Ich hörte einen Schiedsrichter rufen: »Erster Pfahl! Aphris aus Turia!«
»Ha!« brüllte Kamchak und schlug mir so heftig auf den Rücken, daß ich fast aus dem Sattel gestürzt wäre.
Ich war verblüfft. Das turianische Mädchen mußte wirklich von großer Schönheit sein, wenn sie für den Ersten Pfahl bestimmt wurde.
In ihrer weißen und goldenen Robe wurde Aphris nun von dem Schiedsrichter zum ersten Pfahl auf der Seite der Wagenvölker geführt. Die Präriemädchen würden an den Pfählen auf der Stadtseite stehen. So konnten die turianischen Mädchen ihre Stadt und ihre Krieger sehen, während die Mädchen der Wagenvölker die Ebene und ihre Kämpfer betrachten konnten.
Ich sah, daß Hereena aus dem Ersten Wagen am Dritten Pfahl stand, obwohl die beiden Kassarmädchen vor ihr nicht hübscher zu sein schienen. Sie war darüber sichtlich erbost, konnte jedoch die Entscheidung der Schiedsrichter nicht anfechten.
Ich blickte die Pfahlreihen entlang. Die Mädchen der Wagenvölker standen stolz vor ihren Pfählen, zuversichtlich, daß ihre Kämpfer, die noch nicht bestimmt waren, durch einen Sieg ihre Rückkehr zum eigenen Volk sicherstellen würden; die Mädchen aus der Stadt taten ebenso gelassen, aber auch sie waren sicher aufgeregt.
Kamchak ritt auf seiner Kaiila durch die Menge auf den ersten Pfahl zu.
Ich folgte ihm.
Er beugte sich aus dem Sattel. »Guten Morgen, kleine Aphris«, sagte er.
Sie erstarrte, würdigte ihn aber keines Blicks. »Bist du zum Sterben bereit, Sleen?« fauchte sie.
»Nein«, sagte Kamchak. »Wie ich sehe, trägst du den Kragen nicht mehr. Aber das macht nichts — ich habe noch einen für dich.«
»Ich freue mich schon darauf, wenn du im Sand kniest, und Kamras aus Turia um den tödlichen Streich bittest!«
»Die nächste Nacht, kleine Aphris, wirst du im Dungsack verbringen, wie ich es dir versprochen habe.«
Er lachte laut und lenkte seine Kaiila weiter. Nun wurden die Mädchen auf beiden Seiten an den Pfählen festgemacht; sie mußten die Hände durch die Ringe stecken, die sodann geschlossen wurden. Die Schlüssel wurden an kleinen Haken über ihren Köpfen befestigt.
Ich sah, wie Aphris unauffällig die Hände in ihren Fesseln bewegte, um sie herauszuziehen; aber das ging natürlich nicht. Nun war es zu spät, aus dem Liebeskrieg auszusteigen.
»Sind die Frauen gefesselt?« fragte der Oberrichter, der auf einer kleinen Plattform am Ende der Pfahlreihen stand — in diesem Jahr auf der Seite der Wagenvölker.
»Sie sind gefesselt!« tönte es.
»Dann sollen sich die Kämpfer finden!« rief der Schiedsrichter.
Nun gerieten die Krieger der Wagenvölker und die Turianer in Bewegung, strömten in das Gebiet zwischen den Pfahlreihen. Die Präriemädchen waren natürlich unverschleiert, was es den Turianern leicht machte. Die Krieger der Wagenvölker mußten sich an die Schiedsrichter wenden, wenn sie ein turianisches Mädchen sehen wollten; diese lüfteten dann kurz den Schleier. Natürlich würde kein Angehöriger der Wagenvölker sein Leben für ein Mädchen riskieren, das er gar nicht gesehen hatte.
»Ich möchte mir gern die hier ansehen«, sagte Kamchak und deutete mit dem Daumen auf Aphris.
»Erinnerst du dich nicht an mein Gesicht, Sleen!« fauchte die Verschleierte.
»Mein Gedächtnis ist nicht mehr gut«, sagte Kamchak. »Hier begegnen einem so viele Gesichter.«
Der Schiedsrichter löste Aphris’ weißen und goldenen Schleier. Das Mädchen war wirklich unglaublich schön.
»Was meinst du?« fragte mich Kamchak.
»Sie ist großartig«, sagte ich.
»Wahrscheinlich gibt es noch bessere weiter unten«, sagte Kamchak. »Sehen wir uns lieber erst noch mal um.«
Aphris Gesicht rötete sich vor Zorn, und sie schrie hinter ihm her: »Komm zurück, du Sleen!«
»Willst du nicht für sie kämpfen?« fragte ich Kamchak.
»Aber natürlich«, grinste er.
Trotzdem schauten wir uns nacheinander alle turianischen Mädchen an und kehrten erst nach langer Zeit an den Anfang der Pfahlreihen zurück.
»Ein trauriger Haufen dieses Jahr«, wandte sich Kamchak an Aphris.
»Kämpfe für mich!«
»Möchtest du das?« fragte Kamchak interessiert.
Sie zitterte vor Wut. »Ja! Ich möchte es!«
»Na gut«, sagte Kamchak. »Dann kämpfe ich für dich.«
Es wollte mir scheinen, als lehnte sich Aphris aus Turia erleichtert gegen ihren Pfahl. Sie musterte Kamchak erfreut. »Du wirst vor meinen Füßen sterben.«
Kamchak zuckte die Achseln, ohne die Möglichkeit zu verneinen. Dann wandte er sich an den Schiedsrichter: »Will sonst noch jemand für sie kämpfen?«
»Nein«, sagte der Schiedsrichter.
Wollen mehr als zwei Männer für ein Mädchen kämpfen, entscheidet gewöhnlich Rang und Ansehen über den Vortritt; es ist verpönt, daß sich etwa zwei Angehörige der Wagenvölker um ein Mädchen schlagen — besonders in Anwesenheit des Feindes.
»Dann scheint sie ja ziemlich unansehnlich zu sein«, bemerkte Kamchak.
»Nein«, sagte der Schiedsrichter. »Es liegt daran, daß Kamras sie verteidigt.«
»O nein!« rief Kamchak sichtlich erschrocken und fuhr zurück.
»Du wirst dich doch noch erinnern?« lachte Aphris höhnisch.
»Ich habe damals viel Paga getrunken«, gestand Kamchak.
»Du brauchst nicht zu kämpfen«, sagte der Richter, »dann fällt ihm das Kassarmädchen zu.«
Diese Aussicht schmeckte dem Kassarmädchen, das Aphris gegenüberstand, offenbar ganz und gar nicht. Sie blickte Kamchak erschrocken und flehend an.
Der zuckte die Achseln. »Na gut, dann kämpfe ich.«
»Du bist ein Narr«, sagte Kamras aus Turia.
Ich zuckte etwas zusammen, denn ich hatte nicht gemerkt, daß der Turianer so dicht hinter uns gestanden hatte. Er bot wirklich ein eindrucksvolles Bild. Er wirkte stark und schnell. Das lange schwarze Haar hatte er hinter dem Kopf zusammengebunden. Seine kraftvollen Handgelenke waren mit Boskleder umwickelt. In seiner Rechten trug er einen Speer und über der Schulter ein kurzes Schwert. Er überragte Kamchak um Haupteslänge.
»Beim Himmel«, sagte dieser und pfiff durch die Zähne, »du bist wirklich ein großer Bursche.«
»Fangen wir an«, forderte Kamras ungeduldig. Daraufhin ließ der Schiedsrichter den Kreis zwischen Aphris und dem Kassarmädchen frei machen. Zwei Männer kamen mit Harken und säuberten den Ring.
Zu Kamchaks Pech waren in diesem Jahr die Turianer mit der Waffenwahl an der Reihe. Glücklicherweise konnte aber der Krieger der Wagenvölker vom Kampf zurücktreten, solange sein Name in den offiziellen Listen der Spiele noch nicht eingetragen war. Wählte Kamras also eine Waffe, mit der Kamchak nicht zurechtkam, konnte der Tuchuk den Kampf ablehnen, womit das Kassarmädchen allerdings verloren war.
»Ah ja — die Waffen«, sagte Kamchak. »Was nehmen wir denn — die Kaiilalanze, Peitsche und Bola, vielleicht die Quiva?«
»Schwert«, sagte Kamras hart.
Diese Entscheidung stürzte mich in Verzweiflung. Seit ich bei den Wagenvölkern war, hatte ich noch keines von den goreanischen Kurzschwertern gesehen, die in den Städten so beliebt sind — wahrscheinlich, weil sich diese Waffe vom Rücken einer Kaiila aus nicht gut einsetzen läßt, so war denn zu erwarten, daß der arme Kamchak mit dem Schwert sicherlich wenig vertraut war. Gewöhnlich wählen turianische Krieger bei den Kämpfen des Liebeskrieges Morgenstern und Dolch, Axt und Morgenstern, Dolch und Peitsche, Axt und Netz oder zwei Dolche — mit der Einschränkung, daß die Quiva nicht geschleudert werden darf.
Kamras schien fest entschlossen. »Das Schwert«, wiederholte er.
»Aber ich bin doch nur ein armer Tuchuk«, jammerte Kamchak.
Kamras lachte. »Es bleibt dabei«, sagte er.
»Aber wie soll ich mich mit dem Schwert verteidigen — ich, ein armer Tuchuk?«
Kamras lächelte voller Verachtung. »Ich will großzügig sein — verzichte auf den Kampf!«
»Kämpfe, dreckiger Tuchuk!« wütete Aphris und zerrte an ihren Ringen.