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Die Halle Svein Blue Tooths bestand aus Holz und bot einen herrlichen Anblick.
Das Innere der Halle war ohne die verschiedenen Nebenräume und die Empore, die innen herumführte und Zugang zu anderen Räumen bot, etwa vierzig Fuß hoch, vierzig Fuß breit und nahezu zweihundert Fuß lang. An der Westwand stand ein gewaltiger Tisch, der die ganze Breite des Raums einnahm. Hinter diesem Tisch, mit dem Rücken zur Wand, damit von dort aus die ganze Halle überblickt werden konnte, befand sich der hohe Sitz, der Platz des Hausherrn. Er war groß genug für drei oder vier Männer, und ehrenhalber durften manchmal andere Männer mit dem Jarl auf dem hohen Sitz Platz nehmen. Zu beiden Seiten dieses Throns befanden sich zwei Säulen, etwa zwanzig Zentimeter dick und rund acht Fuß hoch – die Thronsäulen. Die Säulen waren während der Herrschaft von Svein Blue Tooths Großvater geschnitzt worden und trugen die Glückszeichen seines Hauses. Zu beiden Seiten des hohen Sitzes standen lange Bänke, ebenso auf der anderen Seite des Tisches. Ein Ehrenplatz war die Position gegenüber dem hohen Sitz, auf dem man sich am besten mit dem Gastgeber unterhalten konnte. Obwohl der Thron ›hoher‹ Sitz genannt wurde, ragte er nicht über die anderen Sitzgelegenheiten auf. Der Jarl blickte nicht auf seine Gefolgsleute herab. Der Sitz ist ›hoch‹ in dem Sinne, daß sich große Ehre mit ihm verbindet.
Fast durch die gesamte Halle erstreckte sich eine Grube für ein ›langes Feuer‹, über dem für die Hausangehörigen Nahrung zubereitet werden konnte. An den Längswänden der Halle standen ebenfalls lange Tische mit Bänken. Auf den Tischen befindliche Schalen, mit Salz gefüllt, trennen gewöhnlich die Männer nach ihrem Rang. Wer ›über‹ dem Salz sitzt, verfügt über ein größeres Prestige als jemand, der ›unterhalb‹ Platz nehmen muß. Zwischen dem Salz und dem hohen Sitz befand man sich ›über‹ dem Salz; saß man zwischen dem Salz und dem Halleneingang, befand man sich ›unterhalb‹. In der Halle Ivar Forkbeards aber galten solche Rangunterschiede nicht; in seiner Halle wohnten ausnahmslos Kampfgefährten, die ›über dem Salz‹ standen. So wäre es nach Ansicht Blue Tooths und anderer nicht richtig gewesen, einen hohen Offizier an denselben Tisch zu setzen wie einen Mann, der sich damit beschäftigte, die Verrs hütenden Thralls zu beaufsichtigen.
Salz wird von den Torvaldsländern übrigens im allgemeinen aus Meerwasser oder aus der Verbrennung von Tang gewonnen. Aber es ist längst zum Handelsobjekt geworden und wird zuweilen bei Überfällen erbeutet. Die gelben und roten Salzsorten des Südens, von denen ich einige auf den Tischen sah, sind in Torvaldsland normalerweise nicht zu finden.
Die Anordnung der Tische ist zwar von Halle zu Halle verschieden, aber es ist üblich, daß der Eingang der Halle zur Morgensonne hin orientiert ist und daß der hohe Sitz diesem Eingang gegenübersteht. Es ist übrigens niemandem gestattet, hinter dem hohen Sitz Platz zu nehmen. In einem rauhen Land wie diesem sind solche elementaren Vorsichtsmaßnahmen sicher am Platze.
An den Längswänden der Halle hingen die Schilde der Krieger mit ihren Waffen. Auch Krieger, die gewöhnlich an den Mitteltischen saßen, bewahrten ihre Schilde und Speere an der Wand auf. In der Nacht schlief jeder Mann in seinen Fellen hinter dem Tisch und unter seinen Waffen. Blue Tooth und die Mitglieder seiner Familie sowie hohe Offiziere zogen sich natürlich in Privaträume zurück.
Die Halle war mit prachtvollen Schnitzereien und oberhalb der Schilde mit kostbaren Wandteppichen und anderen Behängen geschmückt. Sie stellten Szenen aus dem Krieg oder von der Jagd dar, dazwischen waren Schiffsbilder zu finden. Eine Darstellung zeigte eine Tabukjagd in einem Wald. Ein anderer Wandteppich mit zahlreichen Schiffen einer Kriegsflotte stammte aus der Zeit der großen Hungersnot in Torvaldsland – eine Generation war das jetzt her. In jener bitteren Zeit hatte es besonders viele Piratenzüge in den Süden gegeben.
Als Ivar Forkbeard auf dem purpurn geschmückten Siegerpodest seinen Namen nannte, brüllte Svein Blue Tooth: »Ergreift ihn und macht das Öl heiß!«
»Dein Eid! Dein Eid!« riefen die entsetzten Runenpriester.
»Ergreift ihn!« schrie Blue Tooth, doch seine Männer waren ihm in den Arm gefallen, während sie Ivar Forkbeard mit schlecht verhehlter Mißbilligung ansahen.
»Du hast mich hereingelegt!« fauchte Blue Tooth.
»Ja«, sagte Forkbeard. »Das stimmt.«
Svein Blue Tooth, der von seinen Männern festgehalten wurde, bemühte sich vergeblich, sein riesiges Schwert zu ziehen.
Der Hohe Runenpriester stellte sich höchstpersönlich zwischen den Jarl und Forkbeard, der unschuldig zu den Wolken hinaufblickte.
Der Runenpriester hob den schweren goldenen Ring Thors. »Du hast auf diesen Ring geschworen!« rief er.
Auf Svein Blue Tooths Gesicht traten die Adern hervor. Er war ein kräftiger Mann. Seine Offiziere hatten ihre liebe Not, ihn festzuhalten. Er knurrte wie ein gereizter Larl.
Endlich gab er den Kampf auf. »Wir beraten uns«, sagte er schweratmend. Er zog sich mit seinen Offizieren zum hinteren Rand der Plattform zurück, wo eine hitzige Diskussion anhob. Wiederholt wurden finstere Blicke auf Forkbeard geworfen, der nun fröhlich verschiedenen Bekannten in der Menge zuwinkte.
»Lang lebe Forkbeard!« rief ein Mann aus dem Publikum. Die Gefolgsleute Blue Tooths traten unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und drängten sich näher an die Plattform heran. Ich erklomm die Stufen und nahm hinter Forkbeard Aufstellung. Ich hatte die Hand auf den Schwertgriff gelegt und wollte meinen Freund notfalls verteidigen.
»Du bist wahnsinnig«, sagte ich zu ihm.
»Schau«, erwiderte er, »da ist Hafnir vom Fjord der eisernen Wände. Ich habe ihn seit meiner Ächtung nicht gesehen!«
»Gut«, sagte ich.
Er winkte dem Mann zu. »Hallo, Hafnir!« rief er. »Ja, ich bin es, Ivar Forkbeard!«
Die Bewaffneten Svein Blue Tooths waren uns jetzt unangenehm nahe. Ich schob mit der linken Hand einige Speerspitzen zur Seite.
Die Diskussion am hinteren Ende der Plattform nahm kein Ende. Die Positionen schienen einigermaßen klar zu sein, obwohl ich nur Wortfetzen verstand; es ging einerseits um das heiß ersehnte Vergnügen, Forkbeard und sein Gefolge zu rösten – dagegen äußerten sich die Gemäßigten, die schlimme Folgen befürchteten, wenn der Friede des Thing gebrochen wurde, und einen Gesichtsverlust für Svein Blue Tooth, wenn er einem öffentlich und freiwillig geäußerten Eid zuwiderhandelte. Die Runenpriester wiesen darauf hin, daß die Götter einen solchen Vertrauensbruch gewiß nicht hinnehmen und sich möglicherweise mit Krankheiten, Seuchen, Hurrikanen oder Hungersnöten rächen würden. Gegen diese Argumente wurde vorgebracht, daß es nicht einmal die Götter Svein Blue Tooth übelnehmen könnten, wenn er einen winzigen Eid vergaß, der ihm unter Vorspiegelung falscher Tatsachen entlockt worden war; ein kühner Bursche verstieg sich sogar zu der Behauptung, unter den gegebenen Umständen sei es geradezu Blue Tooths Pflicht, seinen Schwur zu widerrufen und Forkbeard und seine Gefolgschaft zu vernichten. Zum Glück mußte der junge Mann mitten in seinem Vortrag niesen, und dieser Fingerzeig der Götter nahm seinen Argumenten alle Kraft.
Schließlich wandte sich Blue Tooth dem Forkbeard zu. Sein Gesicht war vor Wut gerötet.
Der Hohe Runenpriester hob den heiligen Tempelring.
»Der Frieden des Thing«, knurrte Blue Tooth, »und der Friede meines Hauses ruht für die Zeit des Thing auf dir. Dies habe ich geschworen, und ich werde mich daran halten.«
Die Menge jubelte. Forkbeard strahlte. »Ich wußte, daß es so kommen würde, mein Jarl«, sagte er. Der Hohe Runenpriester senkte den Tempelring.
Ich empfand Bewunderung für Svein Blue Tooth. Er stand zu seinem Wort, obwohl in diesem Fall jeder objektive Beobachter hätte einräumen müssen, daß die Versuchung, sich darüber hinwegzusetzen, sehr stark gewesen war. In Ehrendingen mußte ein hoher Jarl seinen Männern ein Beispiel geben. Er hatte sich in vorbildlicher Weise, wenn auch zähneknirschend, dazu bekannt.