Forkbeard regte sich einmal so sehr über das Unvermögen der Musiker auf, daß er mir seine Absicht kundtat, selbst ein Lied zum Besten zu geben. Er war ungewöhnlich stolz auf seine Stimme, Ich flehte ihn an, auf dieses Vorhaben zu verzichten. »Du bist hier Gast«, sagte ich. »Es wäre unschicklich für einen Mann deiner Talente, die Unterhalter zu beschämen und damit vielleicht die Ehre deines Gastgebers anzukratzen, der zweifellos die besten Künstler hat auftreten lassen, die er finden konnte.«
»Da hast du recht«, erwiderte Forkbeard, und ich atmete auf. Hätte Ivar Forkbeard zu singen begonnen, wären unsere Überlebenschancen wohl noch geringer geworden.
Thralls drehten die Braten über dem langen Feuer; Sklavinnen bedienten an den Tischen. Sie trugen lange weiße Wollröcke, die ziemlich fleckig waren; sie gingen barfuß und trugen das Haar im Nacken zusammengebunden, ihre Gesichter waren verschwitzt; sie mußten schwer arbeiten. Wie ich feststellte, achtete Bera sehr auf die Sklavinnen; ein Mädchen, das von einem Krieger gepackt und geküßt wurde und seine Zärtlichkeiten zu erwidern begann, wurde auf Beras Befehl von zwei Thralls in die Küche geführt, wo sie ausgepeitscht wurde. Ich vermutete, daß das Fest anders ausgesehen hätte, wenn Bera nicht dabei gewesen wäre; ihre starre Gestalt wurde von den Männern zweifellos nicht gern gesehen. Aber sie war die Frau Svein Blue Tooths. Ich sagte mir, daß sie sich normalerweise sicher früh zurückzog und Svein Blue Tooth mitnahm. Erst dann konnten die Männer die Tische zurückschieben und richtig zu feiern beginnen. Kein Jarl vermag die Männer lange in seiner Halle zu halten, wenn er sie nicht ausreichend mit Frauen versorgt. Svein Blue Tooth tat mir leid. Heute abend jedoch sah es nicht danach aus, als wollte sich Bera früh zurückziehen. Ich nahm an, daß darin einer der Gründe zu suchen war, warum die Männer so bösartig auf die Künstler reagiert hatten; allerdings waren die Torvaldsländer im allgemeinen kein leicht zufriedenzustellendes Publikum. Sie lassen sich nur durch das Kaissa und die Lieder der Skalden längere Zeit fesseln – und durch die Geschichten, die an den Tischen erzählt werden.
Nachdem die Künstler abgetreten waren und viel Fleisch verzehrt worden war, wandte sich Svein Blue Tooth, der sich sehr geduldig gegeben hatte, an Ivar Forkbeard. »Soweit ich mitbekommen habe, glaubst du die Möglichkeit zu haben, dein Wergeld zu bezahlen.«
»Kann sein«, sagte Forkbeard.
In Svein Blue Tooths Augen begann es zu blitzen. Er betastete den Zahn des Hunjerwals.
»Das Wergeld war sehr hoch«, sagte er.
Forkbeard stand auf. »Bringt das Gold und die Saphire«, befahl er. »Und eine Waage.«
Zur Verblüffung der Anwesenden brachten Forkbeards Männer aus dem Nebenraum Kisten und Säcke mit Gold herein – und dazu einen großen schweren Ledersack.
Die Männer von den hinteren Tischen drängten heran; sogar die Thralls und die Sklavinnen verharrten in der staunenden Menge.
»Platz! Macht Platz!« rief Forkbeard.
Über zwei Ahn lang wurde Gold auf zwei Waagen gewogen eine gehörte Forkbeard, die andere dem Hause Svein Blue Tooth. Zu meiner Erleichterung stimmten die Gewichte fast völlig überein.
Das Gold häufte sich auf dem Boden.
Die Augen Svein Blue Tooths schimmerten gierig.
»Das hier sind vierzig Gewicht Gold«, sagte Svein Blue Tooths Helfer, als wollte er seinen Notizen nicht trauen. »Vierhundert Stein Gold!«
Der Mann auf dem Thron hielt den Atem an.
Ivar Forkbeard griff nun nach dem schwarzen Lederbeutel, öffnete ihn und schüttete einen Strom schimmernder, funkelnder Edelsteine auf den festgestampften Lehmboden – die meisten waren tiefblau, einige aber auch purpurn und weiß und gelb, die geschnitzten Saphire Shendis, von denen jeder die Form eines winzigen Panthers hatte.
»Aii!« rief die Menge. Svein Blue Tooth beugte sich mit geballten Fäusten vor. Bera starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den Schatz. Sie brachte kein Wort heraus.
Forkbeard schüttelte den Sack. Weitere Edelsteine fielen heraus, von denen einige zu den selteneren Saphirarten gehörten – hellrosa, orangefarben, violett, braun und sogar grün.
»Ah!« rief die Menge.
»Wie schön!« staunte ein Sklavenmädchen, der nicht einmal ihr eiserner Sklavenkragen gehörte.
»Wiege sie!« sagte Forkbeard.
Ich hatte bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt, wie viele verschiedene Saphirarten es gibt – ich hatte nur die bläulichen Steine gekannt.
Doch ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß diese Steine echt waren. Chenbar der See-Sleen hätte darauf bestanden, daß die Gebühr für seine Rettung in echten Steinen entrichtet wurde; das war für ihn eine Ehrensache. Ebenso hätte es Forkbeard nicht gewagt, falsche Steine anzubieten – er stand über solchen Dingen, zumal er es hier mit einem Mann seines eigenen Landes zu tun hatte.
Nun wurden auch die Edelsteine gewogen.
Die Krieger stießen manchen Schrei des Entzückens aus. Das Gewicht der Steine entsprach dem eines korpulenten erwachsenen Mannes.
Ivar Forkbeard stand hinter seinen Reichtümern und breitete grinsend die Hände aus. »Ich hatte nicht gedacht, daß es in Torvaldsland einen solchen Schatz gibt«, sagte Bera leise.
»Svein Blue Tooth war sehr beeindruckt. Er konnte kaum sprechen. Wenn er diesen Schatz besaß, gab es in ganz Torvaldsland keinen Jarl, der sich auch nur annähernd mit ihm messen konnte. Seine Macht würde der eines Ubar des Südens entsprechen.
Aber die Torvaldsländer sind nicht leicht zufriedenzustellen. Blue Tooth lehnte sich zurück. »Das Wergeld umfaßt aber noch eine dritte Forderung.«
»Ach wirklich, Jarl?« fragte Ivar.
»Es will mir scheinen, daß ich diesen Schatz behalten und du geächtet bleiben mußt. Aber natürlich gilt dies alles als Anzahlung. Ich widerrufe meinen Bann über dich, sobald du mir die Tochter meines Feindes Thorgard von Scagnar überbringst.«
Blue Tooths Männer raunten ärgerlich. »Forkbeard hat sein Wergeld doch mehr als bezahlt!« rief einer. »Welcher Mann hat je einen solchen Preis zudiktiert bekommen und hat ihn bezahlt?« fragte ein anderer.
»Ruhe!« brüllte Svein Blue Tooth und richtete sich hinter seinem Tisch auf. Stirnrunzelnd blickte er in die Runde.
»Niemand, keine Armee oder Flotte«, rief ein anderer Mann, »könnte die Tochter eines so mächtigen Jarls wie Thorgard von Scagnar entführen!«
»Offenbar verlangst du das Unmögliche, mein Jarl«, bemerkte Ivar Forkbeard.
»O ja, ich verlangte das Unmögliche«, rief Svein Blue Tooth. »Von dir, mein Freund Ivar Forkbeard, verlange ich das Unmögliche.«
Forkbeards Männer murrten unwillig. Hände tasteten sich zu den Waffen.
Auch die Männer Svein Blue Tooths, etwa tausend Krieger, waren ärgerlich. Doch kühn setzte ihr Jarl seinen Willen gegen den ihren. Wer wagte es, sich dem Willen des Jarl zu widersetzen?
Ich bewunderte Blue Tooth. Er war mutig. Ich bezweifelte nicht, daß sich die Männer letztlich seinem Urteil beugen würden.
Svein setzte sich wieder auf den hohen Sitz. »Jawohl, Freund Forkbeard«, sagte er. »Von dir verlange ich, wie es mein gutes Recht ist, das Unmögliche.«
Forkbeard wandte sich um und rief zum Eingang der Halle hinüber: »Bringt das Mädchen!«
Außer dem Knistern der Feuerstellen und Fackeln war in der riesigen Halle kein Laut zu hören.