»Laß ihm den Ausweg«, sagte Kamras. »Ganz Gor wird über ihn lachen — und das ist deine Rache.«
»Ich will, daß er stirbt!« schrie Aphris. »Er soll vor mir im Staub verbluten!«
Kamras zuckte die Achseln. »Na gut, dann töte ich ihn.« Er wandte sich an Kamchak. »Ich gestatte dir, eine Waffe zu wählen, die uns beiden recht ist.«
»Vielleicht kämpfe ich ja gar nicht«, sagte Kamchak.
Kamras ballte die Fäuste. »Gut, wie du willst.«
»Aber vielleicht kämpfe ich doch«, sagte Kamchak schnell. »Gut, ich kämpfe!« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.
Die beiden Mädchen stießen einen Freudenschrei aus.
Der Schiedsrichter trug Kamras und Kamchak in seine Listen ein.
»Welche Waffe wählt ihr?« fragte der Schiedsrichter. »Denkt daran, beide müssen mit der Wahl einverstanden sein.«
Kamchak wiegte gedankenverloren den Kopf und blickte schließlich seinen Gegner an. »Ich habe mich schon öfter gefragt, wie es ist, wenn man so ein Schwert hält.«
Der Schiedsrichter ließ fast seine Liste fallen.
»Ich nehme das Schwert«, sagte Kamchak kurzentschlossen.
Das Kassarmädchen stöhnte laut auf.
Kamras blickte Aphris aus Turia an. Er schien sprachlos zu sein. Auch das Mädchen wußte nichts zu sagen. »Er ist wahnsinnig«, brachte Kamras schließlich heraus.
»Tritt zurück«, sagte ich zu Kamchak.
»Zu spät«, sagte der Richter.
»Zu spät«, sagte Kamchak unschuldig und warf mir einen bedauernden Blick zu.
Innerlich stöhnte ich auf, denn in den letzten Monaten hatte ich den mutigen, schlauen Tuchuk sehr ins Herz geschlossen.
Schwerter wurden gebracht, goreanische Kurzschwerter, die in Ar geschmiedet worden waren.
Kamchak nahm seine Waffe zur Hand, als handelte es sich um einen Wagenhebel, der dazu dient, festgefahrene Wagen aus dem Schlamm zu stemmen.
Kamras und ich blickten uns entsetzt an.
Was Kamras nun sagte, muß ich ihm hoch anrechnen. Er wandte sich an Kamchak: »Tritt zurück.« Ich konnte ihn verstehen, er war ein Krieger und kein Schlächter.
»Zu meinen Füßen soll er verbluten!« fauchte die sanfte Aphris aus Turia. »Ein Goldstück für jeden Stich, Kamras!« rief sie.
Kamchak fuhr mit dem Daumen über die Klinge. Ich sah, wie sich die Haut spaltete und ein dicker Blutstropfen hervortrat.
Er blickte auf. »Scharf«, sagte er bewundernd.
»Ja«, sagte ich erschöpft und wandte mich ab. »Darf ich für ihn kämpfen?« fragte ich den Schiedsrichter.
»Das ist nicht gestattet«, erwiderte der Mann.
»Aber es wäre eine gute Lösung«, sagte Kamras.
Ich packte Kamchak an den Schultern. »Kamras will dich nicht abschlachten«, sagte ich. Es genügt ihm, dich zu beschämen. Tritt zurück.«
Plötzlich blitzte mich Kamchak an. »Möchtest du, daß ich in Schande zurücktrete?«
»Es ist besser, in Schande zurückzutreten, als tot zu sein.«
»Nein«, sagte er, »besser tot als in Schande zu leben.«
Ich ließ ihn in Ruhe. Er war ein Tuchuk. Er würde mir sicher sehr fehlen, dieser wilde, trinkfeste, stampfende, tanzende Kamchak von den Tuchuks.
Im letzten Augenblick rief ich ihm zu: »Um der Priesterkönige willen — du mußt die Waffe so halten!« Und ich versuchte ihm einen einfachen Griff zu zeigen, der ihm sowohl den Angriff als auch die Verteidigung gestattete. Aber als ich zurücktrat, hielt er seine Waffe wie eine goreanische Säge.
Auch Kamras schloß kurz die Augen, als könne er diesen Anblick nicht ertragen. Ich machte mir klar, daß Kamras den Tuchuk hatte erniedrigen wollen — er verspürte keinen Wunsch, den ungeschickten Tuchuk zu töten, der ja praktisch wehrlos war.
»Der Kampf soll beginnen«, sagte der Schiedsrichter.
Ich trat zurück, und Kamras näherte sich vorsichtig seinem Gegner.
Kamchak betrachtete die Kante seines Schwertes, drehte es hin und her und beschäftigte sich offenbar vergnügt mit den Reflexionen der Sonnenstrahlen auf dem Stahl.
»Paß auf!« brüllte ich.
Kamchak wandte sich um, um zu sehen, was ich meinte, und zu seinem Glück blitzte in diesem Augenblick der Lichtreflex genau in Kamras’ Augen, der plötzlich den Arm hochwarf und blinzelnd den Kopf schüttelte. Er konnte nichts sehen.
»Schlag zu!« kreischte ich.
»Was?« fragte Kamchak.
»Paß auf!« brüllte ich, denn Kamras ging erneut vor.
Kamras hatte natürlich die Sonne im Rücken, was ihm so selbstverständlich war wie einem Tarn, der seine Beute angeht.
Kamchak hatte unglaubliches Glück, daß die Klinge im rechten Augenblick aufgeblitzt war. Das hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Kamras ging zum Angriff über, und es sah aus, als würfe Kamchak im letzten Augenblick den Arm hoch, als verlöre er das Gleichgewicht, und tatsächlich hoppelte er plötzlich nur noch auf einem Stiefel herum. Ich bemerkte kaum, wie Kamras’ Schlag heftig pariert wurde. Kamras begann seinen Gegner nun im Ring herumzujagen. Kamchak stolperte fast rückwärts aus dem Kreis und versuchte sein Gleichgewicht wiederzugewinnen. Bei seiner Verfolgung hatte Kamras ein Dutzendmal recht ungeschickt zugeschlagen, wobei Kamchak zu meiner Verblüffung jeden Schlag hatte abwehren können; er hielt sein Schwert jetzt wie einen Prügel.
»Töte ihn!« kreischte Aphris aus Turia.
Ich war in Versuchung, mich abzuwenden.
Das Kassarmädchen wimmerte vor Enttäuschung.
Als sei er ermüdet, setzte sich Kamchak plötzlich schweratmend in den Sand. Das Schwert hatte er vor das Gesicht gehoben, wo es ihn offensichtlich beim Sehen behinderte. Mit den Stiefeln drehte er sich im Kreis, so daß er stets Kamras ansah, aus welcher Richtung dieser auch angriff. Immer wieder schlug der Turianer zu, und ich erwartete bei jedem Hieb, Kamchak tot umsinken zu sehen, und jedesmal wollte mir das Herz in der Brust stocken, doch — ich verstand es nicht — stets im letzten Augenblick wehrte Kamchak mit einem müden kleinen Zucken seiner Klinge den Aufprall ab, so daß der turianische Stahl harmlos zur Seite glitt. Erst jetzt dämmerte mir, daß Kamchak nun schon seit drei oder vier Minuten das Ziel eines immer heftiger werdenden Angriffs war — eines Angriffs durch den Ersten Kämpfer Turias —, ohne daß er bis zu diesem Moment auch nur einen Kratzer davongetragen hatte.
Nun rappelte sich Kamchak müde wieder auf.
»Stirb, Tuchuk!« brüllte Kamras, der nun seine Wut kaum noch zügeln konnte und seinen Gegner bestürmte. Über eine Minute lang — ich wagte kaum zu atmen, und ringsum herrschte Stille bis auf das grelle Klirren der Waffen, — hielt Kamchak schwerfällig stand, den Kopf eingezogen der Körper fast unbeweglich — bis auf die schnellen Bewegungen seines Arms und das Zucken seines Handgelenks.
Kamras, erschöpft, kaum noch in der Lage, das Schwert zu heben, stolperte zurück.
Wieder zuckten die Sonnenstrahlen auf Kamchaks Schwert und stachen seinem Gegner direkt in die Augen.
Entsetzt schüttelte Kamras den Kopf und blinzelte, schlug wild mit dem Schwert um sich.
Dann stampfte Kamchak schwerfällig auf ihn zu. Ich sah, wie Kamras die ersten Wunden hinnehmen mußte, zuerst an der Wange, dann am linken Arm, dann am Bein, dann an einem Ohr.
»Töte ihn!« kreischte Aphris. »Töte ihn!«
Doch jetzt kämpfte Kamras wie ein Betrunkener um sein Leben, und der Tuchuk folgte ihm wie ein Bär überallhin — er bewegte sich nicht mehr als nötig, schlurfte durch den Sand, verwundete Kamras immer wieder mit seiner Klinge.
»Töte ihn!« heulte Aphris aus Turia.
Etwa eine Viertelstunde lang setzte Kamchak seinem Gegner nach, brachte ihm immer neue Wunden bei. Und dann sah ich zur Überraschung aller Kamras, den Ersten Kämpfer Turias, geschwächt vom Blutverlust in die Knie sinken. Der Tuchuk stand über ihm. Kamras versuchte sein Schwert zu heben, doch Kamchaks Stiefel drückte es in den Sand, und Kamras starrte betäubt in das unergründliche, narbige Gesicht des Tuchuks. Kamchaks Schwert lag ihm am Hals. »Sechs Jahre vor meiner ersten Narbe«, sagte Kamchak, »war ich Söldner bei den Wächtern von Ar und erkundete für mein Volk die Mauern und Verteidigungsanlagen dieser Stadt. Damals war ich Erster Schwertkämpfer der Wachen.«