»Viele haben die Quiva benutzt«, sagte er, »aber nur, um sich selbst zu töten.«
»Tarl Cabot«, sagte ich, »bringt sich nicht um.«
»Das hatte ich auch nicht angenommen«, bemerkte der Kaufmann. »Sonst hätte ich dir keine Waffe gegeben.«
»Du schmutzige kleine Urt!« schrie Harold und versuchte sich von seinen beiden Wächtern loszumachen.
»Wart’s nur ab«, kicherte Saphrar. »Wart’s nur ab, mein junger Freund. Du kommst auch noch an die Reihe!«
Ich versuchte, mich nicht zu bewegen. Meine Füße und Beine waren schon kalt und gefühllos, als wären die Säfte des Sees bereits am Werk. Soweit ich feststellen konnte, hatte sich die Masse nur rings um mich verhärtet; am Rand und weiter zur Mitte hin sah ich kleine Wellen zucken. Der See schien sich in meiner Nähe aufzuwölben, so daß er am Rand noch niedriger geworden war; so mochte die Masse in den nächsten Stunden an mir emporkriechen und mich schließlich völlig umschließen und vertilgen — der Gelbe See von Turia.
Mit voller Kraft arbeitete ich mich nun nicht zum Rand vor, sondern zur Mitte hin, wo der See am tiefsten war. Zu meiner Befriedigung stellte ich fest, daß ich noch von der Stelle kam — wahrscheinlich hatte der See gegen diese Richtung nichts einzuwenden.
»Was tut er da?« rief der Paravaci.
»Er ist verrückt«, bemerkte Saphrar.
Mit jedem Zentimeter hatte sich die verdickte, zementartige gelbe Masse von mir gelöst, und ich konnte zwei oder drei ungehinderte Schritte machen — dafür stand mir der See jetzt bis zu den Achseln. Eine der schimmernden weißen Kugeln schwamm in der Nähe vorbei, wobei sie ihre Farbe veränderte, als sie näher an die Oberfläche kam — sie war eindeutig lichtempfindlich. Ich hieb mit der Quiva danach und durchschnitt sie. Das Gebilde zog sich hastig zurück, und der ganze See schien plötzlich von Licht und Dampf überflutet. Dann beruhigte er sich wieder. Nun wußte ich, daß der See wie jede Lebensform eine Reizschwelle hatte. Weitere schimmernde Kugeln umschwammen mich, ohne allerdings näherzukommen.
Ich konnte jetzt fast frei schwimmen, überquerte den Mittelpunkt des Sees, doch kaum näherte ich mich dem gegenüberliegenden Ufer, als sich die Masse wieder zu verdicken begann. Zweimal machte ich den gleichen Versuch in verschiedene Richtungen, doch jedesmal mit demselben Ergebnis. Schließlich schwamm ich frei in der gelben Flüssigkeit in der Mitte des Beckens. Unter mir, vielleicht zwei Meter tief, machte ich einige Gebilde aus, eine Art Sammlung von Fäden und Körnern in einem durchsichtigen Beutel — sich windende Stränge und Kugeln, die sich in einer durchsichtigen Membrane bewegten.
Ich steckte die Quiva zwischen die Zähne und tauchte zum tiefsten Teil des Sees hinab.
Augenblicklich begann sich die Flüssigkeit unter mir zu verdicken, versuchte mich von der schimmernden Masse am Beckenboden fernzuhalten, doch ich zerrte daran, zog mich mit den Händen immer tiefer hinein. Schließlich grub ich mich förmlich weiter unter die Oberfläche, während meine Lungen nach Luft schrien. Ich war der Bewußtlosigkeit nahe, als ich schließlich eine runde Membrane spürte, naß und schleimig, die unter meinen Fingern spasmisch zuckte. Ich nahm die Quiva aus dem Mund und drückte die Klinge mit beiden Händen gegen die zuckende Membrane. Die Masse versuchte sich zu entfernen, doch ich ließ nicht nach, zerschnitt die Membrane und hieb mit der Waffe hinein. Rings um mich schwebten nun Stränge und Kugeln, die mich von meinem Werk abzubringen versuchten, doch ich stieß immer wieder zu und drang schließlich in die versteckte Welt unter der Membrane ein, stach nach links und rechts, und plötzlich begann sich die Flüssigkeit rings um mich zu lockern und sich zurückzuziehen, festigte sich um meinen Körper und drängte mich hinaus. Ich wehrte mich, so lange es ging, doch ich ließ mich schließlich nach oben drängen. Unter mir begann sich die Flüssigkeit wie ein emporsteigender Fußboden zu verdicken, zog sich auf allen Seiten zurück, und plötzlich brach mein Kopf durch die Oberfläche, und ich konnte wieder atmen. Ich stand nun auf der verhärteten Oberfläche des Gelben Sees von Turia und sah, wie die Flüssigkeit von allen Seiten in die Masse unter mir strömte; ich stand auf einer warmen, trockenen Insel, die mich abstieß.
»Tötet ihn!« befahl Saphrar mit schriller Stimme, und im nächsten Augenblick zischte ein Armbrustpfeil an mir vorbei. Mühelos erreichte ich nun eine herabhängende Ranke und kletterte mit schnellen Bewegungen der blauen Decke entgegen. Ein zweiter Pfeil verfehlte mich knapp, doch da hatte ich die Kuppel erreicht, zerbrach mit dem Ellenbogen das blaue Glas und verschwand in einem Zwischengeschoß, in dem sich zahlreiche Energielampen befanden.
Aus der Ferne hörte ich Saphrar nach weiteren Wächtern kreischen. Ich lief über das Traggerüst, bis ich nach der Krümmung der Kuppel eine Stelle erreicht hatte, die etwa über Harold liegen mußte. Mit der Quiva in der Hand, den Kriegsschrei Ko-ro-bas ausstoßend, sprang ich aus der Kuppel, platzte durch die blaue Decke und landete zwischen meinen verblüfften Gegnern. Die Armbrustschützen spannten eben wieder ihre Waffen. Meine Quiva hatte zwei Männern ein Ende bereitet, ehe sie mich überhaupt sahen. Ein dritter und vierter sanken zu Boden. Harold, dem noch immer die Hände gefesselt waren, stürzte sich gegen zwei weitere Männer, die kreischend in den Gelben Teich fielen, der sich inzwischen wieder verflüssigt hatte.
Die beiden letzten Wächter hatten keine Armbrüste. Sie zogen ihre Schwerter. Hinter ihnen stand mit wurfbereit erhobener Quiva der maskierte Paravaci.
Ich ging sofort zum Angriff über; ich unterlief die Schwertattacke des linken Schwertkämpfers und stieß ihm meine Quiva in die Brust. Hastig entriß ich dem Sterbenden sein Schwert, duckte die sirrende Quiva des Paravaci ab und erwiderte den Angriff des zweiten Wächters, indem ich mich auf den Rücken rollen ließ und das eroberte Schwert hob. Viermal schlug der Mann zu, und viermal parierte ich, dann war ich wieder auf den Beinen. Der Mann wich zurück und stürzte in den schimmernden See.
Ich wirbelte herum, doch der Paravaci hatte bereits die Flucht ergriffen.
Nun nahm ich meine Quiva wieder an mich, wischte sie sauber und befreite Harold von seinen Fesseln.
»Nicht schlecht für einen Korobaner«, bemerkte er.
Wir hörten schnelle Schritte — Männer, die von Saphrar zur Eile angetrieben wurden.
»Schnell!« brüllte ich.
Wir liefen um den See, bis wir einige Ranken erreichten, die von der Decke hingen. Hastig kletterten wir hinauf, brachen durch die blaue Kuppel und sahen uns hastig nach einem Ausgang um. Es mußte einen Zugang geben, denn irgendwie mußten die Energielampen gewartet werden. Wir fanden eine kleine Öffnung, durch die wir schließlich einen schmalen geländerlosen Balkon erreichten.
Ich hatte das Schwert des Wächters und meine Quiva, während Harold nur mit seiner Quiva bewaffnet war.
Der Tuchuk sah sich um. »Dort!« brüllte er.
»Was denn?« fragte ich. »Tarns? Kaiila?«
»Nein — Saphrars Vergnügungsgarten!« Und mit diesen Worten verschwand er auf der anderen Seite der Kuppel.
»Komm zurück!« brüllte ich — aber er war verschwunden.
Etwa hundertundfünfzig Meter entfernt entdeckte ich über mehreren kleinen Dächern und Kuppeln, die zu dem weitverzweigten Anwesen Saphrars gehörten, die hohen Mauern eines Vergnügungsgartens. Mehrere Blumenbäume reckten ihre Wipfel über die Mauern. Ich sah auch Harold, der weit vor mir im Licht der drei goreanischen Monde über die Dächer eilte.
Wütend folgte ich ihm. Hätte ich jetzt Hand an ihn legen können, wäre er sicher nicht mit dem Leben davongekommen.
Er sprang auf die hohe Mauer und verschwand gleich darauf in dem schwankenden Wipfel eines Baumes, tauchte in der Dunkelheit des Gartens unter.
Nach kurzem Zögern folgte ich ihm.
19
Ich hatte keine Mühe, Harold zu finden — landete ich doch fast auf seinem Kopf, als ich am Baumstamm hinabglitt.
»Ich hab’ einen Plan«, verkündete er.
»Das ist eine gute Nachricht«, sagte ich. »Sieht er auch eine Flucht vor?«
»Diesen Teil habe ich noch nicht bedacht.«
Ich lehnte mich schweratmend gegen den Stamm. »Hätten wir uns nicht sofort zur Straße durchschlagen sollen?«
»Die Straßen werden bestimmt bald abgesucht — von allen Bewaffneten in der Stadt. Wer wird schon hier suchen? Nur ein Narr würde sich hier verstecken.«
Ich schloß kurz die Augen. Er hatte recht.
»Also gut — aber ewig können wir uns hier auch nicht aufhalten.«
»Richtig — aber länger als eine Stunde wird es wohl nicht dauern.«
»Was denn?«
»Bis Tarnkämpfer zu Hilfe gerufen werden«, sagte Harold. »Die Patrouillen werden zweifellos hier vom Hause Saphrars aus gesteuert — also werden wir immer einige Tarns und ihre Reiter zur Verfügung haben.« Plötzlich kam mir Harolds Plan gar nicht mehr so unmöglich vor. Zweifellos würden Tarnkämpfer in regelmäßigen Abständen zu Saphrar kommen, um Meldung zu machen.
»Du bist schlau«, sagte ich.
»Natürlich — ich bin ja auch ein Tuchuk. Mir fällt immer etwas ein.«
»Und was tun wir jetzt?«
»Jetzt ruhen wir uns aus.«
Und das taten wir. Wir lehnten uns an den Stamm des Blumenbaumes im Vergnügungsgarten Saphrars des Kaufmanns. Ich sah mich in dem vorzüglich gepflegten Garten um mit seinen Blumenbäumen, Blütenbeeten und Ka-la-na-Stämmen, mit den Brunnen und lauschigen Nischen. In zwei Teichen schwammen lotusähnliche Blumen.
Nach einer Stunde stieß mich Harold an.
»Ich bin ausgeruht — jetzt kommt das Mädchen an die Reihe.«
»Das Mädchen!« rief ich.
»Psst!« machte er.
»Haben wir nicht schon genug Sorgen am Hals?«
»Warum sind wir wohl hergekommen?« fragte er.
Er hatte keinerlei Schnur, keine Sklavenhaube, keinen Tarn — doch das brachte ihn nicht von seinem Ziel ab.
»Es mag eine Weile dauern, bis ich eine gefunden habe, die mir gefällt.«
»Na gut«, sagte ich ergeben, »nimm dir Zeit.«
Dann folgte ich Harold durch den duftenden Garten Saphrars, über eine bläuliche Rasenfläche in das Hauptgebäude, eine düstere, nur durch Lampen erhellte Halle, in der zahlreiche Teppiche und Kissen lagen und die hier und dort durch geschnitzte weiße Wandschirme unterteilt war.
Sieben oder acht Mädchen schliefen hier. Harold betrachtete sie, schien jedoch nicht zufrieden zu sein.
Er wanderte weiter, führte mich durch zahlreiche Räume, die an einem langen Korridor lagen, verschwand immer wieder kurz in Nebenräumen, kehrte kopfschüttelnd zurück. Wir machten schließlich kehrt und nahmen uns einen anderen Korridor vor. Ich zählte nicht mit, aber wir hatten schließlich bestimmt an die sieben- oder achthundert Mädchen gesehen, doch Harold suchte weiter. Mehrmals drehten sich Mädchen im Schlaf oder warfen einen Arm zur Seite, und jedesmal wollte mir das Herz stocken, doch keine erwachte, und wir marschierten weiter.
Endlich erreichten wir einen größeren Raum, in dem etwa zwanzig Schönheiten schliefen. Hier befand sich kein Brunnen in der Mitte, sondern einige flache Tische mit Getränken und Früchten darauf. Harold richtete sich auf, trat an den Tisch und schenke sich eine Karaffe Ka-la-na-Wein ein, wobei er ziemlich viel Lärm machte. Ich sah mich unruhig um.
»Die möchte ich«, sagte er und deutete auf ein Mädchen in dem gelben Seidenkleid einer Tänzerin.
Es war natürlich Hereena, das Mädchen aus dem Ersten Wagen.
Harold biß laut in eine Frucht und stieß das Mädchen mit dem Fuß an.
Hereena fuhr auf. »Was ist?«
»Du wirst entführt, Sklavin!« sagte Harold.
Das Mädchen fuhr auf. Als sie den jungen Mann erkannte, riß sie erstaunt die Augen auf.
»Ja, ich bin’s, Harold der Tuchuk.«
»Nein!« sagte sie. »Nicht du!«
»Doch«, sagte er. Er drehte sie herum und fesselte ihr mit geschickten Bewegungen die Hände auf dem Rücken zusammen, wozu er ein Halstuch verwendete. Sie versuchte, sich zu befreien, doch vergeblich.
»Was tust du hier?« fragte sie resignierend.
»Ich bin zufällig in der Gegend — und da dachte ich mir — entführe dir ein Sklavenmädchen!«
»Aber doch nicht mich!«
»Und warum nicht?«
»Aber ich bin Hereena vom Ersten Wagen!«
»Du bist nur eine kleine turianische Sklavin«, sagte Harold, »die ich gar nicht mal so unattraktiv finde.«
»Sleen!« zischte Hereena, und ich befürchtete schon, sie würde die anderen Mädchen wecken. Aber Harold legte ihr seine kräftige Hand auf den Mund, und sie wehrte sich in seinen Armen wie ein unvernünftiges kleines Tier.
Wutschnaubend gab sie die Gegenwehr schließlich auf. »Ich komme nicht mit!« zischte sie. »Nie!«
»Und wie willst du das schaffen?«
»Ich habe einen Plan — einen ganz einfachen Plan.«
»Natürlich, einen Plan — du bist ja eine Tuchuk. Und die einfachsten Pläne sind manchmal die besten. Was für einen Plan hast du denn?«
»Ich werde schreien!«
Harold überlegte einen Augenblick. »Das ist ein ausgezeichneter Plan«, sagte er dann.
»Also laß mich frei«, sagte Hereena, »und ich gebe euch zehn Ihn Vorsprung.«
Diese Zeitspanne schien mir nicht gerade großzügig bemessen. Die goreanische Ihn ist nur etwas länger als die irdische Sekunde.
»Ich befreie dich nicht — du wirst deinen Plan also in die Tat umsetzen müssen«, sagte Harold.
»Ja.«
Hereena sah ihn einen Augenblick an und legte dann den Kopf in den Nacken und öffnete den Mund.
Das Herz wollte mir stehenbleiben, doch ehe das Mädchen einen Laut herausbringen konnte, steckte er ihr einen der herumliegenden Schleier zwischen die Zähne. So war ihr Schrei nur ein ersticktes Gurgeln.
»Ich hatte ebenfalls einen Plan«, informierte Harold das Mädchen, »einen Gegenplan.« Er nahm ein anderes Tuch und band es ihr um das Gesicht, wodurch der Knebel in ihrem Mund festgehalten wurde.
»Mein Plan, den ich in die Tat umgesetzt habe, war offensichtlich besser als der deine.«
Hereena stand wie erstarrt vor ihm.
Ich mußte mir eingestehen, daß Harold die Situation recht geschickt gemeistert hatte.
Er hob das Mädchen hoch und warf sie sich über die Schulter.
Kurz darauf befanden wir uns wieder draußen und kehrten zu dem Blumenbaum zurück, über den wir in den Vergnügungsgarten Saphrars geklettert waren.