Выбрать главу

Ich mußte lange suchen, bis ich zwischen den Wagen den Mann fand, den, ich sprechen wollte. Er saß mit untergeschlagenen Beinen im Schatten eines Wagens, die Waffen in ein Ledertuch geschlagen griffbereit neben sich. Es war Harold, der junge blonde blauäugige Tuchuk, den Hereena vom Ersten Wagen so geringschätzig behandelt hatte.

Er aß ein Stück Boskfleisch nach Art eines Tuchukkriegers — er hielt das Fleisch in der Linken und zwischen den Zähnen, schnitt es mit seiner Quiva wenige Millimeter von den Lippen entfernt ab und kaute das losgeschnittene Stück.

Wortlos setzte ich mich neben ihm nieder und sah ihm beim Essen zu. Er beobachtete mich wachsam.

»Wie steht es mit den Bosk?« fragte ich nach einigen Sekunden.

»Nicht schlechter, als zu erwarten war.«

»Sind die Quivas geschärft?«

»Ja, und wir schmieren die Achsen unserer Wagen.« Er reichte mir ein Stück Fleisch und fuhr fort: »Du bist Tarl Cabot, der Korobaner.«

»Ja, und du bist Harold — der Tuchuk.«

Er sah mich an und lächelte. »Ja, ich bin Harold — der Tuchuk.«

»Ich gehe nach Turia«, sagte ich.

»Das ist interessant. Ich gehe auch nach Turia.«

»In wichtiger Mission?«

»Nein.«

»Worum geht es bei dir?«

»Um ein Mädchen. Ich will mir ein Mädchen holen.«

»Ah«, sagte ich.

»Und was hast du in Turia vor?«

»Nichts Wichtiges.«

»Eine Frau?«

»Nein, eine goldene Kugel.«

»Davon habe ich gehört«, sagte Harold. »Sie wurde aus dem Wagen Kutaituchiks gestohlen.« Er sah mich an. »Man sagt, sie sei wertlos.«

»Vielleicht«, sagte ich, »aber ich gehe wohl trotzdem nach Turia und sehe mich mal danach um. Stoße ich zufällig darauf, nehme ich sie vielleicht mit und bringe sie mit zurück.«

»Wo soll deiner Meinung nach die goldene Kugel liegen?«

»Ich vermute, daß sie sich irgendwo im Palast Saphrars, eines turianischen Kaufmanns, befindet.« »Das ist interessant«, sagte Harold, »denn ich hatte mir gedacht, ich versuche mal mein Glück in den Vergnügungsgärten eines turianischen Händlers namens Saphrar.«

»Das ist wirklich interessant. Vielleicht ist es derselbe Mann.«

»Möglich«, sagte Harold. »Ist er klein, ziemlich dick, mit zwei gelben Zähnen?«

»Genau.«

»Das sind Giftzähne — eine turianische Sitte.«

»Ich werde versuchen, mich nicht beißen zu lassen.«

Dann saßen wir noch eine Zeitlang beisammen, ohne etwas zu sagen, und ich sah ihm beim Essen zu. Der Wagen, an dem er saß, gehörte nicht ihm. Er hatte auch keine eigene Kaiila. Soviel ich wußte, besaß Harold kaum mehr als die Kleidung am Leibe, seine Waffen und das Fleisch, das er aß.

»Du wirst in Turia umkommen«, sagte Harold.

»Vielleicht.«

»Du weißt ja nicht einmal, wie du in die Stadt kommst«, sagte er.

»Das stimmt.«

»Ich kann nach Belieben in die Stadt«, sagte er. »Ich kenne einen Weg.«

»Vielleicht kann ich dich begleiten.«

»Vielleicht«, sagte er und wischte seine Quiva am Ärmel ab.

»Wann gehst du nach Turia?« fragte ich.

»Heute nacht.«

Ich sah ihn an. »Warum hast du so lange gewartet?«

»Kamchak sagte mir, ich sollte auf dich warten«, erwiderte er lächelnd.

16

Der Weg nach Turia, den mir Harold der Tuchuk zeigte, war nicht angenehm, aber ich ließ mich nicht beirren.

»Kannst du schwimmen?« fragte er.

»Ja«, sagte ich. »Ich war früher Badesklave in den öffentlichen Bädern Turias. Jede Nacht wurden die Becken geleert und gesäubert, und ich gehörte zu den Männern, die sich darum kümmern mußten«, sagte er. »Ich war erst sechs Jahre alt, als ich nach Turia kam, und ich lebte elf Jahre in der Stadt.«

»Sind die Mädchen, die sich bei Tag um die Badenden kümmern, wirklich so hübsch, wie behauptet wird?« fragte ich.

»Vielleicht«, sagte er. »Ich habe sie nämlich nie gesehen — am Tag waren ich und die anderen Sklaven in einem dunklen Raum angekettet, um Kräfte für die Nachtarbeit zu sammeln.«

»Wie konntest du dann fliehen?«

»Nachts, wenn wir die Becken reinigen mußten, wurden uns die Ketten abgenommen — damit sie nicht rosteten. Man fesselte uns nur mit Halsbändern aneinander. An das Seil kam ich übrigens erst mit vierzehn — vorher durfte ich mich nach Belieben in den Becken tummeln und machte auch Botengänge für den Bademeister — in diesen Jahren lernte ich schwimmen und wurde mit den Straßen Turias vertraut. Als ich siebzehn war, fand ich mich plötzlich am Ende des Seils, kaute es durch und versteckte mich, in dem ich mich an einem Brunnenseil herabließ. Das Wasser unten war in Bewegung, und ich tauchte hinab und fand einen Spalt, den ich durchschwamm. Ich kam in einen Tunnel und erreichte schließlich ein flaches Becken, das Überlaufbecken für den Brunnen; wieder schwamm ich unter Wasser und erreichte schließlich einen Felstunnel, durch den ein Fluß strömte, zum Glück nicht ganz bis obenhin. Und der Tunnel endete — hier.«

Harold deutete auf einen Spalt zwischen zwei Felsen, knapp dreißig Zentimeter breit, durch den ein unterirdischer Bach quoll und in einem kleinen Fluß mündete, aus dem Aphris und Elizabeth oft Wasser für die Wagenbosks geholt hatten.

Wortlos steckte Harold seine Quiva zwischen die Zähne, befestigte ein Seil mit Haken an seinem Gürtel und verschwand unter Wasser. Ich folgte ihm, mit Quiva und Schwert bewaffnet. An die nun folgende Reise erinnere ich mich nicht gern. Ich bin zwar ein guter Schwimmer, aber es schien mir, als müßten wir pasangweit gegen eine starke Strömung anschwimmen. An einer Stelle im Tunnel verschwand Harold plötzlich unter Wasser und ich folgte ihm. Schweratmend tauchten wir in dem kleinen Becken auf, das aus dem Unterwasserfluß gespeist wurde. Hier verschwand Harold erneut, und ich machte es ihm nach. Erst nach langer Zeit kamen wir wieder ins Freie, diesmal am Grund eines gekachelten Brunnenschachtes. Es war ein ziemlich großer Brunnen vielleicht fünf Meter im Durchmesser. Einige Zentimeter über uns hing eine große schwere Trommel, die etwas zur Seite geneigt war. Sie faßte Hunderte von Litern; zwei Seile führten herab; ein kleines zum Abfüllen, und ein großes Halteseil; dieses Seil war mit einer Kette verstärkt, die mit einer Art Harz gegen Wassereinflüsse geschützt war.

Ich hörte Harolds Stimme in der Dunkelheit, von den Fliesen hohl zurückgeworfen. »Die Fliesen müssen regelmäßig kontrolliert werden«, sagte er, »und zu diesem Zweck gibt es Halteschleifen am Seil.«

Ich atmete erleichtert auf, denn der Brunnenschacht ragte wirklich endlos über uns auf.

Die Fußschleifen waren zusätzlich angebracht und mit Harz übergossen. Sie standen jeweils etwa drei Meter auseinander, so daß der Aufstieg auch so ziemlich anstrengend war, trotz der vielen Pausen, die man einlegen konnte. Mich beunruhigte die Aussicht, auf dem Rückweg das goldene Ei bei mir zu haben und es unter Wasser aus der Stadt schaffen zu müssen. Auch war mir nicht klar, wie Harold — sollte seine Mission erfolgreich verlaufen — sein Mädchen auf diesem Wege entführen wollte.

Ich fragte ihn, als wir noch etwa sechzig Meter unter dem Brunnenrand waren.

»Für den Rückweg«, sagte er, »stehlen wir uns zwei Tarns und fliegen einfach fort.«