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»Ihr habt kein Seil, um mich hinabzulassen«, sagte Hilda und hob die Hände. »Laßt mich sofort frei!«

Ivar Forkbeard huschte zur Tür ihres Zimmers und legte lautlos die beiden Riegelbalken vor.

Sie blickte zu Boden. Dort lagen ihre Armbänder, Ringe und goldenen Ketten. Die Schmuckstücke sollten zurückbleiben – als Schmähung Thorgards. Welches deutlichere Zeichen konnten wir hinterlassen, daß wir das Gold dieses Fürsten nicht wollten, sondern daß wir es allein auf seine Tochter abgesehen hatten!

»Ich bringe hohes Lösegeld«, sagte Hilda.

Wortlos hob Forkbeard das orangefarbene Tuch, um es ihr um den Kopf zu werfen.

»Ich habe nur eine Bitte«, sagte sie. »Wenn euer verrückter Plan gelingt, laßt mich bitte nicht in die Hände Ivar Forkbeards fallen!«

»Oh. Ich bin Ivar Forkbeard«, sagte der Torvaldsländer lächelnd.

Sie riß entsetzt die Augen auf.

Er warf ihr das Tuch über den Kopf, wickelte ihr die Zipfel zweimal um den Hals und verknotete die Enden. Sie war bei Bewußtsein, ihre Füße waren nicht gefesselt, damit sie schwimmen konnte, und sie sollte auch schreien können, wenn sie wollte, allerdings gedämpft, damit die Wächter nichts hörten.

Forkbeard ergriff das Mädchen und schleuderte sie aus dem Fenster. Sie stürzte Hals über Kopf etwa fünfzig Fuß tief in das schwarze Wasser.

Wir gaben Gorm Zeit, sie zu finden und aus dem Wasser zu fischen. Dann stellte sich Forkbeard auf das Fenstersims und tauchte in die Dunkelheit hinab; etwa eine Ehn später folgte ich seinem Beispiel.

Kurz darauf hatte ich mich naß und prustend über die Bordwand des Bootes gewälzt. Forkbeard hatte sich bereits mit einem Fell trockengerieben, und ich tat es ihm nach. Rasch zogen wir trockene Kleidung an und versorgten unsere zitternde Gefangene.

»Psst!« sagte Forkbeard plötzlich.

Die Männer hörten auf zu rudern. Wir fuhren ohne Licht.

Überrascht beobachteten wir, wie sich ein großes Schiff dem Pier Thorgards von Scagnar näherte – es war der Schwarze Sleen, der am Bug zwei Laternen führte. Wir hatten angenommen, daß Thorgards Beutezug auf See noch länger dauern würde. Nun kamen Männer mit Laternen zur Anlegestelle gelaufen. Rufe erschallten, weitere Lichter wurden entzündet. Ich hob den Kopf und erblickte das erleuchtete Fenster Hildas der Hochmütigen, der Tochter Thorgards von Scagnar. Es sah aus, als wollte sie heute nacht erst spät zu Bett gehen. Vor ihrem Zimmer hielten außer fünf Sklavinnen vier gelangweilte Krieger Wache.

»Näher heran«, befahl Forkbeard flüsternd. Fast lautlos tauchten die Ruder ins Wasser und drückten uns näher an die Schiffswand des Schwarzen Sleen. Die Männer Thorgards befestigten gerade ihre Schilde an der Reling, nachdem sie die Ruder eingezogen hatten. Ein Brett wurde über die Reling gelegt. Im nächsten Augenblick ging Thorgard von Scagnar mit wehendem Gewand an Land. Er trug seinen gehörnten Helm. Eine Gruppe von Männern begrüßte ihn, doch er eilte sofort weiter.

Die Männer folgten ihm nicht, auch verließ kein weiterer Mann das Schiff.

Ich hielt den Atem an.

Forkbeard und die Männer an den Rudern reagierten ähnlich.

Eine weitere Gestalt tauchte aus der Dunkelheit des Schiffes auf. Sie bewegte sich sehr schnell und mit einer Wendigkeit, die bei einem so großen Körper überraschend war. Ich hörte Klauen über das Laufbrett kratzen.

Das Wesen folgte Thorgard von Scagnar. Jetzt erst verließen die verschüchterten Männer das Schiff.

Forkbeard sah mich ratlos an. »Ein Kur«, sagte er.

Er hatte recht. Aber dieses Wesen gehörte nicht zu den isolierten, heruntergekommenen, kranken Tieren von der Art, die wir in Forkbeards Heimstatt zu sehen bekommen hatten. Dieses Wesen schien bei bester Gesundheit zu sein.

»Was hat ein solches Ungeheuer mit Thorgard von Scagnar zu schaffen?« fragte ich.

»Was hat Thorgard von Scagnar mit einem solchen Ungeheuer zu schaffen?« gab Forkbeard zurück.

»Ich verstehe das nicht«, bemerkte ich.

»Es geht uns nichts an«, sagte Forkbeard. »Wahrscheinlich steckt gar nichts dahinter.«

»Das will ich hoffen«, meinte ich.

»Ich habe eine Verabredung mit Svein Blue Tooth«, fuhr der Torvaldsländer fort. »Bald findet das Thing statt.«

»Als Geächteter wirst du doch nicht am Thing teilnehmen?«

»Wer weiß?« fragte Forkbeard. »Und wenn ich überlebe, dann jagen wir Kurii.«

»Nur einen«, sagte ich.

»Vielleicht befindet sich der eine jetzt gerade in der Halle Thorgards von Scagnar.«

»Möglich«, sagte ich. »Ich weiß es nicht.«

Ich wußte, daß mich der Kur finden würde, wenn er ein Interesse daran hatte. Ich wollte meine Jagd ganz offen angehen. Sicher lag es in der Absicht des Kur, mich nach Norden zu locken. Ich lächelte. Dieser Plan war bereits gelungen.

Ich blickte auf das Anwesen Thorgards von Scagnar. Wenn der Kur, den wir eben gesehen hatten, der gesuchte war, bezweifelte ich nicht, daß wir früher oder später wieder aufeinanderstoßen würden. Aber ich wunderte mich doch, was ein solches Wesen bei Thorgard von Scagnar zu suchen hatte. Soweit ich wußte, begegneten sich die Kurii und die Menschen nur im Kampf.

9

An den Hüften zusammengefesselt, rangen wir im Gras des Thingplatzes miteinander.

Sein Körper entglitt meinen Händen. Ich spürte, wie mein rechtes Handgelenk an der Schläfe vorbei zurückgebogen wurde. Er grunzte. Er war sehr kräftig. Er war Ketil von Blue Tooths großem Hof, ein Champion Torvaldslands.

Ich wurde noch weiter zurückgebogen; ich wehrte mich nach besten Kräften, das rechte Bein zurückgestemmt.

Ringsum brüllten die Männer. Ich hörte, wie sie Wetten abschlossen und Mutmaßungen über den Ausgang des Kampfes äußerten.

Begleitet von anfeuernden Rufen begann sich mein rechtes Handgelenk zu heben und zu strecken; mein Arm war nun gerade vorgestreckt. Zentimeterweise senkte ich ihn dem Boden zu; wenn Ketil seinen Griff beibehielt, war er gezwungen, vor mir niederzuknien. Mit einem Wutschrei ließ er mein Handgelenk los. Das Seil zwischen uns, das einen Meter lang war, straffte sich. Erstaunt und wachsam starrte er mich an.

Ich hörte, wie Hände gegen die linke Schulter geschlagen wurden, wie Waffen auf Schilde klapperten.

Plötzlich zuckte die Faust des Champions unter dem Seil durch. Ich fing den Schlag mit der Seite meines linken Schenkels ab. Die Zuschauer stimmten ein Wutgebrüll an.

Daraufhin packte ich den rechten Arm des Champions – das Handgelenk in der rechten Hand, meine linke Hand um seinen Oberarm gespannt – ich hob den Arm und drehte ihn, so daß die Handfläche oben lag. Dann brach ich ihm den Arm über meinem rechten Knie. Ich hatte genug von dem Kerl.

Ich löste das Seil von meiner Hüfte und warf es zu Boden. Stöhnend kniete Ketil im Gras, und Tränen der Wut und des Schmerzes liefen ihm übers Gesicht. Zuschauer klopften mir auf die Schultern.

Als ich kehrtmachte, fiel mein Blick auf Forkbeard. Sein Haar war feucht. Er trocknete sich gerade mit einem Umhang ab.

»Sei gegrüßt, Thorgeir vom Axtgletscher«, sagte ich.

»Sei gegrüßt, Rothaar«, erwiderte er.

Der Axtgletscher, der sich zwischen zwei riesigen Felsformationen hindurchschob und dabei die Form einer Axt angenommen hatte, lag im hohen Norden. Die Männer aus der Gegend des Axt gletschers fangen Wale und jagen Schnee-Sleen. Landwirtschaft ist so hoch im Norden nicht mehr möglich. Thorgeir war natürlich zufällig der einzige Teilnehmer bei den Thing-Wettbewerben, der aus diesem fernen Distrikt kam.

»Wie war das Schwimmen?« fragte ich.

»Der Talmit gehört mir!« rief er.

Ein Talmit ist ein Stirnband, das im hohen Norden getragen wird. Dabei haben die Bänder eine besondere Bedeutung – sie dienen zur Kennzeichnung von Offizieren oder Jarls oder Rechtsgelehrten. Die einzelnen Bezirke haben verschiedene Talmitstile, die sich in Muster und Material unterscheiden. Daß Thorgeir vom Axtgletscher den Schwimmwettbewerb gewonnen hatte, mußte den anderen Teilnehmern seltsam vorgekommen sein, denn bei den Temperaturen im hohen Norden führte ein Aufenthalt im Wasser in kürzester Zeit zum Tod.