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»Stell jetzt keine Fragen!« sagte Harold heftig. »Hier ist das Mädchen — halt sie fest!«

Der Wächter zuckte die Achseln, und als er Hereena von Harold übernahm, kniff ich die Augen zusammen, denn der Junge streckte den Mann mit einem Schlag ins Reich der Träume, der auch einen Bosk gefällt hätte. Ehe sie mit dem Bewußtlosen zu Boden sank, brachte Harold seine Hereena wieder an sich. Dann stieß er den Mann durch die Falltür ins nächste Stockwerk hinab.

Der zweite Wächter war auf der anderen Seite des Dachs mit einer Tarnfessel beschäftigt. Er hatte bereits zwei Vögel freigelassen, indem er sie mit einem Tarnstab vom Dach trieb.

»Du da!« brüllte Harold. »Laß noch einen Tarn frei!«

»Gut«, sagte der Mann. Er ließ einen weiteren Vogel frei, der mit gewaltigen Flügelschlägen vom Dach aufstieg.

»Komm her!« befahl ihm Harold.

Der Wächter kam über das Dach gelaufen. »Wo ist Kuruus?« fragte er.

»Unten«, informierte ihn Harold.

»Wer seid ihr?« wollte der Wächter wissen. »Was geht hier vor?«

»Ich bin Harold von den Tuchuks«, erwiderte Harold.

»Was tut ihr hier?« fragte der Wächter verblüfft.

»Bist du nicht Ho-Bar?« wolle Harold wissen. Das war ein weitverbreiteter Name in Ar, von wo die Tarnsöldner kamen.

»Ich kenne keinen Ho-Bar«, sagte der Mann. »Ist das ein Turianer?«

Ich hatte gehofft, Ho-Bar hier zu finden«, sagte Harold, »aber vielleicht kannst du uns auch helfen.«

»Ich will’s versuchen.«

»Hier«, sagte Harold, »nimm mal das Mädchen.«

Hereena schüttelte heftig den Kopf, versuchte dem Wächter ein Zeichen zu geben, brachte aber nur ein gurgelndes Stöhnen zustande.

»Was soll ich denn mit ihr?« fragte der Wächter.

»Sie halten«, erwiderte Harold.

»Na gut.«

Wieder schloß ich die Augen, und nach einer Sekunde war es vorbei. Harold hatte das Mädchen wieder über die Schulter und näherte sich furchtlos den Tarns.

Zwei der großen Vögel befanden sich noch auf dem Dach, großartige Exemplare, bösartig, wachsam, nervös.

Harold ließ Hereena zu Boden sinken und trat vor den ersten Tarn hin.

Ich schloß die Augen, als er dem Vogel gebieterisch auf den Schnabel schlug.

»Ich bin Harold von den Tuchuks«, sagte er. »Ich bin ein erfahrener Tarnreiter — ich habe schon über tausend Tarns geritten — ich habe mehr Zeit im Tarnsattel verbracht als die meisten Männer auf den Füßen — ich wurde auf dem Tarnrücken gezeugt — ich wurde im Tarnsattel geboren — ich esse Tarns — du mußt mich fürchten! Ich bin Harold von den Tuchuks!«

Der Vogel, wenn er solcher Gefühle überhaupt fähig war, schaute ihn mit geneigtem Kopf verblüfft an. Ich rechnete jeden Augenblick damit, daß er Harold mit dem Schnabel zu Boden fegte, in zwei Teile zerbiß und die Stücke verzehrte. Aber der Vogel schien viel zu verwirrt zu sein, schien nicht zu wissen, wie er sich bei einem solchen Menschen verhalten sollte.

Harold wandte sich um und fragte mich: »Wie reitet man nun einen Tarn?«

»Steig in den Sattel«, befahl ich.

»Ja!« erwiderte er und stieg hinauf, wobei er eine der Seilsprossen am Sattel verpaßte und mit dem Bein durchrutschte. Schließlich hatte ich ihn im Sattel festgebunden und erklärte ihm hastig die Lenkung mittels Sattelring und den sechs Zügeln. Als ich Hereena zu ihm hinaufhob, stöhnte das arme Mädchen vor Entsetzen. Offensichtlich hatte sie Angst vor einem Tarn. Andererseits schien Harold mit sich ziemlich zufrieden zu sein und band das Mädchen mit breitem Grinsen vor sich fest. Ohne zu warten, stieß er einen lauten Schrei aus und zog am ersten Zügel. Der Tarn bewegte sich nicht, sondern drehte sich nur um und musterte ihn mit skeptischem und tadelndem Blick.

»Was ist los?« fragte Harold.

»Der Tarn trägt noch seine Fußfesseln«, sagte ich.

Ich beugte mich hinab und öffnete die Fußfessel. Sofort begannen die riesigen Flügel des Vogels zu schlagen, und er sprang in den Himmel »Aii!« hörte ich Harold schreien und konnte mir gut vorstellen, was er gerade für ein Gefühl im Magen haben mußte.

Mit hastigen Bewegungen löste ich die Fußfessel des anderen Tarn, sprang in den Sattel und legte den breiten Sicherheitsgurt um. Dann zog ich am ersten Zügel und steuerte meinen Vogel neben Harolds Tarn, der etwas hilflos über dem Gebäude kreiste.

»Laß die Zügel los!« brüllte ich hinüber. »Dein Vogel folgt dann dem meinen!«

»Ausgezeichnet!« hörte ich ihn fröhlich rufen.

Und im nächsten Augenblick rasten wir über Turia dahin. Ich beschrieb einen großen Bogen, betrachtete noch einmal die Fackeln und Lichter im Hause Saphrars unter uns und steuerte dann meinen Vogel auf die Prärie hinaus in die Richtung, in der die Wagen der Tuchuks standen.

Ich freute mich, daß uns die Flucht aus dem Hause Saphrars gelungen war, aber ich wußte auch, daß ich in die Stadt zurückkehren mußte — denn ich hatte mein Ziel nicht erreicht — die goldene Kugel. Sie lag noch immer in der Festung des mächtigen Kaufmanns.

Ich mußte das Ei an mich bringen, ehe der graue Mann, von dem Saphrar abhing, die goldene Kugel in seinen Besitz bringen und sie vernichten oder fortschaffen konnte.

Als wir so über die Prärie dahinflogen, fragte ich mich wieder einmal, wieso Kamchak die Wagen und Bosks von Turia abzog — wieso er die Belagerung so schnell aufgab.

In der Morgendämmerung sahen wir dann die Wagen unter uns und in der Ferne eine riesige Boskherde. Schon brannten Feuer überall, schon herrschte lebhaftes Treiben im Lager der Tuchuks, das Kochen, die Oberprüfung der Wagen, das Anschirren der Zugbosks. Heute früh sollten die Wagen abfahren, sollten Turia zurücklassen. Die Gefahr eines Beschusses mißachtend, landete ich meinen Vogel mitten im Lager.

21

Ich hielt mich nun seit vier Tagen wieder in Turia auf. Ich war zu Fuß zurückgekehrt — in der Verkleidung eines kleinen Juwelenhändlers. Den Tarn hatte ich bei den Wagen zurückgelassen und mir von meiner letzten Tarnmünze eine Sammlung von Steinen gekauft, die keinen großen Wert hatten; sie gaben mir aber einen Vorwand, mich in der Stadt umzusehen.

Ich hatte Kamchak im Wagen des Kutaituchik vorgefunden, der neben der Standarte der vier Boskhörner aufgefahren und mit allerlei Holz und trockenem Gras angefüllt worden war. Der riesige Haufen war sodann mit duftigem Öl übergossen worden, und im Morgengrauen des Abmarschtages hatte Kamchak mit eigener Hand eine Fackel in das Gefährt geworfen. Irgendwo auf diesem Wagen, mit griffbereiten Waffen, saß der tote Kutaituchik, der Kamchaks Freund gewesen war und den man den Ubar der Tuchuks genannt hatte. Der Rauch des Wagens mußte auch von den Mauern des fernen Turias aus zu sehen sein.

Kamchak hatte kein Wort gesagt; er hatte mit versteinertem Gesicht auf dem Rücken seiner Kaiila gesessen. Er bot einen fürchterlichen Anblick, und obwohl ich sein Freund war, wagte ich nicht, das Wort an ihn zu richten. Ich war nicht in den Wagen zurückgekehrt, in dem ich mit ihm gelebt hatte, sondern war sofort zum Wagen Kutaituchiks geritten, wohin man mich wies, als ich nach ihm fragte.

Rings um den Hügel hatten mehrere Hundertschaften der Tuchuks Aufstellung genommen, die Lanzen erhoben. Verbissen sahen die Krieger zu, wie der Wagen verbrannte.

Ich fragte mich, wie ein Mann wie Kamchak die Belagerung der Stadt so einfach beenden konnte.

Als der Wagen schließlich ausgebrannt war und der Wind in die geschwärzten Planken fuhr und die Asche über die grüne Prärie verstreute, hob Kamchak die rechte Hand. »Die Standarte aufladen!« rief er.

Ich erblickte einen Spezialwagen, der von einem Dutzend Bosks den Hügel heraufgezogen wurde. Auf diesem Wagen wurde der riesige Pfosten mit der Standarte gestellt und weggefahren. Verkohltes Holz und schwarze Asche blieben zurück — dem Wind und dem Regen und dem Schnee und dem grünen Gras der Prärie überlassen.

»Wendet die Wagen!« befahl Kamchak.

Wagen um Wagen formte sich der gewaltige Zug der Tuchuks — jeder Wagen an seinem vorbestimmten Platz, jede Wagenreihe nach einem ganz bestimmten Plan — und auf einem Gebiet von mehreren Pasang Ausdehnung begann der Rückzug von der Stadt.