Aber ich trat zur Seite. Der Schwung ließ den Schildträger fast bis zu den Eckstangen laufen. Mit erhobenem Schwert war Bjarni seinem Kampfgefährten gefolgt. Ich stand jetzt neben Bjarni, und die Spitze meines kleinen Schwerts war an seinen Hals gelegt. Er wurde bleich. »Versuchen wir's noch mal«, sagte ich. Hastig wich er zurück, und sein Schildträger gesellte sich wieder zu ihm. Beim zweiten Angriff vergaß ich jeden Gedanken an Fairneß und Vornehmheit und stellte dem Schildträger ein Bein. Nach den Regeln darf ein Schildträger nicht getötet werden – doch soweit ich wußte, war Beinstellen erlaubt. Ich hatte so etwas jedenfalls schon bei einem anderen Kampf gesehen. Und wie erwartet, verwarnte mich keiner der Schiedsrichter; ihr Gesichtsausdruck deutete eher darauf hin, daß sie mein Manöver sogar für gut gelungen hielten, obwohl sie eigentlich ganz objektiv sein sollten.
Der Mann stürzte zu Boden. Bjarni hatte offenbar aus dem ersten Zusammenstoß gelernt und war seinem Gefährten nicht ganz so dicht gefolgt. Zweimal kreuzten sich unsere Klingen, und dann hatte ich seinen Schutz unterlaufen, und meine Schwertspitze deutete auf sein Kinn. »Wollen wir es noch einmal versuchen?« fragte ich ihn lächelnd.
Der Schildträger sprang auf. »Kämpfen wir!« brüllte er.
Bjarni aus dem Thorstein-Lager sah mich an. »Nein«, sagte er. »Wir versuchen es nicht noch einmal.« Er hob die Schwertspitze, brachte sich einen Schnitt am Unterarm bei und hielt die Wunde über das Leder des Rings. Blutstropfen fielen auf den Stoff des äußeren Quadrats. »Mein Blut«, sagte Bjarni aus dem Thorstein-Lager, »ist auf dem Ring.« Er schob sein Schwert in die Scheide.
Das Mädchen und ihr Bruder und andere Zuschauer stimmten ein Freudengeschrei an. Der junge Mann lief zu seiner Schwester und umarmte sie.
Bjarni aus dem Thorstein-Lager ging zu dem Jungen, den er zum Kampf herausgefordert hatte. Aus seiner Geldbörse nahm er drei silberne Tarnscheiben und zählte sie dem Jungen in die Hand. »Es tut mir leid, Hrolf aus dem Grünklippen-Fjord«, sagte er, »dich belästigt zu haben.«
Dann kam Bjarni zu mir und reichte mir die Hand. »Für dich ist jederzeit Platz im Thorstein-Lager«, sagte er, »wenn dir etwas daran liegt, Kessel und Mädchen mit uns zu teilen.«
»Sei bedankt«, sagte ich, »Bjarni aus dem Thorstein-Lager.« Und mit seinem Schildträger verließ er das Leder des Duellplatzes.
»Die Münzen für dich, Champion«, sagte der Junge und wollte mir die drei silbernen Tarnscheiben überreichen.
»Spar sie für die Aussteuer deiner Schwester.«
»Was soll dann aber dein Lohn sein?«
»Der Spaß ist mein Lohn.«
»Mein Dank, Kämpfer«, sagte das Mädchen.
»Auch mein Dank, Champion«, sagte der Junge, der ihr den Arm um die Schulter gelegt hatte.
Ich neigte den Kopf.
»Junge!« rief Forkbeard, und der junge Mann drehte sich zu ihm um. Forkbeard warf ihm eine goldene Tarnscheibe zu. »Kaufe einen Bosk und opfere ihn«, sagte Forkbeard. »Und auf den Hängen am Grünklippen-Fjord soll tüchtig gefeiert werden!«
»Vielen Dank, Kapitän!« rief der Junge.
Die Zuschauer jubelten, als Forkbeard, ich und seine Männer und Sklavinnen den Duellplatz verließen.
Dabei kamen wir an einem jungen Mann vorbei, der eine rotglühende Metallstange in die Hände nahm, etwa zwanzig Fuß weit lief und sie dann zu Boden warf.
»Was macht der denn?« fragte ich.
»Er beweist, daß er die Wahrheit gesagt hat«, erklärte mir Forkbeard.
»Oh«, sagte ich. Auch hier gab es also so eine blödsinnige Einrichtung wie das Gottesgericht.
In der Menge bewegten sich zahlreiche Thralls und Runenpriester mit blondem Haar, weißen Roben und einem goldenen Spiralring am linken Arm. An der Hüfte trugen sie einen Beutel mit Omenplättchen – Holzstücke, im Blut eines geweihten Bosk getränkt, der bei der Eröffnung des Thing geopfert worden war. Diese Plättchen werden wie Würfel ausgeworfen und dann von den Priestern gedeutet. Im improvisierten Thing-Tempel in einem Hain hingen sechs tote Bosk, sechs Tarsk und sechs Verr; früher, so wird erzählt, wurden aus diesem Anlaß Thralls geopfert, doch man war vor etwa einer Generation in der Ratsversammlung der Runenpriester davon abgekommen. Die Erklärung lag allerdings nicht etwa an einer fortschreitenden Humanität, sondern man war der Meinung, daß Thralls wie Urts und die winzigen sechszehigen Tharlarion eines Opfers nicht würdig waren. Damals hatte es eine Hungersnot gegeben, und obwohl Hunderte von Thralls geopfert worden waren, hatte es vier Jahre gedauert, bis der Notstand behoben war. In dieser Zeit war es zu zahlreichen Raubfahrten in den Süden gekommen, wobei sich oft ganze torvaldsländische Flotten zusammengetan hatten.
Ich entdeckte auch einige weiß-gold gekleidete Kaufleute in der Menge, und auch vier parfümierte Sklavenhändler in blaugelber Seide, die offenbar aus dem fernen Turia kamen. Forkbeards Mädchen machten einen großen Bogen um diese Männer; sie hatten etwas gegen die parfümierte Sklaverei des Südens; dort ist das Joch der Sklaverei für ein Mädchen viel schlimmer, ihre Unterwerfung ist dort total, da die Sklavenherren des Südens für ihre Lieblingssleen oft mehr Sympathien aufbringen als für ihre Mädchen. In der Menge fiel mir ferner ein Arzt aus Ar auf, der in eine grüne Robe gehüllt war, sowie ein Schriftgelehrter aus Cos. Diese Städte stehen nicht gerade auf bestem Fuß miteinander, doch als zivilisierte Menschen kamen die beiden auf neutralem Boden gut miteinander aus.
Wir passierten eine Plattform, auf der Sklavenmädchen zur Schau gestellt wurden. Unmittelbar davor trafen wir eine freie Frau des Nordens. Sie war sehr groß und trug ein herrliches Cape aus weißem See-Sleen-Pelz, das zurückgeschoben war und die Blässe ihrer Arme enthüllte. Ihr Rock war aus bester Ar-Wolle, rotgefärbt und mit schwarzem Besatz. Sie trug zwei Broschen, beide aus dem Horn des Kailiauk geschnitzt und in Gold gefaßt. An ihrer Hüfte hing eine juwelenbesetzte Dolchscheide, in der die verzierte gekrümmte Klinge eines turianischen Messers steckte; freie Frauen in Torvaldsland sind gewöhnlich mit einem Dolch bewaffnet. An ihrem Gürtel hingen außerdem eine Schere und ein Ring mit zahlreichen Schlüsseln – ein Hinweis darauf, daß ihre Halle viele Truhen oder Türen enthielt. Das Haar war um einen Kamm gewickelt und hochgesteckt worden; der Kamm paßte zu den Broschen. Die Tatsache, daß sie das Haar frisiert trug, deutete auf einen wichtigen Gefährten hin; die Anzahl der Schlüssel ließ erkennen, daß sie die Herrin eines großen Hauses war. Sie hatte graue Augen, ihr Haar war dunkel, und ihr Gesicht eine starre, gefühllose Maske.
»Ein schreckliches Schauspiel«, sagte sie zu Forkbeard, deutete auf die Plattform und blickte schließlich auf Forkbeards Sklavinnen, die vor ihr niedergekniet waren.
»Diese Mädchen ließen sich auf deinem Hof zum Jäten oder Verrhüten besser einsetzen.«
»Aber ich bin vom Axtgletscher«, wandte Forkbeard ein. So hoch im Norden gab es natürlich keine Höfe und keine Verr oder Bosk mehr.
Der freien Frau mißfiel diese Antwort sichtlich.
»Thorgeir, nicht wahr?« fragte sie.
»Thorgeir vom Axtgletscher«, sagte Forkbeard und verbeugte sich.
»Und was will ein Mann vom Axtgletscher mit all diesen elenden Sklavinnen?« Sie deutete auf die knienden Mädchen.
»Im Land des Axtgletschers«, sagte Forkbeard ernst, »ist die Nacht sechs Monate lang.«
»Ich verstehe«, sagte die Frau und lächelte. »Du hast viele Talmits gewonnen, Thorgeir vom Axtgletscher?«
»Sechs«, sagte er, »Herrin.«
»Ehe du sie dir abholst«, sagte sie, »empfehle ich, daß du dich deines wahren Namens entsinnst.«
Er verbeugte sich.
Ihre Empfehlung gefiel mir absolut nicht.
Sie hob den Rocksaum – wobei schwarze Schuhe sichtbar wurden – und wandte sich ab. Dabei warf sie einen kurzen Blick über die Schulter.
»Wer war denn das?« fragte ich.