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»Jetzt reichts«, sagte er, nicht einmal besonders laut, aber unbeschreiblich kalt und hart. Liz prallte innerlich vor ihm zurück. Er beugte sich vor, legte die Hand auf Swensens Schulter - es war eine unglaublich herrische, besitzergreifende Bewegung, wie Liz voller Schrecken feststellte - und schob ihn ein kleines Stückchen zur Seite. »Es reicht«, sagte er noch einmal.

»Du...«

»Genug!« Er schrie jetzt fast. Swensen saß teilnahmslos da, er schien es nicht einmal zu hören. »Ich hab' allmählich die Schnauze voll von deinen Faxen!« brüllte er. »Du bist krank, gut. Das ist nicht deine Schuld. Aber du wirst jetzt verdammt noch mal den Doktor seine Arbeit tun lassen, oder du lernst mich von einer Seite kennen, die dir neu sein wird!«

Er schüttelte drohend die Faust. (Er drohte ihr tatsächlich mit der Faust!), stieß Swensen ein weiteres Stück zurück, sodaß er fast von der Couch fiel, und gab einen schnaubenden Laut von sich. Sein Gesicht verzerrte sich, wurde zu einer Grimasse, der bösen Karikatur eines menschlichen Antlitzes, und...

Es dauerte nur eine Sekunde, aber Liz sah es zu deutlich, um sich hinterher einreden zu können, es wäre bloße Einbildung gewesen.

Für einen Moment war Stefan nicht mehr Stefan. Er war nicht einmal mehr ein Mensch, nur noch ein Ding, das entfernte Ähnlichkeit mit einem menschlichen Wesen hatte, ein schwarzgraues, lederhäutiges, uraltes Etwas, das nur aus Bosheit und Haß zusammengefügt war, die Banshee, das Ding aus dem Sumpf, die Moorhexe, in Stefans Gestalt. Eine verzerrte, faulige Grimasse starrte auf Liz herab, ein Gesicht (Gesicht?) flach wie ein Kuhfladen, mit zwei eiterigen Löchern, wo die Nase sein sollte, einem entsetzlichen schlabbernden Maul ohne Lippen, hinter dem fünf Zentimeter lange Zähne blitzten. Halb faustgroße, gelbleuchtende Augen ohne Pupillen glotzten auf Liz herab, Tümpel voller Blut und halb geronnenem Eiter, in denen etwas unbeschreiblich Böses lauerte.

Dann erlosch die Vision so schnell, wie sie gekommen war. Das Ungeheuer hatte für einen Moment seine Maske verloren; vielleicht aus Unbeherrschtheit, vielleicht hatte es ihr sogar absichtlich einen kurzen Blick auf sein wahres Antlitz gewährt, um sie zu verspotten, ihr zu zeigen, was sie erwartete.

»Nun?« Stefans Stimme war hart wie Glas.

Liz reagierte nicht, aber ihr Schweigen schien Antwort genug. Stefan richtete sich mit einem zufriedenen Grunzen wieder auf, versetzte Swensen einen rüden Stoß und sagte:»Tun Sie Ihre Arbeit, Doktor.«

Alles wurde unwirklich. Es war wie eine Ohnmacht, aber nicht ganz, denn sie blieb wach, Bewußtlosigkeit, ohne das Bewußtsein wirklich zu verlieren. Sie lag einfach da, eingesponnen in einen Kokon aus Grauen, hörte Geräusche, ein unbestimmtes, dumpfes Murmeln, das sie erst nach einiger Zeit als Swensens und Stefans Stimmen identifizierte. Sie versuchte die Augen zu öffnen, aber die Bewegung schien ihr unendlich schwer, und irgendwie schien es auch keinen Sinn zu machen, sich überhaupt noch einmal zu bewegen.

Es war vorbei. Das Ungeheuer hatte gewonnen. Es hatte Stefan, es hatte Ohlsberg - und irgendwie wußte sie, daßes auch Andy hatte, sie sogar zuallererst -, und es würde sie bekommen. Es war ihr gleich, was mit ihr geschah. Sie registrierte, wie Swensen sie untersuchte, schnell, routiniert und ohne das geringste dabei zu empfinden, so kalt und sachlich, als prüfe er ein Stück Fleisch auf seine Qualität.

Mehr war sie ja auch nicht. Fleisch. Futter für die Bestie. Ein halb durchgebratenes Liz-Steak bitte, innen noch blutig.

Es war unglaublich entwürdigend.

»Danach wird sie sich besser fühlen«, sagte eine Stimme. Sie verstand die Worte, aber ihr Sinn blieb ihr verborgen. Jemand berührte sie am Arm. Dann ein scharfer Stich, gefolgt von einem anhaltenden, brennenden Schmerz.

Sie öffnete die Augen.

»Wieder okay?« fragte Doktor Swensen, während er behutsam die Injektionsnadel aus ihrer Vene zog. Der Schmerz nahm für einen Augenblick zu und erlosch dann wie abgeschaltet. Sie sah einen winzigen glitzernden Tropfen auf der Spitze der Nadel. Liz richtete sich mit einem scharfen Ruck auf. Swensen prallte zurück, die Nadel hinterließ einen häßlichen, blutenden Kratzer in ihrer Arm beuge, und beinahe augenblicklich wurde ihr schwindelig. Sie stöhnte, griff sich mit beiden Händen an die Schläfen und ließ sich wieder zurück sinken.

Swenson sah sie vorwurfsvoll an, packte seine Spritze weg und tupfte behutsam mit einem Wattebausch das Blut von ihrem Arm. »Das war nicht sehr geschickt. Aber es wird Ihnen gleich besser gehen«, sagte er lächelnd. Er... wußte es nicht... Er hatte nicht nur nicht gesehen, was mit Stefan war - Liz war plötzlich sicher, daß er von dem ganzen Zwischenfall nichts mitbekommen hatte.

»Was - was haben Sie mir gegeben?« fragte sie schwach. Ihre Stimme zitterte. Hinter Swenson stand Stefan und lächelte böse auf sie herab.

»Ein harmloses Beruhigungsmittel«, antwortete der Arzt. »Nicht dasselbe wie heute morgen, keine Bange. Es ist nichts, worüber Sie sich Sorgen zu machen brauchten. Vielleicht werden Sie sich nachher ein wenig matt fühlen, aber das ist auch alles. Ich verspreche Ihnen, daß Sie nicht wieder einschlafen werden.«

»Ich will nicht... schlafen.« Warum war es plötzlich so schwer, zu sprechen? Einen klaren Gedanken zu fassen? Das Mittel konnte doch nicht so schnell wirken! »Niemand spricht von schlafen«, sagte Swenson noch einmal. »Ich sagte matt fühlen. Ein wenig benommen. So, als hätten Sie zu viel getrunken.« Er tauschte einen raschen Blick mit Stefan, der schweigend neben der Couch stand und die Szene scheinbar desinteressiert verfolgte. Nur in seinen Augen war ein böses, gelbes Feuer. »Aber das vergeht rasch«, fuhr Swenson fort, und sie hörte aus jedem einzelnen Wort heraus, daß er log. »Machen Sie sich keine Sorgen. Sie werden sehen, es ist alles halb so schlimm. In ein paar Minuten sieht die Welt für Sie viel freundlicher aus.«

»Aber ich ... ich will keine Drogen ...«

»Mein liebes Kind«, begann Swenson, »ich glaube, Sie verstehen nicht, wie ernst die Lage ist. Sie sind... krank.« Er zögerte unmerklich, bevor er das letzte Wort aussprach. Liz versuchte zu lächeln, aber es mißlang. »Verrückt«, murmelte sie. »Ich bin verrückt, wollen Sie sagen.« Alles drehte sich um sie. In ihrem Mund war ein Geschmack wie nach Erbrochenem.

»Nicht doch! Sie sind alles andere als verrückt, glauben Sie mir.«

»Aber ich...«

»Aber ... aber...«, unterbrach sie Swenson ungehalten. »Sie sind überarbeitet, das ist alles.« Er richtete sich auf, faltete die Hände vor dem Bauch und sah sie kopfschüttelnd von oben bis unten an.

»Es ist immer dasselbe mit euch jungen Leuten«, murrte er. »Ihr nehmt euch irgend etwas vor, etwas möglichst Schweres, Unmögliches, und dann arbeitet ihr wie die Berserker. Und wundert euch, wenn ihr auf die Nase fallt.« Er beugte sich vor, tätschelte ihre Wange und lächelte, wie er vielleicht ein krankes Kind angelächelt hätte. »Ein paar Tage Ruhe, und Sie sind wieder auf dem Damm. Treten Sie in den nächsten Wochen ein wenig kürzer, und Sie werden sich wundern, wie schnell Sie sich wieder erholen. Sie sind eine sehr kräftige junge Frau, aber Sie sollten trotzdem Ihre Grenzen kennen.«

Liz starrte ihn mit aller Feindseligkeit an, die sie noch aufbringen konnte. Das Medikament, das er ihr gespritzt hatte, begann bereits zu wirken. Ihre Gedanken schienen vernebelt, ihre Umgebung auf eine seltsame, fröhlich stimmende Art durchscheinend und irreal zu werden. Die Erinnerung an Stefans Un-Gesicht verblaßten zu einem schlechten Witz.

Sie fühlte sich an eine kurze Szene vor zehn oder elf Jahren zurückerinnert, als sie einmal zusammen mit einem Studienfreund Rauschgift probiert hatte. Es war eine leichte, relativ harmlose Droge gewesen, aber die Wirkung war fast so wie heute. Alles um sie herum wurde durchscheinend, gleichsam sphärisch. Ihre Probleme waren noch da, aber sie waren mit einem Mal unwichtig geworden. Die Welt versank allmählich hinter einer rosa Glasscheibe. Es gab nichts Belastendes mehr. Alles war leicht und schön. Nur Carry war tot. Aber eindeutig schön tot. Sie kicherte in Gedanken. Swenson stand auf und entfernte sich mit leisen Schritten. Stefan folgte ihm. Sie hörte, wie sie sich vor der Tür unterhielten, aber sie konnte die Worte nicht verstehen. Irgendwo in einem fast vergessenen Winkel ihres Bewußtseins war eine Stimme, die ihr zuflüsterte, daß sie eigentlich wütend auf Stefan sein müßte. (Nein, du dumme Kuh, du müßtest Angst vor ihm haben, eine Scheiß angst, denn er ist nicht mehr Stefan, sondern...) Liz dachte den Gedanken nicht zu Ende.