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Manchmal glaubte ich, daß Forkbeard verrückt war. Sein Humor mochte uns alle noch das Leben kosten. Wahrscheinlich gab es keinen einzigen Torvaldsländer beim Thing, der ihn wirklich für einen Mann vom Axtgletscher hielt. Ihm fehlten die schrägen Lider, die die Augen der Menschen im Norden vor der extremen Kälte schützen; außerdem war er viel zu groß, und seine Hautfarbe entsprach nicht der des hohen Nordens. Nur ein Verrückter hätte ernsthaft glauben können, daß er aus der Gegend des Axtgletschers kam. Es hatte viele Mutmaßungen über die wahre Identität des glattrasierten Kämpfers gegeben, der sich Thorgeir nannte.

Vor dem Schwimmwettbewerb hatte er schon das ›Stangensteigen‹ gewonnen, bei dem man einen hohen Holzmast aufentern mußte. Er hatte im ›Schluchtsprung‹ gewonnen, in Wirklichkeit eine Art Weitsprung; er hatte das ›Ruderschreiten‹ für sich entschieden, wobei er auf einem langen Stamm balancieren mußte, und schließlich war er Sieger im Speerwurf für Weite und Zielgenauigkeit. So hatte er also mit seinem Sieg im Schwimmen sechs Talmits eingeheimst.

Beim Singen war er weniger erfolgreich gewesen, obwohl er sich viel auf seine Singstimme einbildete; er war der Meinung, die Preisrichter hätten in diesem Fall gegen ihn entschieden; ebensowenig setzte er sich im Dichterwettstreit und bei den Reimspielen durch. »Ich bin eben kein Skalde«, hatte er mir später erklärt. Besser bewährte er sich beim Rätselraten, doch für einen der ersten Plätze reichte es nicht.

Trotz seiner verschiedenen Niederlagen hatte er – sogar nach seiner eigenen bescheidenen Meinung – bei den Wettbewerben ziemlich gut abgeschnitten, und war entsprechend guter Laune.

Den problematischsten Zwischenfall hatte es wahrscheinlich bei einem der Schlagballspiele gegeben; bei diesem Wettbewerb stehen sich auf jeder Seite zwei Männer gegenüber, und das Spiel geht darum, den Ball aus den Händen des anderen Teams zu halten; kein Spieler darf den Ball länger als zwanzig Zähleinheiten des Schiedsrichters halten; er darf ihn allerdings in die Luft werfen, wenn auch nur senkrecht, und ihn wieder auffangen; der Ball kann auch dem Partner zugeworfen oder ihm mit dem Schläger zugespielt werden. Dieser Schläger verleiht dem Ball natürlich eine ungeheure Geschwindigkeit; es handelt sich um einen schweren Holzknüppel, und der Ball, der etwa fünf Zentimeter Durchmesser hat, besteht ebenfalls aus hartem Holz. Ich war froh, daß ich mit dieser Sportart nichts zu tun hatte. Kurz nach dem ersten Anschlag wurde Gorm, der als Ivars Partner spielte, von dem Ball so hart getroffen, daß er ohnmächtig wurde, was wohl zu den üblen Tricks dieses Spiels gehört, da es sehr schwierig ist, sich vor einein Ball zu schützen, der hart aus knapper Entfernung geschlagen wird. In diesem Augenblick sah es für Ivar sehr ungünstig aus – bis sich einer seiner Gegner das Bein brach. Der Kampf wurde unentschieden abgebrochen. Anschließend bat mich Ivar, als sein Partner zu spielen, doch ich lehnte ab. »Schon gut«, sagte Ivar, »sogar der Mutigste darf ein Schlagballspiel ausschlagen.« Die Torvaldsländer kennen verschiedene Ballspiele, einige mit Schlägern oder Paddeln; ein Spiel findet im Winter auf glattem Eis statt und hat eine entfernte Verwandtschaft zum irdischen Eishockey. Es hat in Torvaldsland Tradition, und nach den Legenden war Torvald selbst ein geschickter Spieler.

Ivar Forkbeard – oder Thorgeir vom Axtgletscher, wie er sich nannte- hatte insgesamt sechs Talmits gewonnen, worüber er sich sehr freute.

Am Morgen des folgenden Tages sollten die Talmits durch Svein Blue Tooth persönlich überreicht werden.

»Heute nachmittag«, sagte Ivar Forkbeard, »wollen wir ein wenig herumschlendern.«

Das schien mir keine schlechte Idee zu sein – allerdings hätte ich noch einen besseren Vorschlag gehabt: um unser Leben zu rennen.

Denn am Morgen des nächsten Tages mochten wir uns in einem Kessel voller kochendem Tharlarionöl befinden.

Kurz darauf folgte ich Forkbeard zusammen mit einigen Männern durch die Menschenmassen der Thingwettbewerbe. An meiner Seite schwang das Kurzschwert, auch hatte ich den Langbogen und einen Köcher mit Pfeilen mitgenommen.

Forkbeard und seine Leute waren ebenfalls bewaffnet. Privatkämpfe sind während des Thing natürlich verboten – aber wer will einem Torvaldsländer verbieten, seine Waffen mitzunehmen?

Der Mann des Nordens verläßt sein Haus niemals ohne Bewaffnung – und auch innerhalb seines Zuhauses sind die Waffen stets in Reichweite – gewöhnlich hängen sie an der Wand hinter seiner Lagerstatt.

Die meisten Besucher des Thing waren freie Bauern – blond, blauäugig und stolz, Männer mit kräftigen Armen und Beinen und schwieligen Händen; viele trugen ihre Haare in Zöpfen und waren geschmückt mit den Talmits ihrer Bezirke; für das Thing hatten sie die beste Kleidung angelegt, dicke Wolljacken, die mit Wasser und Boskurin geschrubbt worden waren, dessen Ammoniak als Reinigungsstoff dient; alle waren bewaffnet, gewöhnlich mit Axt oder Schwert; einige trugen Helme; andere hatten sie mit ihren Schilden auf den Rücken gebunden. Am Thing muß jeder freie Mann teilnehmen, es sei denn, er bestellt seinen Hof allein und kann das Land nicht verlassen. Beim Thing muß jeder Bauer den Offizieren seines Jarls Helm, Schild und Schwert, Axt oder Speer in gutem Zustand vorweisen. Jeder Mann, wenn er nicht unmittelbar dem Jarl dient, ist für den Zustand seiner Ausrüstung und Waffen verantwortlich. Die Söldner in den Diensten der Jarls werden natürlich aus den Beständen des Jarls ausgerüstet – soweit das bei Torvaldsländern überhaupt noch erforderlich ist; wird die Waffe eines Söldners im Kampf aber beschädigt oder geht sie verloren – etwa im Körper eines Feindes, der über Bord fällt –, stellt der Jarl natürlich Ersatz; bei den freien Bauern ist er für solche Dinge dagegen nicht verantwortlich. Die Bauern, die am Thing nicht teilnehmen, weil sie auf ihren Höfen allein sind, müssen natürlich trotzdem die Vorschriften hinsichtlich der Bewaffnung beachten; einmal im Jahr müssen sie ihre Waffen einem Offizier des Jarls vorweisen, der zu diesem Zweck die Distrikte bereist. Wenn der Kriegspfeil herumgeschickt wird, müssen sofort alle freien Männer zu den Waffen eilen; in einem solchen Fall kann der Hof darunter leiden, und seine Gefährtin und die Kinder sind in Gefahr, eine schwere Zeit durchzumachen; wenn er seine Familie verläßt, sagt der Bauer einfach: »Der Kriegspfeil ist in mein Haus getragen worden.«

Wir sahen auch viele Häuptlinge und Kapitäne und untere Jarls in der Menge, jeder mit seiner Gefolgschaft. Diese hochstehenden Männer waren kostbar gekleidet und bewaffnet und trugen prunkvolle Helme und goldverzierte Äxte. Die Umhänge waren gewöhnlich lang und ausgestellt und von roter Farbe, und sie waren so geschnitten, daß der rechte Arm, der Schwertarm, frei und unbehindert bewegt werden konnte.

Auch ihre Begleiter trugen zumeist auffällige Umhänge und Armbänder aus Gold und Silber.

In der Menge befanden sich auch viele Sklavinnen, die zum Thing mitgebracht worden waren, im allgemeinen von Kapitänen und Jarls. Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich die Männer von Sklavinnen begleiten lassen, zum eigenen Vergnügen oder zum Beweis des eigenen Reichtums, vielfach aber auch, um sie zu verkaufen.

Auch Forkbeard hatte einige Mädchen mitgebracht, die uns mit blitzenden Augen folgten. Die Teilnahme am Thing gefiel ihnen ungemein, und sie waren sehr aufgeregt, besonders als Forkbeard ihnen an einem Stand Honigkuchen kaufte, den sie gierig verschlangen.

Forkbeard war in bester Stimmung. Nur eine der Sklavinnen schien keinen Spaß an unserem Ausflug zu haben. Sie hieß Dagmar. Um ihren Hals lag eine Fessel, die Thyri in der Hand hielt. Die Hände waren ihr auf dem Rücken gefesselt. Sie war zum Thing gebracht worden, um verkauft zu werden.