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»Ich hab’ einen Plan«, verkündete er.

»Das ist eine gute Nachricht«, sagte ich. »Sieht er auch eine Flucht vor?«

»Diesen Teil habe ich noch nicht bedacht.«

Ich lehnte mich schweratmend gegen den Stamm. »Hätten wir uns nicht sofort zur Straße durchschlagen sollen?«

»Die Straßen werden bestimmt bald abgesucht — von allen Bewaffneten in der Stadt. Wer wird schon hier suchen? Nur ein Narr würde sich hier verstecken.«

Ich schloß kurz die Augen. Er hatte recht.

»Also gut — aber ewig können wir uns hier auch nicht aufhalten.«

»Richtig — aber länger als eine Stunde wird es wohl nicht dauern.«

»Was denn?«

»Bis Tarnkämpfer zu Hilfe gerufen werden«, sagte Harold. »Die Patrouillen werden zweifellos hier vom Hause Saphrars aus gesteuert — also werden wir immer einige Tarns und ihre Reiter zur Verfügung haben.« Plötzlich kam mir Harolds Plan gar nicht mehr so unmöglich vor. Zweifellos würden Tarnkämpfer in regelmäßigen Abständen zu Saphrar kommen, um Meldung zu machen.

»Du bist schlau«, sagte ich.

»Natürlich — ich bin ja auch ein Tuchuk. Mir fällt immer etwas ein.«

»Und was tun wir jetzt?«

»Jetzt ruhen wir uns aus.«

Und das taten wir. Wir lehnten uns an den Stamm des Blumenbaumes im Vergnügungsgarten Saphrars des Kaufmanns. Ich sah mich in dem vorzüglich gepflegten Garten um mit seinen Blumenbäumen, Blütenbeeten und Ka-la-na-Stämmen, mit den Brunnen und lauschigen Nischen. In zwei Teichen schwammen lotusähnliche Blumen.

Nach einer Stunde stieß mich Harold an.

»Ich bin ausgeruht — jetzt kommt das Mädchen an die Reihe.«

»Das Mädchen!« rief ich.

»Psst!« machte er.

»Haben wir nicht schon genug Sorgen am Hals?«

»Warum sind wir wohl hergekommen?« fragte er.

Er hatte keinerlei Schnur, keine Sklavenhaube, keinen Tarn — doch das brachte ihn nicht von seinem Ziel ab.

»Es mag eine Weile dauern, bis ich eine gefunden habe, die mir gefällt.«

»Na gut«, sagte ich ergeben, »nimm dir Zeit.«

Dann folgte ich Harold durch den duftenden Garten Saphrars, über eine bläuliche Rasenfläche in das Hauptgebäude, eine düstere, nur durch Lampen erhellte Halle, in der zahlreiche Teppiche und Kissen lagen und die hier und dort durch geschnitzte weiße Wandschirme unterteilt war.

Sieben oder acht Mädchen schliefen hier. Harold betrachtete sie, schien jedoch nicht zufrieden zu sein.

Er wanderte weiter, führte mich durch zahlreiche Räume, die an einem langen Korridor lagen, verschwand immer wieder kurz in Nebenräumen, kehrte kopfschüttelnd zurück. Wir machten schließlich kehrt und nahmen uns einen anderen Korridor vor. Ich zählte nicht mit, aber wir hatten schließlich bestimmt an die sieben- oder achthundert Mädchen gesehen, doch Harold suchte weiter. Mehrmals drehten sich Mädchen im Schlaf oder warfen einen Arm zur Seite, und jedesmal wollte mir das Herz stocken, doch keine erwachte, und wir marschierten weiter.

Endlich erreichten wir einen größeren Raum, in dem etwa zwanzig Schönheiten schliefen. Hier befand sich kein Brunnen in der Mitte, sondern einige flache Tische mit Getränken und Früchten darauf. Harold richtete sich auf, trat an den Tisch und schenke sich eine Karaffe Ka-la-na-Wein ein, wobei er ziemlich viel Lärm machte. Ich sah mich unruhig um.

»Die möchte ich«, sagte er und deutete auf ein Mädchen in dem gelben Seidenkleid einer Tänzerin.

Es war natürlich Hereena, das Mädchen aus dem Ersten Wagen.

Harold biß laut in eine Frucht und stieß das Mädchen mit dem Fuß an.

Hereena fuhr auf. »Was ist?«

»Du wirst entführt, Sklavin!« sagte Harold.

Das Mädchen fuhr auf. Als sie den jungen Mann erkannte, riß sie erstaunt die Augen auf.

»Ja, ich bin’s, Harold der Tuchuk.«

»Nein!« sagte sie. »Nicht du!«

»Doch«, sagte er. Er drehte sie herum und fesselte ihr mit geschickten Bewegungen die Hände auf dem Rücken zusammen, wozu er ein Halstuch verwendete. Sie versuchte, sich zu befreien, doch vergeblich.

»Was tust du hier?« fragte sie resignierend.

»Ich bin zufällig in der Gegend — und da dachte ich mir — entführe dir ein Sklavenmädchen!«

»Aber doch nicht mich!«

»Und warum nicht?«

»Aber ich bin Hereena vom Ersten Wagen!«

»Du bist nur eine kleine turianische Sklavin«, sagte Harold, »die ich gar nicht mal so unattraktiv finde.«

»Sleen!« zischte Hereena, und ich befürchtete schon, sie würde die anderen Mädchen wecken. Aber Harold legte ihr seine kräftige Hand auf den Mund, und sie wehrte sich in seinen Armen wie ein unvernünftiges kleines Tier.

Wutschnaubend gab sie die Gegenwehr schließlich auf. »Ich komme nicht mit!« zischte sie. »Nie!«

»Und wie willst du das schaffen?«

»Ich habe einen Plan — einen ganz einfachen Plan.«

»Natürlich, einen Plan — du bist ja eine Tuchuk. Und die einfachsten Pläne sind manchmal die besten. Was für einen Plan hast du denn?«

»Ich werde schreien!«

Harold überlegte einen Augenblick. »Das ist ein ausgezeichneter Plan«, sagte er dann.

»Also laß mich frei«, sagte Hereena, »und ich gebe euch zehn Ihn Vorsprung.«

Diese Zeitspanne schien mir nicht gerade großzügig bemessen. Die goreanische Ihn ist nur etwas länger als die irdische Sekunde.

»Ich befreie dich nicht — du wirst deinen Plan also in die Tat umsetzen müssen«, sagte Harold.

»Ja.«

Hereena sah ihn einen Augenblick an und legte dann den Kopf in den Nacken und öffnete den Mund.

Das Herz wollte mir stehenbleiben, doch ehe das Mädchen einen Laut herausbringen konnte, steckte er ihr einen der herumliegenden Schleier zwischen die Zähne. So war ihr Schrei nur ein ersticktes Gurgeln.

»Ich hatte ebenfalls einen Plan«, informierte Harold das Mädchen, »einen Gegenplan.« Er nahm ein anderes Tuch und band es ihr um das Gesicht, wodurch der Knebel in ihrem Mund festgehalten wurde.

»Mein Plan, den ich in die Tat umgesetzt habe, war offensichtlich besser als der deine.«

Hereena stand wie erstarrt vor ihm.

Ich mußte mir eingestehen, daß Harold die Situation recht geschickt gemeistert hatte.

Er hob das Mädchen hoch und warf sie sich über die Schulter.

Kurz darauf befanden wir uns wieder draußen und kehrten zu dem Blumenbaum zurück, über den wir in den Vergnügungsgarten Saphrars geklettert waren.

20

»Inzwischen haben die Wächter die Dächer bestimmt abgesucht«, sagte Harold, »so daß wir uns wieder hinaufwagen können.«

»Und wohin wollen wir?«

»Dorthin, wo sich die Tarns befinden.«

»Wahrscheinlich auf dem höchsten Dach des höchsten Gebäudes hier.«

»Das wäre die Burg.«

Ich mußte ihm recht geben. In den Privathäusern reicher Goreaner ist die Burg gewöhnlich ein hoher, meist runder Steinturm, der für eine Verteidigung eingerichtet ist und Wasser und Nahrungsmittelvorräte enthält. Es ist fast unmöglich einen solchen Turm von außen in Brand zu schießen, und die runde Form lenkt oft die Katapultschüsse der Belagerer ab.

Das Erklimmen des Baumes machte uns große Mühe, da sich Hereena wie ein Larl wehrte. Schließlich erreichten wir aber den Wipfel von dem aus ich mit einem Sprung die Mauerkrone erreichte. Ich glitt ab und mußte mich anstrengen, vermochte mich aber schließlich hochzustemmen.

»Achtung!« rief Harold.

Ich wollte eben nach dem Grund seiner Warnung fragen, als ich einen unterdrückten Entsetzensschrei vernahm.

Im nächsten Augenblick bemerkte ich, daß Harold das Mädchen in meine Richtung geworfen hatte. Ich vermochte sie eben noch aufzufangen. Sie war von Kopf bis Fuß in Angstschweiß gebadet und zitterte vor Entsetzen. Auf der Mauer hockend, das Mädchen mit der Hand haltend, damit sie nicht hinabstürzte, so wartete ich bis auch Harold den Baum heraufkam und herübersprang. Er glitt ebenfalls aus, aber unsere Hände trafen sich und er wurde sicher in die Höhe gezogen.

»Vorsicht«, sagte ich und versuchte meine Stimme nicht allzu triumphierend klingen zu lassen.