»Sie ist eine kleine Barbarin«, sagte Kamchak und blinzelte mir zu. »Aber eine hübsche kleine Barbarin, nicht wahr?«
Ich folgte Kamchak vor den Wagen, wo er sich zu meiner Verblüffung an mich wandte: »Du warst ein Narr, als du Dina freigelassen hast.«
»Woher willst du wissen, daß ich sie freigelassen habe?«
»Ich habe gesehen, wie du sie vorn in den Sattel gehoben hast und in Richtung Turia geritten bist«, sagte er. »Ich weiß, daß du sie mochtest. Außerdem ist dein Beutel nicht dicker geworden.«
Ich lachte.
Kamchak deutete auf mein Geldtäschchen. »Du müßtest jetzt vierzig Goldstücke darin haben. Soviel ist sie mindestens wert — vielleicht sogar mehr. Eine geübte Bolaläuferin wie sie ...« Kamchak lachte. »Albrecht war ein Narr, aber Tarl Cabot ist ein noch größerer.«
»Vielleicht.«
»Jeder, der sich in ein Sklavenmädchen verliebt, ist ein Narr!«
»Vielleicht ist eines Tages auch Kamchak von den Tuchuks an der Reihe.«
Daraufhin warf Kamchak den Kopf in den Nacken und begann brüllend zu lachen. Als er sich wieder beruhigt hatte, schlug er mir auf die Schulter. »Komm, betrinken wir uns!«
»Aber morgen kämpfst du auf der Ebene der Tausend Pfähle — deshalb sollten wir lieber schlafen gehen!«
»Ich bin ein Tuchuk — also betrinke ich mich.« Wir spuckten dann um die Wette, um zu bestimmen, wer die Flasche Paga bezahlen mußte. Er gewann, indem er beim Spucken schnell den Kopf drehte und seitlich zielte. Im Vergleich zu seiner Fertigkeit fiel mein Versuch deprimierend einfallslos und geradlinig aus. Der schlaue Tuchuk hatte mich natürlich zuerst spucken lassen.
Am Morgen darauf erreichten wir die Ebene der Tausend Pfähle.
Trotz des wilden Abends schien Kamchak guter Laune zu sein, blickte sich pfeifend um und trommelte von Zeit zu Zeit einen kleinen Rhythmus auf seinem Sattel. Ich vermutete, daß Kamchak in Gedanken bei Aphris aus Turia war; offenbar rechnete er fest damit, dieses Mädchen zu gewinnen.
Ich weiß nicht, ob es auf der Ebene der Tausend Pfähle wirklich tausend Pfähle gibt — jedenfalls ist ihre Zahl sehr groß. Diese Pfähle, etwa zwei Meter hoch und vielleicht fünfzehn Zentimeter im Durchmesser, stehen sich in zwei parallelen Reihen paarweise gegenüber — der Zwischenraum zwischen den Reihen beträgt etwa fünfzehn Meter; innerhalb einer Reihe sind die Pfähle rund zehn Meter voneinander entfernt. Die beiden Pfahlreihen erstrecken sich vier Pasang weit über die Prärie. Eine dieser Reihen liegt zur Stadt hin, die andere zu den Prärien. Wie ich feststellte, waren die Pfähle kürzlich bunt angemalt worden, jeder in anderen Farben und in verschiedenen Mustern. Es war ein farbiges Bild, ein Bild der Lebensfreude. Ich mußte daran denken, daß zwischen diesen beiden Pfahlreihen in Kürze Männer kämpfen und sterben würden.
Ich bemerkte, daß Arbeiter an einigen Pfählen noch kleine Ringe anbrachten, etwa anderthalb Meter über dem Boden.
Ich hörte einige Musiker, die etwa fünfzig Meter hinter den turianischen Pfählen leichte Weisen spielten.
Zwischen den beiden Pfahlreihen war für jedes gegenüberliegende Pfahlpaar ein Kreis in das Gras gemäht, ein Kreis, der etwa zweieinhalb Meter groß war. Das Rund war mit Sand ausgelegt.
Zwischen den Männern der Wagenvölker drängten sich kühn Händler aus Turia und verkauften Kuchen, Wein und Fleisch, auch Ketten und Sklavenkragen.
Kamchak warf einen Blick auf die Sonne, die ihren Himmelsweg etwa zu einem Viertel zurückgelegt hatte. »Die Turianer kommen immer zu spät«, sagte er.
»Sie kommen aber«, sagte ich und deutete auf eine Staubwolke. Bei den Tuchuks entdeckte ich jetzt den jungen Harold, den Hereena vom Ersten Wagen so herablassend behandelt hatte. Das Mädchen selbst war nicht zu sehen. Der junge Bursche machte auf mich einen guten Eindruck, auch wenn er keine Narbe trug. Das hatte zur Folge, daß er an den heutigen Wettkämpfen nicht teilnehmen konnte — ohne Narbe durfte er auch nicht um eine freie Frau werben, einen eigenen Wagen besitzen oder mehr als fünf Bosks und drei Kaiila sein Eigentum nennen. Die Mutnarbe hat also nicht nur eine kämpferische, sondern auch eine soziale und wirtschaftliche Bedeutung.
Lange Reihen von Tharlarions näherten sich von der Stadt. Die Morgensonne blitzte auf den Helmen der turianischen Krieger, auf ihren langen Lanzen und auf den Metallverstärkungen ihrer ovalen Schilde. Ich hörte das Dröhnen der beiden Tharlariontrommeln, die die Geschwindigkeit der Prozession bestimmten — wie das Klopfen eines Herzens. Neben den Tharlarions schritten andere Bewaffnete und sogar Bürger Turias sowie weitere Händler und Musiker, die die Spiele sehen wollten.
Turia selbst zeigte sich in vollem Flaggenschmuck; auf den Mauern drängten sich die Menschen, die die Wettkämpfe zweifellos durch die langen Gläser der Kaste der Hausbauer beobachten wollten.
Etwa zweihundert Meter vor den Pfahlreihen zog sich die Formation der turianischen Krieger in die Breite, bis sie fast der Länge der Pfahlreihen entsprach. Dann setzten sich auf ein plötzliches Signal der Trommel die mächtigen Tharlarions in Bewegung, die Lanzen senkten sich, die Reiter begannen zu brüllen, und die ganze Reihe donnerte heran.
»Verrat!« brüllte ich.
Gegen den Angriff einer Tharlarionarmee gab es keinen Schutz.
Zu meiner Verblüffung schienen sich die Krieger der Wagenvölker wenig um die gefährliche Lawine zu kümmern, die sich ihnen näherte. Einige feilschten gelassen mit den Händlern, andere unterhielten sich in aller Ruhe.
Elizabeth hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen, und ich machte Anstalten, sie auf meinen Sattel zu ziehen und die Flucht zu ergreifen.
»Also wirklich!« sagte Kamchak tadelnd.
Ich richtete mich auf und sah, daß die Kette der Tharlarionreiter zischend und stampfend haltgemacht hatte — etwa fünfzehn Meter vor den Pfählen. »Ein alter turianischer Scherz«, sagte Kamchak. »Sie freuen sich ebenso auf die Spiele wie wir und wollen sich den Spaß nicht verderben.« Und er lachte.
Ich wandte mich verlegen ab.
In diesem Augenblick entstand Bewegung bei den Turianern, die lachend mit den Lanzen gegen ihre Schilde schlugen. Kaiilahufe donnerten hinter uns auf, und eine große Anzahl langhaariger Reiter stürmte in das Lager der Wagenvölker.
Ja, sie waren großartig, die wilden Mädchen der Wagenvölker, und ich sah, daß die stolze Hereena keine geringe Rolle unter ihnen spielte. Ihr Blick fiel auf Harold, neben dem sie von ihrer Kaiila sprang und ihm die Zügel zuwarf. »Bring das Tier fort, Sklave«, sagte sie frech.
Wütend nahm er die Zügel und führte das Tier zur Seite.
Nun wurde es auch bei den Wagenvölkern laut, als hinter den Reihen der Turianer verhüllte Sänften abgesetzt wurden, denen die Damen der Stadt entstiegen, um die es bei den Spielen gehen sollte.
Die Einrichtung des Liebeskrieges zwischen den Turianern und den Wagenvölkern ist eine alte Tradition, älter sogar als das Omenjahr. Die theoretische Begründung für diese Spiele besteht für die Turianer darin, daß sich hier eine ausgezeichnete Gelegenheit bietet, die Wildheit und Geschicklichkeit turianischer Krieger unter Beweis zu stellen und so die kühnen Krieger der Wagenvölker zu entmutigen. Wahrscheinlich kämpft der turianische Krieger gern und bringt im Kampf seine Frauen an sich. Die Turianer sind ohnehin der Meinung, daß ihre Krieger zu wenig mit den Wagenvölkern kämpfen, die sich als ausweichender Gegner erwiesen haben, schnell zuschlagend und schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Ich fragte einmal Kamchak, ob auch die Wagenvölker einen Grund für den Liebeskrieg hätten. Er bejahte meine Frage und deutete lachend auf die Sklavenmädchen Tenchika und Dina, die damals noch in seinem Wagen lebten. »Das ist der Grund«, sagte Kamchak. Jetzt erst ging mir auf, daß die beiden Sklavenmädchen vielleicht bei einem Kampf im Liebeskrieg gewonnen worden waren.
Eine nach der anderen entstiegen die stolzen Damen Turias nun ihren Sänften, in Roben der Verhüllung gekleidet. Nicht jede durfte sich als Preis für die Kämpfe zur Verfügung stellen; nach allgemeiner Übereinkunft konnten überhaupt nur die schönsten ausgewählt werden.