»Bera«, erwiderte er, »die Gefährtin von Svein Blue Tooth.«
Mir sank der Mut.
»Er müßte ihr eigentlich einen Kragen verpassen«, knurrte Forkbeard, und ich erschrak bei dem Gedanken. »Sie braucht die Peitsche«, fuhr er fort und sah seine Mädchen an. »Steht auf!« fuhr er sie an.
Lachend sprangen die Sklavinnen auf, und wir setzten unseren Weg fort. Die nächste Station war der Sklavenschuppen.
Hier saßen oder hockten zahlreiche Mädchen auf Strohlagern an der Wand. Das Gebäude war etwa zweihundert Fuß lang und wurde durch Fenster unter dem Dach erhellt.
Ein Offizier von Svein Blue Tooth, den zwei Thralls unterstützten, taxierte Dagmar mit sicheren Bewegungen und schaute ihr schließlich in den Mund.
»Eine silberne Tarnscheibe«, sagte er.
Dagmar hatte vor zwei Monaten einer anderen Sklavin ein Stück Käse gestohlen. Sie war danach ausgepeitscht worden und wurde nun verkauft.
»Einverstanden«, sagte Forkbeard – und das Geschäft war abgeschlossen.
Im Schuppen standen etwa einhundert Sklavinnen zum Verkauf. Sie alle trugen den Sklavenkragen des Nordens, der mit einem zusätzlichen Eisenring versehen ist.
Forkbeard nahm die Tarnscheibe entgegen, die er in seinen Geldbeutel schob.
Der Offizier nahm Dagmar am Arm und kettete sie an, während sich Forkbeard den anderen Mädchen zuwandte.
Einige boten sich ihm zum Kauf an, denn er war offensichtlich ein interessanter Herr; andere nahmen dagegen keine Notiz von ihm oder wichen sogar verängstigt oder feindselig vor ihm zurück.
Zu meiner Überraschung blieb Ivar vor einem unscheinbaren dunkelhaarigen Mädchen stehen, das mit gesenktem Kopf am Boden hockte. Sie warf ihm einen ängstlichen Blick zu und legte den Kopf wieder auf die Knie. Sie machte einen schüchternen, nach innen gekehrten Eindruck; vor ihrer Gefangenschaft war sie bestimmt viel allein gewesen.
»Was weißt du über dieses Mädchen?« wandte sich Forkbeard an den Offizier von Svein Blue Tooth, der uns begleitete.
»Sie sagt nur wenig, und im Auslauf hält sie sich abseits.«
Forkbeard untersuchte sie fachmännisch. »Ich kann dich vielleicht gebrauchen, um Thralls heranzuziehen«, sagte er zu der Sklavin. »Du bist gesund und für das Leben auf einem Hof gut geeignet.«
Er richtete sich auf. »Was willst du für sie haben?« fragte er den Offizier, der die Verkäufe durchführte.
»Ich habe sie für eine halbe silberne Tarnmünze bekommen. Also eine ganze Tarnscheibe.«
Forkbeard gab dem Mann die silberne Tarnscheibe zurück, die er für Dagmar bekommen hatte, und der Offizier kettete das Mädchen los.
»Warum hat mein Jarl mich gekauft?« fragte sie.
»Du bist bestimmt fähig, Tarsks zu füttern«, sagte er.
»Ja, mein Jarl«, erwiderte sie.
»Wie heißt du?« fragte ich sie.
»Peggie Stevens.«
Ich mußte lächeln.
»Du kommst von der Erde, nicht wahr?« sagte ich leise.
»Ja.«
»Aus welchem Staat?«
»USA. Connecticut.«
Seit dem Nestkrieg waren die Vorstöße der Außerirdischen viel kühner geworden; sie hatten keine Mühe, Sklavinnen auf der Erde zu finden; offenbar schützte man dort das Gold besser als die eigenen Frauen. Vermutlich ahnten die Regierungen der Erde inzwischen etwas von diesen Vorgängen; vielleicht verdächtigte man aber auch nur einige Händler in Ländern des Mittleren Ostens, wobei allerdings das empfindliche Gleichgewicht des Öls zu berücksichtigen war; was waren schon ein paar Flittchen, die in den Haremen des Mittleren Ostens landeten, gegen den Strom des schwarzen Öls, der die Räder der Industrie in Gang hielt? Aber der minimale Sklavenhandel, der in Westeuropa oder im Osten der Vereinigten Staaten anzutreffen war, erklärte nicht länger die Zahl der Vermißten, zu denen vor allem außergewöhnlich hübsche Frauen gehörten. Nach meiner Schätzung tauchten jährlich Hunderte von Frauen auf den goreanischen Sklavenmärkten auf.
»Wie bist du hier in den Norden gekommen?« fragte ich die Sklavin.
»Ich wurde in Ar verkauft«, erwiderte sie, »an einen Händler aus Cos. Doch unterwegs fiel unser Schiff vier Piratenschiffen aus Torvaldsland in die Hände. Soweit ich weiß, bin ich jetzt seit acht Monaten im hohen Norden.«
»Wie nennen wir unsere hübsche kleine Sklavin?« suchte Forkbeard bei Gunnhild Rat.
»Honigkuchen«, schlug das Mädchen vor.
»Gut. Du heißt Honigkuchen«, sagte Forkbeard.
»Jawohl, mein Jarl«, erwiderte Miß Stevens.
Dann verließ Ivar Forkbeard den Sklavenschuppen, und wir folgten ihm. Er fesselte Honigkuchen nicht, sondern sie begleitete ihn frei in seinem Gefolge. Ein gewisser Stolz, daß sie vor den anderen Mädchen verkauft worden war, machte sich bei ihr bemerkbar.
Nur wenige ahnten, daß noch heute beim Thing etwas Unerhörtes passieren würde.
Nachdem wir den Sklavenschuppen verlassen hatten, waren Forkbeard und seine Begleitung ohne mich zu ihrem Zelt zurückgekehrt; ich sah mich allein auf dem Gelände um.
Als die große Neuigkeit bekannt wurde, befand ich mich gerade beim Bogenschießen.
An diesem Wettbewerb hatte ich eigentlich nicht teilnehmen sollen. Es hatte vielmehr in meiner Absicht gelegen, ein kleines Geschenk für Forkbeard zu kaufen. Ich genoß seine Gastfreundschaft nun schon sehr lange, und er hatte mir vieles geschenkt. Übrigens gedachte ich kein Geschenk auszusuchen, das im Wert den Dingen entsprach, die er mir in seiner Gastfreundschaft hatte zukommen lassen. In Torvaldsland ist es üblich, daß der Gastgeber die größeren Geschenke macht; schließlich ist es sein Haus oder seine Halle; wenn sein Gast ihm größere Geschenke verehrt, als er selbst dem Gast zu geben vermag, kommt dies einer Beleidigung, einem Verrat an der Gastfreundschaft gleich. Immerhin ist der Gastgeber kein Hotelier und sucht keinen Gewinn; und der Gastgeber darf nicht bescheidener erscheinen als der Gast, der willkommen geheißen und beschützt wird. In Torvaldsland steht also die Großzügigkeit dem Gastgeber zu; wäre Forkbeard dagegen nach Port Kar gekommen, hätte es an mir gelegen, ihm die größeren Geschenke zu machen. Dies scheint mir eine gute Sitte zu sein; der Gastgeber, der als erster gibt und der genau weiß, was er sich leisten kann, bestimmt den Umfang des Gebens; der Gast bemißt dann seine Geschenke entsprechend; der Gastgeber gewinnt Ehre, der Gast ehrt seinen Gastgeber, indem er weniger schenkt.
So ging es mir darum, ein Geschenk für Forkbeard zu finden; es durfte nicht zu kostbar sein – aber natürlich sollte er Freude daran haben.
Ich war gerade unterwegs zu den Einkaufsständen am Hafen, wo die besten Waren feilgeboten werden, als ich einen Augenblick stehenblieb, um beim Bogenschießen zuzusehen.
»Gewinne Leah! Gewinne Leah, Herr!« sagte eine Stimme.
Ich sah das Mädchen an, das meinen Blick erwiderte.
Sie stand auf dem breiten runden Block – dunkelhaarig, klein, wohlgerundet. »Gewinne Leah, Herr«, forderte sie mich auf. Sie war mit einer Kette an den Block befestigt. Zusammen mit dem Talmit der Bogenschützen war sie der große Preis in diesem Wettbewerb.
Ich schaute mir ihr Brandzeichen an – ein Zeichen des Südens, der erste Buchstabe des Wortes ›Kajira‹, des gebräuchlichsten Wortes für eine goreanische Sklavin. Außerdem fiel mir auf, daß sie mich ›Herr‹ und nicht ›Jarl‹ genannt hatte – was ebenfalls auf den Süden hindeutete.
»Willst du versuchen, Leah zu gewinnen, Herr?« fragte sie spöttisch.
»Bist du ausgebildet?« fragte ich.
»In Ar«, flüsterte sie verwirrt. »Aber du willst diese Kenntnisse doch nicht etwa hier im Norden verwenden?«
Ich sah sie an. Sie schien die vollkommene Lösung für mein Problem zu sein. Eine Frau ist als Geschenk unbedeutend genug, daß die Ehre Forkbeards als mein Gastgeber gewahrt blieb; außerdem war dies ein begehrenswertes Mädchen, das Forkbeard und seinen Leuten sehr gefallen würde. Als ausgebildete Vergnügungssklavin mochte sie außerdem bei den groben Torvaldsländern eine besondere Rarität für ihre sexuellen Vergnügen sein.
»Du bist mir recht«, sagte ich und wandte mich ab.