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Philemon deutete auf das Spielbrett, und der Spieler nahm Platz.

»An den Tisch, Narr!« rief Cernus in den Saal.

Hup schreckte zusammen, sprang auf, machte einen Salto und hoppelte an den Tisch, wo er sein Kinn auf die Platte legte und ein Stück Brot zu knabbern versuchte, das dort lag.

Alle Anwesenden lachten, mit Ausnahme von Relius, Ho-Sorl, dem jungen Spieler und Sura. Wieder verblüffte mich das Staunen, mit dem sie den gutaussehenden gehbehinderten Jungen betrachtete. Ich durchforschte meine Erinnerung, versuchte in Gedanken zu fassen, was sich meinem Begreifen entzog.

»Möchtest du meinem Gefangenen nicht deinen Namen sagen?« wandte sich Cernus an den Jungen.

Unwillig öffneten sich die schöngeschwungenen Lippen: »Ich bin Scormus aus Ar«, sagte er.

Ich schloß die Augen und begann vor Gelächter zu beben. Und die anderen, auch Cernus, fielen in meine Heiterkeit ein, bis der Saal widerhallte.

Mein Champion war Hup, ein Narr – doch der Spieler für Cernus war der brillante Scormus aus Ar, der junge, phänomenale Scormus, der das erste Brett in der Stadt spielte und die höchste Brücke in der Stadt hielt, der Meister nicht nur aller Spieler Ars sondern des ganzen Planeten.

Viermal hatte er schon die Goldschale auf den Jahrmärkten im Sardargebirge gewonnen, er war bisher noch aus jedem Turnier als Sieger hervorgegangen.

Plötzlich schrie Sura auf: »Er ist es!«

Und in diesem Augenblick überkam mich so plötzlich die Erkenntnis, daß mir eine Sekunde lang der Atem stockte und der Raum um mich dunkel zu werden schien.

»Ist sie wahnsinnig?« wandte sich Scormus an den Hausherrn.

In Suras Augen schimmerten Tränen, und sie barg den Kopf in den Händen.

Hup hüpfte zu der weinenden Sklavin und legte seinen unförmigen Kopf an ihre Schulter. Einige Männer an den Tischen lachten. Doch Sura wich vor dem schiefen Gesicht nicht zurück. Zur allgemeinen Verblüffung küßte der unförmige, mißgestaltete Zwerg Sura zärtlich auf die Stirn. Ihre Schultern zitterten. Sie lächelte weinend und senkte den Kopf.

»Was geht hier vor?« wollte Cernus wissen.

Hup stieß einen wilden Schrei aus, machte einen Rückwärtssalto und drehte sich mehrmals auf der Stelle, bis er schwindlig zu Boden sank. Er begann laut zu schluchzen. Scormus hob angewidert den Kopf. »Spielen wir endlich.«

»Spiele, Narr!« befahl Cernus.

Der kleine Narr hüpfte an den Tisch. »Spiele! Spiele! Spiele!« wimmerte er. »Hup spielt.«

Der Zwerg nahm eine Figur und schob sie fort.

»Du bist noch nicht dran!« rief Cernus. »Gelb hat den ersten Zug.«

Gereizt zog Scormus einen Tarnkämpfer.

Hup nahm eine rote Figur zur Hand und musterte sie. »Schönes, schönes Holz«, sagte er.

»Kennt sich der Narr mit den Spielzügen überhaupt aus?« fragte Scormus verächtlich.

»Schön, schön«, krächzte Hup, dann stellte er das Stück verkehrt herum auf ein Feld.

»Nein«, sagte Philemon aufgebracht, »auf diese Farbe, so!«

Doch Hups Aufmerksamkeit war bereits auf ein Stück Gebäck am Nebentisch gerichtet, das jemand vergessen hatte.

Wie ich feststellte, warf Scormus dem kleinen Narren plötzlich einen aufmerksamen Blick zu. Doch dann zuckte der Junge die Achseln, schüttelte den Kopf und machte seinen zweiten Zug.

»Jetzt bist du wieder dran«, sagte Philemon.

Ohne auf das Brett zu schauen, nahm Hup eine Figur auf, wohl einen Ubars Schriftgelehrten. Er betrachtete das Holzstück. »Hup ist hungrig«, sagte er.

Ein Wächter warf ihm das Gebäckstück zu, auf das er ein Auge geworfen hatte, und der kleine Narr kreischte freudig auf und stopfte sich den Kuchen in den Mund.

Ich betrachtete Sura, die mich strahlend ansah und unter Tränen lächelte.

Sie hatte einen Sohn. Sein Name war natürlich Scormus aus Ar, und er war ihr Sohn und der Sohn des Zwerges Hup, vor Jahren bei den Feiern der Kajuralia empfangen. Ich erkannte den Jungen, obwohl ich ihn noch nie gesehen hatte. Seine Züge ähnelten denen Suras, obwohl niemand sonst diese Beobachtung gemacht zu haben schien. Scormus lahmte; vielleicht ein Erbteil seines Vaters; doch ansonsten war der Junge vorzüglich geraten, er war ein Genie des Spiels.

Tränen traten mir in die Augen, als ich Sura betrachtete, als ich sah, wie glücklich sie war.

Hup hatte sie geküßt. Er hatte Bescheid gewußt. War er wirklich ganz der Narr, den er hier spielte? Scormus, der brillante Meisterspieler, war der Abkomme dieser beiden. Ich hatte Suras Naturtalent für das Spiel gespürt, und ich begann mich zu fragen, ob nicht vielleicht Hup, der der Vater eines solchen Genies war, mehr über das Spiel wüßte, als er erkennen ließ. Ich wandte den Kopf und musterte Qualius aus Ar, der still vor sich hin lächelte.

Nach Hups zweitem Zug hatte Scormus aus Ar lange Zeit auf das Brett gestarrt und dann Hup gemustert, der noch an seinem Gebäck kaute.

Cernus schien ungeduldig zu werden. Philemon schlug drei oder vier Gegenzüge vor.

»Unmöglich«, sagte Scormus schließlich leise. Dann zuckte er die Achseln und bewegte die dritte Figur.

»Jetzt du!« rief Cernus.

Hup sprang gehorsam auf, und mit Krämern am Mund ergriff er eine gelbe Figur und schob sie zur Seite.

»Nein«, sagte Cernus gepreßt. »Du bist rot!«

Gehorsam bewegte Hup eine rote Figur.

»Er zieht doch nur wild durcheinander«, sagte Philemon.

Scormus starrte auf das Spiel. »Vielleicht«, sagte er und machte seinen vierten Zug.

Hup, der irgendwo in einer Ecke herumtollte, wurde an den Tisch gerufen, nahm hastig einen Stein auf und ließ ihn polternd auf ein anderes Feld fallen.

»Entwickle deine Tarnkämpfer, dann hast du seinen Heimstein in fünf Zügen.«

Scormus blickte mürrisch auf. »Willst du mir sagen, wie ich spielen muß?«

Philemon öffnete den Mund, als läge ihm eine heftige Erwiderung auf der Zunge, doch hielt er sich im letzten Augenblick zurück.

»Paß auf«, sagte Scormus zu Cernus, als er wieder zog.

Hup, der ein verrücktes kleines Lied vor sich hin summte, krabbelte auf die Plattform, ergriff mit seiner kleinen, knochigen Faust., eine Figur und stieß sie ein Feld weiter.

»Ich gebe dir zweihundert Goldstücke, wenn du das Spiel in zehn Zügen beendest«, sagte Cernus.

»Mein Ubar spaßt«, sagte Scormus.

»Ich verstehe dich nicht...«

»Ich hätte es wissen sollen, daß mein Ubar keine sinnlosen Anweisungen trifft«, sagte Scormus, ohne den Kopf zu heben. Er lächelte. »Es geschieht selten, daß sich Scormus so narren läßt. Ich möchte dich beglückwünschen. Dieser Spaß wird sicherlich noch in tausend Jahren erzählt werden.«

»Ich verstehe dich nicht«, wiederholte Cernus.

»Sicher erkennst du die Variation mit den beiden Speerträgern der Ubar- Schriftgelehrten-Verteidigung, die von Milos aus Cos entwickelt und zuerst im Turnier in Tor gespielt wurde?«

Cernus und Philemon schwiegen. Es war still im Saal.

»Der Mann, gegen den ich hier spiele«, sagte Scormus aus Ar, »ist offensichtlich ein Meister!«

Ich stieß einen Freudenschrei aus, in den Sura einfiel.

»Unmöglich!« rief Cernus.

»Mein Freund Hup«, sagte der blinde Spieler Qualius, »kann gegen Priesterkönige spielen.«

»Du mußt ihn schlagen!« kreischte Cernus.

»Sei still«, sagte Scormus. »Ich spiele.«

Nun wurde es ziemlich ruhig im Saal, und nur Hup machte ab und zu etwas Lärm. Das Spiel nahm seinen Fortgang. Der Narr tanzte zwischen seinen Zügen unter den Tischen herum, schnüffelnd, gurgelnd, kehrte an den Tisch zurück, warf einen Blick auf das Brett, stieß einen Schrei aus und schob eine Figur herum.

Nach einer halben Ahn stand Scormus auf. Sein Gesicht war versteinert.

Seine Haltung drückte Arger, aber auch Verblüffung und Respekt aus.

Starr stand er da und streckte zur allgemeinen Überraschung dem kleinen Hup die Hand hin.

»Was tust du?« fragte Cernus.

»Ich danke dir für das Spiel«, sagte Scormus.

Die beiden Männer, der junge Scormus aus Ar und der winzige, bucklige Zwerg, schüttelten sich die Hände.