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Ich zog den Korken der Pagaflasche mit den Zähnen heraus und reichte sie Kamchak, wie es die Höflichkeit erforderte. Etwa ein Drittel des Inhalts fehlte, als Elizabeth, die wegen des Pagageruchs das Gesicht verzog, mir die Flasche zurückreichte.

Aphris, deren schwarzes Haar offen herabfiel, blickte sich interessiert um. Ich sah, daß mehrere Tuchuks sie bewundernd musterten. Auch Elizabeth zog manchen anerkennenden Blick auf sich.

Ich wußte auch, daß Aphris, die nun zwar schon mehrere Tage im Wagen Kamchaks wohnte, von Kamchak noch nicht zum Sklavenmeister geschickt worden war. Das Mädchen war also noch ohne Brandzeichen und auch ohne Nasenring. Ich fand das bemerkenswert. Außerdem hatte er sie nach den ersten Tagen kaum noch gescholten, nur einmal hatte er sie ziemlich verprügelt, als sie eine Schale fallen ließ.

Aphris ihrerseits schien den Plan aufgegeben zu haben, ihren Herrn mit einer Quiva zu töten. Das war vielleicht auch klüger so, denn welches Schicksal ihr nach vollbrachter Tat drohte, konnte sie sich bestimmt ausmalen. Auch mochte sie in der Angst leben, wieder in den Dungsack gesteckt zu werden, wenn ihr der Mordanschlag erneut mißlang — in den Sack, der ständig am linken Hinterrad des Wagens hing. Ihre erste Nacht im Lager schien eine Erfahrung zu sein, die sie auf keinen Fall noch einmal durchmachen wollte.

Sehr gut erinnerte ich mich an den Tag nach jenem lebhaften Abend. Wir hatten lange geschlafen, und als Kamchak endlich aufstand und ein spätes Frühstück zu sich genommen hatte, öffnete er den Sack, und sie kam rückwärts herausgekrochen. Auf der Stelle hatte sie darum gebeten, Wasser für die Bosks holen zu dürfen, wofür es noch etwas früh war — aber es schien offensichtlich, daß das hübsche Mädchen so eine Nacht nicht noch einmal durchmachen wollte.

»Lauf, du faules Mädchen«, hatte Kamchak gesagt, »die Bosks brauchen ihr Wasser.«

Dankbar hatte Aphris aus Turia die Ledereimer genommen und war zum Wasser gelaufen.

Kamchak wandte sich an mich und sagte: »Hier, paß auf die Barbarin auf.«

Elizabeth sah ihn erstaunt an.

So eine Bitte war ungewöhnlich, denn Elizabeth gehörte ja nicht mir.

Schüchtern sah mich das Mädchen an. Ihr Atem ging schneller.

Kamchak reichte mir Elizabeths Schlüssel, und ich überprüfte ihre Fußbänder.

Der Tuchuk legte Aphris den Arm um die Schulter und sagte: »Bald wirst du sehen, was eine ausgebildete Frau vermag.«

»Sie ist doch auch nur eine Sklavin.«

Elizabeth musterte mich ängstlich. »Hat das etwas zu bedeuten?« fragte sie.

»Nichts.«

Sie senkte den Blick. »Er mag Aphris. Werde ich jetzt verkauft?«

»Möglich«, sagte ich ehrlich.

»Tarl Cabot«, flüsterte sie. »Wenn ich verkauft werden soll — kaufe mich!«

Ich musterte sie ungläubig. »Warum denn?«

Sie senkte den Kopf.

Kamchak langte an Elizabeth vorbei und zerrte mir die Pagaflasche aus der Hand. Dann rang er mit Aphris, bog ihr den Kopf zurück, kniff ihr die Nase zu und schob ihr den Flaschenhals zwischen die Zähne. Sie wehrte sich und lachte und schüttelte den Kopf. Dann mußte sie atmen, und ein großer Schluck Paga brannte ihr im Hals, so daß sie zu keuchen und zu husten begann. Ich ahnte, daß sie ein so starkes Gebräu bisher noch nicht getrunken hatte; sie kannte wahrscheinlich nur die sirupsüßen Weine Turias. Sie würgte und schüttelte den Kopf, und Kamchak klopfte ihr kräftig auf den Rücken.

»Warum?« wiederholte ich meine Frage an Elizabeth. Aber da hatte das Mädchen schon mit schnellem Griff die Pagaflasche an sich gebracht und setzte sie zu Kamchaks Verblüffung an die Lippen. Ohne die Folgen ihrer Handlung zu bedenken, nahm sie fünf mächtige Schlucke zu sich. Als ich die Flasche gerettet hatte, riß sie plötzlich die Augen auf und blinzelte mehrmals schnell hintereinander. Sie atmete langsam aus, als stände ihr Hals in Flammen, und dann schüttelte sie sich und begann heftig zu husten, so daß ich ihr aus Angst, sie könnte ersticken, mehrmals auf den Rücken schlug. Endlich, vorgebeugt nach Atem ringend, schien sie wieder zu sich zu kommen. Ich umfaßte ihre Schultern, und plötzlich drehte sie sich um und warf sich quer über meinen Schoß. Sie reckte sich wollüstig, und ich starrte verblüfft auf sie hinab. »Weil ich besser bin als Dina und Tenchika«, sagte sie.

»Aber nicht besser als Aphris«, rief Aphris.

»Auf, auf, kleiner Sleen«, sagte Kamchak amüsiert, »oder ich muß dich aufspießen lassen, um meine Ehre zu retten.«

Elizabeth starrte mich an.

»Sie ist betrunken«, sagte ich zu Kamchak.

»Vielleicht mag jemand ein Barbarenmädchen kaufen«, sagte Elizabeth.

Ich stemmte Elizabeth wieder hoch.

»Niemand will mich kaufen«, klagte sie laut.

Sofort kamen vier oder fünf Angebote aus der Menge, und ich hatte schon Sorge, daß sich Kamchak auf der Stelle von Elizabeth trennen würde, wenn die Preise noch etwas besser wurden.

»Verkaufe sie«, sagte Aphris.

»Sei ruhig, Sklavin«, sagte Elizabeth.

Kamchak lachte dröhnend auf.

Der Paga machte Miß Cardwell offenbar sehr zu schaffen. Sie konnte kaum knien, und schließlich gestattete ich ihr, daß sie sich an mich lehnte, wobei sie das Kinn auf meine rechte Schulter legte.

»Weißt du«, sagte Kamchak, »die kleine Barbarin mag dich.«

»Unsinn«, erwiderte ich.

»Ich habe gesehen, wie du bei den Spielen des Liebeskrieges Elizabeth retten wolltest, als die Turianer angriffen.«

»Ich wollte nicht, daß dein Besitz Schaden nimmt.«

»Du magst sie«, verkündete Kamchak.

»Unsinn!«

»Unsinn«, sagte Elizabeth schläfrig. Dann hob sie den Kopf und sagte auf Englisch: »Ich heiße Elizabeth Cardwell, Mr. Cabot. Würden Sie mich kaufen?«

»Nein«, antwortete ich auf Englisch.

»Das dachte ich mir«, erwiderte sie und legte den Kopf wieder auf meine Schulter.

»Hast du ihre Reaktion gesehen, als ich dir ihren Schlüssel gab?« fragte Kamchak.

»Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Möchtest du sie kaufen?«

»Nein«, sagte ich.

»Nein«, sagte Elizabeth.

Das letzte, was ich bei meiner bevorstehenden gefährlichen Mission brauchte, war ein Sklavenmädchen, das mir nur hinderlich sein konnte.

»Du solltest sie aber kaufen!« sagte Kamchak.

»Nein.«

»Ich mache dir einen guten Preis.«

O ja, sagte ich mir, einen guten Preis und dann — ha-ha-ha.

»Nein«, sagte ich.

»Na gut«, sagte Kamchak.

Ich atmete auf.

In diesem Augenblick erschien eine schwarzgekleidete Frau auf den Stufen des Händlerwagens. Ich hörte, wie Kamchak seine Sklavinnen anstieß. »Paßt auf, ihr beiden Kochhexen — hier könnt ihr noch etwas lernen.«

Stille breitete sich aus. In diesem Augenblick fiel mein Blick auf eine verhüllte Gestalt, die die Kleidung des Klans der Folterer trug. Ich war sicher, daß es sich um den Mann handelte, der mir im Lager verschiedentlich gefolgt war.

Aber ich achtete nicht weiter auf ihn, weil nun die langerwartete Vorstellung beginnen sollte. Aphris sah aufmerksam zu, und Kamchaks Augen blitzten. Elizabeth hob etwas den Kopf, um besser sehen zu können.

Die verschleierte Gestalt der Frau kam die Stufen herab. Unten angekommen, verharrte sie einen Augenblick, ohne sich zu rühren. Dann begannen die Musiker zu spielen — zunächst einen knappen, aufrüttelnden Trommelrhythmus. Zum Klang der Musik lief die Gestalt wie erschreckt hierhin und dorthin, wich eingebildeten Hindernissen aus oder warf die Arme hoch, lief, so wollte es mir scheinen, durch die aufgescheuchten Massen einer brennenden Stadt — allein, doch irgendwie von verfolgten Mitmenschen umgeben. Im Hintergrund tauchte nun die Gestalt eines Kriegers in scharlachrotem Umhang auf. Er kam näher, obwohl er sich kaum zu bewegen schien, und wohin sich das Mädchen auch wandte, immer versperrte ihr dieser Mann den Weg. Und dann hatte er schließlich die Hand auf ihre Schulter gelegt, und sie warf den Kopf zurück und hob die Hände und ihr ganzer Körper drückte Elend und Verzweiflung aus ... Er drehte sie zu sich um und zerrte ihr mit beiden Händen Kapuze und Schleier vom Kopf.