Aber was würde geschehen, wenn er starb? Sonea runzelte die Stirn. Lorlen und Rothen würden Akkarins Verbrechen offenbaren, ebenso wie die Tatsache, dass er sich nur deshalb zu ihrem Mentor hatte bestimmen lassen, um ihr Schweigen sicherzustellen. Wenn sie sich keiner Wahrheitslesung unterwarf, gab es keinen Grund, warum irgendjemand herausfinden sollte, dass sie ebenfalls schwarze Magie erlernt hatte. Sie konnte das unglückliche Opfer spielen, ohne Argwohn zu erregen.
Danach würde man ihr keine weitere Beachtung mehr schenken. Wenn sie nicht länger die Novizin des Hohen Lords war, konnte sie sich in ihrer Anonymität verstecken. Sie würde des Nachts in die verborgenen Gänge schlüpfen. Akkarin hatte sich bereits der Hilfe der Diebe versichert. Die Diebe würden die Spione für sie finden …
Sie blieb stehen und setzte sich ans Fußende ihres Bettes.
Ich kann nicht glauben, dass ich darüber nachdenke. Es gibt einen Grund dafür, dass schwarze Magie geächtet ist. Sie ist böse.
Oder vielleicht nicht? Vor einigen Jahren hatte Rothen ihr erklärt, dass Magie weder gut noch böse sei; was zählte, war das, was der Magier damit tat.
Um schwarze Magie zu wirken, musste man Kraft von einem anderen Menschen beziehen. Man brauchte ihn deswegen nicht zu töten. Selbst die Ichani töteten ihre Sklaven nur, wenn ihnen keine andere Wahl blieb. Als Sonea Akkarin das erste Mal schwarze Magie benutzen sah, hatte er Kraft von Takan bezogen. Kraft, die sein Diener ihm offensichtlich bereitwillig gab.
Sie dachte an die Aufzeichnungen zurück, die Akkarin ihr gezeigt hatte. Früher einmal hatte die Gilde ganz selbstverständlich schwarze Magie benutzt. Lehrlinge gaben ihrem Herrn bereitwillig etwas von ihrer Stärke. Sobald sie nach Auffassung ihrer Meister so weit waren, wurden die Lehrlinge in die Geheimnisse der »höheren Magie« eingewiesen und selbst zu Meistern gemacht. Es war ein Arrangement, das Zusammenarbeit und Frieden sicherte. Niemand wurde getötet, niemand wurde versklavt.
Erst ein einzelner Mann mit einer wahnsinnigen Gier nach Macht hatte all das geändert. Und die Ichani benutzten schwarze Magie, um eine Kultur der Sklaverei aufrechtzuerhalten. Wenn Sonea diese Dinge bedachte, verstand sie, warum die Gilde schwarze Magie geächtet hatte. Sie konnte zu leicht missbraucht werden.
Aber Akkarin hatte sie nicht missbraucht. Oder vielleicht doch?
Akkarin hat sie benutzt, um zu töten. Ist das nicht der schlimmste denkbare Missbrauch von Macht?
Akkarin hatte diese Magie benutzt, um sich zu befreien, und er hatte die Spione nur getötet, um Gefahr von Kyralia abzuwenden. Das war kein Missbrauch von Macht. Es war vernünftig zu töten, um sich selbst zu schützen, sich selbst und andere… oder?
Als Kind, das in den Hüttenvierteln überlebt hatte, hatte sie den Entschluss getroffen, dass sie nicht zögern würde zu töten, um sich selbst zu verteidigen. Wenn sie es vermeiden konnte, einem anderen Schaden zuzufügen, würde sie es tun, aber sie würde auch nicht zulassen, dass sie selbst zum Opfer wurde. Diese Entschlossenheit hatte sich einige Jahre später ausgezahlt, als sie einen Angreifer mit ihrem Messer abgewehrt hatte. Sie wusste nicht, ob er überlebt hatte, und sie hatte nicht viel Zeit darauf verwandt, über diese Frage nachzudenken.
Die Krieger lernten, mit Magie zu kämpfen. Die Gilde gab dieses Wissen weiter, für den Fall, dass die Verbündeten Länder jemals angegriffen werden sollten. Sonea hatte Lord Balkan nie Skrupel äußern hören, ob Magie benutzt werden solle, um in Notwehr zu töten.
Sie legte sich auf das Bett. Vielleicht irrte sich Akkarin, was die Gilde betraf. Wenn ihnen keine andere Wahl blieb, würden sie die Benutzung von schwarzer Magie zu Zwecken der Verteidigung vielleicht akzeptieren.
Würden die Magier eine solche Einschränkung respektieren? Sie schauderte bei der Vorstellung, was Lord Fergun mit diesem Wissen vielleicht getan hätte. Aber Fergun war bestraft worden. Im Großen und Ganzen konnte die Gilde ihre Magier wahrscheinlich unter Kontrolle halten.
Dann fiel ihr mit einem Mal die Säuberung wieder ein. Wenn der König nicht davor zurückschreckte, die Gilde zu benutzen, um die Armen aus der Stadt zu treiben, damit die Häuser zufrieden gestellt waren, was würde er dann erst tun, wenn ihm schwarze Magier zur Verfügung standen?
Die Gilde würde, was den Einsatz schwarzer Magie betraf, stets vorsichtig sein. Wenn man Gesetze dafür verfügte, wenn nur jene in dieser Kunst unterrichtet wurden, die als würdig erachtet worden waren – etwas, das man mit einer Wahrheitslesung ermitteln konnte, bei der der Charakter und die moralische Integrität eines Kandidaten geprüft wurden…
Wer bin ich zu denken, ich hätte die Weisheit, die Gilde neu zu gestalten? Bei dieser Art von Auswahl würde man mich wohl nicht einmal als Kandidatin in Betracht ziehen.
Sie war das Hüttenmädchen. Daraus folgte, dass sie eine fragwürdige Moral besaß. Niemand würde sie jemals in Erwägung ziehen.
Ich ziehe mich in Erwägung.
Sie erhob sich und trat wieder ans Fenster.
Die Menschen, die mir etwas bedeuten, sind in Gefahr. Ich muss etwas tun. Die Gilde wird mich schon nicht hinrichten, wenn ich ein Gesetz breche, weil ich sie schützen will. Sie wird mich vielleicht ausstoßen, aber wenn ich im Gegenzug für das Leben jener, die ich liebe, diesen Luxus namens Magie verlieren sollte, dann muss es eben so sein.
Die Richtigkeit dieses Gedankengangs, verbunden mit der Gewissheit, dass dies der einzige Weg war, ließ sie frösteln.
So, es ist entschieden. Ich werde schwarze Magie erlernen.
Sie drehte sich um und betrachtete die Tür ihres Zimmers. Akkarin lag wahrscheinlich bereits im Bett. Sie konnte ihn nicht wecken, nur um ihm das zu sagen. Es konnte bis morgen warten.
Seufzend schlüpfte sie unter die Decken ihres Bettes. Sie schloss die Augen und hoffte, dass sie jetzt, da sie ihre Entscheidung getroffen hatte, endlich Schlaf finden würde.
Oder bin ich einer Täuschung erlegen? Sobald ich schwarze Magie gelernt habe, kann ich es nicht mehr ungeschehen machen.
Sie dachte über die Bücher nach, die Akkarin ihr zu lesen gegeben hatte. Sie wirkten echt, aber ebenso gut hätten es raffinierte Fälschungen sein können. Sie wusste nicht genug über Fälschungen, um sie als solche erkennen zu können.
Der Spion, den Akkarin ihr gezeigt hatte, könnte so manipuliert worden sein, dass er bestimmte Dinge für die Wahrheit hielt, um Sonea zu täuschen, aber sie war davon überzeugt, dass Akkarin unmöglich alles erfunden haben konnte. In Tavakas Geist waren Erinnerungen eines ganzen Lebens gewesen, Erinnerungen an die Ichani und die Sklaverei. Diese Dinge konnte der Hohe Lord nicht beeinflusst haben.
Und Akkarins Geschichte?
Wenn er sie mit einer List dazu bringen wollte, schwarze Magie zu erlernen, damit er sie erpressen und beherrschen konnte, dann hätte er sie nur davon zu überzeugen brauchen, dass der Gilde große Gefahr drohe. Warum hätte er zugeben sollen, dass er ein Sklave gewesen war?
Sie gähnte. Sie brauchte dringend etwas Schlaf – und sie brauchte einen klaren Kopf.
Morgen würde sie eins der strengsten Gesetze der Gilde brechen.
9
Akkarins Gehilfe
Der Raum war zu klein, um darin auf und ab zu gehen. Eine einzelne Lampe hing von der Decke herab und warf gelbes Licht auf die grob behauenen, geziegelten Wände. Cery verschränkte die Arme vor der Brust und verfluchte sich im Stillen. Akkarin hatte ihm erklärt, dass sie sich auf keinen Fall treffen dürften, es sei denn, sie mussten über etwas von großer Wichtigkeit sprechen, das sich nur von Angesicht zu Angesicht regeln ließ.
Soneas Wohlergehen ist von großer Wichtigkeit, überlegte Cery. Und diese Angelegenheit kann tatsächlich nur von Angesicht zu Angesicht geklärt werden.