Выбрать главу

Denken war mühsam. Es wäre viel zu anstrengend gewesen, Gefühle wie Wut oder Haß zu empfinden.

Sie schlief ein, aber es konnte nur Sekunden gedauert haben, bis sie wieder erwachte. Stefan war immer noch auf dem Hof. Durch die halb zurückgezogenen Vorhänge konnte sie ihn sehen. Er stand neben Swensons Landrover, den Arm lässig auf den Kotflügel gestützt. Er lachte.

Lachte?

Trotz der einschläfernden Wirkung der Droge machte sich ein beunruhigendes Gefühl in ihr breit. Irgend etwas stimmte nicht an der Szene. Sie dürfte nicht hier liegen. Nach alldem, was passiert war, dürfte sie nicht mehr hier sein. Und Stefan dürfte nicht lachen.

Sie versuchte aufzustehen. Es ging, wenn ihre Knie auch zitterten und sich ihre Beine furchtbar kraftlos anfühlten. Sie wankte ein paar Schritte, hielt sich am Kaminsims fest und blieb schwer atmend stehen. Sie mußte weg hier.

Der Gedanke stand klar und plastisch vor ihr. Weg.

Aber es war schwer, so unendlich schwer. Die Tür lag nur wenige Schritte vor ihr, aber die Entfernung schien unüberwindlich.

Sie taumelte zurück zur Couch, ließ sich dar auffallen und schloß die Augen. Einschlafen.

Einschlafen wäre so leicht. Einschlafen und nie wieder aufwachen. So verlockend. Aber sie durfte nicht. Sie durfte nicht schlafen, wenn sie nicht endgültig wahnsinnig werden wollte.

Das Geräusch der Tür drang an ihr Bewußtsein, aber sie war viel zu müde, um auch nur den Kopf zu heben.

»Schläfst du?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Aber es wäre besser.«

»Besser? Für wen? Für dich?« Es gelang ihr tatsächlich, einen verletzenden Klang in ihre Stimme zu zwingen.

Ein flüchtiger Schatten von Ärger huschte über Stefans Gesicht. Aber seine Stimme klang unbewegt, als er antwortete. »Ich werde mich jetzt nicht mit dir streiten, Liz.« Sie richtete sich mühsam auf und erwiderte seinen Blick. War er jetzt er selbst - oder wieder das DING? Egal, sie mußte es riskieren, vielleicht hatte sie nur noch diese eine Chance. »Stefan«, sagte sie ernst. »Ich möchte hier weg.«

»Du möchtest weg?«

»Ja. Bring mich von hier fort. Gleich.«

Stefan lächelte. Mit umständlichen, betont langsamen Bewegungen kramte er seine Zigaretten hervor und ließ sein Feuerzeug aufschnappen. »Morgen«, sagte er schließlich. »Vielleicht gehen wir morgen fort. Ruh dich heute aus. Wenn du morgen immer noch weg willst, reden wir noch einmal in Ruhe über alles.« Er lächelte noch einmal, nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und blies einen Rauchring gegen die Decke.

»Aber ich möchte sofort weg!« Für einen kurzen Moment war ihr Zorn sogar stärker als die betäubende Wirkung der Droge. »Gleich - Stefan! Nicht morgen oder übermorgen, sondern jetzt!«

Stefan lächelte kalt. »Morgen.«

»Aber... warum nicht? Warum nicht jetzt?«

Stefan atmete hörbar aus. »Wir reden später darüber«, sagte er ruhig. »Benimm dich bitte ausnahmsweise einmal wie ein erwachsener Mensch und ruh dich jetzt aus. Du hast es verdammt nötig.«

»Aber ich will mich nicht benehmen !« schrie Liz plötzlich. »Ich will weg hier, Stefan. Und wenn du mich nicht fortbringst, dann...«

»Dann?«

»Dann... dann gehe ich eben allein«, Stefan lachte, ein böses, höhnisches Lachen, das sie noch nie an ihm bemerkt hatte. »Du wirst nirgendwo hingehen«, sagte er ruhig. Er schnippte seine Zigarette in den Aschenbecher, setzte sich neben sie und sah ihr in die Augen. »Wahrscheinlich ist es der falsche Moment«, begann er. »Aber irgendwann muß ich es dir sagen. Du benimmst dich in letzter Zeit, als wäre bei dir irgend etwas ausgeklinkt, weißt du das?«

»Aber ich ...«

»Du hörst mir jetzt zu«, unterbrach er sie sanft, aber bestimmt. »Ich habe in den letzten Tagen verdammt viel Verständnis aufgebracht, aber irgendwann ist selbst meine Geduld erschöpft. Du wirst dich jetzt zusammenreißen, jetzt und in Zukunft. Ich habe absolut keine Lust, den Rest meines Lebens mit einer hysterischen Ziege zu verbringen, die jedes mal einen Schreikrampf bekommt, wenn sie einen Schatten sieht.« Seine Stimme wurde plötzlich schneidend. »Und damit du es genau weißt: Ich denke nicht daran, hier wegzugehen. Wir sind gerade dabei, uns einzuleben. Die Menschen hier im Tal beginnen gerade jetzt, uns zu akzeptieren, obwohl du dir weiß Gott Mühe genug gegeben hast, dir Feinde zu machen. Ich fühle mich hier wohl, Liz, und ich glaube, daß wir hie reines Tages zu Hause sein können. Ich will das nicht alles aufs Spiel setzen, nur weil du plötzlich einen Rückfall in deine vorpubertäre Phase hast.« Er stand ruckartig auf. »Ich gehe jetzt nach oben. Ich muß arbeiten. Vielleicht versuchst du, ein wenig über meine Worte nachzudenken.«

Liz starrte ihm aus brennenden Augen nach. Der Schock hätte kaum größer sein können, wenn er sie geschlagen hätte, und erneut mußte sie sich an die Szene vom vergangenen Abend zurück erinnern.

Das war nicht mehr Stefan.

Dieser große, schlanke Mann war ein Fremder, der nur noch äußerlich dem liebenswerten, niemals ganz erwachsen gewordenen Jungen ähnelte, den sie geheiratet hatte.

Sie spürte, wie die betäubende Wirkung des Mittels wieder einsetzte. Etwas Weiches, Schweres schien sich auf sie herabzusenken, etwas wie die Berührung einer unendlich zarten und doch kraftvollen Hand. Sie stöhnte, hob die Arme und ließ sie wieder sinken, ehe sie die Bewegung zu Ende geführt hatte.

Sie begann, sich zu wehren, oder sie versuchte es zumindest. Die Droge mußte stärker sein, als Swenson behauptet hatte. Sie hatte das Gefühl, abzugleiten, in ein tiefes, bodenloses Nichts zu stürzen ...

Und stürzte.

35.

Wieder war sie eingeschlafen, aber wieder dauerte es nur Augenblicke, bis sie erwachte. Sie hatte das Gefühl, nicht mehr allein im Zimmer zu sein.

Sie blinzelte, hob den Kopf und versuchte sich aufzurichten. Es ging, aber es war sehr mühsam. Irgend etwas bewegte sich außerhalb ihres Gesichtsfeld es. Sie sah die Bewegung nicht, aber sie spürte sie mit dem gleichen Instinkt, mit de mein Blinder fühlt, wenn er nicht mehr allein ist.

»Stefan?« sagte sie schwach. Sie bekam keine Antwort, aber dafür hörte sie jetzt leise, schlurfende Schritte. Sie sammelte noch einen Moment Kraft, setzte sich ganz auf und schwang die Beine von der Couch. Erneut wurde ihr schwindelig, aber diesmal verging der Anfall rascher. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, stöhnte leise und sah auf.

Andy stand vor dem Fenster. Ihre Gestalt wurde vom grellen Gegenlicht in einen schwarzen, flachen Schatten mit verschwommenen Rändern verwandelt, ein finsterer Nachtmahr aus R'lyeh, der gekommen war, um sie zu verschlingen.

Liz' Herz schien einen Schlag zu überspringen und dann schmerzhaft und unregelmäßig weiterzuhämmern. Das Bild erinnerte sie auf bedrückende Weise an den Anblick vom vergangenen Abend. Der Schatten vor dem Haus...

»Andy...«, flüsterte sie entsetzt.

Das Mädchen bewegte sich, trat aus dem hellen Lichtstreifen heraus und drehte sich herum. Aber ihr Gesicht war immer noch schwarz, eine konturlose, dunkle, Fläche, leer, ohne Augen, Mund oder Nase...