Ich pfiff einige Takte mit, und der Unbekannte und ich beendeten gemeinsam das Lied. Vorsichtig steckte ich nun den Kopf über den Dachrand. Die Straße war leer bis auf ein Mädchen, das unten vor dem Haus stand und zu mir aufschaute. Sie trug die Robe der Verhüllung — ich hatte sie schon einmal gesehen und für eine Verfolgerin gehalten. Es war das gleiche Mädchen, das auch meine Verfolger aufgehalten hatte. Sie trug einen zerbrochenen Marktkorb über dem Arm.
»Du gibst keinen guten Spion ab, Tarl Cabot«, sagte sie.
»Dina« rief ich überrascht.
Ich blieb vier Tage in der Wohnung über Dinas Laden. Hier färbte ich mein Haar schwarz und kleidete mich in die braune Tunika der Bäcker, deren Kaste Dinas Vater und Brüder angehört hatten.
Der Laden unten war verwüstet — der Tresen lag zersplittert am Boden, die Öfen waren zerschlagen. Früher, so berichtete mir Dina, war der Laden ihres Vaters in der Stadt sehr bekannt gewesen; die meisten Bäckereien hatten jedoch S aphrar gehört, dessen Angebote Dinas Vater immer wieder ausgeschlagen hatte. Schließlich waren acht Schläger über den Laden hergefallen, hatten ihn verwüstet und ihren Vater und ihre Brüder totgeschlagen. Kurz darauf war ihre Mutter an dem Schock gestorben. Dina hatte kurze Zeit von den Ersparnissen ihrer Familie gelebt und dann einen Platz in jener Karawane nach Ar erworben, die von den Kassars überfallen worden war.
»Möchtest du den Laden nicht wieder eröffnen?« fragte ich.
»Ich habe kein Geld«, sagte sie.
»Ich habe auch nur sehr wenig.« Ich öffnete den Beutel und schüttelte meinen nicht sehr kostbaren Schatz auf den Tisch.
Sie lachte und betrachtete die Steine. »Die sind leider nicht viel wert.« Sie blickte mich an. »Das ist sehr freundlich, mein lieber Tarl Cabot — aber selbst wenn ich das Geld für den Laden hätte, Saphrars Männer würden doch bald wiederkommen.«
Wahrscheinlich hatte sie recht. »Reicht es, um eine Fahrt nach Ar zu bezahlen?« fragte ich.
»Nein«, erwiderte sie. »Aber ich würde sowieso lieber in Turia bleiben — ich bin hier geboren.«
»Wovon lebst du?«
»Ich tätige Einkäufe für reiche Frauen«, sagte sie. »Kuchen und Torten — Dinge, die sie ihren Sklavinnen nicht anvertrauen möchten.«
Ich berichtete ihr von meinen Plänen, und sie lachte. Natürlich befürwortete sie meine Absicht, billigte sie doch alles, was ihrem Feind Saphrar Schaden zufügte. Vier Tage lang wohnte ich bei dem Mädchen, und jeden Tag unternahmen wir gegen Mittag und gegen Abend einen Spaziergang zu einem Tor der Stadt, um zu sehen, ob die Wachsamkeit der Soldaten etwas nachließ. Zu meiner Enttäuschung wurde weiterhin jede Person, die die Stadt verließ, sorgfältig überprüft. Man verlangte einen Identitätsbeweis. Bestand der geringste Zweifel über die Person, wurde sie zum Verhör gebracht. Dina und ich fielen den Wächtern nicht weiter auf. Mein Haar war jetzt schwarz, und ich trug die Tracht der Bäcker; außerdem war ich in Begleitung einer Frau.
Einige Wächter kamen auch in den Laden und durchsuchten ihn — wie es wohl überall in der Stadt geschah. Während dieser Zeit lag ich auf dem flachen Dach des Ladens und wartete, bis die Beamten verschwunden waren.
Dina und ich verstanden uns sehr gut. Sie war ein intelligentes, warmherziges und mutiges Mädchen. Ich bewunderte sie und hatte zugleich Angst um sie. Sie riskierte natürlich ihr Leben, indem sie mich in ihrer Heimatstadt versteckte. Wahrscheinlich hätte man mich schon an jenem ersten Tag gefangen, wäre mir Dina nicht gefolgt und zu Hilfe gekommen.
Wenn Dina ihren Geschäften nachging und für ihre Kundinnen einkaufte, was gewöhnlich am frühen Morgen und am späten Nachmittag geschah, hielt ich mich in den Zimmern über dem Laden auf. Hier dachte ich lange über das Ei der Priesterkönige und das Haus Saphrars nach. In Kürze würde ich die Stadt verlassen — wenn sich ein sicherer Ausweg bot —, würde zu den Wagen zurückkehren, den Tarn an mich nehmen und dann eine Überraschungsangriff gegen Saphrar durchführen, um das Ei an mich zu bringen. Ich räumte diesem Plan keine großen Erfolgscchancen ein. Aber ich lebte in ständiger Angst, daß der graue Mann — der Mann mit den Augen wie Glas — nach Turia kommen und die goldene Kugel an sich nehmen konnte, ehe ich etwas erreicht hatte — jenes Ei, für das schon soviel riskiert worden war, für das schon mehr als ein Mensch sein Leben hatte lassen müssen.
Manchmal stiegen Dina und ich bei unseren Spaziergängen auf den hohen Mauern und schauten über die Ebene. Niemand hatte etwas dagegen, vorausgesetzt, niemand versuchte sich den Unterkünften der Wächter zu nähern. Bei Belagerungen oder im Kriegszustand hatten natürlich nur Soldaten und sonstige Offizielle auf den Mauern Zutritt.
»Du scheinst dir Sorgen zu machen, Tarl Cabot«, sagte Dina, die neben mir ging.
»Allerdings.«
»Du hast Angst, daß das Ei aus der Stadt gebracht wird?«
»Ja.«
»Du möchtest heute nacht die Stadt verlassen?«
»Vielleicht«, sagte ich.
Sie wußte so gut wie ich, daß die Wächter noch immer an den Toren alle Reisenden befragten, aber jeder Tag, jede Stunde, die ich in Turia blieb, arbeitete gegen mich.
Ich hoffe, daß du es schaffst«, sagte Dina.
Ich legte den Arm um sie, und gemeinsam schauten wir über das weite Land.
»Sieh mal«, sagte ich, »da kommt ein einzelner Händler mit seinen Wagen. »Die Prärie scheint wieder sicher zu sein.«
»Die Tuchuks haben sich zurückgezogen«, sagte sie und fügte hinzu: »Du wirst mir fehlen, Tarl Cabot.«
»Und du mir, Dina«, sagte ich.
Wir standen auf der Mauer nahe dem Haupttor Turias, durch das ich vor vier Tagen die Stadt betreten hatte — an dem Morgen nach dem Abmarsch der Tuchukwagen.
Ich beobachtete den Wagen des Kaufmanns, ein schweres und breites Gefährt, dessen Planken weiß und golden angemalt waren, von einer weißgoldenen Regenplane bedeckt. Der Wagen wurde nicht von Tharlarions gezogen, wie es sonst bei den Händlern üblich ist, sondern von vier braunen Bosks.
»Wie willst du die Stadt verlassen?« fragte Dina.
»Mit Hilfe eines Seils«, sagte ich. »Und zu Fuß.«
Sie beugte sich über die Brüstung und schaute skeptisch nach unten.
»Es ist tief«, sagte sie. »Außerdem werden die Mauern nach Einbruch der Dunkelheit bewacht und sind von Fackeln erhellt. Und du bist zu Fuß — du weißt sicher, daß wir in der Stadt auch Jagdsleen haben.«
»Ja.«
»Schade, daß du keine schnelle Kaiila hast, mit der du am hellichten Tage an den Wächtern vorbeigaloppieren könntest.«
»Du darfst die Tarnreiter nicht vergessen ...«
»Richtig«, sagte sie. Nein, ein Tarnkämpfer hatte keine Mühe, einen einzelnen Mann, der zu Fuß unterwegs war, auf der Ebene aufzuspüren — auch wenn es einig Zeit dauern mochte, die Söldner aus den Bädern, den Pagatavernen oder den Spielhöllen der Stadt herbeizurufen, wo sie zur Freude der Turianer ihren Sold durchbrachten. Nachdem ihre Mission nun beendet war, würde Ha-Keel wahrscheinlich in einigen Tagen seine Männer zusammenrufen und mit ihnen die Stadt verlassen.
Allerdings konnte ich nicht so lange warten.
Der schwere Wagen war nun in der Nähe des Haupttors und wurde herangewinkt.
Ich blickte über die Prärie und dachte an Kamchak. Im Grunde hatte er weise gehandelt — er hatte sich vor einer Situation zurückgezogen, in der wenig zu gewinnen und viel zu verlieren war. Die Wagen und die Bosks waren nun einmal schlecht zu verteidigen. Aber wie sehr mußte ihn der Abzug geschmerzt haben, die Tatsache, Kutaituchik nicht rächen zu können und dem triumphierenden Turia den Rücken kehren zu müssen, der Stadt der hohen Mauern und der neun Tore, der unbesiegten Festung der Prärien.
Mein Gedankengang wurde durch Lärm unterbrochen, der jetzt unten am Tor aufklang. Wächter brüllten wütend, der Fahrer des Handelswagens schrie protestierend. Amüsiert stellte ich fest, daß das rechte Hinterrad des breiten, schweren Wagens von der Achse glitt und daß sich nun das ganze Gefährt, das offensichtlich schwer beladen war, zur Seite neigte. Im nächsten Augenblick berührte die Achse den Boden und grub sich tief ein.