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Kamchak setzte sich wieder, wobei er noch immer an seiner Hand saugte. Auch ich setzte mich.

Wir ließen Aphris einfach stehen, die atemlos das Messer umklammerte.

»Sleen!« fauchte das Mädchen. »Ich habe ein Messer.«

Kamchak kümmerte sich nicht mehr um sie, sondern betrachtete seine Hand. Er stellte fest, daß die Wunde nicht weiter schlimm war, nahm das Fleischstück zur Hand, das er hatte fallen lassen, und warf es Elizabeth zu, die schweigend zu essen begann. Dann deutete er auf die Überreste des verschmorten Fleisches zum Zeichen, daß sie essen könnte.

»Ich habe ein Messer!« wiederholte Aphris aufgebracht. Kamchak reinigte sich mit einem Fingernagel die Zähne. »Bring Wein«, sagte er zu Elizabeth, die mit vollem Mund losging und eine kleine Weinhaut und eine Schale brachte, die sie für ihn füllte. Als Kamchak getrunken hatte, schaute er Aphris an. »Was du getan hast, hat normalerweise eine strenge Strafe zur Folge.«

»Da bringe ich mich lieber gleich um«, schrie Aphris.

Kamchak zuckte die Achseln.

Das Mädchen machte ihre Drohung nicht wahr. »Nein«, fauchte sie, »ich töte dich!«

»Das ist schon besser«, nickte Kamchak.

»Ich habe ein Messer!«

»Offensichtlich«, sagte Kamchak. Er stand auf, ging mit schweren Schritten zu einer Zeltwand und nahm eine Sklavenpeitsche von einem Haken.

Er wandte sich dem Mädchen zu.

»Sleen!« heulte sie. Sie warf die Hand mit dem Messer zurück und stürzte sich auf ihn, um ihm die Waffe ins Herz zu stoßen, doch ehe sie ihren Lauf vollenden konnte, wickelte sich die Peitschenschnur knallend um ihren Unterarm. Das turianische Mädchen schrie auf, die Peitsche riß sie von den Beinen, und die Quiva glitt über den Boden.

Kamchak zerrte das Mädchen hoch, warf es sich über die Schulter und verließ mit ihr den Wagen.

»Du gehst jetzt zu Bett!« knurrte er. »Denk daran, was ich dir beim Bankett versprochen habe!«

Ich folgte ihm und sah zu, wie Kamchak den großen Dungsack am linken Hinterrad des Wagens öffnete.

Aphris strampelte verzweifelt. »Nein! Nein!«

Im nächsten Augenblick verschwand das Mädchen kopfüber in dem großen Ledersack. Kamchak zog die Schnüre zu und richtete sich langsam auf. »Ich bin müde«, sagte er. »Es war ein anstrengender Tag.«

Ich stieg hinter ihm in den Wagen, wo wir uns nach kurzer Zeit zum Schlafen niederlegten.

12

In den nächsten Tagen strich ich mehrmals in der Nähe des riesigen Wagens Kutaituchiks herum. Mehr als einmal verscheuchten mich die Wächter. Ich wußte, daß sich in diesem Wagen die goldene Kugel, zweifellos das Ei der Priesterkönige befinden mußte, wenn Saphrars Informationen stimmten.

Ich machte mir klar, daß ich mir irgendwie Zugang zu dem Wagen verschaffen, die Kugel an mich bringen und sie ins Sardargebirge transportieren mußte. Jetzt hätte ich einiges für einen Tarn gegeben. Meine Kaiila nützte mir wenig; ich war sicher, daß man mich schnell eingeholt hätte, wenn die Verfolger, wie es bei den Wagenvölkern üblich ist, jeweils einige frische Tiere mitführten. Meine Kaiila würde schnell ermüden, und ich wäre erledigt.

Die Prärie erstreckte sich auf Hunderte von Pasang in alle Richtungen. Deckung gab es kaum.

Natürlich war es denkbar, daß ich Kutaituchik oder Kamchak meine Mission offenbarte und dann einfach auf das Beste hoffte, aber ich erinnerte mich, daß Kamchak zu Saphrar gesagt hatte, die Tuchuks wären stolz auf die goldene Kugel; ich hatte also keine Hoffnung, ihnen das Ding abzuschwatzen. Ebensowenig verfügte ich über ein Vermögen wie Saphrar, um das Ei zu kaufen, wobei nicht einmal Saphrars konkrete Angebote auf Gegenliebe gestoßen waren.

Dennoch wollte ich mich nicht wie ein Dieb in den Wagen Kutaituchiks schleichen, denn die Tuchuks hatten mich auf ihre grobe Art in ihrer Mitte aufgenommen — besonders der ungeschliffene, lachende, schlaue Kamchak, in dessen Wagen ich wohnte. Es schien mir ungerecht, die Gastfreundschaft der Tuchuks zu mißbrauchen, indem ich einen Gegenstand an mich brachte, den sie offenbar selbst sehr hoch einschätzten. Ich fragte mich, ob einer der Tuchuks ahnte, wie groß der Wert dieser goldenen Kugel wirklich war, die zweifellos die letzte Hoffnung des Volkes der Priesterkönige barg. In Turia hatte ich leider keine Antwort auf das Rätsel des Briefkragens gefunden — auch nicht über das seltsame Auftauchen von Miß Elizabeth Cardwell auf den südlichen Ebenen Gors. Ich hatte jedoch zufällig den Aufbewahrungsort der goldenen Kugel herausbekommen und wußte, daß Saphrar, ein Mann der Macht, ebenfalls daran interessiert war. Diese Informationen waren nicht zu unterschätzen. Ich fragte mich, ob vielleicht Saphrar der Schlüssel des Geheimnisses war, dem ich mich gegenübersah. Das schien mir nicht unmöglich. Wie konnte es sein, daß er, ein Kaufmann Turias, von der goldenen Kugel wußte? Wie war es möglich, daß er, offenbar ein schlauer und intelligenter Mann, ein Vermögen für etwas ausgeben wollte, das er nur eine Kuriosität nannte? Hier schien etwas nicht in Übereinstimmung zu sein mit der rationalen Gier kaufmännischer Kalkulation, etwas, das selbst über die Verblendung eines begeisterten Sammlers hinausging — der zu sein er behauptete. Was immer Saphrar, Kaufmann aus Turia, sein mochte — ein Narr war er sicher nicht. Er oder jene, für die er arbeitete, mußten ahnen — oder wissen —, worum es sich bei der goldenen Kugel handelte. Wenn dies zutraf — was ich für wahrscheinlich hielt —, dann mußte ich das Ei so schnell wie möglich an mich bringen und es nach Möglichkeit in das Sardargebirge schaffen. Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Aber wie sollte ich mein Werk beginnen?

Ich kam zu dem Schluß, daß die beste Gelegenheit für den Diebstahl die Tage der Omenfindung sein würden. Zu dieser Zeit hielten sich Kutaituchik und andere hohe Persönlichkeiten der Tuchuks — zweifellos auch Kamchak — in den flachen Hügeln rings um das Omental auf, in dem auf Hunderten von Steinaltären die Haruspexe der vier Wagenvölker ihrem geheimnisvollen Beruf nachgingen und die Omen befragten, um zu bestimmen, ob die Zeit richtig war für die Wahl eines Ubar San, eines Hohen Ubar für alle Wagenvölker. Wenn so ein Mann gewählt wurde, dann hoffte ich zum Besten der Wagenvölker, daß die Wahl nicht auf Kutaituchik fiel. Er war bestimmt einmal ein großer Mann gewesen und ein vorzüglicher Krieger, aber nun war er nur noch schläfrig und dick und dachte allenfalls an den Inhalt seines goldenen Kandakastens. Andererseits mochte eine solche Wahl im Sinne der goreanischen Städte liegen; unter Kutaituchik zogen die Wagen bestimmt nicht nach Norden, nicht einmal vor die Tore Turias. Dann überlegte ich, daß es wahrscheinlich gar nicht zu der Wahl kommen würde — es hatte seit über hundert Jahren keinen Ubar San mehr gegeben — und die Wagenvölker in ihrer Wildheit und Unabhängigkeit gar keinen Ubar San mehr haben wollten.

Wie schon mehrmals zuvor fiel mir plötzlich eine maskierte Gestalt auf, die mir überallhin zu folgen schien — ein Mann in der Tracht des Klans der Folterer. Ich nahm an, daß er neugierig war, weil ich, obwohl weder Händler noch Sänger, bei den Wagen lebte. Wenn ich den Mann anschaute, wandte er sich ab. Vielleicht bildete ich mir auch nur ein, daß er mich verfolgte. Eimal beschloß ich, mich umzudrehen und ihn auszufragen, aber er war verschwunden.

Ich kehrte zu Kamchaks Wagen zurück. Ich freute mich auf den Abend.

An jenem Abend führte ein Sklavenmädchen den Kettentanz vor. Sie gehörte dem Mann, der im Tuchuklager Paga feilhielt und war uns am Vorabend des Liebeskrieges bereits aufgefallen. Ich wußte noch, daß Kamchak das Mädchen am liebsten selbst gekauft hätte.

Schon hatte man nahe dem Wagen des Händlers ein Viereck abgeteilt. Gegen Geld ließ der Wagenbesitzer Zuschauer eintreten. Dieses Arrangement irritierte mich etwas, denn gewöhnlich finden die traditionellen Sklaventänze am offenen Lagerfeuer statt. Aber vielleicht war dieses kleine Mädchen aus Port Kar etwas besonderes. Kamchak, der sich sonst nicht so leicht von einer Tarnmünze trennte, schien besondere Informationen zu haben. Ich beschloß, diesmal nicht mit ihm um das Eintrittsgeld zu wetten.