»Es stimmt, daß du noch nie verloren hast.«
»Gib deine Erlaubnis!« riefen mehrere Stimmen durcheinander.
»Wenn du es nicht gestattest«, flehte Aphris, »ist meine Ehre auf ewig befleckt.«
Mir fiel plötzlich ein, daß nach den goreanischen Zivilgesetzen alle Besitztümer einer Person, die der Sklaverei verfällt, automatisch dem nächsten männlichen Verwandten übertragen werden — oder dem nächsten Verwandten, oder — wenn kein Mann mehr in der Familie ist — dem Treuhänder. Wenn also Aphris an Kamchak fallen und Sklavin werden sollte, würde ihr Vermögen an Saphrar, Kaufmann aus Turia, übergehen. Um legale Komplikationen zu vermeiden und die Beträge für Investitionen frei zu machen, ist der Vermögensübertrag unwiderruflich; sollte der frühere Eigentümer wieder frei werden, hat er keinen Rechtsanspruch mehr auf die übertragenen Werte.
»Gut«, sagte Saphrar mit gesenktem Blick, als fälle er eine Entscheidung wider sein besseres Wissen, »ich erlaube es meinem Schützling, Lady Aphris aus Turia, sich als Preis für die Spiele des Liebeskrieges zur Verfügung zu stellen.« Ein Freudenschrei klang auf; alle waren überzeugt, daß der Tuchuksleen eine gerechte Strafe für seine freche Tat an der reichsten Tochter Turias erhalten würde.
»Danke, Vormund«, sagte Aphris, warf mit einem letzten bösen Blick auf Kamchak hochmütig den Kopf zurück und verließ mit königlichem Schritt die Tische.
»Wenn man sie so gehen sieht«, bemerkte Kamchak ziemlich laut, »glaubt man kaum, daß die den Kragen einer Sklavin trägt.«
Aphris wirbelte mit geballten Fäusten herum und sah ihn mit blitzenden Augen an.
»Ich meinte ja nur, kleine Aphris«, sagte Kamchak, »daß du deinen Kragen zu tragen verstehst.«
Das Mädchen stieß einen erstickten Wutschrei aus und stolperte die Treppe hinauf. Weinend, mit verrutschtem Schleier, mit beiden Händen am Kragen zerrend, verschwand sie in ihren Räumen.
»Keine Angst, Saphrar aus Turia«, sagte Kamras, »ich töte diesen Tuchuksleen — langsam und mit Vergnügen.«
10
Mehrere Tage nach Saphrars Bankett — es war noch sehr früh am Morgen — kamen Kamchak und ich zusammen mit mehreren hundert Angehörigen der vier Wagenvölker zur Ebene der Tausend Pfähle, die einige Pasang von Turia entfernt liegt.
Schiedsrichter und Handwerker aus Ar, das Hunderte von Pasangs entfernt jenseits des Cartius liegt, waren bereits bei der Arbeit, inspizierten die Pfähle und bereiteten den Boden dazwischen vor. Diesen Männern war speziell für das große Ereignis freies Geleit in dieses Gebiet gewährt worden. Trotzdem war die Reise nicht ohne Gefahren, doch sie brachte auch gute Gewinne aus den Schatztruhen Turias und der Wagenvölker. Einige Schiedsrichter, die inzwischen ein Vermögen gemacht hatten, waren schon mehrfach im Amt gewesen. Das Honorar für einen einfachen Handwerker entsprach einem Jahreseinkommen im luxuriösen Ar. Wir ließen uns Zeit, ritten auf unseren Kaiila in vier langen Reihen — die Tuchuks, die Kassars, die Kataii, die Paravaci, etwa zweihundert Krieger aus jedem Stamm. Kamchak ritt fast an der Spitze der Tuchuks. Der Standartenträger, der eine Fahne mit den vier Boskhörnern präsentierte, ritt in unserer Nähe. Die Spitze unserer Kolonne bildete Kutaituchik, der mit geschlossenen Augen auf einer riesigen Kaiila saß und sich langsam hin- und herschaukeln ließ. Eine halb gekaute Kandakette baumelte in seinem Mund.
Neben ihm ritten drei andere Männer, die ich für die Ubar der Kassars, der Kataii und der Pravaci hielt. Nicht weit hinter ihnen entdeckte ich zu meiner Überraschung die drei anderen Männer, die ich getroffen hatte, als ich zu den Wagenvölkern kam — Conrad von den Kassars, Hakimba von den Kataii und Tolnus von den Paravaci. Wie Kamchak ritten auch sie ganz in der Nähe ihrer Standartenführer. Die Standarte der Kassars zeigte eine rote dreigewichtige Bola, während die Kataii einen gelben Bogen auf schwarzer Lanze zum Zeichen hatten; die Paravaci schließlich präsentierten stolz ein Banner voller Juwelen, die auf Golddraht aufgezogen die Umrisse eines Boskkopfes zeigten.
Barfuß wanderte Elizabeth neben Kamchaks Steigbügel her. Weder Dina noch das andere Kassarsklavenmädchen waren bei uns. Am Nachmittag des Vortags hatte Albrecht sein Sklavenmädchen Tenchika, das er trotz des Bisses in den Hals von Kamchaks Kaiila verloren hatte, zurückgekauft — für die unglaubliche Summe von vierzig Goldstücken, vier Quivas und einem Kaiilasattel. Das war eine der höchsten Preise, der bei den Wagenvölkern, je für ein Sklavenmädchen gezahlt worden war — ein sicheres Zeichen, daß Albrecht seine kleine Tenchika sehr vermißt hatte. Kamchak selbst hatte sich sehr über diesen Handel gefreut, was es Albrecht nicht gerade leichter machte. Der Tuchuk hatte immer wieder dröhnend gelacht und sich auf die Knie geschlagen, weil sich Albrecht offensichtlich in das Mädchen verliebt hatte. Dabei war sie nur eine Sklavin! Albrecht hatte seine Tenchika ärgerlich zweimal geschlagen und sie ein wertloses Ding genannt, während sie lachte und neben seiner Kaiila hin und her hüpfte und vor Freude weinte; zuletzt sah ich sie neben seinem Steigbügel herlaufen und den Kopf gegen seinen Pelzstiefel pressen.
Dina hatte ich, obwohl sie eine Sklavin war, zu mir in den Sattel genommen und war mit ihr fortgeritten, bis wir in der Ferne die weißen Mauern Turias erkennen konnten.
Als wir nahe genug heran waren, setzte ich das Mädchen ab und deutete auf die Stadt. »Das ist Turia«, sagte ich. »Deine Heimatstadt. Du bist frei.«
Das Mädchen senkte den Kopf. »Aber ich gehöre dir — ganz dir.«
»Du bist frei — das ist mein Wunsch.«
»Habe ich dir nicht gefallen?«
»Sehr sogar.«
»Aber warum verkaufst du mich nicht — ich bin wertvoll.«
»Wertvoller, als du ahnst.«
»Das verstehe ich nicht.«
Ich griff in meine Gürteltasche und gab ihr ein Goldstück. »Hier«, sagte ich. »Nun kehre nach Turia zurück, finde deine Familie und sei frei.«
Plötzlich begann sie zu zittern und klammerte sich an meinen Steigbügel.
Ich sprang ab und machte ihre Hände los. »Du bist frei! Soll ich dich in die Stadt bringen und über die Mauer werfen?«
Sie lachte. »Nein!« Plötzlich warf sie die Arme um meinen Hals und küßte mich. Als ich sie wieder abgesetzt hatte, bemerkte ich in der Ferne eine Staubwolke, die vor den Mauern der Stadt aufstieg. Wahrscheinlich einige Krieger auf Tharlarions. Ich machte mich von dem Mädchen los, sprang in den Sattel und winkte Dina zu.
Im nächsten Augenblick zischte mir ein Pfeil über den Kopf.
Ich lachte, riß die Kaiila herum und galoppierte davon, wobei die schwerfälligen Tharlarions schnell zurückfielen.
Die Verfolger kehrten bald um und fanden ein freies Mädchen, das in einer Hand ein Goldstück umklammerte und lachend und weinend einem Feind nachwinkte.
Als ich zu den Wagen zurückkehrte, waren Kamchaks erste Worte: »Ich hoffe, du hast einen guten Preis für sie erzielt.«
Ich lächelte.
Elizabeth Cardwell, die sich gerade um das Feuer im Wagen kümmerte, war erstaunt, als ich ohne Dina zurückkehrte. »Du ... hast sie ... verkauft?« fragte sie ungläubig. »Verkauft?«
»Vielleicht verkaufe ich dich auch«, sagte Kamchak.
Elizabeth wirkte plötzlich verschreckt. Sie warf mir einen flehenden Blick zu. Kamchaks Worte beunruhigten mich auch. Elizabeth musterte mich ungläubig und schüttelte den Kopf. Ich hielt es nicht für gut, ihr zu sagen, daß ich Dina freigegeben hatte — damit machte ich ihr das Leben nur schwer, und sie gab sich vielleicht der sinnlosen Hoffnung hin, daß ihr Kamchak eines Tages ein ähnliches Geschenk machen würde. Damit konnte sie kaum rechnen. Ich lächelte vor mich hin. Kamchak, der einer Sklavin die Freiheit gab? Undenkbar!
»Ja«, sagte Kamchak, »ich glaube, ich verkaufe dich.«
Elizabeth zitterte vor Entsetzen.
»Aber vielleicht könnte ich sie auch ausbilden lassen ...« überlegte er.
»Damit ließe sich ein besserer Preis erzielen«, sagte ich, wobei ich auch daran dachte, daß ein gutes Training wahrscheinlich einige Monate dauern würde.