Soll sie. Helene verschloss die Puderdose, breitete die Decke über seinem Körper aus und brachte die Waschschüssel hin über zum Waschbecken, dort reinigte sie das Waschgeschirr und ihre Hände. In ihrem Rücken stöhnte ein anderer Patient, er könne nicht mehr warten. Sie ging zu dem Bett des Mannes. Er benötigte die Bettpfanne und bat Helene, bei ihm zu bleiben, weil er sich nicht allein helfen konnte. Im Nachbarbett jammerte ein Mann wegen Schmerzen, er jammerte mit gepresster, heiserer Stimme, dass Helene wusste, er riss sich zusammen, so sehr er konnte.
Als Helene zwei Stunden später ihren Kittel in den Spind gehängt und sich ihren Rock, den Pullover und die Jacke angezogen hatte, wartete Wilhelm noch immer geduldig auf der Bank des Flurs.
Ob sie einen Kaffee trinken wolle? Helene war das recht, keine Frage des Wollens, eher eine des geringsten Widerstandes. Vor der Tür wollte sie ihren Regenschirm öffnen, doch er klemmte. Unter Lachen und ohne den Regen geschweige denn ihre Mühe mit dem Schirm zu beachten, erzählte Wilhelm ihr etwas von einer Rückkopplung im Volksempfänger, einem Rundfunkgerät, das man in wenigen Monaten zur Großen Deutschen Funkausstellung der Öffentlichkeit vorstellen wer de. Von Verstärker zu Verstärker, breitete Wilhelm seine Arme weit auseinander, um ihr zu zeigen, wie wenig die neuen technologischen Entwicklungen zwischen seine Arme passten. Helene gefiel seine Begeisterung. Sie gingen zum Ufer am Spreekanal. Durch die Rückkopplung in der HF-Stufe gelinge es, die benötigte Empfindlichkeit zu erzeugen. Helene begriff nichts, blieb aber aus Höflichkeit mit ihm stehen, als Wilhelm mitten im Satz innehielt, um ihr mit Gesten verständlich zu machen, wie sie sich den Aufbau des Gerätes vorstellen müsse.
Helene wusste jetzt zwar, dass er Ingenieur war, aber es war nicht deutlich, ob er von seinen Entwicklungen oder denen anderer sprach. Helene verstand noch immer nicht, wovon er redete, sie mochte es, ihm dabei zuzuhören, zu sehen, wie er sich mit dem Taschentuch den Regen von der Stirn wischte, schließlich könne sie sich gewiss das Ausmaß der Erreichbarkeit und die Dimension der Informationsweitergabe noch gar nicht ganz vorstellen, schließlich würden dann alle Menschen zur selben Zeit dieselben Informationen erlangen, Ereignisse erfahren, die sie sonst oft nur mühsam und mit Tagen Verspätung aus der Zeitung erfahren haben — und aus welcher? Da gibt es ja inzwischen viel zu viele. Wilhelms wegwerfende Handbewegung war freundlich, aber bestimmt. Seine Freude hatte etwas Ansteckendes, Helene musste lächeln. Es war ihr gelungen, den Schirm zu öffnen. Ob er mit darunter wolle.
Selbstverständlich, sagte Wilhelm und nahm Helene den Schirm aus der Hand, damit sie ihren Arm nicht strecken musste. Süße Mädel brauchen süße Kuchen, wusste Wilhelm und steuerte geradewegs eine kleine Konditorei an. Es gab Apfelkuchen und Kaffee. Helene mochte weder das eine noch das andere, aber sie wollte sich nicht zieren, sie wollte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Wilhelm sagte, und der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören, man werde schon in den nächsten Wochen in Serie gehen können, um dann zur Funkausstellung genügend Exemplare der neuen Entwicklung verkaufen zu können. Was sie von dem Namen Heilssender halte, fragte Wilhelm und lachte. Kleiner Scherz, sagte er, es gibt bessere Namen. Helene folgte seinem Witz nicht, aber es war ihr angenehm, ihn so selbstgenügsam sprechen zu hören.
Hinter ihrem Lächeln versteckte sie ihre Müdigkeit, die sich nach dem langen Tag im Krankenhaus jetzt bei Kaffee und Kuchen in ihr ausbreitete. Ihr schien, sie machte im Zusammentreffen mit Wilhelm alles richtig, wenn sie aufmerksam blickte, mal staunend die Augenbrauen hochzog und mal nickte. Die Worte Sender und Empfänger erhielten eine eigenartige Be deutung, wenn sie ihm so zuhörte. Ein Zeitungsverkäufer betrat die Konditorei. Hier waren nur wenige Menschen versammelt, aber er nahm seine Mütze ab und erhob die sonore Stimme. Die Schlagzeilen der Abendzeitungen spekulierten über die verantwortlichen Hintermänner des Brandes vom Reichstag.
In diesen Wochen wurde in der Straßenbahn und in der Untergrundbahn eine dumpfe Empörung laut. Überall, wo Menschen zusammentrafen, ihre Gesichter von der Kälte gerötet, ihre Mäntel nicht lang genug, weil vielleicht noch einem Kind eine Jacke hatte genäht werden müssen, wurde gemeckert, gemault und gestritten. Das wolle man sich nicht länger gefallen lassen. Nicht hinnehmen könne man das, nicht länger, nicht mit sich machen lassen wollte man das. Die Männer und Frauen waren aufgebracht.
Wilhelm holte Helene so oft er konnte vom Krankenhaus ab, ein Kommunist nach dem anderen wurde verhaftet, Wilhelm ging mit seiner blonden Alice spazieren und führte sie in die Konditorei. Er sagte, es gefalle ihm, wie sie den Kuchen verschlinge, es sehe immer so aus, als habe sie seit Tagen nichts Anständiges gegessen. Helene hielt erschrocken inne. Sie war sich nicht sicher, ob sie wissen wollte, was Wilhelm dachte, wenn er sie essen sah. Essen war für sie zur lästigen Angelegenheit geworden, sie vergaß es häufig bis zum Abend. Der Apfelkuchen schmeckte ihr nicht, sie hatte ihn nur so schnell wie möglich hinter sich bringen, ihn aus dem Weg schaffen wollen. Wilhelm fragte, ob er ihr noch ein Stück bestellen dürfe. Helene schüttelte den Kopf, sie bedankte sich. Ihre Grübchen seien herzallerliebst, sagte Wilhelm jetzt und sah beglückt in ihr Gesicht. Helene war ungern verlegen. Ob sie das Theater möge, das Kino? Helene nickte. Sie war lange nicht im Kino gewesen, ihr fehlte das Geld. Nur einmal hatte sie zugestimmt, als Leontine und Martha sie gefragt hatten, ob sie mitkommen wolle. Sie hatte während der Vorstellung weinen müssen, und es war ihr unangenehm gewesen. Früher hatte sie im Kino nicht geweint. Also schüttelte sie den Kopf.
Ja oder nein, fragte Wilhelm.
Nein, sagte Helene.
Wilhelm bat Helene, mit ihm tanzen zu gehen. Eines Tages war ihr der Widerstand zu mühsam, und sie willigte ein, und sie gingen zum Ball, und er nahm ihr Gesicht in seine Hände, und er küsste ihre Stirn und sagte ihr, er habe sich verliebt.
Helene war nicht froh, sie schloss ihre Augen, um nicht angesehen zu werden. Wilhelm verstand es als Anmut, als Einverständnis, als Ankündigung ihrer nahenden Hingabe. Es war nur gut, dass Wilhelm nicht wusste, mit welcher Leidenschaft Helene die Küsse von Carl erwidert und gelockt hatte. SA-Truppen stürmten den Roten Block in Wilmersdorf, Schriftsteller und Künstler wurden dort verhaftet, ein paar ihrer Bücher wurden verbrannt, und es wurde Frühling, und mehr Bücher wurden verbrannt. Über Martha hörte Helene, dass der Baron zu den Verhafteten gehörte, Pina wollte um jeden Preis etwas über die Gründe der Verhaftung in Erfahrung bringen und suchte jeden seiner Bekannten auf mit der Bitte, er möge ihr helfen. An einem Tag hieß es, er stehe im Kontakt mit der Kommunistischen Partei, am nächsten, er habe Flugblätter der Sozialdemokraten verteilt. Wilhelm wartete nicht, ob Helene seine Gefühle erwiderte, das eigene Begehren füllte ihn aus, das genügte ihm. Alice nannte er sie, obwohl er längst wusste, dass sie Helene hieß. Alice, das war sein Name für sie.
Im Frühling organisierte die neu gewählte Regierungspartei der Nationalsozialisten einen Boykott, es galt, unnütze Esser, gewisse Parasiten durch Aushungern darben zu lassen, niemand sollte beim jüdischen Händler kaufen und sich beim jüdischen Schuster seine Schuhe besohlen lassen, keiner einen jüdischen Arzt aufsuchen und niemand den Rat eines jüdischen Anwalts einholen. Es könne nicht sein, dass der deutsche Mann keine Arbeit finde und andere sich in Fettlebe rekelten, das erklärte der Oberarzt seinen Schwestern. Die Schwestern nickten, einigen fiel ein besonderes Beispiel für die ungerechte Verteilung ein. Die kesse Schwester, von der jeder wusste, dass sie jüdisch war, hatte letzte Woche überraschend ihre Kündigung erhalten. Niemand sah sich nach ihr um, keiner vermisste sie. War ihre Familie nicht wohlhabend genug, warum sollte sie noch arbeiten? Mit ihrem Verschwinden wurde nicht mehr von ihr gesprochen. Ihren Platz nahm jetzt eine andere Schwester ein. Überhaupt wurde viel von Platz gesprochen, vom Volk und seinem angemessenen Raum.