»Wie viele kommen dort zusammen?« fragte Svein Blue Tooth, der neben den Kurii stand.
Blue Tooth war ein großer bärtiger Mann mit einem breiten, schweren Gesicht. Er hatte blaue Augen, und sein blondes Haar war schulterlang. Unter seinem linken Auge zog sich eine Messernarbe hin. Er machte einen schlauen, intelligenten Eindruck, den Eindruck eines Mannes, der seinen Vorteil zu nutzen verstand. Wahrscheinlich war er ein guter Jarl. Er trug einen rotgefärbten Fellkragen und einen langen roten Umhang aus See-Sleen-Fell über der linken Schulter. Unter dem Umhang trug er gelbe Wolle und einen schwarzschimmernden breiten Gürtel mit einer Goldschnalle, an dem eine Schwertscheide aus geöltem, schwarzem Leder hing. In dieser Scheide steckte ein torvaldsländisches Schwert, ein Langschwert mit juwelenbesetztem Knauf und doppeltem Handschutz. Um seinen Hals hing an einer goldenen Kette der blaugefärbte Zahn eines Hunjerwals.
»Wir kommen in Frieden«, wiederholte der Kur.
»Wie viele versammeln sich?« hakte Blue Tooth nach.
»So viele, wie sich Steine an der Küste befinden«, sagte der Kur. »So viele, wie Nadeln an den Nadelbäumen hängen.«
»Was wollt ihr?« rief ein Mann aus dem Publikum.
»Wir kommen in Frieden«, wiederholte der Kur noch einmal.
»Sie haben kein weißes Fell«, sagte ich zu Forkbeard, der jetzt neben mir stand. »Unwahrscheinlich, daß sie aus Schneegebieten kommen.«
»Natürlich nicht«, sagte Forkbeard.
»Sollten wir Svein Blue Tooth nicht darüber informieren?« fragte ich.
»Blue Tooth ist kein Dummkopf«, erwiderte Forkbeard lächelnd. »Hier glaubt niemand daran, daß sich die Kurii im Lande des Schnees versammeln. Es gibt dort nicht genug Wild, um so viele Lebewesen zu ernähren.«
»Wie weit sind sie also wirklich entfernt?« fragte ich.
»Das weiß niemand.«
»Leider kennt ihr uns nur durch unsere Geächteten, durch Pervertierte, die aus unseren Höhlen vertrieben worden sind, ungeeignet für die Feinheiten der Zivilisation. Ihr kennt bisher nur unsere Kranken und Ausgestoßenen und Wahnsinnigen, jene, die sich trotz unserer Bemühungen nicht unserer friedlichen und harmonischen Lebensweise anpassen wollten.«
Die Torvaldsländer waren sichtlich verblüfft. Ich schaute auf die großen Äxte in den Händen der beiden Kurii, die hinter dem Sprecher standen.
»Wir sind oft im Kampf aneinandergeraten«, sagte der Sprecher. »Aber an diesen Vorfällen tragt ihr in großem Maße selbst die Schuld. Ihr habt uns grausam und rücksichtslos gejagt, ihr habt uns umbringen wollen, während wir Kameradschaft suchten, als intelligente Mitbewohner dieser Welt.«
»Bringt sie um!« murmelte so mancher Mann. »Es sind Kurii.«
»Selbst jetzt noch«, sagte der Kur und bleckte die Zähne, »gibt es Männer in euren Kreisen, die unseren Tod wünschen, die auf unsere Vernichtung drängen.«
Die Torvaldsländer schwiegen. Der Kur hatte ihre Worte verstanden, obwohl er weit entfernt und hoch über uns stand. Was für ein Gehör!
Wieder wurden die scharfen Zähne entblößt, und ich fragte mich, ob das Wesen vielleicht ein menschliches Lächeln nachzuahmen versuchte. »Wir kommen in Freundschaft«, sagte der Kur und sah sich um. »Wir sind einfache, friedliche Wesen, die sich für die Landwirtschaft interessieren.«
Svein Blue Tooth warf den Kopf in den Nacken und stimmte ein lautes Lachen an. Ein mutiger Mann, fürwahr! Auch Ivar Forkbeard begann zu lachen, weitere fielen ein.
Ich fragte mich, ob der Magen – oder die Mägen – der Kurii Pflanzennahrung überhaupt vertrugen. Die ganze Versammlung hatte nun zu lachen begonnen.
Der Kur schien sich über die Reaktion nicht zu ärgern. Ich fragte mich, ob er mit dem Lachen überhaupt etwas anfangen konnte. Für ihn mochte es nur ein seltsames Geräusch sein, ebenso nichtssagend wie für uns die Schreie von Walen.
»Ihr seid amüsiert«, sagte er.
Also doch – die Kurii wußten, was das Lachen bedeutete. Daß die Kurii Humor hatten, beruhigte mich nicht sonderlich. Ich fragte mich eher, in welchen Situationen sich dieser Humor wohl zeigen mochte. Wäre eine Katze intelligent gewesen, hätte sie sich vielleicht über das Zucken und Beben der Maus amüsiert, die sie eben gefangen hatte. Wenn eine Spezies lacht, so zeugt dies von ihrer Intelligenz und ihrer Fähigkeit, logisch zu denken – und nicht von ihrer Güte oder Harmlosigkeit. Der Verstand ist harmlos – wie ein Messer, dessen Anwendung eine Funktion der Hand ist, die es umfaßt, und der Energien und des Willens, die es bewegen.
»Wir waren nicht immer schlichte Bauern«, sagte der Kur. »Nein, früher waren wir Jäger, und unsere Körper tragen noch immer die Spuren unserer grausamen Vergangenheit. Dies hier« – und er fuhr plötzlich seine Krallen aus – »erinnert uns daran, daß wir entschlossen sein müssen, eine zuweilen störrische Neigung zu überwinden. Nicht das, was wir waren, ist wichtig, sondern das, was wir sind, was wir werden wollen. Wir wünschen einfache Bauern zu sein, die den Boden bestellen und ein ländlich-friedliches Dasein führen.«
Die Torvaldsländer sahen sich an.
»Was wollt ihr?« fragte Svein Blue Tooth.
Der Kur wandte sich an die große Versammlung.
»Wir möchten auf einem Marsch nach Süden euer Gebiet durchqueren.«
»Es wäre Wahnsinn«, sagte Forkbeard zu mir, »große Gruppen von Kurii ins Land zu lassen.«
»Wir suchen leere Gebiete im Süden, um dort Landwirtschaft zu treiben«, sagte der Kur. »Wir brauchen nur soviel von eurem Land, wie unsere Kolonne breit ist, und nur so lange, wie der Marsch dauert.«
»Deine Bitte erscheint mir vernünftig«, sagte Svein Blue Tooth. »Wir werden darüber beraten.«
Der Kur trat zurück und stellte sich neben seine Artgenossen. Die drei unterhielten sich in einer Sprache der Kurii; soweit ich weiß, gibt es auf den Stahlwelten verschiedene Nationen dieser Wesen. Ich verstand nichts von dem Gesagten; die Sprache erinnerte mich jedoch sehr an das Schnauben und Knurren von Larls.
»Welches Getreide«, fragte Ivar Forkbeard, »wollen die Kurii eigentlich anbauen?«
Ich sah, wie sich die Ohren des Kurs anlegten. Die Zähne wurden entblößt. »Sa-Tarna«, sagte das Ungeheuer.
Die Männer auf dem Feld nickten verständnisvoll. Sa-Tarna war das Hauptgetreide in Torvaldsland; die Antwort war daher verständlich.
Ivar flüsterte mit einem seiner Männer.
»Was werdet ihr uns für die Durchquerung unseres Landes zahlen?« fragte einer der freien Torvaldsländer.
»Solche Dinge wollen wir aushandeln«, sagte das Ungeheuer. »Wenn es geboten scheint, solche Dinge zu besprechen.«
Dann trat es zurück.
Verschiedene freie Männer erhoben sich nacheinander und äußerten sich vor der Versammlung. Einige sprachen sich dafür aus, den Kurii ihren Durchzug zu erlauben, viele wandten sich dagegen.
Dann kam man zu dem Schluß, daß man doch erst wissen müßte, was die Kurii als Gegenleistung zu bieten gedachten.
Inzwischen war mir klargeworden, daß Torvaldsland praktisch eine Mauer zwischen den Kurii und den südlichen Regionen Gors bildete. Der Kur ist ein Landwesen. Er kann nicht schwimmen und scheut das Wasser. Auf Schiffen fühlt er sich sehr unwohl. Außerdem hat seine Rasse keine Ahnung von der Kunst des Schiffsbaus. Daß plötzlich große Kurii-Gruppen in Erscheinung traten und sich zu einem solchen Marsch in den Süden formierten, konnte in den Kriegen dieser Wesen mit den Priesterkönigen kein Zufall sein. Hier waren in großem Maße goreanische Kurii im Spiel. Sie hatten primitive Waffen. Sie kannten nicht einmal Übersetzungsgeräte. Nach den Gesetzen der Priesterkönige oblag es solchen Spezies Kurii wie Menschen –, Auseinandersetzungen auf ihre Art zu regeln. Ich bezweifelte nicht, daß die Kurii – wahrscheinlich unter Anleitung der Kurii aus den Stahlwelten – einen Einmarsch in Torvaldsland planten, der sie innerhalb einer Generation bis zum Südpol Gors führen sollte. Die Kurii machten Anstalten, ihre wahren Motive zu offenbaren. Endlich waren sie zum Vormarsch bereit. Wenn sie Erfolg hatten, ließ die Invasion aus dem Weltall sicher nicht lange auf sich warten. Aus Barmherzigkeit oder Desinteresse hatten die Priesterkönige viele Kurii am Leben gelassen, die abgestürzt oder abgeschossen worden waren. Diese Wesen hatten im Laufe der Jahrhunderte an Zahl und Kampfkraft zugenommen und mochten nun unter der Leitung der Kurii aus den Stahlwelten stehen; zweifellos hatte Kontakt bestanden. Vermutlich kam sogar der Sprecher aus den Stahlschiffen, ein Wesen, dem man das Goreanische beigebracht hatte. Die goreanischen Kurii, die Gruppe, die man hatte überleben und siedeln lassen, kannte diese Sprache sicher nicht. Es gab kaum Berührungspunkte mit den Menschen außer wenn man sich gegenseitig umbringen wollte.