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»Ganz richtig«, sagte Harold atemlos, »wie ich eben schon sagte.«

Ich überlegte, ob ich ihn nicht von der Mauer stoßen sollte, aber ich dachte an die Höhe und daß ich ihm damit den Hals oder das Rückgrat brechen würde, und an die Komplikationen, die das für unseren Fluchtplan haben könnte.

»Komm!« sagte er, warf sich Hereena über die Schulter wie einen Boskschinken und wanderte auf der Mauer entlang. Glücklicherweise erreichten wir bald ein leicht zugängliches flaches Dach und stiegen hinauf. Harold legte Hereena ab und blieb mit untergeschlagenen Beinen eine Minute lang sitzen. Er atmete heftig. Über uns in der Dunkelheit hörten wir das Schlagen von Tarnflügeln und sahen einen der gewaltigen Vögel am Himmel entlangziehen. Wenige Sekunden später war ein Flattern zu vernehmen, als das Tier ganz in der Nähe zur Landung ansetzte. Daraufhin marschierten wir weiter, wobei Harold seine Beute diesmal unter dem Arm trug, und schlichen uns vorsichtig von Dach zu Dach, bis wir vor uns wie einen dunklen Zylinder die Burg aufragen sahen. Der Turm war etwa zwanzig Meter von anderen Gebäuden des Saphrarschen Anwesens entfernt, aber wir entdeckten sofort eine aus Seilen und Sprossen bestehende Hängebrücke, die von einer offenen Tür des Burgturms zu einer Veranda unter uns führte. Die Brücke, eher nur ein Steg, schwankte leicht im Wind und gewährte Zugang zum Turm von dem Gebäude aus, auf dessen Dach wir uns befanden. Tatsächlich war dies der einzige Zugang, weil es im Erdgeschoß einer goreanischen Burg keine Türöffnungen gibt. Die ersten zwanzig Meter des Turms bestanden wahrscheinlich aus solidem Gestein, um die Bastion gegen den Einsatz von Rammböcken zu schützen. Der Turm selbst war etwa fünfzig Meter hoch und hatte einen Durchmesser von fünfzehn Metern. Er wies zahlreiche Schießscharten auf, die für Bogenschützen gedacht waren. Die Turmspitze, die sich mit Aufspießpfeilern und Tarnnetzen bewehren ließ, lag nun frei und ungeschützt, um den Start und die Landung von Tarnkämpfern zu ermöglichen.

Von dem Dach, auf dem wir lagen, hörten wir zuweilen einen Mann über die Hängebrücke eilen. Dann brüllte jemand. Ab und zu landete oder startete auch ein Tarn vom Dach der Burg.

Als wir sicher waren, daß sich mindestens zwei Tarns auf der Turmspitze befinden mußten, sprang ich vom Dach und landete auf der schmalen Brücke, wobei ich mühsam das Gleichgewicht wahren mußte, weil sie unter meinen Füßen wild hin und her zu schwingen begann. Sofort hörte ich einen Schrei aus dem Haus hinter mir. »Da ist einer!«

»Beeil dich!« rief ich Harold zu.

Er warf mir Hereena herab, ich fing sie auf. Dabei erhaschte ich einen kurzen Blick auf den wilden, entsetzten Ausdruck ihrer Augen und hörte ihr ersticktes flehen. Da landete auch schon Harold neben mir auf der Brücke und ergriff das Handseil, um nicht abzustürzen.

Ein Wächter, mit einer Armbrust bewaffnet, erschien in der Tür des Gebäudes; er war deutlich als Silhouette zu erkennen. Er hatte einen Pfeil aufgelegt, die Sehne gespannt und hob die Waffe an die Schulter. Neben mir zuckte Harolds Arm zurück, und der Mann erstarrte plötzlich, dann gaben seine Knie langsam unter ihm nach, und er stürzte auf die Veranda. Eine Quiva ragte aus seiner Brust. Klappernd fiel die Armbrust neben ihm zu Boden.

»Los!« sagte ich zu Harold.

Ich hörte nun die eiligen Schritte weiterer Männer.

Zwei weitere Armbrustschützen erschienen auf einem nahegelegenen Dach und begannen wild zu gestikulieren.

»Ich sehe sie!« rief einer.

Harold eilte über die Brücke, Hereena auf den Armen. Im nächsten Augenblick verschwand er in der Burg.

Zwei Schwertkämpfer hasteten nun aus dem Gebäude, sprangen über den gefallenen Armbrustschützen und eilten auf die Brücke. Ich ließ mich in den Kampf verwickeln, tötete einen und verwundete den zweiten schwer. Ein Pfeil von einem der Schützen auf dem Dach bohrte sich durch das Holz der Brücke zu meinen Füßen — kaum fünfzehn Zentimeter von mir entfernt.

Hastig zog ich mich auf der Brücke zurück, und ein zweiter Pfeil zischte an mir vorbei, prallte funkensprühend gegen den Steinturm hinter mir.

Dann sah ich mehrere Wächter auf die Brücke zueilen. Ich hatte vielleicht noch elf oder zwölf Sekunden Zeit, ehe die Armbrustschützen wieder geladen hatten. Also wandte ich mich um und begann wie wild auf die Seile einzuhacken, die die schwankende Brücke am Turm festhielten.

Von drinnen hörte ich die verblüffte Stimme eines Wächters, der wissen wollte, wer Harold war.

»Ist das denn nicht klar?« brüllte Harold ihn an. »Du siehst doch, ich habe das Mädchen!«

»Welches Mädchen?« fragte der Wächter.

»Ein Mädchen aus den Vergnügungsgärten Saphrars, du Idiot!« schrie Harold.

»Aber warum solltest du so ein Mädchen herbringen?« wollte der Wächter wissen.

»Du bist blöd, nicht wahr?« sagte Harold aufgebracht. »Hier — nimm sie mal!«

»Also gut«, sagte der Wächter.

Dann hörte ich den kurzen dumpfen Laut eines Faustschlags. Die Brücke begann hin und her zu zucken, begann sich abzusenken; mehrere Männer von der andere Seite liefen auf mich zu. Dann ertönte ein lauter Entsetzensschrei, als ein Seil durchgeschnitten war und sich der Boden der Brücke plötzlich drehte und mehrere Wächter in die Tiefe schleuderte.

Ein Pfeil prallte vom Boden vor meinen Füßen ab und schwirrte weiter ins Gebäude. Wieder hieb ich zu, und auch das zweite Seil riß, die Brücke sackte ab und schlug gegen die gegenüberliegende Hausmauer. Lautes Scheppern begleitete den Zusammenbruch, Schreie gellten, und gleich darauf schlugen tief unten zwischen Häuserwand und Turm die Wächter auf den Steinboden. Ich sprang durch die Öffnung in die Burg und ließ die schwere Holztür hinter mir zufallen. Im gleichen Augenblick traf ein Armbrustpfeil die Tür, durchbohrte das Holz und ragte noch fast zehn Zentimeter auf der Innenseite heraus. Schließlich legte ich die beiden schweren Riegel vor, die die Tür uneinnehmbar machten, auch wenn sich die Belagerer von draußen mit Leitern daran zu schaffen machen sollten.

Der Raum, in dem ich mich befand, enthielt einen bewußtlosen Wächter — doch von Harold und Hereena war nichts mehr zu sehen. Ich stieg über eine Holzleiter in das nächste Stockwerk, das ebenfalls leer war, und dann in die folgende Etage und weiter. Schließlich erreichte ich den Raum unter dem Dach des Burgturms und fand hier Harold, der schweratmend auf der untersten Sprosse der letzten Leiter saß. Hereena lag zu seinen Füßen.

»Ich habe auf dich gewartet«, keuchte Harold.

»Machen wir weiter«, sagte ich, »damit die Tarns nicht vom Dach verscheucht werden und wir hier isoliert sind.«

»Das ist genau mein Plan«, bemerkte Harold, »aber solltest du mir nicht lieber erst beibringen, wie man einen Tarn lenkt?«

Ich hörte Hereena entsetzt aufstöhnen, und sie begann sich wild hin und her zu werfen, versuchte die Tücher abzustreifen, mit denen sie geknebelt und gefesselt war.

»Gewöhnlich dauert es Jahre«, sagte ich, »bis man ein richtiger Tarnreiter ist.«

»Das ist ja alles ganz schön und gut«, erwiderte Harold, »aber kannst du mir nicht ein paar Tips geben, die mir in kürzerer Zeit ein Grundwissen vermitteln?«

»Komm aufs Dach!« rief ich.

Ich kletterte vor Harold die Leiter hinauf und stieß die Falltür auf, die ins Freie führte. Auf dem Dach befanden sich fünf Tarns.

Ein Wächter näherte sich eben der Falltür. Der andere gab nacheinander die Tarns frei.

Noch halb auf der Leiter, wollte ich den Wächter schon angreifen, doch Harold hielt mich zurück und steckte den Kopf durch die Öffnung.

»Laßt ihn in Ruhe!« rief er dem Wächter zu. »Das ist Tarl Cabot aus Ko-ro-ba, du Narr!«

»Wer ist denn Tarl Cabot aus Ko-ro-ba?« fragte der Wächter verblüfft.

»Ich!« erwiderte ich, ohne zu wissen, was ich sonst hätte sagen sollen.

»Hier ist das Mädchen«, sagte Harold. »Hier, nimm sie!«

Der Wächter stieß sein Schwert wieder in die Scheide zurück und fragte: »Was ist da unten eigentlich los? Wer seid ihr?«