks!«

»Zeige mir andere Muster«, befahl sie verächtlich. Immer wieder versuchten wir der Tochter Thorgards von Scagnar zu gefallen doch erfolglos. Sie verzog das Gesicht oder zuckte zurück oder deutete mit einer kleinen Handbewegung ihren Widerwillen an.

Wir hatten den kleinen flachen Lederkasten fast durchprobiert.

Ich entkorkte ein kleines Fläschchen, das sie sich anmutig unter das Näschen hielt. »Gerade ausreichend«, sagte sie nach einem prüfenden Schnuppern.

Ich zügelte meine Wut. Den Duft kannte ich – die Destillation hundert verschiedener Blumen, wie ein kostbarer Wein gewonnen, ein besonderes Geheimnis der Parfümhersteller Ars. Es enthielt das Öl des Nadelbaums aus Thentis, einen Extrakt aus den Drüsen der Urt des Cartiusflusses und ein Präparat aus einer Ablagerung, die aus dem Gedärm des seltenen Hunjer-Langwals gekratzt worden war – Ergebnis der mangelhaften Verdauung von Blackfischen. Zum Glück wird die Masse zuweilen auch freischwimmend im Meer gefunden, von den Ausscheidungen der Wale getrennt. Dieses Parfüm beanspruchte in der Herstellung fast ein ganzes Jahr.

»Gerade ausreichend«, sagte sie. Aber ich wußte, daß ihr der Duft gefiel.

»Es kostet nur acht Stein Gold pro Flasche«, sagte ich beiläufig.

»Ich akzeptiere das Fläschchen als Geschenk«, sagte sie.

»Als Geschenk?« rief ich entsetzt.

»Ja«, sagte sie. »Du hast mich verärgert. Ich bin geduldig gewesen!«

»Habe Mitleid, Herrin!« schluchzte ich. »Ich wäre ruiniert.«

»Hebe dich hinweg, du Jauchenhausierer!«

Ich tat, als wäre ich erschrocken, und machte Anstalten, meinen Lederbehälter zu schließen. Dabei tat ich, als wollte ich eine Parfümflasche besonders vor ihr verstecken.

»Was ist das?« fragte sie schneidend.

»Ach, nichts.«

»Laß mich riechen!«

»Bitte nein, große Herrin!«

»Du wolltest mir das Parfüm vorenthalten, was?« fragte sie lachend. »Nimm dich in acht, sonst lasse ich dich doch noch auspeitschen!«

Mein Assistent und ich knieten vor der jungen Frau. Noch nie hatte ich eine so hochmütige, stolze und kalte Frau erlebt.

»Halte die Flasche hoch!« befahl sie und beugte sich vor. Dann schloß sie die Augen und atmete erwartungsvoll ein.

Sie öffnete die Augen und schüttelte den Kopf. »Was ist das?«

»Oh – nur ein Fangduft!«

Ich packte ihre Unterarme. Ivar Forkbeard zog ihr mit geübten Fingern Ringe und Armreifen ab und riß ihr die schweren Ketten vom Hals. Ich zerrte sie hoch, während Ivar ihr die goldene Kette aus dem Haar wickelte, das ihr bis auf den Rücken herabfiel.

»Wer seid ihr?« flüsterte sie benommen.

Ivar ließ schwere Metallfesseln um ihre Handgelenke zuschnappen.

»Ein Freund deines Vaters«, sagte er und befreite sich hastig von der Tunika des Parfümhändlers. Ich tat es ihm nach.

Sie sah, daß wir die Felle und das Leder der Torvaldsländer trugen.

»Nein!« rief sie entsetzt.

»Während Thorgard das Meer unsicher macht, machen wir Scagnar unsicher!«

»Soll ich sie noch mal daran riechen lassen?« fragte ich. Das Mittel hatte eine betäubende Wirkung, wenn man es lange genug einatmet. Die Flüssigkeit wird von Tarnkämpfern und oft auch von Sklavenhändlern verwendet.

»Nein«, sagte Ivar. »Sie muß munter bleiben.«

Ich spürte, wie sich der Mund Hildas unter meiner Hand bewegte. Die Dolchspitze des Forkbeards richtete sich auf ihren Hals. Sie zuckte zurück.

»Wenn du nicht flüsterst«, sagte er, »stirbst du. Ist das klar?«

Sie nickte folgsam. Auf eine Handbewegung Forkbeards hin gab ich ihren Mund frei, ohne allerdings ihren Arm loszulassen.

»Ihr bekommt mich nie an den Wächtern vorbei«, sagte sie leise.

Forkbeard sah sich im Zimmer um. Aus einer kleinen Truhe nahm er ein orangefarbenes Tuch.

»Der Palast ist voller Wächter«, sagte das Mädchen. »Ihr seid Narren!«

»Ich habe nicht die Absicht, dich an den Wächtern vorbeizuschmuggeln«, sagte Ivar Forkbeard.

Sie sah ihn verwirrt an. Er trat an das hohe Fenster ihres Zimmers, von dem aus man die tief unter der Klippe liegende Bucht überschauen konnte. Wir hörten, wie sich die Wellen an den Felsen brachen.

Ivar trat ans Fenster und blickte in die Tiefe. Dann kehrte er ins Zimmer zurück, ergriff eine Tonlampe, zündete sie an und kehrte an die Fensteröffnung zurück. Er bewegte die Lampe einmal auf und nieder. Ich folgte ihm, das Mädchen mitzerrend. Gemeinsam blickten wir in die brausende Schwärze hinab. Dann sahen wir eine Schiffslaterne, die kurz aufblitzte und dann wieder verdeckt wurde. Gorm und vier Ruderer warteten dort unten in Ivars Beiboot.