»Es freut mich, daß du einen Plan hast.«
»Natürlich — ich bin doch ein Tuchuk.«
»Bist du je auf einem Tarn geritten?«
»Nein«, tönte seine Stimme von oben. »Aber du bist doch Tarnkämpfer.«
»Allerdings.«
»Na also — dann bringst du es mir bei.«
Ein Tarn merkt sehr schnell, wer ein Tarnkämpfer ist und wer nicht — und er bringt alle um, die es nicht sind.«
»Dann muß ich das Tier eben täuschen.«
»Wie willst du das schaffen.«
»Fällt mir bestimmt nicht schwer«, sagte Harold. »Ich bin doch ein Tuchuk.«
Ich überlegte, ob ich wieder hinabsteigen und ins Tuchuklager zurückkehren sollte. Vielleicht ergab sich morgen noch einmal eine Gelegenheit, in die Stadt einzudringen. Aber ich hatte keine Lust, den mühsamen Weg durchs Wasser noch einmal zurückzulegen.
»Die Sache müßte die Mutnarbe wert sein«, sagte Harold von oben, »was meinst du?«
»Was?« fragte ich.
»Ich meine, wenn ich mir aus dem Hause Saphrars ein Mädchen stehle und sie auf einem gestohlenen Tarn zurückbringe.«
»Zweifellos«, knurrte ich. Ich überlegte, ob es bei den Tuchuks so etwas wie eine Idiotennarbe gab — dann hätte ich den jungen Mann dafür vorgeschlagen.
Trotzdem mußte ich den zuversichtlichen jungen Burschen irgendwie bewundern.
Ich mußte mir auch eingestehen, daß meine eigenen Erfolgsund Überlebenschancen kaum besser standen — und da hing ich, sein Kritiker, am Trommelseil, naß, unterkühlt, außer Atem, ein Fremd er in Turia — und ich wollte einen Gegenstand stehlen, der bestimmt so gut bewacht wurde wie der Heimstein dieser Stadt. Ich beschloß, Harold und mich für die Idiotennarbe vorzuschlagen und den Tuchuks die Entscheidung zu überlassen.
Erleichtert legte ich schließlich den Arm um den Windenbaum und zog mich hoch. Harold hatte bereits am Brunnenrand Stellung bezogen und sah sich wachsam um. Die turianischen Brunnen haben übrigens keine hohen Schutzmauern, sondern nur einen wenige Zentimeter hohen Rand. Ich schwang mich zu Harold hinüber. Wir befanden uns in einem von hohen Mauern umschlossenen Brunnenhof, um den Verteidigungsgänge verliefen. Die Mauern boten so die Möglichkeit zur Verteidigung, und die verschiedenen Brunnen der Stadt, von denen einige durch Quellen gespeist werden, bilden eine Anzahl von abgeschlossenen Verteidigungseinheiten, falls Teile der Stadt in feindliche Hände fallen sollten. Ein Torbogen stand einladend offen. So leicht hatte ich mir den Zugang zur Stadt nicht vorgestellt.
»Ich war vor fünf Jahren das letztemal hier«, sagte Harold.
»Ist es weit bis zum Hause Saphrars?«
»Ziemlich weit«, antwortete er. »Aber die Straßen sind dunkel.«
»Gut, dann los.« Es war kühl, und meine nasse Kleidung ließ mich frösteln. Harold schien das alles nichts auszumachen.
»Die Dunkelheit wird die Nässe unserer Kleidung verbergen — und wenn wir unser Ziel erreichen, sind wir vielleicht schon trocken.«
»Natürlich«, sagte Harold. »Das gehörte ja zu meinem Plan.«
»Oh.«
»Andererseits möchte ich vielleicht noch mal richtig baden — ich war noch nie als Kunde in den Bädern.«
»Das ist alles ganz schön und gut«, sagte ich, »aber ich halte es für besser, wenn wir gleich auf unser Ziel losgehen.«
»Wie du willst«, sagte Harold. »Schließlich kann ich ja noch oft genug baden, wenn wir die Stadt genommen haben.«
»Die Stadt genommen?« fragte ich ungläubig. »Hör mal, die Bosks ziehen schon wieder ab. Die Wagen werden morgen früh folgen. Die Belagerung ist vorbei. Kamchak gibt auf!«
Harold lächelte. »Ach was?« sagte er.
Arm in Arm schritten wir durch das Tor, das den einzigen Zugang zum Brunnenhof bildete.
Kaum hatten wir die Schwelle erreicht und einige Schritte auf der Straße zurückgelegt, als ein metallisches Rasseln zu hören war. Verblüfft blickten wir auf und sahen, wie sich ein Stahlnetz über uns legte.
Sofort hörten wir mehrere Männer auf die Straße springen. Die Schnüre des Drahtnetzes wurden enger gezogen. Harold und ich vermochten uns nicht mehr zu bewegen und standen, vom Netz eingeschlossen, wie die Idioten auf der Stelle, bis ein Wächter uns einen Tritt versetzte.
»Zwei Fische aus dem Brunnen«, sagte eine Stimme.
»Das bedeutet natürlich, daß auch andere von dem Brunnen wissen«, sagte ein anderer.
»Wir verdoppeln die Wachen«, bemerkte ein Dritter.
Ich versuchte mich umzudrehen. »Hat das auch zu deinem Plan gehört?«
Harold grinste säuerlich. »Nein«, sagte er.
Ich versuchte mich aus dem Netz zu befreien. Aber der schwere Draht hielt meinen Bemühungen stand.
Harold und ich waren mit einer turianischen Sklavenstange aneinandergefesselt, die von Hals zu Hals lief; außerdem waren uns die Hände auf dem Rücken gebunden.
Wir knieten vor einer niedrigen, von Teppichen und Kissen bedeckten Plattform, auf der Saphrar aus Turia ruhte. Der Kaufmann trug ein weißes und goldenes Seidengewand, und seine Sandalen waren ebenfalls aus weißem Leder mit goldenen Verzierungen. Seine Zehen- und Fingernägel schimmerten karmesinrot. Ich sah die Spitzen seiner goldenen Zähne.
Er war von zwei Kriegern flankiert, die sich mit untergeschlagenen Beinen auf der Plattform niedergelassen hatten. Der Mann links trug eine Robe und eine Kapuze, wie sie von den Mitgliedern des Klans der Folterer getragen wird. Etwas an seinem Körperbau und seiner Haltung kam mir bekannt vor — er mußte der Mann sein, der im Lager der Tuchuks mit einer Paravaci-Quiva nach mir geworfen hatte — ja, er trug auch jetzt eine Quiva dieses Volkes. Der andere Krieger war in der Lederkleidung eines Tarnkämpfers erschienen, allerdings mit Juwelen verziert. Um seinen Hals hing eine Tarnmünze aus Ar. Neben ihm lagen Speer, Helm und Schild.
»Ich freue mich, daß du uns besuchst, Tarl Cabot aus Ko-ro-ba«, sagte Saphrar. »Wir rechneten schon damit, daß du es versuchen würdest — aber wir wußten natürlich nicht, daß du den Passagebrunnen kennst.«
Harold neben mir zuckte zusammen. Er hatte offensichtlich bei seiner Flucht einen Ausweg aus der Stadt entdeckt, der gewissen Turianern nicht unbekannt war.
»Unser Freund«, sagte Saphrar und deutete auf den Maskierten, »ist schon vor euch durch den Brunnen gekommen. Da wir ständig mit ihm in Verbindung standen und ihm den Brunnen gezeigt hatten, hielten wir es für ratsam, eine Wache aufzustellen — wie gut.«
»Wer ist dieser Verräter der Wagenvölker?« fragte Harold. Sein Blick fiel auf die Quiva. »Ah — ich verstehe — ein Paravaci natürlich.«
Der Mann erstarrte, und seine Hand ballte sich um den Griff der Quiva.
»Ich habe mich oft gefragt«, sagte Harold unbeeindruckt, »woher die Paravaci ihren Reichtum beziehen.«
Mit einem Wutschrei sprang der Maskierte auf, wurde jedoch von Saphrar zurückgehalten.
Der andere Krieger schwieg. Er hatte ein markantes, narbiges Gesicht und kluge, dunkle Augen. Er musterte uns, wie ein Krieger seinen Feind betrachtet.
»Ich würde euch gern unseren maskierten Freund vorstellen«, sagte Saphrar, »aber nicht einmal ich kenne seinen Namen oder sein Gesicht — ich weiß nur, daß er bei den Paravaci eine hohe Position bekleidet und mir daher sehr nützlich gewesen ist.«
»Ich kenne ihn«, sagte ich. »Er ist mir im Lager der Tuchuks öfter gefolgt — und hat versucht, mich umzubringen.«
»Ich hoffe, daß uns das beim zweitenmal besser gelingt.«
»Gehörst du wirklich dem Klan der Folterer an?« fragte Harold den verhüllten Mann.
»Das wirst du bald genauer wissen«, antwortete der Maskierte.
»Glaubst du, daß ich dich um Gnade anflehen werde?«
Saphrar schaltete sich ein, ehe der andere antworten konnte. »Und das hier ist Ha-Keel aus Port Kar, Anführer der Tarnsöldner unserer Stadt.«
»Ist Saphrar bekannt«, fragte ich, »daß du Gold von den Tuchuks erhalten hast?«
»Natürlich«, sagte Ha-Keel.
»Du meinst vielleicht«, sagte Saphrar und lachte leise, »daß ich dies nun abstritte und daß du mich und meine Verbündeten auseinanderbringen könntest! Aber du mußt wissen, Tarl Cabot, daß ich Kaufmann bin und die Menschen und die Bedeutung des Goldes verstehe — ich habe also nichts gegen Ha-Keels kleine Geschäfte mit den Tuchuks.«