Выбрать главу

»Beobachten wir die Duelle«, schlug Forkbeard vor. Durch Duelle werden in Torvaldsland viele rechtliche und persönliche Auseinandersetzungen beigelegt. Es gibt zwei Arten – das formelle und das freie Duell. Beim freien Duell sind alle Waffenarten zugelassen; es gibt auch keine Beschränkungen hinsichtlich der Taktik und Abwehr. Beim Thing waren einige Felder für solche Duelle abgeteilt. Im allgemeinen werden diese Duelle auf wellenumtosten Felsenriffen im Thassa abgehalten. Zwei Männer werden dort alleingelassen; bei Anbrach der Dunkelheit fährt ein Boot hinaus, um den Überlebenden abzuholen. Das formelle Duell ist komplizierter, und ich werde nicht in allen Einzelheiten darauf eingehen. Zwei Männer treten sich gegenüber, doch jeder darf einen Schildträger mitbringen; die Kämpfer hauen aufeinander ein, und die Schläge werden von Schildträgern nach bestem Können abgewehrt. Drei Schilde darf jeder Kämpfer einsetzen; wenn die Schilde in Stücke gehackt oder sonstwie nutzlos geworden sind, zieht sich der Schildträger zurück, und der Duellant muß sich nun allein mit seinen Waffen verteidigen, wobei Schwerter mit einer bestimmten Maximallänge vorgeschrieben sind. Das Duell findet auf einer großen viereckigen Ledermatte statt, zehn Fuß im Quadrat, die auf dem Rasen festgesteckt ist; diese Matte ist von einem größeren Quadrat aus Stoff eingefaßt, dessen Ecken durch Holzpflöcke gekennzeichnet sind, zwischen denen allerdings keine Seile gespannt werden. Sobald das erste Blut den Stoff berührt, kann der Kampf bei Zustimmung der Kämpfer oder auf Entscheidung eines der beiden Schiedsrichter beendet werden; der Verlierer zahlt dem Sieger sodann einen Preis von drei silbernen Tarnscheiben; der Sieger bringt daraufhin im allgemeinen ein Opfer dar. Wenn der Sieger reich und der Kampf sehr wichtig gewesen ist, tötet er einen Bosk; wenn er arm ist oder der Kampf keinen großen Sieg darstellt, fällt das Opfer entsprechend kleiner aus. Die Duelle, besonders die formellen Duelle, dienen skrupellosen Schwertkämpfern zuweilen zur unehrenhaften Bereicherung. Unverständlicherweise kann jeder Mann durch einen Schwertkämpfer herausgefordert werden, wobei es um seinen Hof oder seine Gefährtin oder Tochter gehen kann; wird die Herausforderung nicht angenommen, ist der geforderte Preis fällig; wird der Kampf angenommen, riskiert der Herausgeforderte sein Leben zwischen den Stangen; kommt er um, fallen Hof, Gefährtin oder Tochter an den Sieger. Das Motiv hinter dieser Sitte ist wohl der Wunsch, starken, mächtigen Männern Gelegenheit zu geben, sich Land und attraktive Frauen anzueignen, und alle Besitzenden zu ermutigen, sich im Umgang mit den Waffen zu üben. Alles in allem gefiel mir diese Sitte gar nicht. Im allgemeinen dient das formelle Duell vornehmeren Zwecken – etwa der Klärung von Auseinandersetzungen über Grenzverläufe oder zur Austragung von Ehrenhändeln.

Ein Fall interessierte uns besonders. Ein junger Mann, kaum sechzehn Jahre alt, bereitete sich darauf vor, gegen einen stämmigen bärtigen Burschen in den Ring zu steigen.

»Das ist ein berühmter Champion«, flüsterte mir Ivar zu. »Bjarni aus dem Thorstein-Lager.« Das Thorstein-Lager, das sich im Süden von Torvaldsland befand, war ein Lager von Kämpfern, die etwa fünfzig Pasang weit das Land beherrschten und Tribute von den Höfen einzogen. Thorstein aus Thorsteins Lager war der Jarl. Das Lager war aus Holz erbaut und von einer Palisade umgeben und befand sich auf einer kleinen Insel in einer Bucht, die für ihren Reichtum an Parsitfischen bekannt war.

Der Preis des Duells war die Schwester des jungen Mannes, ein hübsches blondes Mädchen von vierzehn Jahren. Sie trug das Gewand einer freien Frau des Nordens. Ihre Kleidung war nicht prunkvoll, aber von schlichter Eleganz, dazu hatte sie zwei Broschen angesteckt. Sie stand aufrecht da, hatte aber den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen.

»Gib das Mädchen auf«, sagte Bjarni aus dem Thorstein-Lager zu dem Jungen. »Dann bringe ich dich nicht um.«

»Es gefällt mir nicht, daß torvaldsländer Frauen in die Sklaverei geführt werden sollen«, knurrte Ivar. »So etwas finde ich empörend.«

»Wo ist denn der Vater des Jungen?« wandte ich mich an einen Zuschauer neben mir.

»Er wurde von einer Lawine getötet«, erwiderte der Mann.

Der Junge war offenbar der Eigentümer des Hofes und damit automatisch der Herr des Hauses. So lag es an ihm, gegen eine solche Herausforderung nach besten Kräften anzutreten.

»Warum forderst du nicht gleich ein Kleinkind zum Kampf?« rief Ivar Forkbeard.

Bjarni musterte ihn mürrisch. »Ich will das Mädchen für unser Lager«, sagte er. »Ich habe keinen Streit mit Kindern.«

»Wird sie dort gebrandet und bekommt einen Kragen?« fragte Ivar.

»Das Thorstein-Lager«, erwiderte Bjarni hitzig, »braucht keine freien Frauen.«

»Sie ist Torvaldsländerin«, sagte Ivar.

»Als Sklavin ist sie bestimmt so gut wie andere.«

Ivar sah mich an. »Möchtest du mein Schildträger sein?«

Ich lächelte und ging zu dem jungen Mann, der Anstalten machte, in den Ring zu treten. Er war sehr mutig.

Ein anderer junger Mann, der etwa im gleichen Alter war und sicher vom Nachbarhof kam, sollte das Schild für ihn tragen.

»Wie heißt du?« fragte ich den Jungen.

»Hrolf«, sagte er, »aus dem Grünklippen-Fjord.«

Daraufhin nahm ich beide Jungen am Kragen und schob sie aus dem Quadrat. Dann trat ich auf das Leder des Rings. »Ich bin der Champion von Hrolf aus dem Grünklippen-Fjord.« Ich zog mein Schwert.

»Er ist verrückt«, sagte Bjarni.

»Wer ist dein Schildträger?« fragte mich einer der beiden weißgekleideten Schiedsrichter.

»Ich!« rief Forkbeard und eilte herbei.

»Ich weiß den Wagemut meines guten Freundes Thorgeir vom Axtgletscher zu schätzen«, sagte ich, »aber die Männer vom Axt gletscher sind, wie wir alle wissen, eher gastfreundlich und friedlich und verstehen sich nicht auf den Umgang mit Waffen.« Ich sah den verdatterten Forkbeard grinsend an. »Wir jagen hier keine Wale, Thorgeir!«

Forkbeard riß den Mund auf.

Ich wandte mich an den Schiedsrichter. »Ich kann seine Hilfe nicht annehmen«, sagte ich. »Es wäre viel zu hinderlich für mich, wenn ich auch noch auf ihn und seine Ungeschicklichkeiten achten müßte.«

»Ungeschicklichkeiten!« brüllte Forkbeard erbost.

»Du kommst doch vom Axtgletscher oder nicht?« fragte ich unschuldig.

Er lachte, machte kehrt und setzte sich außerhalb des Rings ins Gras.

»Wer soll dein Schild tragen?« fragte der Schiedsrichter.

»Meine Waffe ist mein Schild«, antwortete ich und hob das Schwert. »Der Bursche wird mich nicht treffen.«

»Was willst du denn mit diesem Messerchen?« fragte Bjarni aus dem Thorstein-Lager und sah mich ratlos an. Er mußte mich für verrückt halten.

»Dein Langschwert ist sicher nützlich im Kampf zwischen zwei Schiffen, die mit Enterhaken aneinandergedrückt werden – und da wäre meine Klinge fehl am Platze. Aber wir stehen hier an Land!«

»Meine Reichweite ist größer«, sagte er.

»Aber meine Klinge wird mich schützen«, erwiderte ich. »Außerdem mußt du weiter ausholen, und deine Klinge ist schwerer. Du wirst bald feststellen, daß ich dich mühelos unterlaufe.«

»Lügen-Sleen!« brüllte der Mann aus dem Thorstein-Lager.

Das Mädchen, um das der Kampf ging, sah mich neugierig und ein wenig ängstlich an. Die beiden Jungen standen mit bleichen Gesichtern im Gras. Sie verstanden nicht mehr von den Vorgängen als die meisten Zuschauer.

Der Oberschiedsrichter sah mich unschlüssig an. Zum Zeichen seines Amtes trug er einen Goldring um den Arm. Offenbar war der vorgesehene Kampf sowieso nicht in seinem Sinne gewesen.

»Laß mich kämpfen«, sagte ich zu ihm.

Er grinste. »Ich lasse dich als Champion für Hrolf aus dem Grünklippen-Fjord in den Ring. Da du der Champion des Herausgeforderten bist, hast du das Recht des ersten Hiebs.«

Ich tippte leicht gegen den Schild Bjarnis, der von einem anderen stämmigen Krieger seines Lagers gehalten wurde.

»Der erste Hieb«, sagte ich.

Mit einem Wutschrei stürzte sich der Schildträger Bjarnis aus dem Thorstein-Lager auf mich, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen und zum leichten Ziel für einen Hieb seines Schwertkämpfers zu machen.