In der Ferne machte ich die Boskherden aus; der Staub, den ihre Hufe aufwirbelten, verdunkelte den Horizont.
Kamchak richtete sich in seinen Steigbügeln auf. »Die Tuchuks verlassen Turia!« rief er.
Stumm, grimmig wendeten die Tuchukkrieger ihre Kaiila und formierten sich zum Schutz der Wagen, während eine ganze Hundertschaft als Nachhut zurückblieb.
Kamchak ritt den Hügel hinauf und starrte lange auf die Überreste des Ubarwagens. Schließlich riß er sein Tier herum und kam den Hügel herab.
Als er mich sah, zügelte er sein Tier. »Es freut mich, daß du am Leben bist«, sagte er.
Ich neigte den Kopf, bestätigte die Bindung, die er mit seinen Worten ausdrückte. Ich war diesem ernsten Krieger dankbar, obwohl er mir in den letzten Tagen fremd geworden war in seinem Haß auf Turia. Ich wußte nicht, ob ich den alten Kamchak je wiedersehen würde. Ich befürchtete, daß ein Teil seines Ich — vielleicht der Teil, der mir am meisten am Herzen gelegen hatte — in der Nacht des Überfalls gestorben war, als er den Wagen Kutaituchiks betrat.
Ich blickte auf. »Wollt ihr einfach so abziehen?« fragte ich. »Genügt euch das?«
Er sah mich an, doch ich vermochte seinen Gesichtsausdruck nicht zu deuten. »Die Tuchuks verlassen Turia«, sagte er.
Und er ritt weiter, ließ mich auf dem Hügel zurück. Zu meiner Überraschung hatte ich am Morgen nach dem Abmarsch keine Mühe, die Stadt zu betreten. Ich war den Wagen eine Zeitlang gefolgt und hatte meine Händlerverkleidung und den Beutel mit Juwelen erworben. Ich verließ den Wagenzug und kehrte zu Fuß in die Nähe der Stadt zurück. Die Nacht verbrachte ich im Freien und näherte mich schließlich den Stadtmauern um die achte Stunde des zweiten Tages nach dem Rückzug. Mein Haar war unter der Kapuze eines dünnen knöchellangen Umhangs verborgen, ein schmutzigweißer Stoff, ein passendes Kleidungsstück für einen unbedeutenden Händler. Unter dem Umhang trug ich Schwert und Quiva.
Die Wächter an den Toren kümmerten sich kaum um mich, denn die Stadt ist eine Handelsoase in der Ebene, und jedes Jahr treffen Hunderte von Karawanen ein, ganz zu schweigen von den vielen tausend Kleinhändlern, die die Stadt zu Fuß oder mit einem Tharlarionwagen erreichen. Zu meiner Überraschung standen die Tore Turias nach dem Abzug der Wagen wieder offen. Bauern strömten hindurch, kehrten zu ihren Feldern zurück. Hunderte von Stadtbewohnern unternahmen Ausflüge und wagten sich dabei sogar bis zu den Überresten des Tuchuklagers vor, um Souvenirs zu sammeln. Als ich das Tor durchschritt, betrachtete ich die beiden schweren Doppelflügel und fragte mich, wie lange es dauern mochte, sie zu schließen.
Nun wanderte ich durch die Straßen Turias, ein Auge halb geschlossen, den Kopf geneigt, als hoffte ich eine verlorene Tarnmünze wiederzufinden, und näherte mich dabei langsam dem Anwesen Saphrars. Die Menge stieß mich herum, und zweimal wurde ich von Offizieren der Wache des Administrators Phanius Turmus fast zu Boden geschlagen.
Immer wieder hatte ich das Gefühl, verfolgt zu werden, doch wenn ich mich umsah, war nichts Verdächtiges festzustellen. Die einzige Person, die ich dabei mehr als einmal zu Gesicht bekam, war ein schlankes Mädchen in einer Robe der Verhüllung, einen Marktkorb am Arm, die beim zweitenmal an mir vorbeiging, ohne Notiz von mir zu nehmen. Ich atmete erleichtert auf. Der Aufenthalt in einer feindlichen Stadt ist eine anstrengende Sache, das Bewußtsein, daß eine Entdeckung Folter und Tod bedeuten kann, bestenfalls die Aufspießung auf den Stadtmauern bei Sonnenuntergang, ist nicht sehr angenehm.
Ich erreichte den etwa dreißig Meter breiten Zwischenraum, der das von Mauern umschlossene Anwesen Saphrars von den übrigen Häusern trennt. Zu meinem Ärger mußte ich feststellen, daß man sich den hohen Mauern des Besitzes nur auf Lanzenlänge nähern konnte.
»Verschwinde, Wicht!« brüllte ein Wächter von der Mauer und hob seine Armbrust. »Hier ist Herumlungern nicht gestattet!«
»Aber Herr!« rief ich. »Ich habe Juwelen, die ich dem ehrenwerten Saphrar zeigen möchte!«
»Dann komm ans Tor!« brüllte der Mann. »Gib dort an, was du willst!«
Ich trat vor ein kleines Tor in der Mauer, das schwer vergittert war, und bat darum, vorgelassen zu werden und Saphrar meine Waren zeigen zu dürfen. Ich hoffte, daß ich vor ihn hintreten und ihm drohen könnte, ihn zu töten. So wollte ich die goldene Kugel an mich bringen.
Leider wurde ich nicht einmal auf das Grundstück gelassen. Ein Diener untersuchte meinen Vorrat fast wertloser Steine und taxierte das Angebot sofort richtig ein. Mit angewiderter Geste schleuderte er meine Schätze durch das Tor in den Staub, und die zwei Krieger, die neben ihm standen, bearbeiteten mich durch das Gitter mit den Schäften ihrer Waffen. »Verschwinde, du Narr!« brüllten sie. Ich tat, als wäre ich zu Tode erschreckt, humpelte hinter meiner Steinen her, kniete im Staub und stöhnte und jammerte meinen Kummer hinaus, während ich sie eilig aufsammelte.
Ich hörte die Wächter lachen.
Ich hatte den letzten Stein an mich gebracht und wieder in den Beutel gesteckt und wollte mich eben erheben, als ich die schweren Sandalen eines Kriegers vor mir erblickte.
»Gnade, Herr!« wimmerte ich.
»Warum trägst du ein Schwert unter deinem Umhang?« fragte er.
Ich erkannte die Stimme sofort. Sie gehörte Kamras aus Turia, dem Ersten Kämpfer der Stadt, den Kamchak bei den Spielen des Liebeskrieges besiegt hatte.
Ich stürzte vor, packte seine Beine und riß ihn zu mir herab. Während er sich noch im Staub wälzte, sprang ich auf und ergriff die Flucht.
Ich hörte ihn brüllen: »Haltet den Mann! Haltet ihn! Ich kenne ihn! Es ist Tarl Cabot aus Ko-ro-ba! Haltet ihn!«
Ich stolperte über den Saum meines langen Gewandes, rappelte mich fluchend wieder auf und rannte weiter. Der Bolzen einer Armbrust knallte funkenstiebend rechts neben mir in eine Steinmauer und schlug Steinsplitter los. Ich bog in eine schmale Straße ein. Irgend jemand — wahrscheinlich Kamras und seine Helfer — rannten hinter mir her. Plötzlich hörte ich den Aufschrei eines Mädchens, dann ein Fluchen von zwei Männern. Ich sah mich um und entdeckte das Mädchen mit dem Marktkorb, das den Krieger versehentlich in den Weg gelaufen war. Sie schrie die Männer ärgerlich an und schwenkte ihren ruinierten Korb hin und her. Sie stießen sie grob zur Seite und nahmen die Verfolgung wieder auf. Doch inzwischen war ich um eine Ecke gebogen, durch ein Fenster gesprungen, von dort zum nächsten Fenster hinaufgeklettert und dann auf das flache Dach eines Ladens. Ich hörte die schnellen Schritte der beiden Krieger, die von vier weiteren Soldaten gefolgt wurden — der ganze Trupp eilte vorbei. Kinder folgten aufgeregt kreischend den Männern. Unter mir in der Straße tauschten einige Passanten noch ihre Vermutungen über den Zwischenfall aus, dann wurde es wieder ruhig.
Ich lag auf dem Dach und wagte kaum zu atmen. Die Sonne schien sehr heiß hier oben. Ich zählte fünf goreanische Ehn — oder Minuten — und überlegte, ob ich mich nicht am besten in entgegengesetzter Richtung über die Dächer davonmachte, mir einen Unterschlupf suchte, dort bis zum Anbruch der Dunkelheit ausharrte, um dann die Stadt zu verlassen. Ich konnte die Wagen einholen, die sich sowieso langsam bewegten, konnte den Tarn an mich bringen, den ich dort zurückgelassen hatte, und dann auf dem Rücken des Tiers zu Saphrars Haus zurückkehren. Bestimmt war es in nächster Zeit nicht ungefährlich, die Stadt zu verlassen, zweifellos hatten die Wachen an den Toren bereits Befehl, nach mir Ausschau zu halten. Turia zu betreten war kein Problem gewesen — doch das Verlassen der Stadt würde mir nicht so leicht gelingen. Aber wo konnte ich mich verstecken, bis die Wachsamkeit an den Toren wieder nachließ — was in drei oder vier Tagen der Fall sein mochte? Jeder Wächter Turias würde nach Tarl Cabot suchen, der leider leicht zu erkennen war.
Plötzlich hörte ich jemanden die Straße entlangkommen, der ein Lied pfiff — ich kannte die Melodie. Ich hatte sie schon oft bei den Wagenvölkern gehört — es war ein Tuchuklied, ein Wagenlied, das von den Sklavenmädchen gesungen wurde, wenn sie die Zugbosks antrieben.